Gegen sechs Uhr zogen die beiden los. Der eine hatte sich zurechtgemacht, Jeans, Sakko, schön gestriegelt, gepflegt. Hatte sich eine schwarze Kiste umgeschnallt, die er nun abwechselnd laut lachend und vorsichtig auftretend – sichtlich nervös – über die Brücke trug. Der andere, im Kontrast, mit weit hinabhängenden Hosen, gemütlichem Pullover und der charakteristischen Halskette aus geschliffenem Holz. Sorgfältig auftretend, das Gewicht des Rucksacks und der längliche schwarze Tasche tänzelnd mit seinen nackten Füßen ausbalancierend, scherzte auch er mit dem Freund. Sie hatten sich erst vor einigen Wochen zum ersten Mal getroffen und auf Anhieb verstanden. Nun war die Zeit reif, sich auch kennenzulernen.

Während der Freund sich neben eine ältere Dame auf eine der zahlreich vorhandenen Bänke setzte, durchsuchte er seinen Rucksack. Natürlich hatte er in seiner Vorfreude wieder einmal nicht daran gedacht, Papier mitzunehmen, auf dem genug Platz war. Glücklicherweise fand er einen Klebestreifen und fertigte kurzerhand selbst eine Lösung. Ein paar alte Farbstifte waren alles, was zusätzlich noch notwendig war. Am Ende nutzte er den übrig gebliebenen Platz auf dem mit Hilfe des Klebestreifens kunstvoll vergrößertem Papier, um noch einen lachenden Smiley hinzuzufügen. Die ältere Dame blickte dem Treiben interessiert zu und ließ sich den Plan erklären. Sie könne zwar nur ein bisschen Englisch, aber „Hugs“ sei definitiv nicht richtig, das würde niemand verstehen, meinte sie. Und ob der junge Mann mit seinem improvisierten Free-Hugs-Plakat denn schwul sei, dass er bereit war, wildfremde Männer einfach so zu umarmen?

Etwa zwei Minuten später kamen ein älterer Herr und eine Frau auf ihn zu und umarmten ihn überschwänglich. Ein kurzes Gespräch später hatte er eine Visitenkarte des Mannes und eine Einladung zu einem Symposium in seiner Tasche verstaut. Eine Frau stoppte ihr Rad, umarmte ihn und erzählte, sie hätte so einen langen Tag gehabt, das wäre das Beste, was ihr heute noch hätte passieren können. Eine Gruppe für den Durchschnittseuropäer schwer dem korrekten Lande zuordbarer Asiaten passierte ihn in höflichem Sicherheitsabstand, blieb dann einige Meter entfernt stehen, zückte kollektiv diverse Handys und Tablets und schickte dann die junge Frau, die sich am wenigsten dagegen wehrte, für eine Umarmung zu ihm, während der Rest der Gruppe die Begegnung johlend filmte. Immer wieder kamen junge Frauen und Männer aus dem nahen McDonalds-Restaurant gerannt und wollten ihn ebenso umarmen.

Die ältere Dame war mittlerweile verschwunden (wohl auch, da ihr Argument, niemand würde „Hugs“ verstehen und man müsse schwul sein, das zu machen, nicht mehr haltbar schien) und der Freund mittlerweile aufgestanden. „Komm, trau dich, so unentschlossen herumstehend siehst du noch viel dämlicher aus!“, meinte er lachend zu dem gestriegelten Freund. Zwei Minuten später waren es nun zwei junge Männer, die in den nächsten Stunden Momente der Innigkeit, des Innehaltens mit Fremden wechselten. Manche der Umarmten suchten danach rasch das Weite, fast beschämt über ihren Mut, andere blieben eine Weile und ließen sich auf ein Gespräch ein.

Zwei junge Mädchen und ein Junge blieben am längsten, und als er meinte, es würde langsam dunkel und niemand könne die Plakate mehr lesen, waren sie begeistert, als aus den schwarzen Taschen Musikinstrumente zum Vorschein kamen. Über eine Stunde spielten sie noch gemeinsam, Lied über Lied, bis es spät geworden war und ein aus vollen Kehlen gebrülltes „I wü ham noch Fürstenföd!“ das Ende ankündigte. Herzlich verabschiedete man sich voneinander, tauschte Kontaktdaten aus, freute sich auf ein mögliches baldiges Wiedersehen. Erst jetzt erkannten sie, dass sie bislang voneinander nicht einmal die Namen gewusst hatten. Aber auf den Inseln im Alltag herrschten eben andere Gesetze.

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