Dies ist der erste Teil eines Textes, den ich für den Perger Poetry-Slam mit dem vorgegebenen Thema “Weltverschwörung” verfasst habe. Weil sie thematisch zusammengehören, aber auch etwas mit den bevorstehenden Wahlen am Sonntag in Wien zu tun haben, veröffentliche ich diese Woche gleich beide Texte.

Vor einigen Tagen war ich ein bester Freund aller Zeiten. Weil ich aus dem Fenster geschaut habe. Einige Minuten später war ich das größte Arschloch. Weil ich aus dem Fenster geschaut habe. Wieder einige Minuten später war ich dann der empathischste Mensch der Welt. Weil ich aus dem Fenster geschaut habe. Und dann schuld daran, dass sie sich schlecht fühlt. Erraten: Weil ich aus dem Fenster geschaut habe. Sie, das ist eine ehemalige Freundin von mir. Was hat sich verändert, während ich insgesamt wohl so eine Stunde gleichmütig aus dem Fenster geschaut habe? Die meisten Menschen würden wohl davon ausgehen, dass ich irgendetwas an meinem Aus-dem-Fenster-Schauen verändert habe, um die wechselnden Gefühlszustände zu rechtfertigen. Aber damit liegen sie in diesem Fall falsch. Ich habe nichts getan. Und war ihrer Ansicht nach trotzdem verantwortlich an allem Positiven und allem Negativen, das ihr passiert ist.

Das ist nämlich der interessante Punkt: In ihrer Gedankenwelt kommt sie selbst als Handelnde kaum vor. Die Welt passiert ihr. Ich habe fast vier Jahre gebraucht, um das zu verstehen. Ich habe dann in schlauen Büchern gelesen, dass es sich um eine Persönlichkeitsstörung handeln soll. Borderline. Aber was ist das überhaupt, eine Persönlichkeitsstörung? Wer definiert, was „gestört“ ist und was nicht? Wer ist berechtigt, Menschen derart einzuteilen? Bin ich berechtigt, sie dafür zu verurteilen, dass sie schlicht anders ist als ich? Ist sie dann nicht ebenso berechtigt, mich dazu verurteilen, weil ich schlicht anders bin als sie?

Denn irgendwann, wenn man viel Zeit mit ihr verbringt, fängt man an, es selbst zu glauben, was einem so vorgeworfen wird. Man fängt an, seinem eigenen Urteil nicht mehr so ganz zu trauen. Sich zu verteidigen, zu versuchen, es ihr Recht zu machen, weil irgendetwas muss man doch angestellt haben, um so ein Verhalten zu rechtfertigen. Vielleicht unbewusst? Ohne es zu wollen? Ich muss ja wohl doch irgendetwas gemacht haben. Woher sonst käme ihr Gefühl?

Irgendwann bin ich dann gegangen, weil es mit der Zeit wirklich gefährlich wurde. Wenn man ständig damit rechnen muss, ohne Vorwarnung stundenlang angeschrien zu werden, ohne etwas dafür oder dagegen machen zu können, entwickelt man eine Art von Paranoia. Man ist ständig unter Adrenalin. Kann nachts nicht mehr schlafen. Fängt an, sich vorzustellen, sie würde in ihrer Wut irgendwelche Sachen in der gemeinsamen Wohnung kaputtzumachen, obwohl sie das wohl tatsächlich nie machen würde. Fängt also an, selbst irgendwie verrückt zu werden, sich von einer gemeinsamen, nachvollziehbaren Realität zu verabschieden. Ich traf dann die Entscheidung, mich lieber von ihr zu verabschieden, bevor dieser Prozess zu weit gegangen war.

Einige Zeit später hab ich sie dann wiedergetroffen. Ein Freund hatte mir von den Friedens-Mahnwachen erzählt, die überall organisiert werden. Da gabs allerhand zu hören gegen den Krieg, den Kapitalismus, gegen das System, das Schuld an allem sei. Etwa von einem jungen Mann mit Dreadlocks, von außen betrachtet wohl eher politisch links einzuordnen, der trägt eine fabelhafte Kapitulismuskritik vor, die er wohl 1:1 aus „Mein Kampf“ zitiert haben könnte. Der nächste wird gleich ein wenig direkter und schimpft gemütlich gegen die Juden, die sowieso an allem Schuld sind. Ich fühle mich an meine ehemalige Freundin erinnert. Tatsächlich ist sie unter den Zuhörern, klatscht begeistert mit, scheint sich sichtbar wohl, unter ihresgleichen zu fühlen. Bin ich etwa Jude, ohne es zu wissen? Vielleicht darf man mir deswegen grundlos die Schuld an allem in die Schuhe schieben? Dann ist es ja offensichtlich ok, wenn man den Rednern in ihrer Einmütigkeit Glauben schenken darf. Aber wäre ich Mitglied einer weltumspannenden Judenverschwörung, sollte ich wohl zumindest einen anderen Juden persönlich kennen. Und mir vermutlich auch ein wenig cooler vorkommen. Immerhin wäre ich dann laut den geschätzten Vortragenden beinahe allmächtig.

Es ist ja anstrengend genug, wenn eine Freundin dir die Ohren volljammert, was für ein Arschloch du bist, obwohl du nichts angestellt hast. Aber was, wenn das zur Normalität wird? Schuld sind ja immer nur die „bösen Mächtigen“. Die Welt, die passiert den Machtlosen. Aber was, wenn diese gefühlt Machtlosen selbst an die Macht kommen? Dann versuchen, die bösen Verschwörer auszuschalten, um die Öffentlichkeit zu schützen? Mich plötzlich jemand ganz offiziell zum Verschwörer bestimmt und mich verhaftet, obwohl ich weiter nichts anderes tue, als aus dem Fenster zu schauen und meinen Gedanken nachzuhängen? Nur, weil es sich für ihn so richtig anfühlt? Unser Bildungssystem ist tatsächlich ganz schön kaputt, wenn es den Jungen nicht vermitteln kann, wo uns das wieder hinführen möchte.

Ich bin dann ans Mikrophon, hab mich durchgekämpft, hab versucht, die Leute zur Vernunft aufzurufen. Wehret den Anfängen und so.
„Was soll schon passieren? Wir haben ja nichts angestellt! Aber die sollen mal büßen!“, rief ein Mann aus den hinteren Reihen, und die Menge klatschte begeistert.
„Tut mir Leid, Stimme der Vernunft“, meinte ein alter Mann, der ein wenig verschämt dreinblickte, zu mir. „Ich glaube, deine Zeit ist abgelaufen.“

Ich sah die johlende Menge vor mir, die schweigende Masse der Teilnahmslosen hinter mir, und musste ihm ernüchtert rechtgeben. Ich hätte noch viel zu sagen gehabt. Aber meine Zeit war abgelaufen. Der öffentliche Raum gehörte nun anderen.

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