Gestern hatte ich mich ein wenig in der Zeit verrechnet und war etwa eine halbe Stunde zu früh in der Linzer Landstrasse angekommen. Die normale Reaktion auf diese Tatsache wäre vermutlich gewesen, eines der zahlreichen Geschäfte aufzusuchen, sich einen Kaffee zu genehmigen, eine Zigarette anzuzünden, eine der überall herumflatternden Gratis-Zeitungen aufzuschlagen oder – besonders gut vorbereitet – eine intelligente Lektüre aus meinem Rucksack zu holen und die Zeit in der Schärfung meines überlegenen Geistes effektiv zu nutzen. Aber wer will schon normal sein? Ich setzte mich also zu einigen der die Landstrasse säumenden Punks, die gerade dabei waren, einige Passanten um einige Münzen anzuschnorren, und versuchte etwas über ihr Leben herauszufinden, das dem meinen so verschieden zu sein schien.

Zu meiner Überraschung erzählte mir einer von ihnen, dass sie gestern – was dem Durchschnitt entsprach – in drei Stunden etwa 60 Euro zusammengeschnorrt hatten – es reichte für einen vollen Magen, das eine oder andere Bier und hin und wieder auch ein wenig Gras. Wo sie denn wohnten, fragte ich etwas schüchtern, nicht wissend, ob die Frage so passend sei, worauf mir geantwortet wurde, dass sie eben leerstehende Häuser besetzten, solange sich niemand darüber aufregte. Des Öfteren würde ihnen die Polizei einen Besuch abstatten, manchmal müssten sie eben weiterziehen, aber bei ihrer derzeitigen Unterkunft, die sie mit einigen Kollegen teilten, wurden sie bisher nur aufgefordert, sich doch ein wenig um den bereits etwas verwildernden Garten besser zu kümmern.

Linzer Kekse

Mein Gesprächspartner zeigte mir eine Mahnung, die sein Kollege letztlich bekommen hatte, in der er aufgefordert wurde, 100 Euro zu zahlen oder ersatzweise 46 Stunden ins Gefängnis zu gehen, wegen des für mich absurd erscheinenden Vergehens der „Nutzung der Strasse für nicht-verkehrstechnische Zwecke“, exakter (tatsächlich so im Brief vorzufinden) ausformuliert als das unerhörte Blockieren einer Strasse mit ganzen fünf Rucksäcken und zwei Hunden. Ich hatte sie in einer Nische neben einer Kircheneingangstür sitzend angetroffen, und in keiner erkennlichen Weise störten sie irgendwelchen Verkehr. Manche neuen Mitarbeiter der Stadtwache seien eben etwas übermotiviert, meinte er achselzuckend, die meisten würden ihnen nur sagen, sie sollen in einer halben Stunde verschwunden sein, ohne weitere Probleme zu machen.

Wirklich absurd wurde es später, als ich sie fragte, warum sie nicht etwa jonglieren, Musik oder andere Kunst vortragen würden, weil es wohl die Akzeptanz steigern würde. Augenscheinlich ist Strassenkunst in Linz noch weniger geachtet als simples Betteln. Er könne Jonglieren, aber nach einigen Zusammenstössen mit der Stadtwache habe er erkannt, dass es sicherer sei, sich aufs Schnorren zurückzubesinnen. Diese absurden Regelungen für Strassenkunst gehören echt schnellstens mal überarbeitet, wie ich finde.

Träume der Strasse

Später erzählte er mir noch von seinem Traum, ein veganisches Restaurant aufzumachen, und dass er nächste Woche mit einem Freund eine eventuell geeignete Farm dazu besuchen wollte, die sie bei Eignung mieten wollten, um die für das Restaurant nötigen Nahrungsmittel selbst anbauen zu können. Dieser so offene und frei heraus über sich sprechende Mensch widersprach in eklatanter Art und Weise dem Bild, dem die Allgemeinheit von so wild und zerzaust aussehenden Punks haben mag. Freundin und Kind einige Kilometer von hier, ein Hund als Gefährte und grosse Träume, keine Spur von Aggressivität und, wie ich an einer zufälligen Begegnung mit einigen ihrer ungarischen Gefährten erleben durfte – auch weder ängstlich, verschlossen noch aggressiv gegenüber Ausländern.

Aus irgendeinem Grund scheint es einen Zusammenhang zu geben zwischen dem Leben auf der Strasse, einem öffentlichen Leben, wie es Punks, Obdachlose und Strassenkünstler oft gemeinsam haben, einer geheimnisvollen Offenheit und Ehrlichkeit, von der wir Unnahbaren, wir unberührbaren Passanten in unserer gespielten Selbstsicherheit so einiges lernen können. Zwischen all den alkoholisierten und eingerauchten, sich selbst längst aufgegebenen Seelen, die wir oft hinter ihren Fassaden vermuten, finden sich nicht selten der eine oder andere Meister, der uns in seiner Art, sein Leben zu leben, die Augen zu öffnen vermag.

Aggressives Betteln, das wollen wir ja alle nicht, heisst es dann, und Bettelverbot her, und ein Ende der Armut, oder sehn wollmas zumindest nicht müssen. Eine Aggression, die darin besteht, zu existieren, Armut zu verkörpern, ein Anders-Sein zu verkörpern, bedroht das Bild von der heilen Welt, bedroht das Bild, dass zwar irgendwo weit weg Kinder verhungern aber wir Österreicher, weil wir einfach so toll sind, da drüber stehen, uns das nichts angeht, wir eh nichts tun können. Zu weit weg. Böse Konzerne und Diktatoren, keine Chance. Augen zu, Augen zusammenpressen, und durch. Wir, die wir uns für so erwachsen halten, glauben wir wirklich noch, Leid, das Andere, höre auf, zu existieren, wenn wir die Augen vor ihm verschliessen? Die Monster unter dem Bett sind nicht die Punks am Strassenrand.

Es sind die Ängste der Passanten, die an ihnen vorbeiflüchten.

Niklas

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