Als ich vor zwei Wochen, völlig fertig nach zahlreichen Stunden in Flugzeugen, endlich in Stadl-Paura bei meinem Vater ankam, besuchte mich unter anderem mein älterer Bruder mit seinem kleinen Sohn, der das Licht der Welt erblickte, während ich in Brasilien versuchte, Sinn in den damals scheinbar unzusammenhängenden Gesprächen der Brasilianer zu erkennen. Unsere erste Begegnung führte zu einem weinenden kleinem Neffen und einem verunsicherten Onkel. Waren es meine langen Haare? Meine Müdigkeit? Oder doch etwas Tieferliegendes? Obwohl sich mein Bruder sichtlich bemühte, diese ersten Unsicherheiten zwischen uns zu überbrücken, wollte es nicht gelingen.

Heute fand unsere zweite Begegnung statt, und vieles lief anders. Auch heute gab es Situationen, in denen der Kleine in Tränen ausbrach, aber er traute sich, auf meinem Schoss zu sitzen, liess sich sogar von mir füttern, spielte etwas mit mir und schien sich im Allgemeinen nicht mehr gross vor mir zu fürchten. Als ich ihn in seinem Stehen stützte und dabei fast unbewusst eine Melodie summte, fing er an, seine Hüften mitzuschwingen. Der kleine scheint wie ich bereits Gefallen an Pink Floyd zu finden.

Es mag skurril klingen, aber ich hatte Angst vor ihm gehabt. Angst, etwas falsch zu machen, ihn zum Weinen zu bringen, Unglück zu bereiten. Dieser kleine Mann in seiner Unfertigkeit und Schutzlosigkeit löst in mir ein solch tiefes Gefühl von Ehrfurcht aus, verunsichert mich in seiner eklatanten Unterlegenheit an Macht.

Lange Zeit hatte ich geglaubt, kleine Kinder hätten eben manchmal Angst vor mir und würden diese Angst später, mit fortschreitendem Alter, eben überwinden. Vermutlich bin in Wahrheit ich es, der Angst vor ihnen hat und sie bei Kindern in fortschreitendem Alter zu überwinden vermag. Augenscheinlich habe ich Schwierigkeiten damit, auf rein nonverbale Art und Weise (da kleine Kinder mit Sprache oft noch nicht umzugehen wissen) das auszudrücken, was mir mit Hilfe der Sprache gut gelingt: ich freue mich, dass du da bist, und du brauchst vor mir keine Angst zu haben.

Natürlich wäre es vermutlich unsinnig, mein eigenes Verhalten als einzigen Einflussfaktor für die Reaktion eines kleinen Kindes anzusehen, bereits eine rasche Bewegung, ein unerwartetes Geräusch kann sie verunsichern und zum Weinen bringen. Kleinere Kinder scheinen ein starkes Bedürfnis nach Sicherheit zu verspüren, und diese gefühlte Sicherheit hat viele Widersacher. Eine von vielen Quellen dieser Sicherheit sein zu können, erscheint mir ein lohnendes Ziel für mich zu sein. Dieses Bedürfnis nach Sicherheit scheint umso ausgeprägter zu sein, je jünger und unerfahrener das Kind ist (irgendwie logisch, weil die Häufigkeit neuer, potentiell verunsichernder Erfahrungen mit jeder gemachten Erfahrung abnimmt).

Kleine Kinder, die der verbalen Sprache noch nicht mächtig sind, sind abhängig von den nonverbalen Signalen, die sie aufnehmen. Wenn wir davon ausgehen, dass unser Körper ständig neben verbalen auch nonverbale Signale aussendet, so wird es Sinn machen, uns dieser Signale vor allem im Umgang mit kleinen Kindern bewusst zu machen. Ich zeige vermutlich immer noch unbewusst, dass mich der Umgang mit meinem Neffen verunsichert – und werde damit selbst zu einer Quelle der Unsicherheit.

Als mir dies bewusst wurde, versuchte ich, meine innere Unsicherheit abzuschwächen, indem ich meine Ängste meinem Bruder mitteilte, anstatt sie weiter unterdrücken zu wollen, und fing an, den Kleinen offener zu begegnen. Vieles ist neu für mich, vieles werde ich falsch machen, aber die Angst schwindet Stück für Stück und weicht einer Neugierde, einer Freude über ein Lächeln und einem Mitfühlen einer jeden Träne, wissend, dass auch ohne mich das Eine in ewigem Kreislauf aufs Andere folgen wird.

Und welch Glück es bedeutet, Teil dieses jungen Lebens sein zu dürfen.

Niklas

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