Als ich letztens mit meinem Großvater zusammensaß und wir über wirtschaftliche Entwicklungen sprachen, kam das Thema darauf, welche Arten von Arbeit wohl auch in Zukunft noch das Potential hatten, den Arbeitenden ein vertretbares Einkommen zu sichern. Mein Großvater hatte selbst einst ein mittelgroßes Unternehmen im Gastronomiebereich aufgebaut, und er sorgte sich um die Gastronomen und anderen Dienstleister der Branche, die sich einem knallharten Konkurrenzkampf ausgeliefert sahen, indem zunehmend alle verlieren würden.

Natürlich handelt es sich bei all diesen Dingen um hochkomplexe Probleme, die sich kaum isoliert und heruntergebrochen betrachten lassen, ohne wichtige Komponenten auszublenden. Trotzdem glaube ich, dass einige der Überlegungen, die unser Gespräch begleiteten, auch für (angehende) Pädagogen interessant sein könnten. Immerhin geht es dabei unter anderem um die Frage, für welche Wirtschaftssituation wir unsere Schüler vorbereiten, und ob die derzeitige Sicht der Dinge auch in einigen Jahren noch zeitgemäß sein wird oder auch nur könnte.

Die Kosten, oh die Kosten…

Mein Großvater sprach also von dem enormen Kostendruck, der heutzutage auf Gastronomen, aber auch andere Dienstleister der Branche laste, verstärkt noch durch die Großen Ketten verwandter Branchen, die sich aufgrund ihrer schieren Größe oft gewisse Tricks erlauben konnten, die einem kleinen Bäcker oder Gastronom schlicht nicht zur Verfügung standen, etwa wenn ein Hofer-Supermarkt sein Brot bewusst unter dem Bäckerpreis verkauft, weil er weiß, dass die Kunden den geringen Brotpreis langfristig dadurch ausgleichen, dass sie andere Produkte gleich mitkaufen.

Dies zwingt den Bäcker dazu, entweder darauf zu vertrauen, dass seine Qualität (die von den Supermarktketten oft – oder zumindest beinahe – eingeholt werden) oder die Tradition seine Kunden an ihn bindet, oder günstiger zu produzieren. Günstiger produzieren kann beispielsweise ein Bäcker, indem er an der Qualität seiner Zutaten spart (was schlecht für die Qualität der Endprodukte ist, ein Teufelskreis). Alternativ könnte er versuchen, seine Prozesse innerhalb des Unternehmens zu optimieren, was oftmals darauf hinauslaufen wird, erfahrene (und damit teurere) Mitarbeiter abzubauen und durch Maschinen oder ungelernte Kräfte zu ersetzen – um damit wiederum eine Möglichkeit zu verlieren, sich von der Konkurrenz abzuheben.

Überforderung aller als Konsequenz des Vertrauensverlustes

Als ich meinen Großvater dann fragte, was denn eine Lösung für eben jene kleinere Betriebe sein könnte, sich gegen diese oft bedenklichen Entwicklungen zu wehren, meinte er, sich auf Dienstleistungen zu konzentrieren. Auch mit dem Aufkommen des Internets sei es heutzutage für die meisten Menschen, die sich damit ein wenig auskennen, möglich, sich ihre Produkte direkt bei den Produzenten zu bestellen, was fast zwangsläufig günstiger als die Geschäftsvariante ist, die ja Mitarbeiter und Lagerkosten bezahlen muss.

Um sich dabei jedoch auch das richtige Produkt zu bestellen, muss sich der Kunde fast zwangsläufig gut mit den zur Verfügung stehenden Produkten auskennen. Wer sich also ein neues Handy kaufen möchte und dies über das Internet tun will, wird sich die entsprechenden technischen Details und Preise ansehen müssen und Zeit aufwenden müssen, sich zu informieren – oder einfach irgendetwas kaufen, was ihn möglicherweise nicht so recht zufriedenstellt. Weitergedacht würde dies dazu führen, dass wir alle in Zukunft ein enormes Expertenwissen in den verschiedensten Bereichen aufbauen müssten, um die jeweiligen Produkte für unsere jeweiligen Bedürfnisse richtig auswählen zu können. Und genau hier, so mein Großvater, liegt eine Chance verborgen.

Denn ebenso, wie unsere Gesellschaft in der Produktion auf der Arbeitsteilung basiert, wird sie auch im Bereich der Erfahrung sinnvollerweise auch auf der Arbeitsteilung basieren. Unsere Leben sind schlichtweg zu kurz, um über alle Lebensbereiche ausreichend informiert zu sein oder ausreichende praktische Erfahrung zu sammeln, um überall gute Entscheidungen zu treffen. Menschen mit theoretischer und praktischer Erfahrung können hier den einzelnen erheblich entlasten, und diese Art von Dienstleistung, jene guter Beratung, wird wohl auch zumindest in naher Zukunft nicht von Computern übernommen werden können, weil sie auch ein Stück weit Intuition und Einfühlungsvermögen voraussetzen. Ebenso dürften laut ihm auch praktische Dienstleistungen wie beispielsweise Haare schneiden oder Massieren auch langfristig kaum von Maschinen verdrängt werden.

Urvertrauen

Was dazu zwischen dem Kunden und dem Dienstleister vonnöten ist, ist ein gewisses Maß an Vertrauen. Ein Grund, warum viele Menschen in meinem Umfeld überhaupt angefangen haben, sich im Internet über Preise und Produkte zu informieren, ist ja jener, dass sie den Geschäften nicht mehr vertrauten, ihnen die beste Beratung mit den besten Preisen und Produkten zukommen wollen zu lassen – oder dass die Mitarbeiter in den Geschäften schlicht nicht mehr die Erfahrung hatten, dies zu bewerkstelligen, weil es ungelernte und damit austauschbare Kräfte waren. Wenn jedoch ein gewisses Vertrauensverhältnis zwischen mir und einem Dienstleister besteht, so kann ich ihm vertrauensvoll mein Problem übergeben und mich von ihm zu einer Lösung führen lassen. Womit wir in der Pädagogik angekommen sind.

Vor allem in freien Schulen scheint es oft eine starke Kluft zwischen jenen Pädagogen zu geben, die den Kindern gerne völlige Freiheiten lassen würden, da sie ein starkes Vertrauen haben, dass die Kinder das schon alleine schaffen würden, und jenen, die zumindest ein dumpfes Gefühl verspüren, dass es auch wichtig sei, Kindern manche Dinge aufzutragen und Dinge von ihnen zu erwarten. In vielen Schulen wird sich, wenn die Zusammensetzung der Pädagogen stimmt, ein mehr oder weniger gesundes Mittelmaß zwischen den beiden Extremen absolute Freiheit lassen und befehlen einpendeln. Demgegenüber möchte ich das Führen setzen, und zwar im obigen Sinn.

Führen bedingt für mich ein Vertrauensverhältnis zwischen Führer und Geführtem, und ist für mich notwendigerweise ein freiwilliger Vorgang, dem sowohl Führer als auch Geführter zugestimmt haben. Er hebt sich davon vom Befehl ab der ja keineswegs auf Freiwilligkeit basiert, aber auch vom Lassen absoluter Freiwilligkeit, weil der Geführte sozusagen einen Teil seiner Freiheit freiwillig (!) und für eine bestimmte Zeit (!) aufgibt, um sie in die Hände des Führenden zu legen, im Vertrauen auf gute Führung hin zu seinem eigenen (!) Ziel. Auch wenn ich gesinnungsmäßig ursprünglich sicherlich eher vom Pol der absoluten Freiheit ausgegangen bin, halte ich es heute für absurd, Kindern die Möglichkeit nehmen zu wollen, sich Führung zu suchen, wo sie es selbst für sinnvoll halten. Einem Erwachsenen, der sich in einer fremden Stadt nicht zurechtfindet, verbieten wir ja ebenso wenig, andere um Hilfe zu bitten, warum sollten wir es bei Kindern anders halten?

Wenn sich Pädagogen nun bereit erklären, jenen Kindern Führung zu geben, die sie erbitten, so können sie ihnen auch gleichzeitig ein direktes Vorbild dafür sein, selbst einst andere zu führen – als Friseure, als Verkaufsmitarbeiter, Manager, Visionäre, was auch immer sie einst tun werden. Je nachdem, wie vorbildhaft sich die Pädagogen dabei verhalten (eben beispielsweise dabei zu bleiben, den tatsächlichen Führungsgesuchen zu entsprechen, anstatt Reden zu halten oder andere Lebensbereiche als die erbetenen ebenso dominieren zu wollen), können sie ein leuchtendes Vorbild im Führen von anderen sein.

Gute Führung

Realistischerweise wird auch der beste Pädagoge nicht in allen Lebensbereichen über das Wissen und die Erfahrung verfügen, andere gut zu führen. Schlechte, illegitime oder auch gar keine Führung führt nicht gerade zu einem Mehr an Vertrauen in das Gegenüber. Ich habe zwar auf diese Weise gelernt, sehr selbstständig zu denken und zu handeln, doch die Kehrseite war ein großes Misstrauen gegenüber Autoritätspersonen, selbst jenen, die es sicherlich nicht verdient hätten (falls einer von euch das liest: es tut mir heute ziemlich Leid, es war nicht böse gemeint).

Ich möchte meinen Kindern (und Schulkindern) gerne ermöglichen, Autoritäten (und damit auch mir) zu vertrauen, und ich glaube, dass manche Situationen, die ihnen zu viel werden, Führung notwendig machen, ebenso, wie es manchmal ein Lassen oder in Ausnahmefällen gar ein Befehlen sein wird. Die Grundvoraussetzung von all dem jedoch ist eine vertrauensvolle Beziehung, die wohl davon abhängt, ob in der jeweiligen Situation die richtige Wahl zwischen jenen drei Möglichkeiten getroffen wurde. Ich wünsche meinen (Schul-)Kindern ein gut entwickeltes Selbst-Vertrauen, aber auch, dass sie sich, wenn sie sich überfordert fühlen, vertrauensvoll an andere wenden können, sie sicher durch die Schwierigkeiten hindurchzuführen.

Niklas

Kommentar verfassen