Dies ist der zweite Teil eines Textes, den ich für den Perger Poetry-Slam mit dem vorgegebenen Thema “Weltverschwörung” verfasst habe. Weil sie thematisch zusammengehören, aber auch etwas mit den bevorstehenden Wahlen am Sonntag in Wien zu tun haben, veröffentliche ich diese Woche gleich beide Texte. Ein Hinweis für die Hetze-Jäger, die das Internet mittlerweile unsicher machen: in diesem Text versetze ich mich in die Rolle eines Agitators mit der Persönlichkeits-Struktur, die ich im ersten Text beschreibe. Er gibt nicht meine Vorstellung einer besseren Welt wider. Es ist erschreckend, wie einfach es ist, solche Hetze zu schreiben, denn Vorbilder findet man auch in der aktuellen Politik genug. Etwa, dass es sich mittlerweile fast quer über die Parteienlandschaft etabliert hat, Migranten als “problematisch” zu bezeichnen (ob als kriminell oder als Kostenfaktor), bevor sie überhaupt irgendetwas angestellt haben. Plötzlich müssen sie beweisen, dass sie konstruktive Mitglieder der Aufnahmegesellschaft sein werden. Und selbst die, die sich positiv hervorheben, ändern nichts an dem unterschwelligen Gefühl. Einer der Grundsätze der Rechtssprechung, der uns vom Stalinismus und Hitlerdeutschland unterscheidet, ist nicht nur gefährdet, sondern zumindest für bestimmte Gruppen offensichtlich bereits weitgehend abgeschafft: Auf Wiedersehen, Unschuldsvermutung.

Die haben geglaubt, gehofft, es sind ja doch nur ein paar Wahnsinnige – aber sie haben sich geirrt, meine Freunde! Wir sind bei über 30%! Denn es geht nicht darum, wer Recht hat, wer Recht gebrochen hat, und wer es wieder zusammenflicken soll. Es geht ums gute, rechte Gefühl! Ums hoffnungsvolle Gefühl, dass unsere Wahrheit sich gegen die Lügen der Mächtigen am Ende doch durchsetzen wird. Wir bringen Bewegung ins Land!

Als erstes nehmen wir uns der Schmarotzer an, die unserem Volk das Blut aussaugen: die Ausländer! Diese waren uns ja immer schon verdächtig – und zu Recht! Unsere lustigen Gutmenschen da meinen dann immer, de sind ja gar ned so schlimm. Die sind ja gar ned alle kriminell. Aber geht’s darum? Nein! Es geht ums Gefühl! Ist ja wurscht, ob die jetzt schon was angestellt haben. De sind trotzdem alle kriminell in Wahrheit. Das werden wir denen schon noch nachweisen.

Des Problem war ja bisher immer, dass de Mächtigen das verhindert haben. Die haben ja immer verhindert, dass das einfache Volk autonom denkt und wird. Und die, die des ändern wollten, so wie zum Beispiel da Nikolaus Tesla mit seiner Energiemaschine, de habns glei moi umbracht. So is des nämlich, de Mächtigen biegen sich de Wahrheit schon a bisserl hin wies de brauchen. (Spöttisch) Na, den haben mir ned umbracht den Tesla. Der is vo selber gstorbn. Ja sicher! Und was war mim Hitler damals? Is der a vo selber gstorbn, vo eigener Hand wahrscheinlich a nu, wollns uns das erzählen? (Bestimmt) Der hat was fürd Wirtschaft tan der Mann, des war halt nu a Visionär seiner Zeit. Hat a bisserl mehr Straßen baut wie da Pühringer heute. Der hat international gedacht! In Infrastruktur investiert! Hat auf Tausend Jahr ind Zukunft bauen wollen und ned nur bis zur nächsten Wahl!

Des mid de Wahlen is ja gefühlt sowieso a Topfn. De schachern si de Posten zu, dass a Graus is, und wos habn wir Wähler davon? Nix! De könnma eigentlich glei abschaffen a. Spar ma si de ganzen Posten vo Bundesrat bis Parlament, de sitzen jo eh nur da und lesen Zeitung. Zeitung lesen! Als wenns damit das Volk weiterbringen würden! Habns mal de Sendung Parlament auf ORF 2 gseng? Nein? Habns nix verpasst!

Aber jetzt wird sowieso olles anders. Wir gehen nach Fähigkeiten. Die meisten Frauen haben halt eher die Fähigkeit zum Kochen vom Herrn mitbekommen, und putzen könnens a ganz gut, die Damen. Zumindest besser wie die Männer, und irgendwer muss das ja machen. Dann iss ja deppert, wenn das derjenige macht, der das nicht so gut kann! Das ist angewandte Wirtschaftskompetenz, meine Damen und Herren! Und die richtigen Männer brauchen wir bald wieder für ganz andere Aufgaben. Sie wissen schon.(Verschwörerisches Zwinkern ins Publikum) Die Mächtigen wollen uns was erzählen von Rechtsstaatlichkeit, obwohls doch in Wahrheit a völliger linker Haufen ist! Da stimmt doch etwas nicht! Da muss ein Mann mit echtem Rechts-Bewusstsein doch aufstehen und sagen: Ich glaube, da muss sich etwas ändern! Ich sage euch heute: da wird sich auch etwas ändern!

Die wollen uns weißmachen, dass es keine Probleme gibt in diesem Land, dass alles friedlich ist. Dass es der Wirtschaft gut geht, oder zumindest besser als sonstwo, und damit uns allen. Aber könnt ihr das auch fühlen? Nein! Sind es Stümper, die uns führen? (Verächtlich) Haben sie vielleicht einfach Pech gehabt in ihren Entscheidungen? Nein! Alle habens studiert! Auf Steuerkosten! Haben wir zahlt! Sie halten sich für schlau. Aber wir haben sie durchschaut! Wir befinden uns längst im dritten Weltkrieg. Geführt mit den Waffen der kulturellen wie finanziellen Unterwanderung! Aber wir sind wir, nicht ihr, und wir wollen wir bleiben! Und deswegen, all ihr anderen: schleichts euch ham!

Und wenn diese ganzen Ausländer an unsere Grenzen klopfen, wir werden ihnen von unseren stabilen Mauern deutschstämmiger Handwerkskunst aus zusehen. Wir werden auf sie runterspucken können, auf diese Unterwanderer, damits auch gleich sehen, wer auch menschlich über ihnen steht. Und wenn wir sie innerhalb unserer Grenzen vorfinden: wir werden sie verhaften müssen, wenns so deppert sind, si reinzuschleichen statt raus. Ned Deutsch glernt, kein Integrationswille. Da siagt mas wieder! Abschieben in ihre Heimat wollten wir sie ursprünglich nur, human wollten wir sein. Das Selbstbestimmungsrecht der Völker achten! Aber die Mächtigen wollen es nicht! Also gut, werden wir Lager bauen müssen, um sie unterzubringen. Hat sich ja auch früher schon bewährt. Da werden die Mächtigen schön schauen, wie schnell da die Asylströme versiegen werden, wenn erst die rechten Maßnahmen getroffen werden!

(Zum Publikum) Der freundliche Herr in der ersten Reihe, wie heißen Sie? Der gibt mir irgendwie auch ein schlechtes Gefühl. Der gefährdet uns die Volksgesundheit mit seinem schlechten Gefühl! Wahrscheinlich fühlt er sich auch noch unschuldig, der feine Herr! Kommen Sie, was haben Sie angestellt? Na, irgendwas müssen Sie schon angestellt haben – woher sonst kommt denn mein Gefühl? Können Sie Ihre Unschuld beweisen? Nein? Sehen Sie! (wendet sich ab, murmelt zu sich selbst) Gerade war ich noch gut drauf gewesen. (Zum Herrn im Publikum) Na, Ihren Namen habe ich ja nun, den Rest werden wir schon herausfinden. Freuen Sie sich auf Besuch. Da sind wir mittlerweile sehr effizient geworden…

(Geht zurück zum Mikro. Pause. Räuspern.)

Da solls wohl tatsächlich Menschen geben, die sagen, sie sind unzufrieden mit dem, was wir jetzt machen. Dass sie das so nicht gewollt haben. Ich mein, wirklich? Wir waren ja jetzt nicht gerade heimlich unterwegs mit unseren Ansichten und Plänen für die Zukunft. Aber darum braucht das Volk ja wohl gute Führer, die ihm auch offiziell die Verantwortung abnehmen, die viel zu schwer auf ihm wiegt. Bald, meine Lieben, bald hammas gschafft, und ihr könnt euer Gewissen wieder für immer schlafen legen.

Ich wünsche bis dahin noch angenehme Träume. Funktioniert übrigens am allerbesten, wenns Ihre Augen weiter geschlossen halten… Dankeschön!

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