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Da lag er nun. Am Boden, unfähig, sich wieder aufzurichten, unfähig, um Hilfe zu rufen, unfähig, auch nur irgendetwas zu tun. Er hörte das sanfte Schnarchen seiner Frau im Nebenzimmer, die sich längst daran gewöhnt hatte, dass er nachts oft ins Badezimmer ging. Die Tür hatte er verschlossen, um sie nicht zu wecken, und tatsächlich hatte nicht einmal sein schwerer Fall ihren Schlaf stören können. Da lag er nun, und spürte, dass er sterben würde.

Schon lange hatte ihn ein leichtes Stechen in der Brust geplagt, aber das war in seinem Alter eben normal, hatte er sich eingeredet. Gestresst wäre er, hatte der Doktor gemeint, er solle sich ein wenig zurücknehmen mit all der Arbeit. Aber was wusste der schon? Nun war er ohnehin bald alt genug, in Pension zu gehen, und dann, endlich, würde er all das tun können, von dem er sein ganzes Leben lang geträumt hatte. Die paar Jährchen würden auch nicht mehr viel kaputt machen können. Und nun, einige Monate später, lag er hier auf diesem verdammten Boden, dessen Kälte ihn auf seltsame Art wie ein passendes Sinnbild seines baldigen Todes erschien.

Eine große Reise hatten sie machen wollen. Afrika! Den schwarzen Kontinent erforschen, und endlich einmal sorglos sein, nach all den Jahren harter Arbeit im gemeinsamen Geschäft. All die Jahre hatten sie auf alles andere verzichtet und für den Moment gespart, an dem sie die große Reise antreten würden. Hatten die billigsten Produkte gekauft und oft darunter gelitten, hatten Einladungen von Freunden ausgeschlagen, wenn sie dadurch Geld sparen konnten und aus demselben Grund selten Freunde zu sich eingeladen. Während alte Bekannte Häuser bauten, heirateten und Kinder bekamen, blieben sie ihrem alten Traum treu. Eines Tages Afrika! Und nun, Monate vor der geplanten Reise, lag er hier auf dem Boden und fragte sich, ob er nicht vielleicht doch so mancher Einladung besser gefolgt wäre.

Gestritten hatten sie sich auch, und oft ging es dabei um Geld, doch irgendwann hatten sie es aufgegeben, sich zu streiten. Sie sparten beide bereits so eisern, dass das Verhalten des Anderen kaum mehr Kritik zuließ. Vor allem aber waren sie sich irgendwann zu gleichgültig geworden, um noch zu streiten. Martha, dachte er verblüfft, ich weiß kaum mehr, wie du aussiehst! Und vermutlich geht es dir ebenso mit mir. Wenn du morgen aufwachst und mich hier am Boden liegend findest, wirst du wohl traurig sein, dass dir da jemand deinen Morgen durcheinanderbringt. Aber würdest du mich überhaupt noch erkennen? Was hätten wir in dem verdammten Afrika überhaupt gemacht?

Und dann hörte er doch Martha’s Schritte, das Öffnen der Badezimmertür. Sie schien kaum überrascht, ihn so zu sehen. So endet es also, meinte sie nur, und ob er Schmerzen habe. Schmerzen habe er kaum, antwortete er mit schwerer Stimme, aber die Frage quäle ihn, ob sie nicht ihr Leben verschwendet hätten, wo zumindest seines doch wohl bald zu Ende sein werde. Sie zuckte die Achseln. Afrika sei ihr schon lange egal gewesen, der Traum war zu alt, zu ausgeträumt geworden. Aber auch sie selbst hatte sich schon zu alt gefühlt, einen neuen Traum zu träumen, und so war sie eben in der Routine verharrt, an die sie sich nach all den Jahrzehnten gewöhnt hatte.

Und während er seine Kräfte schwinden spürte, spürte er auch, wie der Widerstand gegen eine Erkenntnis, die er so viele Jahre unterdrückt hatte, schwand. Er hatte immer von einem Morgen geträumt, obwohl alles, was er hätte haben können, ein Heute gewesen war. Seine alte Martha wollte ihn noch beruhigen. Doch als sein alter, toter Körper langsam zu erkalten begann, kam ihr in den Sinn, dass sie nicht im selben Boot saßen. Sie war am Leben. Und zum ersten Mal, beim Anblick ihres verstorbenen Mannes, erkannte sie, welch ungeheure Verantwortung dies bedeutete.

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