Vor ein paar Wochen habe ich meinen Bruder gesucht, der mittlerweile zwei kleine Kinder hat, die jüngere der beiden ist knapp 1,5 Jahre alt. Während ich mit dem Älteren spielte, löffelte die Jüngere an einem Fruchtzwergbecher, bis ihr der Löffel aus der Hand rutschte. Ich hörte das Geräusch des fallenden Löffels, gab ihr den Löffel zurück in die Hand und spielte weiter mit dem Älteren. Kurz darauf wieder das Geräusch des fallenden Löffels. Ich ging wieder zurück zu ihr, gab ihr den Löffel wiederum zurück und wartete ein paar Sekunden. Klirr. Löffel am Boden, und sie mich aufmerksam betrachtend, wohl darauf wartend, dass der Löffel wieder zurückkäme, schließlich hatte es ja bereits mehrmals funktioniert. Aufmerksam beobachtete sie mich, wie ich den Löffel in den Geschirrspüler brachte und spielte weiter mit ihren eigenen Händen.

Die Geschichte mit dem Löffel beschreibt für mich sehr gut, wie schon sehr kleine Kinder die „Naturgesetze“ der Welt erlernen. Sie erkennen Regelmäßigkeiten, Muster. Es wird hell, es wird dunkel, immer wieder. Sie schreien, Mama kommt, immer wieder. Lange bevor Babys ihre ersten Worte verstehen geschweige denn aussprechen können, verstehen sie Regelmäßigkeiten und Muster. Meine kleine Nichte hat womöglich noch keinen Begriff „Tag“, aber sie hat den Tag-Nacht-Zyklus oft genug erlebt um zu wissen, dass es nach dem Dunkelwerden wieder heller wird. Da Babys und kleine Kinder noch nicht so gut mit komplexen Zusammenhängen umgehen können, sind ihre Vorstellungen von Mustern oft noch sehr rudimentär und dadurch vielleicht auch objektiv falsch. Aber sie erkennen, speichern und wieder-erkennen Muster. Die Begriffe „Tag“ oder „Mama“ erhalten im Geist des Kindes erst dann einen Sinn, wenn das Muster „Mama“ oder „Tag“ soweit gefestigt ist, dass es stabil ist.

Eine Dehnbarkeit der Begriffe wird erst ermöglicht durch die zunehmende Fähigkeit, Komplexität intern abzubilden. So ist „Mama“ vielleicht erst eine sehr konkrete und unverwechselbare Kombination aus Aussehen, Geruch usw., während Jahre später der Begriff „Mama“ durchaus vielseitig verwendbar wird: auch für die Mütter anderer Kinder, wenn es zwei Mamas gibt (vielleicht eine „richtige“ und eine Stiefmutter). Je nachdem wie leistungsfähig der Geist eines Kindes ist, komplexe Muster intern abzubilden und wiederzuerkennen, desto weniger ist es auch angewiesen auf feste Rituale. Ein sehr junges Kind wird möglicherweise sehr davon profitieren, wenn seine Umwelt für ihn eher einfach gehalten wird, sei es in Bezug auf Gegenstände, Anforderungen oder Rituale. Ein älteres Kind kann tendenziell leichter mit Ambiguität, also Unwissenheit/Unkontrolliertheit umgehen. Ich schreibe bewusst „tendenziell“, weil ich nicht der Ansicht bin, dass es sich um fixe Gegebenheiten handelt. Vielmehr glaube ich, dass es sich um eine Fähigkeit handelt, mit (äußerer) Komplexität intern umzugehen, die sich – wie jede Fähigkeit – auch fördern und trainieren lässt.

Wie bei der Herausbildung jeder Fähigkeit ist das Lernen von Reflexion ein Prozess, der in Extremformen beider Seiten einer Skala nur mangelhaft vorangeht. Überfordere ich ein Kind zu stark, kann dies den Lernprozess ebenso stoppen wie eine Unterforderung. Gesellschaftlich betrachtet geschieht interessanterweise wohl gerade beides auf einmal. Einerseits halte ich gewisse Praktiken an Schulen für eine massive Unterforderung auf dem Gebiet der Selbst-Reflexion und damit weitergehend auch Selbst-Steuerung. Andererseits sind viele Kinder in sehr jungem Alter einem massiven Ansturm an Eindrücken ausgesetzt, die nicht nur in der Masse, sondern auch in ihrer Intention problematisch sein können: Ein Kind, das schon in jungem Alter stundenlang vor dem Fernseher sitzt und die – auf Kinder zugeschnittene – Werbung mit sieht, muss ein enormes Maß an Selbstreflexion und –Kontrolle aufweisen, um nicht manipuliert zu werden, etwas unbedingt zu wollen. Nur ein Beispiel: die Lego Star Wars Serie, deren Figuren es natürlich auch zu kaufen gibt.

Können kleine Kinder nun reflektieren?

Aber zurück zur Eingangsfrage: können kleine Kinder nun schon reflektieren? Ich glaube, man kann den Beginn der „wirklichen“ Reflexion dort ansetzen, wo das Kind den Zusammenhang zwischen seinem Willen und seinem Körper herzustellen beginnt. Ganz kleine Kinder erkennen ja – so sagt man – anfangs den Unterschied zwischen ihnen und der „äußeren“ Welt noch nicht. Ich habe mich oft gefragt, wie und wann denn diese Erkenntnis zustande kommt, und ich stelle mir das so vor, dass ein Kind vielleicht erst einmal alles sehr passiv wahrnimmt. Es spürt einen Windhauch oder einen Kuss von der Mutter, seine Hand kommt ins Gesichtsfeld, es spürt Hunger, es spürt, dass es eingenässt hat, alles „passiert ihm“. In diesem passiven Wahrnehmen erkennt es trotzdem bereits die ersten Muster wie Tag/Nacht oder Müdigkeit/Schlafen. Irgendwann erkennen sie plötzlich ein Muster zwischen ihrem Willen und der Bewegung ihrer Hände, Füße, ihrem Mund oder ihrer Augenlider, und dass sie dieses Muster selbst wiederholen können. Vielleicht ist diese Erkenntnis sogar bei der Geburt schon angelegt, ich weiß es nicht. Auf jeden Fall halte ich sie für die Grundlage der Reflexion, weil sie es mir ermöglicht, zu experimentieren.

Im eingangs erwähnten Beispiel hatte meine Nichte wohl nicht die Intention, mich zu nerven – sie war dabei, Gesetzmäßigkeiten zu erforschen. Immerhin hatte ich zwei Mal hintereinander den Löffel aufgehoben nachdem sie ihn fallen gelassen hatte – das könnte ein Muster sein! Später erfuhr ich von meinem Bruder, dass sie dasselbe Muster bei ihm entdeckt und dann an allen möglichen Menschen ausprobiert hatte, sich freuend, wie gut es funktionierte. Im Grunde wendet sie damit die beinahe wissenschaftliche Methode des kontrollierten Experiments an. Auf einer sehr rudimentären Ebene, aber dennoch.

Was daran jedoch das wirklich Interessante ist, ist dass Schüler untereinander und bei Lehrern ständig nichts Anderes machen: sie experimentieren, um Gesetzmäßigkeiten herauszufinden. Wenn sie einen nerven, um die Grenzen zu finden, wie man sagt, forschen sie nach der Komplexität im Anderen. Als Erwachsener kann ich ihnen dieses Forschen nun erleichtern indem ich auf Regelübertretungen stets gleich und prompt reagiere, oder es ihnen erschweren, indem ich flexibel auf Situationen reagiere, wobei beide Zugänge Vor- und Nachteile haben. Zweiteres kann die Fähigkeit zur inneren Abbildung von Komplexität überfordern, fördert sie jedoch gleichzeitig auch. Ersteres kann für Kinder leichter nachvollziehbar (und damit abbildbar) sein, ist jedoch dort, wo echte Emotionen beim Erwachsenen hochkommen, schwerer umzusetzen und führt zu einer gewissen Un-Authentizität und „Flachheit“ der Begegnung.

Die Fähigkeit zu reflektieren ist jene Fähigkeit, die uns Menschen zu solch spannenden „Experimentierfelder“ für Kinder wie Erwachsene macht. Einen Tisch und was ich damit machen kann habe ich vielleicht irgendwann so halbwegs erschöpfend erforscht, aber ein Mensch ist fähig, sich und seine Verhaltensweisen zu verändern und bleibt somit – im besten Fall – interessant. Hätte ich den Löffel auch beim 15. Mal noch hochgehoben wäre es für meine Nichte irgendwann langweilig geworden, ich wäre genügend „erforscht“ gewesen und sie hätte ebenso aufgehört. So habe ich den Löffel weggeräumt (und war wahrscheinlich auch langweilig, weil das mein Bruder wohl auch schon gemacht hat). Hätte ich den Löffel beim dritten Mal in die Luft geworfen und „Yehaa!“ gerufen und das immer beim dritten Mal, hätte meine Nichte wohl irgendwann geglaubt, ich „funktioniere“ wirklich so (oder: der ist ja seltsam!).

Reflexion: Wer ist mir wichtig?

Es gibt nun einen Bereich, in dem Reflexion sehr wertvoll sein kann, und der ist jener der Konfliktbewältigung. Vor allem kleine Kinder bewegen sich für sich betrachtet ja oft in einem sehr wertfreien Raum – das einzige Kriterium, das sie kennen, ist Reaktion oder keine Reaktion der Umwelt, und dabei noch ob diese Reaktion dem Kind selbst eher Freude oder eher Schmerzen bereitet. Das bedeutet konkret, dass eine Art der primitiven Reflexion für ein Kind bedeuten kann, sich ein Muster in der Art von „wenn ich X mache, bekomme ich Probleme mit Y“ zu merken, z.B. wenn ein Kind von der Lehrerin geschimpft wird, weil es ungefragt aufgestanden und herumgegangen ist. Die Lehrerin ist in diesem Fall deswegen wichtig, weil ihre Reaktion eine negative Auswirkung auf das Kind hat, die es vermeiden möchte, aber nicht unbedingt als Person mit ihren Gefühlen selbst. In diesem Fall ist der Fokus des Kindes auf sein eigenes Wohlergehen gerichtet und nicht auf das der Lehrerin. Die Reflexion ist nur insofern komplex, inwieweit das Verhalten bzw. Reaktionsmuster der Lehrerin nicht einfach einzuschätzen ist.

Anders hingegen ist es, wenn das Wohlergehen der Person an sich wichtig wird. Diese Art der Reflexion ist erstmal vor allem in Abhängigkeitsverhältnissen (Kind-Eltern, Kind-Lehrerin, Arbeiter-Arbeitgeber) verbreitet, weitet sich später dann allerdings aus auf Freundeskreise usw., von deren Wohlwollen man zwar immer noch indirekt, nicht aber mehr direkt abhängig ist, bis hin zu Menschen im Allgemeinen oder bis hin zu Tieren und Pflanzen – hier findet dann eine abstrakte Wertung anhand persönlicher Werte statt. Letztere stehen eher am Ende der Reflexionsentwicklung der Kinder, entstehen aber nicht im reflexionsfreien Raum sondern eher als Konsequenz der Fähigkeit, immer komplexere Muster aus der äußeren Welt innerlich abzubilden.

Abschließendes

Ich kann gut mit der wissenschaftlichen Feststellung leben, dass es ein gewisses Durchschnittsalter gibt, mit dem Kinder üblicherweise sichtbar anfangen zu reflektieren. Nichtsdestotrotz habe ich nun bereits mehrere Kinder beobachtet, die in einem viel früheren Alter sehr reflektiert waren – ich spreche hier von etwa sechs Jahren und tatsächlichen Wert-Urteilen anhand von den Kindern definierter Werte. In vielen Fällen handelte es sich um Kinder aus Familien, in denen eher chaotischere Zustände herrschten, der erlernte Umgang mit Komplexität für diese Kinder also ein Stück weit auch Überlebensstrategie und unter der Durchlebung vieler Frusterfahrungen erkämpft sein könnte – man kann nun darüber streiten, ob dies langfristig gut oder schlecht für jene Kinder sei.

Ich glaube, am Ende kommt es wie immer aufs einzelne Kind an – manche profitieren enorm davon, schon früh eine hohe Reflexionsfähigkeit entwickelt zu haben, andere eher davon, in ihrer Wahrnehmung noch mehr passiv und damit auch direkter, vielleicht auch offener zu verbleiben. Ich selbst leide hierbei ein Stück weit unter dem, was man in der Wissenschaft einen”Bias” nennt: ich reflektiere selbst leidenschaftlich gerne, sei es mit mir selbst oder mit Hilfe von anderen, und kann daher in der Frage, was besser ist, nicht ganz neutral bleiben. Das bezieht sich jedoch hauptsächlich auf die Frage, wie chaotisch ein Umfeld für Kinder im Idealfall sein sollte, um komplexes Denken zu fördern ohne zu überfordern. Ob ich mit einem Kind reflektiere, kommt für mich eher darauf an, ob ein Kind darauf anspricht. Reflektiert es mit mir, helfe ich ihm dabei, scheint es überfordert oder unwillig, lasse ich es – unabhängig vom Alter.

Niklas

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