Eigentlich hatte ich geplant, für die nächste Geschichte eine Überraschung für euch zu haben – leider verzögert sich diese Überraschung wohl doch noch um zumindest ein paar Tage, weil die Person, die mir dabei helfen möchte, sich noch mehr Zeit erbeten hat. In der Zwischenzeit habe ich jetzt zur Überbrückung mal diese Geschichte geschrieben und hoffe, euch vielleicht schon beim nächsten Mal unser kleines gemeinsames kleines Projekt vorstellen zu können.

Es war lange her, dass er wirklich zur Ruhe gekommen war. Immer hatte es etwas zu tun gegeben, etwas zu erledigen. Oft hatte er sich vorgestellt, was er machen würde, hätte er nur mehr Zeit zur Verfügung. Die Welt war so groß, war es nicht völlig irrsinnig, auch nur eine Minute mit Nichtstun zu verschwenden? Schließlich lebte man – vermutlich – nur einmal, und in Relation zur Größe und des Reichtums dieser Welt einfach zu kurz, um alles tun zu können, was es zu tun gab. Und das war nur die Oberfläche: wohin er seine Aufmerksamkeit auch wendete, war ihm, als würde er die Welt flüstern hören, dass alles, wessen Oberfläche er sehen konnte, noch mit einer beinah unendlichen Tiefe lockte. Die ungeahnten Möglichkeiten des Lebens faszinierten ihn derart, dass er ganz einfach keine Zeit hatte, sich mal zurückzulehnen.

Nun aber, aus einem ihm selbst unerfindlichen Grund vor der Glastür zum Balkon auf dem Boden sitzend, fühlte er keinen Impuls, etwas an seiner Situation zu verändern. Es war Winter, und der Schnee der letzten Tage schien die Verlockungen der Welt irgendwie abzudämpfen. Aber über der bedeckten Landschaft schien die Sonne, und durch das Glas der Tür fühlte er ihre warmen Strahlen auf seinem Gesicht. Zu lange hatte er dieses Gefühl schon vermisst. Es gab vieles zu tun, vieles zu planen, zu erreichen. Es mochte bessere Momente geben, ein Sonnenbad zu nehmen, spätestens wenn der Frühling wieder Einzug nahm. Und doch blieb er sitzen, wie zum ersten Mal spürend, wie sich die Poren seiner Haut öffneten, um die mütterliche Wärme des Feuerballs einzulassen. Er fühlte sich reich. Beschenkt.

Nach einer Weile, als seine Glieder von der ungewohnten Position anfingen zu schmerzen, richtete er sich auf. Er musste wohl fast eine Stunde vor diesem Fenster gesessen haben, ohne einen interessanten Gedanken gedacht, ohne etwas Produktives getan zu haben. Die erste Reaktion seines erschrockenen Bewusstseins war der Impuls, zumindest ein interessantes Fachbuch zu lesen, wenn es denn unbedingt ein ruhigerer Tag werden sollte, doch sein Körper degradierte ihn zu einer Art Zuschauer-Rolle. Ignorierte einfach den Druck, den sein Geist auf ihn ausüben wollte, etwas Sinnvolles zu machen. Verräter!, schimpfte er innerlich mit seinem Körper. Vertrau mir, antwortete dieser. Staunend beobachtete er sich selbst, wie er den Schlüssel vom Tisch nahm, sich warm einpackte und zur Tür hinausging.

Ah, Sport, Bewegung! Gut so, dachte er, Sport macht schon Sinn. Danke, Körper. Bist ein Guter. Und tatsächlich ging es erst auf einem durch den Schnee kaum wahrnehmbaren Waldweg und dann ab vom Weg in den von riesigen Steinen gesäumten Wald. Rauf da?, dachte er, als sein Körper vor einem Felsmassiv Halt machte, dass sich mehrere Meter vor ihm auftürmte, doch sein Körper rührte sich nicht. Er fühlte sich zurückversetzt in seine Kindheit, wenn alle möglichen Leute ihm etwas zu erklären versucht hatten, was sie für völlig offensichtlich hielten, und er es nicht beim ersten Mal verstanden hatte. Die Sonne ging langsam unter, und er stand immer noch vor diesem blöden Felsen. Was, wenn er nicht mehr zurückfinden würde? Ich finde das nicht mehr lustig!, ärgerte er sich. Ist ja auch eher traurig, meinte sein Körper, du mit deinem zwanghaften Mach-Was-Denken verpasst noch das Schönste am Leben. Wie selbstbezogen kann man eigentlich sein, die Schönheit der Welt nicht mehr sehen zu wollen?

Nun ja, da hatte sein Körper dann doch irgendwie Recht. Diese Felsen waren schon ziemlich beeindruckend, wenn man es recht betrachtete. Waren wohl schon Hunderte Jahre hier, von den Flechten darauf zu schließen. Vielleicht länger als überhaupt Menschen hier waren. Ist ja gut, ist schön hier. Aber was willst du mir eigentlich sagen?, fragte er seinen Körper. Dass du vielleicht mal wieder ein bisschen weniger Problemlösen und ein bisschen mehr genießen solltest. Ist ja schön, wenn du gut Probleme lösen kannst, ich glaubs dir ja eh. Aber gerade mal keine Probleme lösen zu müssen muss nicht immer gleich heißen, dass man sich neue, schwierigere Probleme suchen sollte. Manchmal kann man auch mal einfach nichts tun und ein bisschen mehr sein. Auch andere tun lassen, und sich darüber freuen. Stell dir vor, jeder würde immer nur alles Mögliche tun und niemand würde mal mit dem Tun aufhören und sich mal über das Getane aller freuen. Das hat ja auch keinen Sinn.

Ach, es war immer so anstrengend, mit seinem Körper zu diskutieren. Vor allem, weil der einfach immer Recht hatte, auch wenn es schwer zuzugeben war. Na gut, dann würde er sich eben ein wenig öfter die Zeit nehmen, vor dem Fenster zu sitzen und sich von der Sonne bescheinen zu lassen oder die Schönheit der Welt einfach mal nur zu genießen. War ja im Grunde auch gar nicht so verkehrt. Ein bisschen ärgerte er sich dennoch, dass sein Körper so oft Recht hatte. Ich bin halt ein bisschen älter als du, meinte dieser nur.

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