Auf rationaler Ebene betrachtet hatte es irgendwie gut geklungen. Ja, natürlich war es notwendig, rasch wieder eine Arbeit zu finden. Man könne ja nicht ewig arbeitslos sein. Wo kämen wir denn da hin, wenn plötzlich alle aufhören würden, sich in der Gesellschaft nützlich zu machen? Und – auf einer individuelleren Ebene betrachtet – wie wollte er denn sonst sein Leben finanzieren? Der Weg war klar, war vorgezeichnet: Job aufgegeben, neuen Job gesucht, wieder arbeiten können. Wieder nützlich sein. Problem gelöst. So einfach war das. Und wenn der Traumjob gerade nicht zu finden war, dann eben in der Zwischenzeit was anderes. Übergangsweise. Egal was. Hauptsache Arbeit haben. Hauptsache nützlich sein.

Nun waren es schon ein paar Wochen, und etwas in ihm sagte ihm, dass es an der Zeit war zu handeln. Es konnte schließlich nicht ewig so weitergehen. Ihm gingen die Ideen aus, wie er sich noch selbst beschäftigen konnte. Was tun mit all der Zeit? Natürlich, würde es sich um einige Wochen Urlaub handeln, wirklich freie Zeit – dann wüsste er sehr wohl was mit ihnen anzufangen. Er würde endlich die vielen Lieder aufnehmen können, die er im Laufe der Jahre geschrieben hatte. Er würde die Methode weiterentwickeln, mit der er sich eines Tages selbstständig machen wollte. Er würde reisen, andere Länder besuchen, von anderen Kulturen lernen. Er würde weit entfernte Freunde besuchen. Aber das ging natürlich alles nicht. Er war ja nicht im Urlaub, er war arbeitslos. Seine Aufgabe lautete, sich eine Arbeit zu suchen. Und zwar gefälligst schnell, um dem Staat und damit allen anderen nicht auf der Tasche zu liegen. Urlaub, freie Zeit, Zeit zu tun, was man für wichtig und richtig hielt, einmal ohne Scham zu genießen… das musste man sich erst einmal verdienen. Und davon war er sicherlich noch weit entfernt.

Nein, am Geld selbst lag es nicht. Er hatte ein paar Monatsgehälter auf der Seite, für alle Fälle. Es ging schlicht ums Prinzip. Denn wo würde es denn hinführen, wenn alle… plötzlich hielt er inne. Ja, wo würde es eigentlich hinführen, wenn Menschen sich die Zeit nehmen würden, das zu tun, was sie für wichtig und richtig hielten? Was, wenn er jetzt sofort losfuhr, um einen Menschen zu besuchen, den er liebte und den er vermisste, aber vor dem er sich schämte, keine Arbeit zu haben, unnütz zu sein? Würde sie ihn noch respektieren, noch lieben können? Bevor sein Verstand ihn mit den üblichen Argumenten stoppen konnte, hatte er bereits die Landesgrenzen passiert, hatte er mit seinem Handeln Tatsachen geschaffen.

Die Stimmen in seinem Kopf wurden nun lauter, versuchten ihn einzuschüchtern, ihn abzuhalten. Doch nun hörte er sie als das, was sie waren, erkannte sie als fremde Stimmen, nahm dieses Mal den Dialog auf, anstatt sofort nach ihren Einflüsterungen zu handeln. Es waren ihrer so viele… er würde Hilfe brauchen, ihnen zu widerstehen. Doch nun war er angekommen, und wurde von ihr mit offenen Armen und Herzen empfangen. Mit ihr konnte er schlicht sein. Sprechen konnte er kaum, zu sehr forderte ihn der innere Dialog mit den anklagenden Stimmen. Doch sie war weise genug, in seinen Augen zu lesen, wo seine Lippen versagten.

All die Jahre hatte er mit seinem Körper gerungen, hatte Kraft aus der Zukunft geborgt, um im Jetzt einen Schein wahren zu können, der nicht aufrecht zu erhalten war und sich gewundert, warum er so oft krank wurde, wo er doch so ungenügend wenig zu tun schien. Hatte zynisch an sich selbst Maßstäbe angelegt, die er an anderen als unmenschlich ablehnte. Der größte hatte man zu sein, der mitfühlendste, der weiseste, der nachdenklichste, der erste, der handelte. Und nie, nie hatte man innerlich zerrissen zu sein in dem Versuch, all den Anforderungen zu genügen, die längst nicht mehr von außen kamen. Alles hatte leicht zu sein, oder zumindest leicht zu scheinen. Unkompliziert. Die anderen Menschen waren kompliziert und aufwendig genug, da war kein Platz mehr für ihn gewesen in den Reihen der Bedürftigen. Denn wo kämen wir denn hin, wenn irgendwann auch er…

Es war zu einfach, die Verantwortung von sich zu schieben, an zu jenen Zeiten wohl ebenso überforderte wie unwissende Eltern oder an eine unbekümmerte Gesellschaft. Sie mochten die Saat gelegt haben, doch er selbst war es, der den Wildwuchs in ihm hegte und pflegte. Er allein trug den Schlüssel zu jenem Garten und damit zur Veränderung. Es war an der Zeit, Ordnung zu schaffen.

„Arbeitslos“ – das klang so… hilflos, und doch fühlte er sich weder hilflos noch untätig. Es gab viel zu tun in der Welt, und er fühlte sich kompetent dazu, aber noch mehr Aufmerksamkeit forderte in jenen Tagen seine innere Welt von ihm. Zu lange hatte er sie in seiner Suche im Außen vernachlässigt, war er ihr durch Ablenkung entflohen und hatte die Konsequenzen seiner Ignoranz als notwendiges Übel akzeptiert. Nun konnte er erstmals den Schmerz hören, der ihm all die Jahre als dumpfes Gefühl der Verzweiflung zu schaffen gemacht hatte. Es gab viel zu tun in jenem inneren Garten, und viel über seine Pflege zu lernen. Dann, von innen erneut genährt, würde er sich wieder beruhigt nach außen wenden können.

Da war etwas von Scham in ihm, sich mal ganz egoistisch um sich selbst kümmern zu wollen. Das war neu, war un-erhört. Und irgendwann mal war es wohl tatsächlich mal lebensbedrohlich gewesen, auch wenn die Erinnerung an jene Zeiten nur nebulös war. Doch nun, befreit von akuten äußeren Ansprüchen, war möglicherweise erstmal in seinem Leben Platz für ein unkontrolliertes Experiment, für ein Fallen-Lassen in die Aufgabe, vor der er sich all die Jahre gedrückt hatte, aus kindlicher Angst, sie nicht überleben zu können. Vielleicht war er nun stark genug, ehrliche Antworten zu finden auf all jene Wo-kämen-wir-denn-hin-Fragen, die bisher jeden beginnenden Dialog mit seinem Inneren beendet hatten. Vielleicht war nun Platz für seinen Schmerz. Vielleicht war nun Platz für seine quälenden Fragen, die er stets mit sich herumgetragen hatte, in dem festen Glauben, dass es kein Außen gab, das sich jenen Fragen zu stellen wagte. War nun Zeit, all die Wunden und Narben zu öffnen und die Chancen und Risiken einer möglichen Heilung zuzulassen.

Denn da gab es nun Menschen in seinem Leben, die bereit schienen, seine Fragen, seine Unsicherheiten und selbst seine eigene Bedürftigkeit zu ertragen. Wo kämen wir denn hin, wenn es genügend solcher Menschen gäbe?, fragte er sich, und dann, von den Anstrengungen der inneren Überwindung erschöpft: Endlich werden wir es herausfinden.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.