Es war einmal eine kleine Blume namens Lunea Löwenzahn. Sie war sehr stolz auf ihren schönen Namen, den ihre Eltern ihr gegeben hatten, und war sicher, dass sie eines Tages so wunderschön blühen würde wie sie. Aber weil es draußen noch so kalt war, versteckte sie sich noch unter der Erde. Dort war es wohlig warm, und in dem kleinen Samen fühlte sie sich sicher. So verbrachte sie einen langen Winter. Du wirst sehen, hatten ihre Eltern-Blumen zu ihr gesagt, eines Tages kommt der Frühling, und dann wirst auch du so wunderschöne Blütenblätter haben wie wir. Aber erst wird es Winter sein, kalt sein. Du wirst dich fragen, ob es den Frühling überhaupt wirklich gibt. Doch keine Sorge: auch dein Frühling kommt bestimmt.

Lunea machte sich keine Sorgen über den Winter, so wohlig warm war ihr in ihrem Samenkern. Manchmal naschte sie von einem vorbeikommenden Regentropfen, der in die Erde gesickert war, und freute sich darüber, dass sie so schön beschützt war vor der Kälte. Eines Tages aber war auf einmal alles anders. Es war, als hätte sie etwas gekitzelt. Etwas kribbelte in ihr, ließ ihr keine Ruhe. War das der Frühling? Nun wurde sie neugierig. Ihr ganzes Leben hatte sie in dem kleinen Samenkern verbracht. Dort drin war sie beschützt vor der Welt da draußen. Aber nun, mit diesem seltsamen Kribbeln, fühlte sie sich auch ein bisschen eingesperrt. Es war auch so furchtbar wenig Platz hier drin! Und irgendwie war es auch langweilig. Lunea gähnte, streckte sich und plötzlich passierte es: der Samenkern platzte!

Sofort kugelte sich die kleine Blume wieder zusammen, aber es war zu spät – der schützende Samenkern war geplatzt, und jetzt war sie der Welt schutzlos ausgeliefert. Zusammengekugelt wartete sie ab. Sicherlich würde sie nun gleich sterben müssen, für ihre Ungeschicklichkeit bezahlen. Aber keine bösen Monster fraßen sie auf. Das einzige, was sie fühlen konnte, war eine ungewohnte Wärme, die sie so noch nie gefühlt hatte. War das die Sonne, von der ihre Eltern erzählt hatten? War das der Frühling?

Der Samenkern war nun nutzlos für sie geworden. Sie streckte sich ein wenig mehr und schüttelte ihn ab. Alles war plötzlich viel intensiver: die Wassertropfen und die Erde, an denen sie naschte, die Wärme, das Rumoren der vorbeigrabenden Regenwürmer. Ein unbändiger Drang erfasste sie, sich zu strecken, immer weiter, höher, zu wachsen! Einige Tage später durchbrach sie die Erde und atmete zum ersten Mal frische Luft. Es war fast zu viel für sie. So viel Grün und Blau und Rot und Gelb! In der Erde war ja alles dunkel gewesen. Und statt dem Rumoren der Regenwürmer hörte sie nun: Musik! Das Flattern der Schmetterlinge, das Zwitschern der Vögel, das Schreien der Kinder, die über die Wiese tobten. Vor allem aber: sie war nicht allein. Zum ersten Mal sah sie ihre Verwandten, all die Blumen in tausenden Formen und Farben. Da wurde ihr das Herz ganz warm, und plötzlich entdeckte sie, dass auch in ihr eine farbenprächtige gelbe Blüte steckte.

Da stand vor ihr ein Kind mit nachdenklichen Augen und streckte seine Hand nach ihr aus, um sie zu pflücken. Plötzlich bekam sie Angst, wünschte sich zurück in ihren Samenkern, wo es keine Hände gab, die nach ihr griffen. Was nutzten ihr all die Farben, all die Musik, all der Frühling, wenn der rasche Ruck einer Hand alles beenden konnte? Doch Lunea hatte Glück: das Kind überlegte es sich anders, rannte zurück zu den anderen Kindern, um mit ihnen weiter zu toben.

Es war Sommer geworden, Herbst. Erneut überfiel sie ein seltsames Gefühl. Sie fühlte sich träge, müde, wollte schlafen. Grau war sie geworden, Kinder hatte sie bekommen, und Samenkörner in alle Winde verstreut. An einem nebeligen Herbsttag erkannte sie, dass sie sterben würde wie der Frühling, der Sommer und ihre Eltern vor ihr. Für einen Moment wünschte sie sich, nie ihr Samenkorn verlassen zu haben, nie ihr Leben für einen Frühling gegeben zu haben. Es machte ihr Angst, sterben zu müssen, es machte sie traurig. Was, wenn sie länger gewartet hätte, auf einen anderen Frühling? Nein. Dies war ihr Frühling gewesen. Der nächste würde ihren Kindern gehören. Bestimmt fürchteten sie sich in ihren winzigen Samenkörnern, tief in der Erde, wie auch sie sich damals gefürchtet hatte.

Keine Angst, Kinder, dachte Lunea Löwenzahn, auch euer Frühling kommt bestimmt.

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