Gestern kam ich endlich dazu, eine Idee umzusetzen, die ich schon etwa ein halbes Jahr mit mir herumtrage: ich habe mir die Menschen sichtbar gemacht, die mir wirklich wichtig sind.

kontakt-ubersicht

Schon vor vielen Jahren habe ich festgestellt, dass ich beizeiten unter einer seltsamen Aufmerksamkeits-Ausprägung leide: ich vergesse oft, wie viele wunderbare Menschen ich eigentlich kenne. Immer wieder kommt es vor, dass ich mich ziemlich einsam in der Welt fühle, obwohl ich doch in gewisser Weise mit vielen dieser Menschen verbunden bin, selbst wenn ich sie aus verschiedensten Gründen gerade nicht sehen kann. Oder ich mache mir Sorgen, mit jemandem nicht genügend Kontakt auszuleben wie er oder sie es verdient hätte, und fühle mich dann nicht mehr „berechtigt“, die Person dann zu kontaktieren, wenn ich tatsächlich Zeit und freudvolle Erwartung aufbringen kann.

Der Großteil der damit verknüpften Gedanken, Ängste und Hoffnungen sind ziemlich diffus und haben nur wenig mit der tatsächlichen Realität zu tun. Mit den meisten meiner länger bestehenden Bindungen hat sich mit der Zeit ein gewisser Rhythmus eingependelt, der den Bedingungen unserer jeweiligen Lebenswelten geschuldet ist – und für den Großteil der Betroffenen ist dies entgegen meinen diffusen Vorstellungen im Regelfall auch völlig in Ordnung so. Rationales Wissen darüber hilft allerdings nicht unbedingt sonderlich gut gegen diffuse Ängste, weswegen meine inneren Selbst-Beruhigungsversuche bisher meist nur mäßig erfolgreich waren.

Beziehung außerhalb von Gruppen

Vor allem aber gab es da viele Menschen, mit denen ich mich gefühlt enger verbunden fühlte, als ich als tatsächlichen Kontakt auslebte. Menschen, in deren Leben ich gerne mehr Teil wäre, mehr eingebunden – gleichzeitig habe ich mit den Jahren auch mein oftmals unberechenbares Innenleben kennen und schätzen gelernt und weiß, dass es mir schwer fällt, meine Verlässlichkeit auf allzu viele Beziehungen auszudehnen. Ich war nie ein Gruppen-Kontakt-Mensch. Das hat den Vorteil, dass man über Gruppendruck eher lächeln kann, aber auch den Nachteil, dass man Schwierigkeiten hat, sich wirklich zugehörig zu fühlen.

Beziehung entsteht dadurch für mich durch den „Akt der wiederkehrend Tat“, wie ich es unlängst in einem Gedicht formuliert habe, und verliert sich größtenteils durch ein Nicht-mehr-Tun. Das hat den Vorteil, dass Beziehung in jeglicher Form jederzeit von Neuem entstehen kann, dass ich selten in die Verlegenheit komme, alle Brücken zu jemandem abbrechen zu müssen, demonstrativ zwischen Beziehung und Nicht-Beziehung, zwischen Freund und Feind zu unterscheiden. Entweder fühle ich Liebe, ein Hingezogen-Sein zu jemandem oder nicht, und ich weiß mittlerweile genug über das ewige Kommen und Gehen dieser Gefühle, um üblicherweise niemanden festhalten zu müssen. Es hat eine Art ästhetische Schönheit, die Welt und den Kontakt zu ihr auf diese Art zu erleben. Es macht beizeiten aber auch sehr einsam.

Viele meiner Mitmenschen leben eher in Gruppen-Beziehungen, die sich durch Eintritts-Rituale, Gruppen-Normen wie auch Austritts-Rituale ausdrücken. Es gibt Schwellen des Kontaktes zwischen Fremder, Bekannter, Freund, guter Freund, bester Freund, Partner, zwischen One Night Stand, Friends with Benefits, Beziehungen, offenen Beziehungen und was auch immer es noch gibt an verschiedenen Definitionen – die für mein primäres Erleben eine Art von Fremdsprache darstellen. Ich habe ihr Vokabular erlernt und ich kann es situationsadäquat einsetzen, aber es wird mir nie so nah sein wie mein primäres Erleben, dass viel eher den Gezeiten in ihrem steten Wandel ähnelt denn den Fixsternen, an denen man sich orientiert.

Die Menschen, die ich will erheben

Als ich begann die Namen derjenigen niederzuschreiben, die mich in wiederkehrender Intensität durch mein Leben begleitet hatten, wurde mir bewusst, dass es mir trotz aller Wechselhaftigkeit doch möglich war, unterschiedliche Kontakt-„Stufen“ zuzuweisen. Da gab es die türkisen Post-Its mit Menschen, über deren Wiedersehen ich mich jedes Mal sehr freute, aber für die ich kaum Energie aufwand, um aktiv zu einem Treffen beizutragen. Dann andere, gelbe Post-Its für Kontakt mit Menschen, für den ich in unregelmäßigen Abständen eigene Energie aufwende, um den Kontakt nicht völlig „absterben“ zu lassen. Orange Post-Its für Menschen, an die ich normalerweise mindestens wöchentlich denke und versuche, engeren Kontakt zu halten. Rosa für jemanden, den ich mit einer an völliger Irrationalität grenzenden Macht lieben gelernt habe und der vielleicht der einzige Mensch ist, mit dem ich mir in meinem primären Erleben eine Art von Gruppen-Identität vorstellen kann.

Nachdem ich das Bild vor mir hatte, erkannte ich rasch, dass es einige Menschen gab, die gelb markiert waren, bei denen ich mir allerdings einen orangen Kontakt wünschen würde. Es waren weniger als ich ursprünglich gedacht habe (ich zwang mich, ehrlich zu mir selbst zu sein), vor allem aber schien es machbar. Nicht mehr diffus unmöglich, sondern sehr plakativ erreichbar, fast – einfach. Wie erfolgreich ich in der Umsetzung sein werde, wird die Zukunft zeigen, aber seit ich diese bildliche Darstellung angefertigt habe, halte ich es – anders als vorher – für möglich, und das halte ich für einen wichtigen ersten Schritt.

…und die Menschen, die ich fallen lassen kann

Besonders heilsam fand ich die Erkenntnis, wie viele Menschen mir im Grunde egal sind. Ich wünsche grundsätzlich allen Menschen ein wunderbares Leben, „egal“ beschreibt hier nicht, dass es mir egal ist, ob jemand leidet oder nicht. Es beschreibt die gefühlte Notwendigkeit, Verantwortung für das Leben eines anderen Menschen mit zu übernehmen. Zeit meines Lebens habe ich mich da meist eher selbst überfordert, mittlerweile nähere ich mich da wohl einem gesunderen Zugang an. Vor allem war es auch interessant herauszufinden, inwieweit der Faktor Familienmitglied für mich eine Rolle spielt, und mein Schaubild für mich selbst hat mir gezeigt, dass – wissenschaftlich gesprochen – kein wirklich signifikanter Zusammenhang zu finden war. Einige Familienmitglieder sind als Mensch für mich wahnsinnig wichtig, aber das hat mit ihrer Person zu tun, nicht mit Abstammungslinien.

Ein besonders schöner – fast poetischer – Abschluss entstand, als ich feststellte, dass eine – rosa – Person noch fehlte, mit der ich eine wichtige Beziehung führte und auf die ich regelmäßig Aufmerksamkeit aufwendete und weiter aufwenden will: mich selbst.

Von den Vorteilen der Schamlosigkeit

Ich habe deshalb ein halbes Jahr gebraucht, diese alte Idee auch in die Tat umzusetzen, weil ich mich lange dafür geschämt habe, solch ein Werkzeug überhaupt zu brauchen. In der Folge war ich oft unglücklich, fühlte mich einsam und unfähig. Gestern, heute und morgen freu(t)e ich mich auf Kontakt mit Menschen, die ich in dem diffusen Glauben, es gehe sich alles gar nicht aus, bisher nicht so oft treffen wollte wie es sich eigentlich richtig angefühlt hätte. Irgendwann, nachdem ich die Idee zaghaft mit einigen guten Freunden angesprochen hatte, habe ich dann jedoch festgestellt, dass ich mit meinem Sein und meiner Scham darüber nicht allein bin, dass – wie so oft – aus Scham nur nie jemand offen darüber spricht.

Wer es für notwendig hält nachzuschauen welche „Farbe“ er bei mir einnimmt, ist gerne eingeladen vorbeizukommen – auf eigenes Risiko. Die Wahrheit kann wie jeder weiß auch schmerzlich sein. Aber ganz im Sinne der „rosa Beziehung“ zu mir selbst schütze ich mich jetzt und in Zukunft lieber vor der Energieverschwendung, jemandem etwas vorspielen zu wollen, um seine Gefühle nicht zu verletzen, vor allem, wenn dieser jemand für mich nur ein „türkiser Kontakt“ ist oder gar nicht erst in meinem Schaubild aufscheint.

Was sind eure rosa, orangen, gelben und türkisen Kontakte? Wie passend ist euer tatsächlicher Energieeinsatz zu der Intensität der jeweiligen Bindung, die ihr mit euren Mitmenschen fühlt? Ich kann mir gut vorstellen, dass dem einen oder anderen bei der Anfertigung eines ähnlichen Schaubildes einige Überraschungen bevorstehen…

Niklas

Eine Warnung bzw. Klarstellung: ich schreibe hier ausdrücklich über private Kontakte. Mir ist natürlich klar, dass im beruflichen Umfeld üblicherweise völlig andere Regeln gelten und Konsequenzen drohen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.