Abends, gegen neun, an der Donaulände, mit den Fingern über die Saiten streichelnd, sanfte Schwingungen in die windstille Luft zaubernd. Würde ich ihn abweisen, ihn, der mich – etwas schüchtern – bittet, sich zu mir setzen zu dürfen, nichts mehr von mir und meinesgleichen erwartend? Ob ich denn etwas gegen Syrer habe, fragt er, einen Rest Körperspannung aufrechterhaltend, gerade genug, sich im Notfall rasch außer Reichweite zu bringen, sich dann erleichtert neben mir niederlassend, als ich verneine und ihn verwundert ansehe. Schlechte Erfahrungen graben tiefe Gräben. Lehren Misstrauen.

Er beginnt zu erzählen, immer wieder unterbrochen durch die bange Frage, ob er mich belästigen würde, um dann erleichtert fortzufahren. Erzählt von seiner Familie, seinem Sohn, den Prüfungen Allahs in diesem ihm so fremden Land, die ihm das Herz schwer werden lassen. Den letzten Rest des Geldes habe er zusammengekratzt, um irgendwie hier anzukommen – nun muss er tagtäglich darum kämpfen, die siebzehn Euro für die Übernachtung in Traun zusammenzukratzen. Er hofft auf eine Arbeit, irgendeine Art von Arbeit, putzen, kochen, egal. Fürchtet, die siebzehn Euro eines Tages nicht zusammenzubringen. Die Unterkunft bietet ohnehin kaum mehr als einen Unterschlupf: kein Strom, immerhin jedoch fließendes Wasser. Ohne Unterkunft ist es schwer, Körperhygiene aufrechtzuerhalten, und ohne Hygiene kein Job. Ohne die Aussicht auf einen Job keine Hoffnung.

Immer wieder kontrolliert er auf seinem Smartphone die Uhrzeit, bittet mich um eine Kontrollmessung. Ab 21:00 darf er sein Fasten brechen, die Überreste der Mahlzeit eines freundlichen Herrn, der sie ihm vor einigen Stunden überlassen hat, essen. Es sind nur wenige Bissen und er ist ein kräftiger junger Mann, trotzdem bietet er mir an, mit ihm zu speisen. Ich nehme nach einigem höflichen Hin- und Her ein Stück Ente und lasse ihm den Rest, möchte nicht, dass er an seiner Großherzigkeit verhungert. Unangenehm drängt sich die Erkenntnis auf, dass ich ungleich ihm jederzeit nach Hause gehen kann, wo ein voller Kühlschrank, ein warmes Bett und freundliche Menschen auf mich warten. Trotz der unübersehbaren Unterschiede unserer Lebenssituationen bewahrt er ein erstaunliches Ausmaß von Würde. Für einige wenige Stunden verblasst die materielle Wirklichkeit, und wir begegnen uns in einer Tiefe, wie sie nur im Vergänglichen erfahrbar wird.

Er sei enttäuscht von der Gesellschaft hier, erzählt er. In seiner Heimat werde niemand, der an die Tür einer Moschee klopft und hungrig um Hilfe bittet, abgewiesen. Hier in Linz hat er im Umkreis von einem Kilometer an sechs Kirchen geklopft – in manchen Fällen blieben die Türen verschlossen, in anderen wurde er beschimpft, er solle sich wegscheren. Man muss nicht Deutsch können, um Abneigung zu verstehen. Ich erzähle ihm, die Kirchen hier in Linz seien schon etwas älter, stammen aus anderen Zeiten. Sein Gesichtsausdruck sagt mir, dass er bereits Ähnliches vermutet hat. Das Gesetz der Gastfreundschaft seiner Heimat wurde hier längst privatisiert, auf den jeweils anderen projiziert, bis es von der Regel zur Ausnahme einer neuen Regel der Selbstbezogenheit wurde. Doch im Grunde, so führt er weiter aus, brauche er die Gesellschaft und ihre „Segnungen“ auch gar nicht. Ein Stück Land, auf dem er in Frieden mit seiner Familie wohnen und es bebauen könne, das wäre sein Traum.

Dafür jedoch brauche er als ersten Schritt die 18 Euro für ein Zugticket nach Wien, die er sich stückweise jeden Tag zusammensparen will. Dort in Wien wohnt ein weiterer Syrer, ein Jugendfreund, der sich mit einem Kebabladen selbstständig gemacht habe. Dort könne er sicherlich arbeiten, im Notfall schwarz, da er keine Dokumente bei sich hat. Ich mache ihn darauf aufmerksam, dass diese Art von Abhängigkeitsverhältnis für ihn gefährlich werden könnte, aber er winkt ab, es sei ein Jugendfreund, in Syrien sei das anders. Ich sehe, dass es möglicherweise die letzte Hoffnung ist, an die er sich klammert. Ich gebe ihm das Geld für die Zugfahrt, spürend, dass es ihn Überwindung kosten wird zu fahren, die letzte Hoffnung einem Realitätscheck zu unterziehen.

Es ist kühl geworden, und dämmrig, er macht sich auf, den letzten Zug nach Traun zu erwischen. Ich schenke ihm meine Jacke, die ich vor Jahren auf Reisen gekauft habe und die mich seither begleitet hat. Mir wird nicht kalt werden, und ich möchte, dass er die Wärme unserer Begegnung weiter spüren kann. Sie soll sein Herz wärmen, wenn die Umgebung es nicht vermag. Er mag naiv sein, aber er wirkt mir wie ein herzensguter Mensch. Er erklärt mir eine islamische Verabschiedungsformel, wir umarmen uns, und er geht aus meinem Leben.

Mein rationaler Verstand weiß, dass es eine Grenze des Möglichen gibt, und dass diese Grenze gewahrt werden muss. Doch wenn wir einem Menschen tatsächlich als Menschen begegnen… Ich ahne, warum wir zu unserem eigenen Schutz versuchen, Menschen wie ihn bereits an fernen Grenzen aufzuhalten, sie gesichtslose Nummern bleiben zu lassen. Und doch… hat die Begegnung Spuren hinterlassen, hat berührt, hat beschenkt, hat einen Namen und ein Gesicht.

Assalam Alaikum, Daniel.

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