Es war schon seltsam, dieser ewige Kreislauf von Krankheit und Gesundheit. Beinahe wie ein Rhythmus. Konnte man nicht einfach mal länger gesund sein? Ein Jahr lang zum Beispiel? Immerhin gab es noch so viel zu tun, noch so viel zu erledigen. Und jedes Mal, wenn er krank wurde, stapelten sich danach die ToDo-Listen in seinem Kopf, bis sie ihm vorkamen wie gewaltige Berge von Papier, die ihn unter sich begraben würden. Einen, zwei Tage hatte er noch weitergemacht, bis es – wie zu erwarten war – nicht mehr weiterging. Der Rachen fühlte sich an wie mit der Küchenreibe behandelt, die Nase war zu und der Kopf fühlte sich an, als würde er platzen. In einem Anflug von Wut über die Ungerechtigkeit der Welt – war er doch gerade jetzt so beschäftigt wie lange nicht mehr – hatte er noch versucht, die Arbeit für die nächsten Tage in einer nächtlichen Sitzung durchzudrücken, aber natürlich war es Unsinn gewesen. Nun, am nächsten Morgen, fühlte er sich völlig fertig. Und auch ein wenig dämlich, es nach all den Jahren immer noch nicht gelernt zu haben.

Der eingeschränkte Bewegungsradius zwang ihn, sich nicht allzu weit von seiner Wohnung zu entfernen. Ein Ausflug zum Supermarkt, das Abgeben eines Briefes und die folgende Verschlimmerung der Halsschmerzen hatten ihn gelehrt, weitere Abenteuer auf eine unbestimmte Zukunft zu verschieben. Aber was tun mit der verfluchten Zeit in diesem Zustand? Eine Weile versuchte er zu schreiben, bis er mit pochenden Kopfschmerzen aufhörte. Dann versuchte er die neuesten Nachrichten über das Internet zu lesen, was ihn ebenso anstrengte. Um sich abzulenken, spielte er PC, bis es draußen schon längst dunkel geworden war. Erst nach Mitternacht merkte er, wie verspannt er dadurch noch zusätzlich geworden war. Es war eine Möglichkeit gewesen, die Aufmerksamkeit von seinem Zustand abzulenken, nicht aber, ihn zu verbessern. Sich schlussendlich doch ins Bett legend, schlief er endlich ein.

Morgens fühlte er sich völlig gerädert. Weiter stapelten sich Arbeiten in seiner mentalen ToDo-Liste, immer schlimmer wurde der Druck, endlich ins Arbeiten zu kommen. Wie sollte er das jemals wieder nachholen? Er setzte sich an den PC, schrieb einige Zeilen. In zwei Wochen war Deadline für einen Text. Morgen jene für einen weiteren. Für die nächste Woche waren einige wichtige Fragen durchzudenken, die seine Arbeit für die nächsten Monate beeinflussen würden. Jetzt schlappzumachen, würde langfristige Konsequenzen haben. Nach einigen Stunden schaltete er den Computer aus und schrieb mit der Hand weiter. Das ging besser, war weniger anstrengend. Abtippen konnte er das geschriebene später, wenn er wieder gesund war.

Nach drei Tagen, in denen er die Wohnung kaum verlassen hatte, wurden ihm die üblichen Gewohnheiten zu langweilig. Zum ersten Mal, seit er hier eingezogen war, begann er, sich ernsthaft Gedanken darüber zu machen, was man eigentlich in ihr noch tun könnte. Üblicherweise sorgte er sich ja eher darüber, ob eine Wohnung es möglich machte, seine gewohnten Rituale ungestört durchzuführen. Nun kam ihm die Idee, die Frage einmal umzudrehen. Wenn man davon ausging, es akzeptierte, dass er den ganzen Tag nicht wirklich rauskommen würde – was war denn mit dem, was hier war, möglich?

Die erste Idee, die ihm einfiel, war, selbst Brot zu backen. Das gekaufte ging zuneige, und er hatte von Freunden gehört, dass es nicht weiter schwer sei. Also setzte er über Nacht Sauerteig an und versuchte sich darin. Das Ergebnis sah nicht sonderlich professionell aus, schmeckte aber vorzüglich. Als nächstes nahm er ein heißes Bad. Rein rational hatte er schon beim Einzug verstanden, dass die Möglichkeit dazu existierte. Aber wann war schon die Zeit dazu, bei all der Arbeit? Mit einem Buch in der Wanne liegend, genoss er die heißen Dämpfe und das Gefühl, im Wasser zu schweben. Aber war es nicht Wasserverschwendung? Nun, er war krank. Da durfte man das. Eigentlich schade, dass so etwas Schönes wie Baden nur bei Krankheit wirklich gerechtfertigt war. Das würde sich wohl auch schön anfühlen, wenn man einfach nur wieder einmal zu viel gearbeitet hatte, ohne sich auszuruhen, und über seine Grenzen gegangen war.

Und dann war ihm, als wäre ein Schleier von seinen Augen gefallen, und er sah. Sah, dass Krankheit nichts Anderes als die Notbremse seines Körpers war, ihm wichtige Grenzen aufzuzeigen. Dass er offensichtlich auch als Erwachsener noch zu blind war, diese Grenzen rechtzeitig vorher wahrzunehmen, und dass Krankheit für den Körper nichts anders war als die natürliche Konsequenz, die ein Erwachsener ein Kind spüren lässt, in der Hoffnung, irgendwann Lernprozesse anzuregen. Doch wie konnte er sich darin üben? Was war zu tun? Wer konnte ihn lehren? Diese Kompetenz hatte sich in keinem Lehrplan der Schulen, die er besucht hatte, gefunden, obwohl sie doch für eine Gesellschaft essentiell sein musste.

Nach längerem Suchen entdeckte er sie doch – in den Anweisungen aller großen heiligen Bücher. Regelmäßiges Meditieren. Regelmäßiges Beten. Regelmäßiges Bei-sich-Sein also. Sei es jeden Samstag, jeden Sonntag, immer vor dem Schlafengehen, fünf Mal am Tag oder einmal im Jahr. Es ging ums Loslassen können, um das regelmäßige Sich-Sammeln, bevor es wieder an der Zeit war, zu geben. Über Jahrtausende hatte die Gesellschaft über die Religionen dafür gesorgt, dass ihre Mitglieder dieses Grundprinzip niemals vergaßen. Nun herrschte Konsens, dass der Samstag ein Einkaufstag sein sollte, und auch der Sonntag war keineswegs mehr der Tag des Herrn allein.

Er tat sich schwer mit dem Glauben an einen allmächtigen Gott, zu groß waren die Zweifel an den zu oft verdrehten und für die jeweils eigenen Motive genutzten Interpretationen. Aber nun musste er lächelnd feststellen, dass es gar nicht darum ging, sich zu einem Gott hinzuwenden, sondern darum, sich verlässlich regelmäßig von allem anderen abwenden zu können, um sich wieder selbst wahrzunehmen. Du sollst neben mir keine anderen Götter haben, sprach der eine Gott damals, und heilige den Sabbat, an dem sollst du mir gedenken. Nicht dem Geld. Nicht der Arbeit. Nichts außer ihm. Und, für denjenigen, der Gott in Frage stellte: Nichts außer nichts. Einmal die Woche an nichts denken. Damit die Fülle des Lebens wieder Platz finden konnte.

Das war es also, was der Körper ihm sagen wollte, wenn er sagte: Halt! Halte ein, komm zur Ruhe, sammle dich! Wie ein guter Freund nahm sein Körper ihn, den Unerfahrenen, Ungestümen an der Hand, um ihn zur Weisheit zu führen. Und nun, nach Tagen des dagegen Ankämpfens, erinnerte er sich endlich wieder, dass es am Ende doch noch jedes Mal so gewesen war. Er war schon ein ziemlich uneinsichtiges, schwer erziehbares Kind für seinen Körper.

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