Im Folgenden eine Situation, die ich vor einigen Tagen in einer Klasse beobachten konnte:

Ein Sesselkreis wurde von der Lehrerin einberufen. Alle Kinder nehmen ihre Stühle und setzen sich. Die Lehrerin weist die Kinder an, „Mein rechter Platz ist leer“ zu spielen, woraufhin einige Kinder in Begeisterungsstürme verfallen. Manche Kinder haben Schwierigkeiten zu bestimmen, wo rechts und wo links ist, woraufhin die Lehrerin durchgeht und den Kindern die Hand zum Gruß gibt – „die Gruß-Hand ist die rechte Hand“. Ein Kind wird unruhig, schaukelt mit dem Stuhl, fängt an, mit dem Nachbarkind zu flüstern. Erste Ermahnung. Nach einer Weile beginnt das Spiel erneut, eine weitere Ermahnung. Dann wird es der Lehrerin zu bunt, und sie trennt die tratschenden Kinder voneinander. Zwei weitere Kinder, die noch nie „dran“ waren, reden miteinander, woraufhin die Lehrerin die Kinder auffordert, mal die Kinder dranzunehmen, die noch nie dran waren. Einige Sitzplätze werden von der Lehrerin vertauscht, „weil es nicht funktioniert, dass Kind X und Kind Y zusammensitzen“. Einige Zeit später, alle waren dran, bricht die Lehrerin das Spiel ab, und die Kinder können auf ihre Plätze zurückgehen.

Frage: Warum wurden die Kinder unruhig? Warum störten sie den Ablauf?

Die Antwort ist in Wahrheit natürlich erheblich vielschichtiger, als es sich in einem Artikel darstellen lässt. Die Gruppendynamik mag eine Rolle spielen. Die biographische Vorgeschichte. Zufällige Begebenheiten an dem Tag. Aber den Großteil dieser Dinge können wir als Lehrer weder kontrollieren noch beeinflussen. Es ist interessant, diese Gründe zu wissen, aber sie helfen uns im Regelfall nicht, etwas an der jeweiligen Situation zu verändern. Was wir jedoch verändern können, ist unser eigenes Verhalten. Und obwohl es in der beschriebenen Situation ein bzw. mehrere Schüler sind, die „stören“, liegen auch viele Umstände vor, die dieses „Stören“ begünstigen, die wir als Erwachsene durchaus in der Hand haben. Um dies zu verstehen, müssen wir uns in die Rolle des Schülers hineinversetzen.

Wie denkt ein Schüler? Wie nimmt er wahr?

Das erste, was für unser Verständnis seines Verhaltens (und was wir dazu beitragen) wichtig ist, ist, dass vor allem jüngere Kinder noch einen sehr direkten Zugang zu ihren Bedürfnissen haben. Dies bedeutet nicht unbedingt, dass ihnen diese Bedürfnisse tatsächlich bewusst sind und sie sie auch ausdrücken können, aber es bedeutet, dass sie Schwierigkeiten haben, den Impuls, der aus ihren Bedürfnissen erwächst, zu kontrollieren. Ein Kind, das auf die Toilette muss, muss auf die Toilette. Nach Möglichkeit jetzt sofort, damit es kein Unglück gibt. Ebenso „muss“ ein Kind, das den Impuls verspürt, seinem Freund etwas zu erzählen, diesem Impuls möglichst sofort folgen. Gerade kleinere Kinder haben oft auch noch kein gut entwickeltes Verständnis oder – noch wichtiger – Gespür für Zeit. Die Aussicht, etwas erst „später“ tun zu können, was aber jetzt wichtig erscheint, ist ihnen noch un-vorstellbar, entzeiht sich noch ihre Vorstellungsvermögen.

Die zweite Einsicht, die uns weiterhelfen kann, ist jene, dass Menschen diese Welt sehr unterschiedlich wahrnehmen – und dass vor allem jüngeren Kinder diese Vorstellung noch sehr fremd ist. Das ist kein Wunder, haben ja auch Erwachsene meist noch Schwierigkeiten, dies zu akzeptieren. Es wirkt auf Kindern oft völlig klar, dass ihre Bedürfnisse auch dem Anderen – z.B. von der Lehrerin – offensichtlich sein müssen. Wenn jemand ihre Bedürfnisse dann missversteht oder gar nicht wahrnimmt, können sie dies als Unfähigkeit zu Führen oder – noch schlimmer – böse Absicht interpretieren. Ersteres führt zur Hinterfragung der Autorität desjenigen, der die Rolle des Führenden gerade einnimmt, und dem Versuch, die eigene Autonomie wiederherzustellen. Zweiteres zu mehr oder weniger offenem Hass, teilweise auch zu Gewalt.

Zurück zu unserem Kind aus dem Beispiel oben. Es wurde von der Lehrerin gemeinsam mit seinen Mitschülern in den Sesselkreis geschickt. Nun befindet er sich in einer Situation, in der die Lehrerin klar die Führungsrolle übernimmt, indem sie die Regeln des Spiels definiert hat. Eine Weile mag das Spiel sogar (mehr oder weniger geplant) seinen Bedürfnissen soweit entsprechen, dass er sich auch gut darauf einlassen kann. „Mein rechter Platz ist leer“, vor allem mit vielen Kindern gespielt, bündelt jedoch nur jeweils die Aufmerksamkeit von jeweils 2-3 Kindern, die gerade „dran“ sind. Die anderen können eigentlich nur warten, bis sie auch als aktive Mitspieler ausgewählt werden. Nach einiger Zeit des Ruhig-Sitzens meldet sich das Bedürfnis nach Bewegung zurück. Möglicherweise ist das Kind noch nicht sehr erfahren darin, seine Impulse zu kontrollieren, und schaukelt mit dem Stuhl. Er wird ermahnt, doch still zu sein, fühlt sich und seine Bedürfnisse nicht wahrgenommen.

Und nun kommen wir zu einem interessanten Phänomen. In dieser Situation hat der Schüler keine für ihn wahrnehmbare Möglichkeit, auf legalem Weg eine Lösung zu finden. Er darf den Sesselkreis nicht einfach so verlassen, um für sich selbst zu sorgen. Seine Impulse sind jedoch auch zu stark oder seine Impulskontrolle noch zu schwach, um sie einfach zu unterdrücken, bis die Lehrerin ihn aus der Situation „erlöst“ hat, weil das Spiel ihrer Ansicht nach zu Ende ist. Und weil er nun vor einem Problem steht und diejenige in der Führungsrolle nicht einmal das Problem anerkannt hat, versucht er nun, selbst Lösungen zu finden, die ihren Bedingungen teilweise widersprechen können. Leise dem Stuhl zu wippen kann eine Möglichkeit sein, einen Impuls auszuleben, ohne die anderen zu stören. Mit dem Nachbarn flüstern ebenso. Es kann auch eine Lösung sein, so viel Druck auf die Lehrerin auszuüben, bis sie ihn als Bestrafung aus der Situation entfernen „muss“. Der Preis dafür ist, die Wertewelt der Lehrerin zu verlassen und die jeweiligen (negativen) Konsequenzen tragen zu müssen.

Die Freiheit schwarzer Schafe

Was auf den ersten Blick nicht intuitiv erscheinen mag: in manchen Fällen ist es zur Erfüllung der eigenen Bedürfnisse eines Schülers der einfachere (und effektivere) Weg, der Klassenclown oder das schwarze Schaf zu sein, als ein Musterschüler. Der Tagesablauf in vielen Klassen ist ja in Wahrheit aus der Sicht der Schüler von Willkür geprägt, und ist ziemlich unberechenbar. Wie viel % der Schüler an einer durchschnittlichen Schule wissen tatsächlich im Vorhinein, was die Frau Lehrerin an jedem Tag der Woche mit ihnen machen will? Je nach Beliebtheit der Lehrerin wird diese Willkür wohl eher als Ausgeliefertsein (negativ) oder als Überraschung (positiv) erlebt. Aber es bleibt in den meisten Fällen relativ willkürlich – und das bedeutet, dass große Teile des Tagesablaufes für die Schüler unberechenbar und damit kaum kontrollierbar sind. Wenn ich als Schüler jedoch die Erfahrung gemacht habe, dass ich einen Sitzkreis, bei dem ich feststelle, dass er meinen Bedürfnissen massiv widerspricht, verlassen kann, indem ich die Wertewelt der Lehrerin durchbreche, kann ich plötzlich einen Teil meines Tages kontrollieren. „Schlimm“ zu sein schafft damit Freiheiten, die „brav“ zu sein nicht bietet.

Man mag nun argumentieren, dass das ja langfristig ziemlich dumm von den Schülern ist, weil sich mit der Zeit ein gewisser Ruf einschleicht, bis zu gesellschaftlich akzeptierten Wertungen wie dem sonderpädagogischem Förderbedarf und weitere. Aber erstens existiert eine Art gesellschaftlicher Konsens, der es ächtet, Schüler unterschiedlich zu behandeln, „nur weil man sie nicht mag“. In vielen Fällen führt das dazu, dass von der Klassenlehrerin als „negativ“ erlebte Verhaltensweisen keine kurzfristigen Konsequenzen haben bzw. diese Konsequenzen zwar angedroht werden, aber in der Praxis nicht umgesetzt werden (können). Hier herrscht ebenso oft Willkür vor, weil es zwar meist Klassenregeln, aber keine definierten Konsequenzen gibt, was dazu führt, dass die in der Situation willkürlich angedrohten Konsequenzen sich in der Praxis dann oft als schwer oder gar undurchführbar herausstellen.

Natürlich schleichen sich gewisse langfristige Bewertungen als „schwarzes Schaf“ dann doch irgendwann ein. Aber bis es so weit ist, vergeht oft eine lange Zeit. Das ist dann ein Stück weit wie in der Geschichte, dass das Wasser, in dem ein Frosch sitzt, so langsam erwärmt wurde, dass er gar nicht gemerkt hat, dass er gekocht wird. Wie eingangs erwähnt, haben vor allem kleinere Kinder oft noch Schwierigkeiten, langfristige Prozesse zu durchschauen. Und wenn sich der Ruf, ein “schwarzes Schaf” zu sein, über Jahre aufgebaut hat und die Konsequenzen doch spürbar werden, ist es dann oft gar nicht mehr so einfach, als Schüler oder selbst als Lehrer etwas dagegen zu unternehmen, weil die Fronten abgesteckt und eingefahren sind.

Anders handeln

Was könnte man als Erwachsener, der in einer Situation die Führung übernommen hat, nun tun, um Kindern die Vorteile des abweichenden Verhaltens zu bieten, ohne sie Monate oder Jahre später mit den langfristigen Konsequenzen zu überrumpeln, die ihnen zwar angedroht wurden, aber von denen sie sich keinen Begriff machen konnten (einem 13-jährigen zu erzählen, er würde keine Arbeit finden, wenn er so weitermache, wird ihm nicht viel sagen, bevor er nicht erlebt hat, was es heißt, Arbeit zu haben – bzw. noch wichtiger: Arbeit zu wollen und zu brauchen, aber nicht zu finden)? Die konkreten Antworten werden jeweils individuell zu finden sein. Nichtsdestotrotz halte ich es durchaus für möglich, Vorschläge für grundlegende Lösungskriterien zu denken.

Eine ganz grundsätzliche Lösung könnte die Einführung eines Grundprinzips sein, dass wir an meiner alten Schule eingeführt haben: (beinahe) alles, was an der Schule angeboten wird, bleibt ein Angebot (Eine Ausnahme war das Lösungskomitee. Hier war man – wie bei Gericht – verpflichtet, zu erscheinen, wenn man selbst Betroffener war. Selten gab es auch Pflicht-Schulversammlungen). Obwohl der Initiator bestimmen kann (und soll), welche Regeln für das Angebot gelten, darf er nicht verhindern, dass man als Besucher ein Angebot verlässt (man darf jedoch z.B. Regeln aufstellen, nach denen ein erneutes Besuchen nach vorzeitigem Verlassen untersagt ist). Dies hat den Vorteil, dass es in der Verantwortung der Besucher liegt, in jedem Moment zu entscheiden, ob sie es schaffen, dem Angebot weiter beizuwohnen. Und dass für alle Beteiligten auch klar ist, dass es einen offiziell erlaubten Weg gibt, das Angebot zu verlassen. Es ist nicht notwendig, gegen den Initiator zu sein oder gar anzukämpfen, um das Angebot zu verlassen. Damit existiert ein yem>legaler Weg.

Eine zweite, sehr simple Lösung ist es, Möglichkeiten einzuführen, seine Bedürfnisse so zu äußern, dass sie von der Initiativperson auch gehört werden (und diese anhand der neuen Information entscheiden kann, ob Änderungen des Gesamtangebots möglich bzw. sinnvoll sind. Dies setzt allerdings eine gewisse Flexibilität voraus, was Vor- und Nachteile bieten kann. Einerseits macht es die tatsächliche Situation nur bedingt planbar, andererseits erspart es in vielen Fällen auch eine allzu detaillierte Feinplanung. Auch hier wird es sinnvoll sein, die erste Lösung, die Möglichkeit, jederzeit zu gehen, zusätzlich einzuführen, wenn geäußerte Bedürfnisse gerade nicht sinnvoll erfüllt werden können, aber trotzdem für jemanden wichtig sind.

Kinder als kleine Erwachsene

Dem Ganzen liegt ein Grundgedanke zugrunde, der angewendet auf Kinder möglicherweise auf den ersten Blick befremdlich wirkt, aber bei Erwachsenen bewusst oder unbewusst ständig am Wirken ist. Ein Erwachsener wird als jemand angesehen, der seine Bedürfnisse selbst erfüllen kann. Nachdem er das in vielen Fällen nicht alleine kann, unterwirft er sich in solchen Situationen freiwillig der Führung anderer, denen er vertraut, das gut zu machen. Aber er wählt. Er wählt, ob er überhaupt die Erfüllung seiner Bedürfnisse jemand anderem anvertraut. Er wählt, wer ihn führen soll. Und er wählt die Konditionen dieser Führung. Das gleiche Prinzip lässt sich grundsätzlich auch auf Kinder anwenden. Die Verantwortung für die Erfüllung ihrer Bedürfnisse liegt grundsätzlich bei ihnen. Aber wenn sie es für richtig halten, können sie diese Verantwortung für eine Weile „auslagern“. Um sinnvoll entscheiden zu können, müssen sie jedoch (wie jeder Erwachsene auch) wissen, was sie ungefähr erwartet, und die Chance haben, bei Fehlentscheidungen zu korrigieren, eben z.B. in der Form der Möglichkeit, das Angebot zu verlassen.

In unserem eingangs erwähnten Beispiel wäre es beispielsweise möglich gewesen, den Kindern vor Einberufung des Sesselkreises zu sagen, dass im hinteren Bereich der Klasse jetzt „Mein rechter Platz ist leer“ gespielt werden wird. Im Idealfall auch noch, warum, welchen Sinn das in den Augen der Lehrerin hat (der tiefere Sinn der aus Sicht der Kinder willkürlichen Entscheidungen der Erwachsenen wird ja gewöhnlich sowieso überhaupt nie erwähnt, und erschließt sich eben nicht jedem Kind automatisch. Gerade die Erfahrung diese Herleitung des Handelns aus einem tieferen Sinne wäre jedoch so wichtig für die Entwicklung der Kinder). Dass jeder mitmachen könne, und dass es z.B. auch möglich sei, etwas anderes am Platz zu machen, wenn man entsprechend leise sei (plus vielleicht noch die Konsequenzen, wenn auch das nicht klappt). Dass jeder, der mitmacht, auch jederzeit gehen könne, wenn er es nicht mehr aushält, aber das so machen soll, dass die anderen weiterspielen können. Vielleicht noch (wenn von der Lehrerin gewünscht, vielleicht nach einigen Minuten), dass es auch möglich sei, Vorschläge zu machen, was man noch machen könnte (z.B. mein linker Platz ist frei, mein Schoß ist frei, andere Sesselkreisspiele – wenn man hier eingangs den Sinn der Übung erwähnt hat, hat man nun ein gutes Kriterium bei der Hand, um Vorschläge zu bewerten!). All diese Erklärungen, so umständlich sie erscheinen mögen, können helfen, negativ erlebtes abweichendes Verhalten zu minimieren.

„Negatives“ Verhalten ist (neben biographischen Gründen) meiner Ansicht nach sehr häufig darauf zurückzuführen, dass in der Organisation des sozialen Systems (in der die Klassenlehrerin häufig die Rolle der Führenden einnimmt – und damit zumindest mit-verantwortlich ist) für wichtige Bedürfnisse mancher Beteiligten kein Platz vorgesehen ist. Es mag hilfreich sein, selbst oder mit Hilfe von Freunden, Kolleginnen zu reflektieren, welche Bedürfnisse in dem sozialen System keinen Platz haben, ob es nicht doch eine Zeit und einen Ort für sie gibt oder ob das System ganz allgemein so weiterentwickelt werden kann, dass es mehr dieser Bedürfnisse erfüllen kann. Die einfachste Variante aber wird es wohl sein, einfach die Beteiligten zu fragen – in diesem Fall die Kinder.

Eine Rand-Notiz noch zum Thema Verbalisierung von Bedürfnissen: was für Erwachsene oft sehr ungewohnt und schwierig ist, ist für Kinder auch nicht unbedingt leichter. Es geht nicht nur darum, die Bedürfnisse, die ein Kind auch explizit verbalisieren kann, zu beachten, sondern auch jene, die implizit in seinem Verhalten ausgedrückt werden. Hier kann es hilfreich sein, zu raten und das Kind zu fragen, etwa „Ich habe das Gefühl, du brauchst gerade Bewegung, stimmt das?“. Wenn das Kind bejaht, kann gemeinsam eine Lösung gefunden werden. Wenn das Kind verneint, kann gemeinsam weiter „geforscht“ werden, bis eine treffendere Verbalisierung gefunden wird, falls es dem Kind wichtig ist, verstanden zu werden (auch hier kann wieder gefragt werden).

An alle, die sich durch den ganzen langen Text bis hierher durchgekämpft haben: Gratuliere! Ich hoffe, er hat geholfen, einige Perspektiven zu erweitern. Und weil ich auch an den Sinn von dem glaube, was ich schreibe, würde es mich freuen, wenn er auch mit möglichst vielen anderen Menschen geteilt wird. Kostet ja nichts außer einem Augenblick der Aufmerksamkeit.

Danke für eure Zeit,
Euer Niklas

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