Auf dich kann man sich einfach nicht verlassen.
Etwas an der Art, wie sie es sagte, drang durch die Mauer in seinem Inneren, drang durch die Ritzen der alten Schutzwälle, und erweckte etwas wie Widerstand in ihm. Es war nur ein Satz gewesen von vielen anderen, die darauf abzielten, ihn für etwas verantwortlich zu machen, wofür er sich nicht verantwortlich fühlte. Und doch, etwas in ihm regte sich, fühlte sich unangenehm berührt. Energie durchfloss ihn, eine Art von heiligem Zorn, der ihm unbekannt war. Er hatte versagt, das hatte sie ihm wiederholt an den Kopf geworfen. War ein Versager für sie, wohl auch für den Rest der Welt. Aber etwas war falsch an dem, was sie sagte, entfachte seinen Zorn. Und dann, überwältigt von einem Schwall von Gefühlen, den er nicht in sich vermutet hatte, wurde ihm die Wahrheit bewusst: es lag an der Unermesslichkeit der Aufgabe, nicht an seiner Fähigkeit, sie zu erfüllen, dass er immer wieder scheitern musste.

Sein ganzes Leben lang war er für alles verantwortlich gemacht worden. Für den Schmerz und das Unglück seiner Eltern. Er, das Wunschkind, das ihre Beziehung hätte bessern sollen. Sie alle, die Kinder, die dafür verantwortlich gemacht wurden, dass eine von Anfang an gescheiterte Beziehung weitergeführt wurde. Für die Unfähigkeit all der vielen Menschen um ihn, sich einzugestehen, dass sie eine Wahl hatten. Da war so viel Liebe in ihm gewesen, so viel Bereitschaft, zu verzeihen, wissend, spürend, dass in all der Rücksicht auf andere kein Raum mehr für die Rücksicht auf sein eigenes Innerstes sein konnte. Jemand musste eben stark sein. Jemand musste halten, was nicht auf eigenen Beinen stehen konnte. Und so lernte er eben, eine Welt zusammenzuhalten, die an ihrer eigenen Instabilität zu zerbrechen drohte. Da war so viel Bedarf in dieser Welt nach Gehaltenwerden, und er lernte, mit den Anforderungen zu wachsen, sich dafür zu hassen, wenn er zu stürzen drohte. Er durfte nicht stolpern, durfte nicht fallen. Denn wer würde ihn halten können? Und so hatte er gelernt, die Anschuldigungen zu ertragen, die Verdrehungen und Projektionen zu verzeihen. So war er stark geworden, und er ertrug sein Schicksal nicht ohne einen gewissen Stolz.

Doch nun hatte sie eine Grenze übertreten, hatte eine Schleuse in ihm geöffnet, und er fühlte zum ersten Mal in seinem Leben, dass sein so oft unterdrückter Zorn der heilige Zorn der Gerechtigkeit war. Vor allem aber, dass er in seiner Bereitschaft, die Verantwortungslosigkeit anderer als Gegebenheit zu akzeptieren, diese darin nur unterstützt hatte. Verantwortungsbewusstsein setzte ein Bewusstsein für die Konsequenzen der eigenen Handlungen voraus, und wenn er bereit war, selbst massive Beschimpfungen und Entwürdigungen zu verzeihen, handelte er nicht selbst unverantwortlich? Welchen Sinn machte es, jemandem zu verzeihen, der nicht vorher zu einer Einsicht über die problematischen Konsequenzen seiner Handlungen gelangt war?

Es war ein seltsames Gefühl gewesen, als er wieder auf sie getroffen war, und ihr die Konsequenzen ihrer Handlungen mitteilte. Er würde sie nicht wiedersehen, zumindest für eine Weile. Es war Zeit, wirklich erwachsen zu werden, anstatt für alle den überfürsorglichen Vater zu spielen. Zeit, Grenzübertretungen nicht nur zu spüren, sondern auch Konsequenzen zu ziehen, und wenn es bedeutete, manche Menschen auf Distanz zu halten. Es war nicht seine Aufgabe, die ganze Welt zu stützen, aber vielleicht konnte er lernen, selbst-ständig zu sein, und anderen damit ein Vorbild zu werden. Und wenn er strauchelte, würde er um Hilfe bitten, wo es notwendig war, und es auf eigene Faust versuchen, wo er es sich leisten konnte, Fehler zu machen.

Er fühlte keinen Hass. Der Zorn war notwendig gewesen, weil er Energie mobilisieren half, die notwendig war, Veränderungen anzugehen, aber den Hass hatte er zu Recht stets abgelehnt, weil er ja doch zu nichts führte. Andere für sein vergangenes Leiden verantwortlich zu machen, ignorierte seine eigene Verantwortung, nicht schon in der Vergangenheit gehandelt zu haben. Es hieß, jetzt zu handeln, und die Vergangenheit ruhen zu lassen. Zu lange hatte er nicht gehandelt, zu lange hatte er gelitten, aber er hatte kein Recht, zu hassen, wo er doch selbst zu feige gewesen war, zu handeln, für sich und sein Wohlergehen zu kämpfen, wo es notwendig war. Es fühlte sich seltsam an, auf eigenen, und nur auf eigenen Beinen zu stehen, um festzustellen, dass die Welt auch ohne ihn nicht auseinanderbrechen würde. Diese Beine hatten es vermocht, seine kindliche Welt festzuhalten, und nun, nachdem er diese losgelassen hatte, fühlte er, dass er dieselbe immense Kraft und den dafür nötigen Willen wohl auch an anderen Orten gut gebrauchen würde können.

Du bist ein Arschloch! Du bist schwul! Hast Angst, Verantwortung zu übernehmen!
Ihr gingen langsam die Beleidigungen aus, die noch irgendwie schmerzten. Jahrelang hatte sie mit der ihr eigenen Zielsicherheit immer die Stellen erwischt, die wehtaten. Doch von ihr unbeobachtet hatte er diese Wunden geöffnet, hatte sie heilen lassen, auch wenn es oft schmerzte, an die Grenzen seiner Belastungsgrenze ging. Doch nun, ihr offen zuhörend, stellte er fest, dass sie sich in diesen Tagen nur noch selbst lächerlich machte, wenn sie ihn beschimpfte. Es war ein Ausdruck von Verzweiflung, weiter nichts. Ein bisschen tat sie ihm Leid, weil sie es nicht einmal selbst bemerkte. Aber er hatte gelernt, seinem Gefühl für Verantwortung zu vertrauen, und wusste, dass es nicht seine Aufgabe war, ihr noch etwas klarzumachen. Er hatte ihr wiederholt die Möglichkeit gegeben. Ob sie sie nützte, ob sie mit ihrem Leben glücklich wurde, war nun ihre Verantwortung, nicht mehr seine.

Auf dich kann ich mich einfach gut verlassen
, dachte er, sich gedanklich selbst auf die Schulter klopfend. Eine Weile war er geneigt gewesen, es den vielen Menschen seiner Kindheit gleichzutun, und sich als Opfer der Umstände zu betrachten, dem schon als Kleinkind viel zu viel zugemutet worden war. Aber diese Umstände hatten ihm auch einen unbändigen Willen verliehen. Die Tränen, die Verzweiflung, die Versagensängste lagen nun hinter ihm, waren wohl der notwendige Preis gewesen, den er zu bezahlen gehabt hatte. Nun lag ihm die Welt offen, offener wohl als so vielen anderen Menschen, denen keine solche Chance auf eine reichhaltige, herausfordernde Kindheit geschenkt worden war. Was war der Reichtum anderer gegen den inneren Reichtum, den er heute in sich fand? Er fühlte sich so dankbar, so viele Menschen getroffen zu haben, die ihn herausgefordert, ihn bereichert hatten. Es war nur einige wenige Wochen her, dass sie eine Grenze in ihm übertreten hatte. Nun war er bereit, einen weiteren Schritt zu tun, eine weitere innere Grenze zu übertreten, voller Neugier, was ihn wohl dahinter erwarten würde. Alles begann mit einem ersten Schritt. Behutsam, genießend, setzte er seinen Fuß auf, übertrag die Grenze in die Welt derjenigen, die nicht nur bereit waren, sie zu erleiden, sondern auch aktiv mitzuerschaffen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.