Ich möchte mich für die 2-wöchentliche Unterbrechung entschuldigen – die letzten Wochen waren in vielerlei Hinsicht schwierige Wochen – aber jetzt geht’s (hoffentlich auch im üblichen Rhythmus) erstmal wieder weiter. Danke für eure Geduld!

Es war seltsam, wie ihm dieses Wort nun immer häufiger in den Sinn kam, war es doch ein Wort, mit dem er sich ansonsten selten beschäftigt hatte, den tieferen Sinn als ohnehin gegeben angenommen hatte. Doch nun, erschüttert von inneren Zweifeln, wie weit Integrität ihn bisher getragen, wie weit sie ihn wohl noch tragen würde, tauchte es immer wieder unvermittelt auf. Bisher, so erkannte er jetzt, war es noch immer irgendwie gutgegangen. Vielleicht hatte er einfach Glück gehabt, oder die Alternativen gar nicht in Erwägung gezogen, hatte ihn ein nicht angreifbarer, weil impliziter naiver Glauben an das Gute im Menschen weitergetragen, vor weitreichenden Entscheidungen beschützt.

Seit er 14 war, hatte er nicht mehr gelogen, aber es anderen im Zweifelsfall nachgesehen, wenn sie den Verlockungen ihrer „Notlügen“ erlagen. Sie hatten eben nicht das Glück gehabt, die Konsequenzen unwahren Handelns schon in jungen Jahren so intensiv wahrnehmen zu dürfen wie er, waren wohl noch am Weg. Aber nie hatte er in Zweifel gezogen, dass sie sich auf einem Weg befanden, und noch weniger die Richtung dieses Weges, die die Mehrheit der Menschen zu wählen pflegte. Doch nun, zum ersten Mal in seinem Leben, regte sich nagender Zweifel in ihm. Was, wenn er seine Entscheidungen, sein Handeln auf Illusionen baute?

Das ist eben so, hatte der Freund gesagt, und: es ist sinnlos, da Energie zu verschwenden oder überhaupt darüber nachzudenken. Kein Wunder, dass du so oft krank bist. Das macht kein anderer Mensch. Schau, dass du deinen Job bekommst, und dann kannst du vielleicht irgendwas machen. Da muss man einfach durch. Doch wer war man noch, nachdem man „durch“ gegangen war, durch jene Maschine? Was hatte man noch zu geben, wenn man aufgab, woran man glaubte, um an jene Position zu gelangen, von der aus man glaubte, geben zu können? Du denkst zu viel nach, hatte der Freund darauf nur gemeint, das tut dir nicht gut, kostet nur unnütze Energie. Alle anderen machen es ja auch.

Alle anderen? Nein, er kannte Menschen, die integer waren, die verlässlich waren, auf die man vertrauen konnte. Aber waren sie nur die Ausnahme der Regel gewesen, wie der Freund behauptet hatte? War es wirklich so unintelligent in dieser Welt, das Richtige zu tun, weil es einem im Grunde nur Nachteile brachte? War die Welt im Grunde schlecht, oder wurde sie, wie die älteren Mitglieder der Gesellschaft gerne zu behaupten pflegten, tatsächlich immer schlechter?

Es war, wie er nach einigen Tagen eines psychisch-seelischen Ausnahmezustands feststellte, an ihm selbst, diese Frage für sich zu beantworten und mit den Konsequenzen zu leben. Ja, das System, in das er sich begeben würde, belohnte Unaufrichtigkeit mehr als Integrität. Aber keine bösartige Macht hatte es verbrochen, nur die Folge eines kraftlosen Glaubens, der sich aus der Realität ableitete, anstatt die Realität den Hoffnungen eines starken Glaubens annähern zu wollen. Glauben – es war seltsam, dieses Wort in sich zu spüren, als gehöre es zu ihm, hatte er doch seit vielen Jahren keine Kirche mehr freiwillig besucht, nachdem er als Kind erkannt hatte, wie unwahrscheinlich die Geschichten über Gott erschienen. Aber den Glauben, wenn schon nicht an einen Gott, dann zumindest an die Menschen oder zumindest das Potential, das Göttliche im Menschen, den hatte er sich bewahren können. Gott als Projektion selbst war ihm irrelevant geworden, aber die Idee, etwas zu dienen, was größer war als man selbst, die Bereitschaft, die sofortige eigene Befriedigung einem größeren Zusammenhang unterzuordnen, war für ihn die Grundlage dessen, was die Menschen Hoffnung zu nennen pflegten.

Gab es nur ihn alleine, hatte er nur Verantwortung für sich alleine zu tragen, war er in Wahrheit allein in dieser Welt, so war es tatsächlich unsinnig den eigenen Vorteil für das Wohl aller in Frage zu stellen, wie der Freund behauptet hatte. Aber so sehr ihn manchmal die Furcht übermannte, ihn prüfte, ihn in die dunkle Nacht des Glaubens warf, so wusste er auch, dass er niemals ganz alleine sein würde, solange er noch zu hoffen wagte, zu vertrauen wagte. Vertrauen, das hatte etwas mit trauen zu tun, mit Mut, aber auch mit Bindung, und er fühlte sich seinen Mitmenschen verbunden, auch wenn er oft Schwierigkeiten hatte, ihre Liebe anzunehmen. Doch darum ging es nur am Rande.

An erster Stelle ging es um die Erfüllung einer heiligen Pflicht, die ihm sein Glaube auferlegte: an den guten Willen der Menschen zu glauben, selbst wenn nichts in der Welt noch auf ihn hinweisen würde. Denn Glaube war mehr als nur Illusion, ein Glaube, der stark war und sich auf Integrität stützte, war fähig, die Realität der „Illusion“ anzunähern. Es gab keine Medaillen, keine Belohnungen für heilige Pflichten, nur die Gewissheit, seinem Gewissen zu folgen, das Gefühl, ganz zu bleiben, sich nicht aufteilen, zersplittern, verkaufen zu müssen.

Nein, Integrität war nicht mehr gegeben gewesen, war kein Fixum mehr, sondern eine tagtägliche Entscheidung, ein tagtäglicher Kampf geworden. Aber es war ein heiliger Kampf, ein wilder, zornig ausgetragener und doch heiliger Kampf, der ihn ängstigte, niederwarf, Schmerz fühlen und bluten ließ, aber auch daran erinnerte, dass es noch etwas zu verlieren gab, dass es noch Werte in ihm gab, die sich zu verteidigen, für die es sich zu kämpfen lohnte, kostbarstes Gut aller Güter.

Nun, auftauchend aus dem Nebel der angeblichen Notwendigkeiten und Zwänge, sah er wieder klar: die Nacht war vorüber. Die ersten Sonnenstrahlen lockten, die ersten Knospen brachen durch das Eis, und eine wunderbare Lebendigkeit kam über ihn: der herrliche Duft des Frühlings wehte erneut in seinem Herzen.

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