Nun, seit Mittwoch dieser Woche ist es nun beschlossene Sache: ich werde Österreich, meine Heimat vieler Jahre, in einigen Wochen verlassen, um in den Norden Deutschlands zu ziehen, um dort an einer freien Schule zu arbeiten.

Ein weiteres Wunder

Es war mein Traum der letzten Jahre, an einer freien Schule zu arbeiten (oder einst eine zu gründen), an der ich das, woran ich glaube, auch tatsächlich umsetzen kann, seit vor vielen Jahren zum ersten Mal die Bücher großer Pädagogen wie Paulo Freire in meine Hände fielen. Und nun, nach all den ungezählten Irrwegen und Rückschlägen, aber auch wunderbaren Momenten, fühle ich mich, als würde nun all das, wofür ich die letzten Jahre gearbeitet und oft auch gekämpft habe, tatsächlich greifbar werden. Als ich vor knapp zweieinhalb Jahren nicht von meiner fixen Ideen abweichen wollte, ein Jahr nach Brasilien zu gehen, und mich weder das Fehlen einer Partner-Universität noch andere bürokratische und emotionale Hürden davon abhalten konnte, hatte ich schon einmal die Erfahrung gemacht, dass der Wille, wenn er denn aus dem Herzen kommt, Wunder bewirken kann.

Und nun, knapp ein Jahr nach meiner Rückkehr aus Brasilien, sitze ich ein wenig fassungslos vor meinem Computer und versuche, zu realisieren, welch weiteres Wunder mir da gewährt wurde, und wo wohl die Grenzen des menschenmöglichen noch liegen könnten. Ich wollte immer (Mit-)Gestalter dieser Welt sein und nicht bloß ausführende Lehr-Kraft, doch kann es noch Zufall sein, dass die Schule, an der ich arbeiten werde, nicht nur offen für pädagogische Experimente ist, sondern auch noch in den Ferien umzieht und damit auch von den Räumlichkeiten entsprechend offen für Wünsche sein wird? Dass ich beim Musik machen in den Straßen Kiels jemanden kennenlernte, der mich zu seinem Geburtstag einlud und mir dort jemanden vorstellte, der mir so nebenbei anbot, doch bei ihm in der WG einzuziehen – genau, als ich es brauchte?

Bevor ich nach Brasilien ging, fühlte ich mich auf seltsame Art und Weise ermächtigt, auserwählt für eine große Aufgabe und eine große Verantwortung. Ich habe mich dort kaum jemals gefürchtet, selbst als einige meiner Freunde regelmäßig ausgeraubt wurden oder ich in brenzlige Situationen kam – ich hatte das Gefühl, das mir nichts passieren würde, weil ich in dieser Welt noch eine Mission zu erfüllen hatte. Nach meiner Rückkehr verlor ich diesen unerschütterlichen Glauben leider ein wenig, dementsprechend wurden es auch einige harte Monate für mich, in denen ich viele Rückschläge einstecken durfte. Nun ist – bestärkt durch viele positive Erfahrungen der letzten Wochen – mein Glaube an meinen Auftrag zurückgekehrt, und mit ihm die Zuversicht, ihn auch erfüllen zu können: zu helfen, unser Bildungssystem weiterzuentwickeln.

Warum nicht ein schönes Leben machen?

Auch wenn sich mein Umzug nach Deutschland innerlich sehr richtig anfühlt, weiß ich nun aufgrund meiner Brasilien-Erfahrung, wie schwer es sein kann, manche Menschen, die mir wichtig sind, für längere Zeit nicht zu sehen. Andererseits habe ich auch die Erfahrung gemacht, dass es ein schönes Gefühl sein kann, jemanden zu vermissen: es bedeutet, dass einem diese Person wichtig ist. Eine Freundin hat mich gefragt, warum ich mir nicht lieber eine gemütliche Wohnung in Linz suche, dort für 1-2 Jahre in einem Hort arbeite, bis ich hier eine Stelle als Lehrer bekommen kann, wie es eben die meisten machen? Warum ich mir da die Arbeit mache, extra 1000km umzuziehen und alleine für die Rundreisen im Vorfeld der Jobsuche da Hunderte von Euros auszugeben? Warum ich mich nicht einfach den Anforderungen der Schule, an der ich gearbeitet habe, gefügt habe, den Blog vom Netz genommen und eben Unterricht nach Vorschrift gemacht habe?

Wahrscheinlich hätte ich so ein geruhsameres und einfacheres Leben haben können, hätte einen engeren Kontakt zu vielen meiner Freunde hier aufrechterhalten können – aber es hätte sich nicht richtig angefühlt. Nach Kiel zu ziehen fühlt sich wie der nächste notwendige Schritt meiner (selbst?)erwählten Mission an, und solange ich diesem inneren Ruf folge, werden offensichtlich auch unbezwingbar erscheinende Hindernisse überwindbar. Und auch wenn es immer wieder harte Rückschläge gibt, führt mich mein Weg über die Jahre betrachtet doch stetig weiter dorthin, wo ich augenscheinlich einst sein muss. Oder vielmehr, wo jemand einst sein muss, um eine Entwicklung anzustoßen, die ich noch kaum einschätzen kann.

Ich habe, um ehrlich zu sein, meine Schwierigkeiten, an einen Gott zu glauben, wie er von diversen Weltkirchen gerne ausgelegt wird. Aber irgendwoher muss diese innere Ruhe, die ich an manchen Tagen in mir fühle und die dann auch Berge versetzen kann, herkommen. Irgendwas unglaublich Mächtiges existiert da in mir (und wohl in einem jeden von uns), und ich bin neugierig, wohin es mich noch führen mag.

Ein Abschied

Nun habe ich knapp 4,5 Jahre in Linz gelebt (unterbrochen durch ein Jahr Brasilien), und diese Stadt und ihre Bewohner (auch oder gerade weil sie gerne wegen völlig Irrelevantem herumgranteln) doch in dieser Zeit auch sehr liebgewonnen. Es ist wohl wirklich das Ende einer Ära für mich, und der Beginn einer neuen, aufregenden Zeit. Ich hoffe, zumindest einige der liebenswürdigen Menschen, die meine Wege über die letzten Jahre begleitet haben, auch über diesen Wandel hinweg an meiner Seite (zumindest in Gedanken) zu wissen, auch wenn mir klar ist, dass sich mit der Zeit Menschen auch auseinanderentwickeln.

An alle, die das hier lesen können (und vielleicht sagt ihrs denen weiter, die es nicht selbst lesen und die trotzdem gemeint sind): ich bin dankbar für all die Momente, die wir miteinander verbracht haben. Jene, in denen wir gemeinsam Tränen gelacht, aber auch jene, in denen wir gemeinsam oder einsam Tränen der Trauer oder der Wut vergossen haben. All diese Augenblicke haben uns zu dem gemacht, was wir heute sind, und ich habe das Glück, hier und jetzt sagen zu können, dass ich nach all dieser Zeit nicht nur für viele andere Menschen, sondern auch gegenüber mir selbst eine zärtliche Liebe zu empfinden vermag. Selbst, wenn man dies nicht immer in dem, was ich sage oder tue, erkennen mag:

Ich hab euch lieb, Leute, und ich werde euch saumäßig vermissen. Ich denke oft an euch und hoffe, dass es euch gut geht und auch ihr eurem inneren Ruf immer wieder folgen könnt. Und irgendwann, wenn wir uns wiedersehen, freue ich mich auf die Geschichten, die wir uns und unseren Kindern dann von unseren Abenteuern auf der Reise erzählen können.

Niklas

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