An einem Punkt in der Geschichte, nicht allzu fern von hier in Raum und Zeit, da war es bei den Menschen üblich, auf den beständigen Fortschritt aller Dinge zu achten. Sie dekorierten ihre Wohnungen noch schöner, verfeinerten ihre Kochkünste, lernten eine weitere Sprache oder produzierten neue Dinge – kurz: sie waren kultiviert genug, sich stets weiterzuentwickeln. Früher noch, erzählten sie sich gegenseitig, da hätte es so eine fulminante Entwicklung noch nicht gegeben. Aber ausgehend von einigen besonders schlauen Menschen, die den anderen den immerwährenden Fortschritt gebracht hatten, war nun endlich klar geworden, dass es jedermanns heilige Pflicht sei, stetig voranzuschreiten in eine leuchtende Zukunft.

Die Menschen waren stolz darauf, den Fortschritt zu verkörpern, und versuchten sich gegenseitig darin zu übertrumpfen, wer denn nun rascher in seinem Leben voranzuschreiten vermochte. Die Verlierer in jenem Wettlauf wurden ausgelacht, erst freundlich-wohlwollend, um sie zu ermuntern, dann jedoch auch abwertend-gehässig, weil man keine Zeit mehr fand, sich noch mit irgendwelchen Begründungen zu beschäftigen und gleichzeitig für den eigenen Fortschritt zu sorgen.

Was die Menschen nicht bedacht hatten: auf diese Art und Weise bewegten sich alle immer rascher, so dass es immer schwieriger wurde, mit der geforderten Geschwindigkeit mitzukommen. Diejenigen, die es dennoch vermochten, waren nun allgemein als „Elite“ der Gesellschaft anerkannt, diejenigen, die den – allzu schwächelnden – Rest mit ihrem Einsatz über Wasser hielten. Irgendwann jedoch spürten selbst Mitglieder der Elite, dass sie von all dem Fortschritt ermüdeten. „So kann das nicht weitergehen!“, schimpften sie alsbald, und verlangten, die Segnungen ihres Fortschritts nicht mehr mit anderen teilen zu müssen. Diejenigen, die sich nur langsamer fortbewegen konnten, wurden von ihnen nun nicht mehr mitgeschleift, waren auf sich gestellt.

Die Mitglieder der immer noch mit rasanter Geschwindigkeit fortschreitenden Elite wunderten sich irgendwann, dass ihnen ihre Nicht-Mitglieder immer noch langsamer erschienen, obwohl sie selbst bereits langsam an der Grenze des Machbaren angelangt waren und sich nicht mehr merklich in ihrer Geschwindigkeit steigern konnten, soviel sie sich auch bemühten. „Vielleicht nähern wir uns der Lichtgeschwindigkeit?“, fragten sie sich und hielten die Verlangsamung der anderen für ein Phänomen der Relativitätstheorie.

Eines Tages jedoch sahen sie etwas seit Jahrzehnten Unerhörtes: jemand stand still. Aufgrund ihres raschen Voranschreitens war es der Elite jedoch nicht möglich, das Phänomen eingehend zu untersuchen, und so passierten sie es nur verwundert. In den folgenden Tagen, Wochen, Monaten und Jahren verbreitete sich die völlig unverständliche Sitte des Stillstehens überall. Der Elite wurden diese im Fortschritt innehaltenden Gestalten beinahe unheimlich. Eines Tages wurde es einem elitären Mitglied dann doch zu dumm und es hielt ebenfalls inne, um die in ihm brennende Frage zu stellen:
„Was machst du da? Warum bleibst du einfach stehen, obwohl du doch gute Beine hast, um voranzuschreiten? Welche Krankheit hat dich befallen?“
Der Mann vor ihm, er mochte um die sechzig sein, lächelte ihn freundlich an.
„Auch du hast inngehalten und dir Zeit geschaffen. Nun können wir reden.“
„Sprich, Alter: wie kann ich dir helfen?“
„Mir helfen?“, lachte der Mann, „ich denke, ich habe dich gerade ‚angesteckt‘ mit meiner vermeintlichen Krankheit! Oder stehst du nicht gerade ebenso still wie ich selbst?“
Erschrocken realisierte das Mitglied der Elite, dass der Mann Recht hatte.
„Du hast Recht! Was soll ich nun tun?“
„Na, lauf doch weiter! Das machst du doch auch sonst die ganze Zeit!“
„Ja aber wohin denn? Da habe ich vorher noch nie nachgedacht, und jetzt bin ich auch krank und muss mich mit solchen Fragen herumschlagen! Du hast mich angesteckt!“
„Oder bleib einfach mal eine Weile hier bei mir stehen – jetzt, wo du aufgehört hast zu rennen, ist es ohnehin schon egal, ob du gleich oder in ein paar Minuten weiterhetzt.“
Das klang ihm irgendwie einleuchtend. Außerdem fühlte er zum ersten Mal seit langer Zeit, wie schrecklich müde er sich eigentlich fühlte. Er ließ sich neben dem Alten nieder.
„Was machst du eigentlich, wenn du den ganzen Tag hier stehst?“, fragte er ihn, „Willst du denn nicht die Welt sehen, sie weiterentwickeln, etwas schaffen?“
Der Alte lächelte nur geheimnisvoll. Nun wurde er wirklich müde, und bevor er es selbst bemerkte, war er auch schon eingeschlafen.

Als er erwachte, saß der Alte neben ihm. Er richtete sich auf, und plötzlich sah er, was der Andere sah: ein gewaltiges Summen und Brummen und sich Wiegen und Wachsen und Vergehen, alles in einer jener letzten kleinen Fleckchen Wiese, die der Fortschritt noch nicht ausradiert und durch effizientere Alternativen ersetzt hatte.
„Ja, mein lieber, wir Menschen sind nicht die einzigen, die schaffen und zerstören“, meinte der Alte lächelnd, „und nicht immer schaffen wir dabei die schönsten Werke.“
Als er sich umsah, zum ersten Mal seit Jahren so richtig umsah, erkannte er, was der Alte meinte – was waren all die architektonischen Meisterleistungen moderner Architektur gegen die Wunder jener winzigen Blumenwiese? Was war all sein Fortschritt wert, wenn er nie innehielt, um Zeit für diese Wunder zu erübrigen, Zeit für Gespräche wie jenes? Als er sich aufrichtete, um sich weiterzubewegen, realisierte er, dass er nun das Bedürfnis hatte, sich auch in die richtige Richtung zu bewegen, in der richtigen Geschwindigkeit. Erwartungsvoll sah er den Alten an. Mit Sicherheit konnte jener helfen.

„Nein, mein Lieber, das werde ich nicht tun. Diese Welt hält schon genug ‚Führer‘ für dich bereit, die dich überallhin führen, nur nicht dorthin, wo du in Wirklichkeit hinmusst. Deinen Weg musst du dir schon selbst finden.“
„Aber wie kann ich erkennen, dass ich auf dem richtigen Weg bin?“, fragte er verzweifelt.
„Es gibt keinen allgemein richtigen Weg. Hör auf zu suchen, sonst wirst du ihn nicht finden. Gehe irgendeinen Weg, es ist am Ende einerlei, aber akzeptiere, was dich auf ihm erwartet. Dann wird er zu deinem Weg. Das ist alles, was ich dir sagen werde.“

Mit diesen Worten schritt der Alte gemächlich auf eines der architektonischen Meisterwerke zu, holte eine löchrige Decke aus einem nicht auf den ersten Blick ersichtlichen Versteck und legte sich gemütlich in den Schatten. Als er es dem Alten gleichtun wollte, sah ihn jener tadelnd an.
„Zuerst der Geschichte vom Fortschritt verfallen und dann der meinen!“
„Aber du hast eben vorher gesagt, ich kann mir irgendeinen Weg wählen, es sei einerlei. Ich kann also auch wählen, dir zu folgen.“
Der Alte seufzte, richtete sich auf, nahm eine herumliegende Eisenstange, holte aus und schlug nach ihm. Gerade noch konnte er ausweichen.
„Spinnst du, Alter?“
Jener deutete ihm nur wortlos auf die Fensterscheibe des Gebäudes. Als er den Blick dorthin wandte, erschrak er. Sein Gesicht wirkte verfallen, und seine Körperhaltung war jene eines alten Mannes geworden.
„Du willst also doch leben?“, fragte ihn mit einem Blitzen in den Augen der Alte, „Dann fang endlich damit an, anstatt Irrlichtern nachzueifern! Ich für meinen Teil gehe jetzt.“

Es war für ihn wenig überraschend, als sich der Alte in Luft aufzulösen schien und immer mehr verblasste, bis nichts mehr von ihm übrig war als die löchrige Decke. Er nahm sie an sich, legte sie sich um die Schultern und betrachtete sich noch lange in der spiegelnden Glasfassade des Gebäudes. Ja, er war alt geworden, hatte tiefe Furchen davongetragen, aber nun, jene Furchen betrachtend, begann er, sich zu erinnern, sie einzuordnen in ein größeres Ganzes, ein Leben – sein Leben. Später richtete er sich auf, gähnte herzhaft und spazierte zu jenem Überbleibsel einer Wiese zurück, wo er sich am Wunder des Lebens nährte. Dann nahm er die Decke, wissend, dass sie ihn an jedem Ort der Welt wärmen würde, und ging – endlich – seines Weges.

Manchmal ging es voran, oftmals zurück, dann wieder am Ziel vorbei, aber es war ihm einerlei. Auch als die Decke schließlich in ihre Einzelteile verfiel und ihn nicht mehr wärmen konnte, war es ihm Recht. Er hatte ein Feuer, einen Sommer in seinem Herzen entdeckt, dessen Erinerung ihn auch durch die kälteren Jahreszeiten seines Lebens führte. Und als der Alte ihn eines Tages freundlich grüßte, war er nicht überrascht.
„Wie war’s?“, fragte der Alte, mit ehrlichem Interesse.
„Sehr lebendig“, antwortete er, glücklich über die Fülle seiner Existenz und darüber, jene Antwort geben zu können.
“Das freut mich aber!”, sagte der Alte. “Ich habe damals ein bisschen gelogen“, gestand dieser ihm zwinkernd, „es gibt doch einen Ort, an dem der Weg aller Menschen sie eines Tages führen muss. Es ist nicht unbedingt das, was die meisten Menschen ‘Fortschritt’ nennen würden. Aber andererseits wäre das Wort auch wiederum ganz passend.“
„Ich weiß“, antwortete er, „Gehen wir nach Hause. Begleitest du mich ein Stück?“
“Immer”, sagte der Tod.

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