Nach einer Weile war es ihm zu langweilig geworden, den Enten am Pleschinger See bei ihrem Treiben zuzusehen, und er hatte begonnen, Steine in den See zu werfen. Das machte einen ordentlichen Platsch und spritzte auch ganz schön. Mit seinen neun Jahren und seiner strengen Mutter waren die Möglichkeiten dazu für gewöhnlich stark eingeschränkt. Umso schöner war es nun, zuzusehen, wie die Ausläufer der von ihm verursachten Wellen noch einige Meter weiter einige Enten ein Stück in die Höhe hoben.

Mit einem anderen Jungen machte er sich einen Spaß daraus, sich darin zu messen, wer diejenigen Wellen erzeugen konnte, die die Enten am höchsten emporhoben. Aber ob das nicht gefährlich sei für die armen Enten, fragte der eine. Sie würden sie ja nicht treffen, nur ärgern, beschwichtigte der andere, und so nahm das Spiel seinen Lauf.

Bald wurden sie immer waghalsiger in ihrem Unterfangen. Als sie dann auf die Idee verfielen, gleichzeitig einen Stein knapp an die Ente zu werfen, um eine noch größere Doppelwelle zu erzeugen, passierte das Unglück. Die Ente, die den einen Stein kommen hatte sehen, wollte ihm ausweichen und geriet unter den zweiten. Der Freudenschrei der beiden brach ab, als sie erkannten, dass die arme Ente nun leblos auf dem Wasser trieb.

Es war kein Blut zu sehen. Nur der verdrehte Hals der Ente und ihr lebloses Umhertreiben zeugte von dem Verbrechen, das soeben begangen worden war. Nachdem er seinen ersten Schock überwunden hatte, bemerkte Alex, dass sein Mittäter fort war. Waren sie gesehen worden? Nur ein alter Mann auf einer Parkbank sah in seine Richtung. Er zwang sich, Ruhe zu bewahren. Es war zu auffällig, jetzt noch wegzulaufen.

Der alte Mann war von seiner Bank aufgestanden und kam näher. Konnte er dem Alten erzählen, er sei nicht schuld, dass der andere ihn überredet hatte? Der alte Mann stellte sich vor ihm auf, lächelnd. Freundlich oder bedrohlich? Kann ich dir helfen, fragte er. Sollte er dem Alten von dem Unglück erzählen? War es nicht noch viel schlimmer, ein Verbrechen auch noch zu verschweigen? Das hatte er letztens im Fernsehen gesehen. Doch wie konnte er dem Alten erzählen, dass ihn jemand dazu gebracht hatte, es zu tun, wenn der Junge nun wie vom Erdboden verschwunden war?

Ich glaube nicht, dass Sie mir helfen können, antwortete er endlich. Es war keine Lüge: der Alte würde kaum eine Ente wieder lebendig machen können. Doch der Alte blieb vor ihm stehen, ihn interessiert musternd. Und dann brach der innere Widerstand. Er war eben trotz allem doch erst neun. Und er erzählte dem Alten, dass er eine Ente umgebracht hatte, obwohl er sie doch nur mit einer Welle in die Luft heben wollte.

„Es sei dir verziehen“, meinte der Alte daraufhin. „Es ist schade um die arme Ente, aber es ehrt dich, dass du zu dem stehst, was du getan hast, ohne dich auf andere herauszureden. Ja, ich habe deinen Freund gesehen, wie er gerannt ist. Du magst denken, dass er Glück hatte, dass ihn niemand gesehen hat, doch ich sage dir, sein Gewissen wird ihn schlimmer quälen, als ich es je könnte. Geh nun nach Hause, mein Junge, und sorge dich nicht. Was geschehen ist, ist geschehen.“

Befreit machte er sich auf den Heimweg. Als er sich doch noch einmal umdrehte, schwamm die Ente jedoch wieder putzmunter im See. Wer war dieser alte Mann? Und wohin war er verschwunden? „Die Wahrheit vermag unglaubliche Dinge“, zwinkerte ihm der Alte zu, als er lächelnd neben ihm erschien, um daraufhin wieder zu verblassen. Welch mächtigen neuen Freund hatte er da in der Wahrheit gefunden!

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