Es gab nun nicht mehr allzu viel zu erzählen. Immer noch kamen sie vorbei, regelmäßig, auch wenn der Besuchsrhythmus in der Regel immer mäßiger wurde.  Die Wiederholungen häuften sich, und der Neuigkeitswert nutzte sich ab. Ich habe mich heute in den weichen Stuhl fallen lassen war mittlerweile für jene, die kamen, weder eine neue noch eine wertvolle Aussage mehr. Und so hatte sie sich angewöhnt, ihre Gedanken einzuteilen in jene, die die Besucher interessieren mochten und jene, die sie für sich behielt. Eine Weile noch war sie der irrigen Vorstellung angehangen, sie würde durch ihr Schweigen Neugier oder die Sogwirkung echten Interesses erzeugen können, doch rasch hatte sie feststellen müssen, dass sie falsch gelegen war. Die Besucher waren beruhigt, sie vorzufinden, suchten oder fanden keine Zeit, auch noch in ihr nach Wertvollem zu suchen.

Es gab nicht enden wollende Tage des Schmerzes, und dann wieder rasch vergehende Tage des Schmerzes, doch der Schmerz blieb. Wurde zur Konstante, zum stillen Begleiter, der versicherte, dass man noch am Leben war. Schmerz, das war Leben. Leben war Schmerz. Leben war Leiden. Wo hatte sie das einst gelesen? Oder hatte sie den Satz einst in einem Gespräch vernommen? Ihr Erinnerungsvermögen war auch nicht mehr das, was es einst gewesen war. Manchmal brachte sie nun Personen, Zeiten und Orte durcheinander. Die Welt geriet ihr aus den Fugen, entglitt den schwindenden Kräften ihres ordnenden Geistes, wurde ihr unberechenbar. An manchen Tagen konnte sie nicht mehr beurteilen, ob es besser war, aufzustehen und sich zu bewegen, oder doch besser, einfach liegen zu bleiben. So hörte sie auf, zu urteilen.

Manchmal lachte sie auch ohne für ihre Besucher ersichtlichen Grund. Diese, höflich und konfliktscheu erzogen wie auch sie selbst einst, lachten dann zaghaft mit, um ihr einen Gefallen zu tun. Herzhaft mitzulachen, das trauten sie sich nicht. Ihre Gefühle könnten verletzt werden, wenn man ihr das Gefühl gab, sie nicht mehr ernst zu nehmen. Sie war schwer zu lesen geworden, schwer einzuschätzen, irrational. Musste wohl Schmerzen haben, dachten die Besucher, und sprachen lange und eingehend mit Ärzten und Pflegern, sie zumindest von ihren Schmerzen zu befreien, wenn sie sonst nichts für sie tun konnten.

Am nächsten Morgen wachte sie auf und schloss aus dem Datum der Zeitung auf dem Tisch, dass es ein Dienstag sein musste. Dann wiederum war sie nicht sicher, ob der letzte Besuch nicht vielleicht doch schon länger als einen Tag her war, und schloss daraus, dass sie nicht mit Sicherheit bestimmen konnte, um welchen Tag es sich handeln musste. Im Grunde war es ja einerlei, wie der jeweilige Tag „richtig“ zu benennen war. Jeder Tag war ohnehin ein Geschenk für sich. Erst dann fiel ihr auf, dass die Schmerzen verschwunden waren. Wenn Leben Schmerz war, war sie dann – umgekehrt gedacht – gestorben? Nein, das Zimmer ihrer Wohnung schien unverändert zu sein. Und doch fühlte es sich anders an – genauer gesagt fühlte es sich nicht an. Sie war taub gegenüber den Schmerzen geworden, aber auch sonst fühlte sie nicht mehr allzu viel. Wohl die Schmerzmittel. So fühlt es sich also an, wenn einem das Leben nicht mehr zugetraut wird, dachte sie amüsiert.

Die Besucher traten ein, wirkten zufrieden. Sprachen über die Segnungen der Medizin, die den Schmerz besiegt hatten und den Tod ein Stück erträglicher scheinen ließen. Sprachen miteinander, an ihr vorbei in den Raum, waren anwesend und ihr doch verschlossen. Pflichttreu an ihrer Seite, wie es sich für Angehörige gehörte, damit niemand ihnen vorwerfen konnte, sie zu vernachlässigen. Stellten ihr Fragen wie Sind die Schmerzen besser?, worauf sie nur leise lachte. Was sollte sie auch antworten? Es war kein Raum in ihnen für das, was sie zu sagen hatte. Sie waren gekommen, um zu geben, nicht um mitzunehmen. Wollten ihr ein Stück Leben bringen hier in jenen kleinen Raum voller Schmerzen, den sie – so völlig unverstanden – ihr „Leben“ zu nennen pflegte. Als die Besucher sie verlassen hatten, gingen sie leichteren Schrittes, unbeschwerter, froh, ihrer Pflicht genüge getan zu haben und jenen Ort zu verlassen zu dürfen, der ihnen stets seltsam schwer, gewichtig erschien.

Auch zu empfangen: das hatten sie – wie es so üblich war – am Ende nicht gewagt.

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