Der Mensch entscheidet im Grunde rational. Berechnend. Aufgrund der ihm zur Verfügung stehenden Informationen vergleicht er die Konsequenzen der ihm möglichen Handlungen und entscheidet sich für die wertvollste Variante. Er betrachtet seine Hände. Zehn Finger. Betrachtet sein Gesicht. Zwei blaugraue Augen, die leichte Höckernase, die schmalen Lippen. Die rudimentäre Brustbehaarung und die rassentypische Kopf- wie Bartbehaarung. Definitiv Mensch. Betrachtet seine Bank-Karte, den Inhalt seiner Geldtasche, seiner Gedanken. Definitiv Geld. Ein Homo Oeconomicus, wie er im Buche steht. Die Bücher haben also Recht.

Nun sitzt er da, auf seinem Stuhl, den er geschenkt bekommen hat. Gekauft hätte er sich den selbst niemals, denn er grenzt fast an Kunst, und Kunst ist bekanntlich teuer. Die Arme auf dem leicht wackeligen Tisch, den er aus dem Sperrmüll hat und selbst zusammenschrauben wollte. Das war fürchterlich irrational gewesen, aber auch schon länger her. Die zwei Stunden hätte er besser damit verbringen können, Geld zu verdienen, um sich einen vernünftigen Tisch zu kaufen, der nicht wackelt. Nun ist es jedes Mal ein Drahtseilakt, sich ein Brot runterzuschneiden, ohne dabei gleich das Wasser der Tasse zum Überlaufen zu bringen. Vielleicht liegt das ja auch an den ungeschliffenen Messern. Vermutlich wäre es auch rational betrachtet schlauer, die mal schleifen zu lassen, anstatt ständig wertvolle Sekunden zu opfern, sich sein Brot sanft runterzuschneiden. Aber dazu fehlt’s dann wieder an Geld. Ist so ‘ne Sache mit dem Homo Oeconomicus und dem rationalen Denken: am Ende fehlt’s fast immer an Geld. Ein wirklich rationales und effizientes Leben kann sich dann doch kaum einer leisten.

Außerdem macht man manchmal ganz einfach Fehler. Zum Beispiel, wenn man umzieht, um die Wegstrecke zum Arbeitsplatz zu verkürzen. Das wirkt erstmal ziemlich effektiv, weil man Fahrtkosten und Zeit spart. Immerhin geht man im Durchschnitt öfter zur Arbeit, als Freunde zu besuchen, und mit der Zeit zahlt sich das dann schon aus. Nur: plötzlich entsteht so ein ekliger Anfangswiderstand, den man überwinden muss, um Freunde besuchen zu können. Wenn der nächste echte Freund über 30 Kilometer entfernt wohnt, muss sich die Fahrt dann irgendwie schon auszahlen. Schließlich kostet die umgerechnet gut sechs Euro, und dafür muss man schon mal gut ein, zwei Stunden arbeiten, bis man sich das leisten kann. Und wenn Freunde besuchen zu Arbeit wird, hat man dann rasch gar keine wirkliche Lust mehr drauf, oder macht es nur noch, wenn es ein großer Besuch wird, der mindestens so lange dauert, wie man dafür gearbeitet hat, um sich den leisten zu können.

Wenn man dann wirklich lange darüber nachdenkt, ist es vielleicht sogar rationaler, seine Freunde gar nicht mehr zu besuchen. Wenn jeder Besuch Geld kostet und damit mehr Arbeit bedeutet, hat man doch das entspannteste Leben, wenn man sich diese Ausgaben einfach spart. Wenn man davon ausgeht, dass man sonst drei Mal die Woche Freunde besucht und im Durchschnitt pro Besuch 10 Euro an Fahrtkosten und eine Stunde Zeit verfährt, sind das in Summe knapp sechs Stunden mehr, die man in der Woche für sich hat, nicht wenig in Zeiten häufigen Burnouts. Oder man kann die sechs Stunden nutzen, um mehr zu arbeiten und damit mehr Geld zu verdienen. Im Grunde ist das die rationalste Variante, vor allem wenn man noch nicht weiß, was man morgen machen will. Geld ist ja im Gegensatz zu vielen Mitmenschen relativ flexibel.

Und nun sitzt unser Homo Oeconomicus selbstzufrieden an seinem wackeligen Tisch (den er vom durch seine scharfsinnigen Überlegungen wieder eingesparten Geld bald gegen einen stabileren austauschen wird) und freut sich über seinen überwältigenden Verstand, der ihm tagtäglich hilft, die Effizienz in seinem Leben zu steigern. Ob „Oeconomicus“ tatsächlich eine Weiterentwicklung des „Sapiens“, der Weisheit ist? Er lächelt über jene Chaoten, die immer noch jenen kindlichen Vorstellungen nachhängen, es könnte anders sein. Er wird seine Energie nicht auf solche Nutzlosigkeiten verschwenden, für die man nicht einmal bezahlt wird. Nein, er wird auch heute wieder für sich, zuhause bleiben. Ein Leuchtturm der Effizienz, leuchtendes Vorbild für alle, die ihm noch auf jenem glorreichen Weg folgen werden. Mutiger Wegbereiter einer effizienteren und damit mit Sicherheit für alle auch besseren Welt.

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