Wie alles begann? Nun, mein junger Freund, so will ich dir also antworten… Wir hatten geglaubt, wir wüssten doch, was passiere. Dass es nur Show sei. Brot und Spiele braucht der Mensch, um zufrieden zu sein, und da das Brot langsam auszugehen drohte, vertrieben wir uns die Zeit eben mit Spielen…

Ja, es gab sie, die großen Denker, die es hätten wissen müssen. Aber sie dachten zu viel darüber nach, was denn alles passieren könne, als dass sie die Zeit gefunden hätten, aufzuschreien. Gab die Seher, die die Zeichen zu deuten wussten. Sie wurden für Blinde gehalten, wirr durch die Luft wirbelnd. Es gab die großen Führer, die für Momente das Schicksal einer Nation, eines Kontinents in ihren Händen hielten – bevor sie jene heiße Kartoffel an den Nächsten weitergaben. Die beständigen Ja-Sager und die beständigen Nein-Sager und jene, die auch einmal nachdachten. Sie alle existierten, um uns, in uns, deutend, schreiend, berstend in der Angst, nicht gehört zu werden. Wir hatten all die Warnungen gehört, und die Warnungen vor den Warnungen, und so weiter – bis wir vor lauter Warnungen gar nicht mehr wussten, wovor und vor wem wir uns noch zu fürchten hatten. Mussten wir uns tatsächlich überhaupt fürchten?

Wir sahen uns um, hielten inne. Für einen kurzen Moment nur, inmitten der kopflosen Masse, die nur noch aus Maschinen zu bestehen schien, als wären sie nichts als Lautsprecher für das selbst gerade eben Gehörte. Und wir schlossen daraus, dass von jenen Menschen keine Gefahr auszugehen schien. Früher oder später müsste ja doch wieder die Vernunft zurückkehren. Es konnte ja nicht ewig so weitergehen, meinten wir zueinander, klopften uns auf die Schultern und lächelten uns wissend zu.

Und ein Stück weit… genossen wir die allgemeine Unruhe auch. Dieses Gefühl der Ermächtigung der Massen… es war aufregend. Warum sich nicht ein einziges Mal im Leben nicht kümmern, die Welt ihren Lauf nehmen lassen? Unbeteiligter Zuseher zu sein in einem Schauspiel, das ohnehin nicht von unserer Hand dirigiert wurde… Eine gewisse Hemmungslosigkeit hatte sich in der Bevölkerung breit gemacht, eine regelrechte Gaudi… es war eine feine Sache, mit ein paar Freunden über andere Menschen zu schimpfen, aber man hatte sich immer hüten müssen, gewisse Grenzen einzuhalten. Nun jedoch war endlich die Zeit gekommen, authentisch zu leben und zu sprechen. Dem Mann mit dem wirren Bart und der dreckigen Haut endlich mal die Meinung zu sagen. Er gehörte hier nicht hin. Basta. Hier war nur Platz für den gepflegten Mittelstand. Wie gut das tat!

Mittelstand… das war immer der Punkt gewesen, an dem man sich selbst wähnte und von dem aus man andere je nach Blickwinkel beneidete oder verachtete. Nun, da die großen Spiele von den ersten Pionieren in der Politik eröffnet worden waren, war es endlich möglich, auch hierin ehrlich zu sein. Die Spinnerten von der Straße, wozu brauchten sie ihr Brot? Womit hatten sie es verdient? Und die Reicheren, womit hatten die es verdient? Doch sicherlich nur durch Lug und Betrug, so war es nur gerecht, es ihnen wieder zu entreißen. Wir waren die modernen Robin Hoods, die einzig Gerechten. Endlich waren wir an der besten Art der Basis-Demokratie angekommen: Jeder hatte Recht. Und wenn man schnell, schlau oder stark genug war, konnte man dieses Recht auch durchsetzen. Das war doch irgendwie fair, dachten wir. Und so haben wir eben am Ende dann alle mitgemacht. Anfangs gab es noch einen Überrest von Regeln in jenem Spiel, aber bald haben die, die gut darin waren, festgestellt, dass Regeln die meiste Zeit nur im Weg sind, und irgendwann gab‘s dann eben das, was du heute als „Naturrecht“ findest: Recht entsteht, sobald du es irgendwie durchsetzen kannst.

Wir hätten es doch wissen müssen, sagst du heute, und wir werden dir sagen, nein, dass es soweit kommt, haben wir nicht geglaubt und schon gar nicht gewusst. Wenn du aber jemanden erwischt, der ehrlicher mit dir ist, so wird er dir sagen, wir haben es nicht gewusst, aber doch irgendwie gehofft. Wir freuten uns auf die Spiele, freuten uns darauf, uns um das verbliebene Brot zu prügeln. Es klang aufregender als es tagein, tagaus zu backen. Wir hatten nie erlebt, was Krieg bedeutet. Es klang zu aufregend, es nicht mal auszuprobieren, und uns war so verdammt langweilig.

Du suchst nach dem Verursacher, demjenigen, der den ersten Stein geworfen hat, dem großen Anführer, dem einen Schuldigen, der die Massen verführt hat, aber lass dich nicht von jenen blenden, die sich ängstigen, die Wahrheit anzusprechen: Wir alle haben es zugelassen, und wir alle haben mitgefiebert. Wir haben zugesehen, als die ersten Menschen verbal entmenschlicht wurden. Haben zynische geflüstert: so fängt es an, und auf die nächste Seite der „Heute“ geblättert. Haben erstaunt aufgeblickt, als in den Abendnachrichten die Meldung kam, Unbekannte hätten einen Mann unbekannter Herkunft krankenhausreif geschlagen, weil „seine Sippe“ deutsche Frauen vergewaltige, und sie insgeheim bewundert, weil sie im Gegensatz zu uns handelten. Wir haben zugesehen, als andere sich nicht mehr mit Zusehen begnügten, und als sie begannen, das Recht auch ganz offen auszuhöhlen, lächelten wir uns zynisch zu, weil wir wussten, dass ohnehin längst nur noch das Unrecht exekutiert worden war. Nun kehrte endlich eine gewisse Ehrlichkeit zurück.

Möglicherweise waren wir tatsächlich die aufgeklärteste Generation seit Anbeginn der menschlichen Geschichtsschreibung. Vielleicht war es deswegen so unvorstellbar für uns, dass am Ende niemand aufstehen würde, dem Treiben Einhalt zu gebieten. Wir alle wussten, was passierte, und wir alle wussten, dass auch alle anderen wissen mussten. Irgendjemand würde die Spiele für beendet erklären, weil ja doch alle realisieren mussten, dass sie außer Kontrolle geraten waren. Wir glaubten an eine dem Menschen innewohnende absolute Grenze.

Wir waren so naiv, mein junger Freund…

2 Replies to “#96 Eine Frage an die Sieger”

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