„Was siehst du dort oben?“, hatte sie ihn gefragt, mit ihren tiefblauen Augen erwartungsvoll zu ihm aufschauend, in freudiger Erwartung dessen, was er ihr aus der Höhe herunterholen würde. Sie, das kleine Mädchen, die mit ihren süßen kleinen Händchen an seiner Hose zog. Dieses Leuchten nicht verblassen lassen! Den Moment nie vergehen lassen! Sein Blick richtete sich erneut auf die Tiefen der Baumkrone über ihn. Was es wohl dort oben noch zu finden geben würde? Er streckte sich ein weiteres Mal, um ihr eine Frucht herunterzureichen.
„Schau, Liebes, das ist gutes Geld. Davon kann man sich viele schöne Dinge kaufen.“
„Ist das wertvoll, Papa?“
„Sehr, Liebes. Lass mich sehen, was sich hier oben noch finden lässt!“
Ein letzter Blick in diese Augen, die ihn immer noch erwartungsvoll anblickten. Ein weiterer in jene der Frau, mehr aus Pflichtbewusstsein denn aus Interesse, wusste er doch, was ihn erwarten würde. Dieselben Augen, und doch so hoffnungslos verblasst, so ewiglich ergraut. Nie, nie würde er zulassen, dass auch ihre Augen ihr Blau verlieren würden! Nur weiter in die Krone vordringen. Die Lösung war irgendwo zwischen den Schatten hier oben zu finden.

„Was siehst du dort oben?“, fragte sie ihn, mit ihren tiefblauen Augen, in denen er zunehmend Angst hatte, sich zu verlieren. Sie reichte ihm nun beinahe schon bis zur Brust. Wie die Zeit verging! Doch auch er war gewachsen, fand sich nun immer besser in der Krone zurecht. Er pflückte ihr ein größeres Bündel.
„Schau, Liebes, das ist gutes Geld. Frisch für dich vom Baum der Schöpfung gepflückt.“
„Danke, Papa.“
„Freust du dich nicht?“
„Sicher, Papa. Davon kann man sich ja viele schöne Dinge kaufen.“
„Bist ein gutes Mädchen. Bis bald mal! Ich glaube, ich sehe da hinten noch mehr!“
Irgendwo im Dunkel der Krone leuchtete etwas. Ganz weit hinten. Das musste ein wahrer Schatz sein! Mit seiner ganzen Kraft streckte er sich danach aus. Es reichte nicht. Noch ein kleines Stück! Da würden sie sich aber freuen, die beiden!

Ein scharfer Schmerz durchzog seinen unteren Rücken. Impulsiv streckte er die Hand nach dem leuchtenden Etwas in der Ferne aus, um sich vor einem unangenehmen Fall zu retten, und tatsächlich erwischte er es. In seiner Freude bemerkte er erst spät, dass seine Füße frei über dem Boden baumeln mussten. Sehen konnte er das nicht, dazu war es zu Dunkel in der Krone des Baumes. Vorsichtig kletterte er zurück, so gut es sein Rücken erlaubte. Warum hatten ihn die Frauen nicht gehalten, als er das Gleichgewicht verloren hatte?
Verblüfft stellte er fest, dass die Frau fort war. Wo war sie wohl hingekommen? Mit schmerzverzerrtem Gesicht kletterte er den Stamm hinab. Und wo war sie? Den Schatz in seinen Händen am Stamm ablegend, sah er sich um, und erblickte sie ein Stück weiter unter einem anderen Baum.
„Liebes, was machst du denn dort drüben, so weit fort von mir?“
„Den Schatten genießen.“, antwortete sie nur, desinteressiert.
„Willst du nicht lieber zurück zu mir kommen? Ich habe einen riesigen Schatz entdeckt! Ich kann dir etwas davon abgeben-“
Dann erst erkannte er, dass ihr Beutel randvoll mit Geld gefüllt war.
„Willst du etwa den ganzen Schatz haben? Aber so komm mich doch besuchen…“, stammelte er, beschämt über sich selbst, und der Schmerz in seinem Rücken wanderte durch seinen ganzen Körper, bis tief in sein Herz, „da gibt’s doch noch mehr, was ich für dich finden könnte… so viel mehr Geld…“
Sie zeigte ihm den Inhalt des Beutels. „Ich brauche nicht mehr. Ich habe genug davon.“
Er stolperte, schlug hart auf, musste zu ihr hochblicken, obwohl er doch immer größer gewesen war als sie. Was siehst du dort oben?, dachte er, sich erinnernd. Das hatte auch sie immer gefragt. Und jedes Mal bekommen, was sie wollte. Oder hatte sie das wirklich?

Und dann zerriss der Schleier, der so viele Jahre seinen Blick für das Wesentliche verdeckt hatte, endgültig. Was siehst du dort oben, hatte sie ihn gefragt. Seine Sicht der Dinge hatte sie wissen wollen. Seine Liebe geschenkt bekommen. Und mit den Jahren gelernt, dass all das von ihm einfach nicht mehr zu haben war. Keine Zeit. Muss Geld suchen. Für euch. Immer noch mehr Geld. Ihr seid ja auch wirklich unersättlich. Warum hatten sie nie etwas gesagt?
„Ich sehe dich“, sagten ihre stillen Augen.
„Ich sehe dich“, sagten ihre Lippen.
„Ich sehe dich“, sagte ihr offenes Herz, und ihm wurde klar, dass sie alle eine Wahrheit aussprachen, die ihn ängstigte. Sahen sie das längst gebrochene Rückgrat, die Scham, das Gefühl der Wertlosigkeit nicht, das ihn erfüllte? Und dann sprach sie es aus. Sprach Worte, die ihn erschütterten wie Hammerschläge.
„Ich wollte dich lieben, Vater. Wollte wissen, was du siehst, was du in mir siehst, und ob da oben in deinen Augen auch Liebe für mich ist. Aber alles, was ich bekommen habe, war immer noch mehr Geld. Dich gibt es nur ein einziges Mal auf der Welt! So unglaublich wertvoll! Un-ersetzlich! Nicht mit Geld. Auch nicht mit mehr Geld. Und es tut so verdammt weh, dass du das nicht verstehn willst. Dass du dich nie fragst, was ich da unten in dir sehe, für dich spüre.“
„Du bist ziemlich gewachsen, Liebes.. was siehst du dort oben?“
„Eine Hand, die dich einlädt“, sagte sie, ihm ihre Hand reichend. „Ein Herz, das dich liebt, auch wenn du am Boden liegst. Wenn du es nur zulassen könntest…“

Aber in ihrem Inneren wusste sie, dass Jahrzehnte des Nebels einen undurchdringlichen Film auf seinen Augen, Jahrzehnte der Lieblosigkeit und Unaufmerksamkeit eine mächtige Mauer um sein Herz gebaut hatten.
“Ich sehe dich, sehe tief, so unglaublich tief in dich hinein. Ich sehe deinen Schmerz”, sagte sie, und heiße Tränen des Mitgefühls rannen über ihr Gesicht. Tränen, die er nicht sehen wollte, sehen konnte. Kurz die Augen schließen, die aufkommenden Gefühle wegdrückend, wie er es gewohnt war, und er hatte sich wieder gefasst. Er war gestolpert, weiter nichts. Aurappeln. Weitermachen. Ganz einfach.
Doch das Stechen an der Basis, in seinem Herzen wollte nicht nachlassen. Was war nur los mit ihm?
Ihre stillen Augen waren Antwort genug:
Die spürbaren Konsequenzen eines zu lange unbehandelten Herzfehlers.

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