Es war ein ziemlich gewöhnlicher Dienstagmorgen gewesen, bis sie innehielt, weil ihr ein Gedanke nicht aus dem Kopf gehen wollte. „He, pass doch auf!“, warf ihr ein gereizter Mann mittleren Alters nach, der damit wohl nicht gerechnet und sie fast umgerannt hatte. Bitter fiel ihr auf, dass dieser eine, leicht unfreundliche Mann den einzigen Menschen darstellte, der ihr in den letzten Jahren auf dem Weg zur Arbeit in Erinnerung geblieben war. Wo waren all die anderen Menschen abgeblieben? Dass sie kein sonderlich geselliger Mensch war, wusste sie, aber niemand? Niemand, dem je eine Ungeschicklichkeit passiert war, der ihr je ein Lächeln geschenkt hatte, in all den Jahren?

Die Menschen um sie herum lächelten, das konnte sie, nun mit wachsendem Interesse, feststellen. Erst dachte sie, diese Menschen würden eben andere Menschen anlächeln, Freunde, Bekannte, Kollegen, oder über ein Erlebnis in ihrer Vergangenheit lächeln. Doch bald stellte sie fest, dass das Lächeln der Passanten keinen Anfang hatte und auch kein Ende nahm. Es war einfach da, wie ein Kleidungsstück, das sie sich morgens angezogen hatten, oder ein Regenschirm, der sie vor Regen schützen sollte. Doch wovor wollten sie sich schützen? Immer, wenn sie versuchte, einen Passanten anzulächeln, sah dieser rasch weg, um dann später wieder sein altes Lächeln aufzusetzen. War das Lächeln etwa nichts als eine Maske, um alleine, um unerkannt zu bleiben? Ein Schild, um möglicherweise feindliches Terrain heil zu durchqueren? „Haben wir wirklich solche Angst voreinander?“, dachte sie erschüttert.

Nun war sie wirklich neugierig geworden. Sie sah junge Männer mit schwarzen Sonnenbrillen, obwohl es doch leicht tröpfelte, und fragte sich, wovor ihre Brillen sie wirklich schützen sollten. Sie sah Geschäftsmänner und Geschäftsfrauen in ihren Anzügen durch die Straßen huschen, immer in Eile und doch mit diesem gelangweilten Blick, wie ihn eben nur wirklich wichtige Geschäftsleute besitzen konnten. Sie sah junge Mädchen in derart kurzen Hosen, dass sie diese Bezeichnung kaum noch verdienten, mit ihren ungelenken Beinen und Stöckelschuhen umherstaksen, und junge Burschen, die so taten, als hätten sie eine Ahnung von diesen Beinen oder auch nur ein wirkliches Interesse daran. All diese mehr oder weniger angepassten Menschen sah sie, die sich mehr oder weniger präsentierten, einer Öffentlichkeit, die stumm und emotionslos an ihr vorüberging. Sie sah die Punks mit ihren wilden Haaren und Nietengürteln, und wie integriert ihr Anblick bereits in den Alltag war. Vor zwanzig Jahren hätte man sich noch über sie aufregen können, heute gehörten sie zur Normalität wie all die anderen Passanten, die sich an ihr vorbeilangweilten.

Deshalb kann ich mich nicht an euch erinnern, kam ihr die Erkenntnis, ich habe euch schon viel zu oft gesehen. Immer die gleichen Gesichter mit immer dem gleichen Lächeln, den gleichen Sonnenbrillen und Anzügen, den langen Beinen der Mädchen und langen Gesichtern der Burschen, die ihnen nachgafften. Ihr überrascht mich nicht mehr.

Und dann kam ihr ein weiterer Gedanke, doch dieses Mal war es ein sehr beunruhigender: Ich bin noch jung heute, keine dreißig, aber was wird in dreißig, vierzig, fünfzig Jahren sein? Werde ich dann einst zurückblicken und erkennen, dass ich mich an niemanden der letzten Jahrzehnte erinnern kann? Dass sich niemand in mein Gedächtnis eingebrannt hat? Und geht es euch nicht ebenso, ihr Schatten, die an mir vorbeihuscht? Werdet ihr euch einst an mich erinnern, oder bin auch ich nur ein weiterer Schatten gewesen, so nah und doch so fern eurer Aufmerksamkeit und damit eurer Welt? Sind wir uns wirklich alle nichts füreinander, nur Schatten, deren Verblassen aus unserer Wirklichkeit wir mit einer gewissen törichten Erleichterung wahrnehmen?

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2 Replies to “#9 Einsame Massen”

  1. Das Lächeln der Passanten, das weder Anfang noch Ende hat und das sich die Leute anziehen wie ein Kleidungsstück…ein trefflcheres Bild für die leere Alltagsfreundlichkeit von Massenmenschen hätte man nicht finden können.
    Wo versteckt sich das Eigene hinter all dem Immer-Gleichen? Und läuft es nicht Gefahr zu verhungern, nach ein paar Jahren in der öffentlichen Masse?

  2. Ich habe diese Geschichte geschrieben, nachdem ich nachts mit einem Freund die Linzer Landstraße entlanggeschlendert bin und realisiert habe, dass ich die vielen Menschen, die an mir vorbeiziehen, oft gar nicht mehr wahrnehme, wenn sie sich nicht irgendwie ungewöhnlich benehmen – und oft tun sie das nur, wenn sie betrunken sind.
    Letzten Freitag habe ich dann mit einer Freundin wieder einmal Free Hugs verteilt, um dieser Entwicklung ein wenig entgegenzuwirken. Die vielen dankbaren Menschen, die uns umarmten, zeugen für mich von der Wichtigkeit, den grauen Alltag bewusst ein Stück bunter werden zu lassen. Manchen mag es leichter fallen, dies im angetrunkenen Zustand zu tun, aber ich würde es schade finden, wenn das Besondere nur noch dann gelingt, wenn betäubende Substanzen im Spiel sind.
    Danke für deinen Kommentar, es freut mich, wenn sich andere Menschen Gedanken über etwas machen, das ich schreibe 🙂

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