Jetzt sitzen wir also da, wir zwei. Auf dieser dämlichen Stiege, während immer wieder einige Besoffene an uns vorbeitorkeln und mehr oder weniger erfolgreich ihren Weg gehen. Du sitzt hinter mir. Hältst mich. Weißt, spürst wohl, was gleich passieren wird. Geh weg. Wenn du es weißt, dann geh doch weg hier. Es gibt hier nichts zu sehen.

Natürlich, du bleibst. War ja irgendwie klar. Ich will dir sagen, dass du gehen sollst, will dir sagen, dass du verschwinden sollst. Komm später wieder. Wenn es vorbei ist. Wenn ich wieder ich bin. Aber natürlich ist es bereits zu spät. Verdammt, ich seh fast nichts mehr. Blöde Tränen. Natürlich fängt jetzt auch noch meine Nase an zu laufen, so dass ich kaum noch ein Wort rausbringe. Und natürlich hast du ein Taschentuch für mich. Schaust mich mit diesem Blick an, der so unerträglich für mich ist, weil er sagt: Es ist ok. Aber es ist eben nicht ok. Ich bin nicht ok. Versteh das endlich. Verschwende deine Zeit nicht mit mir. Nicht mit diesem ich. Komm später wieder.

Nun ist der Moment also da, und ich bin ihm wehrlos ausgeliefert. Bin dir wehrlos ausgeliefert. Etwas in mir unternimmt einen letzten Versuch, aufzustehen, sich wegzureißen, aber die Knie knicken mir weg, und ich plumpse halb auf dich drauf, halb in dich rein, in deine Arme, in deinen Schutz. Du willst mich schützen vor dem, was gleich kommt, dabei weißt du nicht, dass du es bist, die Schutz braucht. Das, was gleich kommt, kann niemand ertragen. Du denkst, du hast schon viel gesehen, hast schon viele Lasten getragen. Diese Wut. Es ist diese entsetzliche Wut, diese Raserei, die dich in wenigen Augenblicken zerfetzen wird wie Papier. Du kennst sie nicht. Gleich wird sie kommen. Warte nicht. Schau mich nicht so liebevoll an. Lüg nicht. Den Blick kenn ich doch. Den, der sagt: es ist gut. Aber nichts ist gut. Lüg mich nicht an.

Und dann kommt sie, meine Wut – und geht einfach wieder. Verraucht, verpufft, verschwindet. Als wäre sie nur eine Rauchbombe gewesen. Und als der Nebel sich lichtet, bleiben nur wir. Du lebst noch. Ich auch. Da laufen immer noch Besoffene an uns vorbei.

Weißt du, sage ich zu dir, ich glaube, eigentlich fühl ich mich ziemlich einsam. Ich will noch mehr sagen, aber plötzlich überkommt mich reines Gefühl, und ich kann nicht mehr sprechen. Jetzt ist da ein Loch, wo mal eine Mauer war, und sie sieht da rein. Da, wo die Schatten sind. Und immer noch läuft sie nicht weg.

Hey, den da kenn ich!, flüstert sie lächelnd, und zeigt auf den allerältesten Schatten in meinem Herzen. Das ist doch die Einsamkeit, oder? Und die Einsamkeit steckt ihren Kopf raus aus dem Loch und sagt ihr höflich Guten Tag. Das macht man schließlich so, wenn man einsam ist und bleiben will. Immer schön höflich sein zu anderen, die Etikette wahren. Guten Tag!, ruft nun auch aus ihrem Herzen ein Schatten, der mir bekannt vorkommt. Auch da ist wohl irgendwo ein Loch hineingeraten. Verrückte Welt! Weiß sie denn nicht, wie gefährlich das sein kann?

Weißt du noch, als ich dir damals gesagt habe, ich würd dich manchmal gern über meine Schulter werfen, in meine Höhle tragen und nie wieder loslassen?, sage ich. Ja, meint sie, schöne Vorstellung. Weißt du, ich hab versucht, das lustig zu sagen, damit du darüber lachst. Weils natürlich Quatsch ist. Du willst ja frei sein, so wie jeder andere auch, sage ich zu ihr, und sie meint nur: Ne schöne Vorstellung ist es trotzdem.

Während wir so miteinander reden, feiern unsere Schatten ein Fest miteinander, und die eine Einsamkeit in uns stellt fest, dass sie eigentlich ganz gut mit der anderen zusammenpasst. Dass es doof klingt, sich trotzdem Einsamkeit zu nennen, und dass sie jetzt lieber Herr und Frau Zweisamkeit gerufen werden wollen. Dass sie sich so gerne und häufig sehen wollen, dass es ziemlich impraktikabel erscheint, die Löcher in den Mauern wieder zuzumauern, weswegen die eben gleich offen bleiben. Das ist eigentlich gar nicht so unpraktisch auch für die anderen Schatten in uns, die so nun auch mal ans Licht kommen können.

Ich weiß nicht, wie lange wir nun schon auf dieser seltsamen Stiege sitzen. Da laufen immer noch Besoffene vorbei, machen immer noch dieselben unlustigen Witze im Vorbeigehen. Weißt du, ich glaube, ich brauch dich irgendwie, sage ich in einem Moment der Unaufmerksamkeit zu ihr. Aber eigentlich ist es gar nicht so schlimm so. Vielleicht kann man auch mal jemanden brauchen. Vielleicht darf man das ja wirklich. Ich sehe ihr in die Augen, suche, finde eine Antwort, die Wunden in mir heilt, von deren Existenz ich bislang nicht einmal ahnte. Du darfst hoffen.

Und natürlich habe ich Angst. Ich hab ja schon viel zu oft vergeblich gehofft. Aber vielleicht – und nur vielleicht – kann Freiheit in dieser Welt doch mehr bedeuten als Einsamkeit. Mit der Hoffnung kommt die Erinnerung zurück: an Leidenschaft, an Verzehren, an Liebe. Du darfst hoffen, hat sie mir gesagt, und mir in ihrer eigenen Hoffnung den Weg gewiesen.

Da laufen immer noch Besoffene vorbei, ziellos in ihren einsamen Steigerungen. Aber für uns gibt es nun Hoffnung. Wir stehen auf, gehen nach Hause. Ja, es gibt nun ein Zuhause für uns. Ich weiß noch gar nicht so genau, was das eigentlich ist, ein Zuhause. Aber ich glaube, es kann sich schön anfühlen. Wo der Glaube doch versagt, gibt sie mir Hoffnung. Wo auch die Hoffnung versagt, da ist sie trotzdem noch da. Und das ist irgendwie die allerschönste Hoffnung von allen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.