Aufgrund aktueller Entwicklungen innerhalb einer Online-Community, in der ich seit gut 10 Jahren aktiv bin, habe ich mich die letzten Tage wieder einmal sehr intensiv mit der Frage beschäftigt, inwieweit Macht und damit auch potentielle Machtkämpfe mit Lernen verstrickt sind. Was in dieser Online-Community gerade sichtbar wird, ist für mich eine vereinfachte Variante dessen, was wohl auch im Schulsystem als Ganzes hinter den Kulissen abläuft.

Über die letzten Jahre habe ich viele Einzel-Initiativen in Bezug auf das Schulsystem entstehen und vergehen sehen, die rein auf das Lernen bezogen durchaus sinnvolle Aspekte hervorgehoben haben. Die meisten davon verfehlten es jedoch, die derzeitige Funktion der Schule als Machtinstrument anzuerkennen.

Auch meine eigenen Erfahrungen als Lehrer lassen sich damit besser verstehen. In meinem absoluten Fokus auf effizientes und als sinnvoll erlebtes Lernen hatte ich es versäumt, mich der Macht-Frage überhaupt zu stellen. Ohne es zu beabsichtigen (oder zu bemerken), stellte ich damit etablierte Macht-Strukturen in Frage – dass ich in Folge immer wieder Schwierigkeiten mit Vorgesetzten bekommen würde, war im Grunde die natürliche Konsequenz.

Entwicklungen in besagter Online-Community

In besagter Community ging es ursprünglich darum, Missverständnisse zwischen bestimmten Gruppen an Menschen zu vermeiden, indem man sich über subjektive Erfahrungen austauschte und voneinander lernte. Über die Jahre entwickelten sich verschiedene Sub-Gruppen, die bestimmte Zugänge für sich entdeckt hatten, aber man kam immer noch ganz gut miteinander aus, und respektierte, dass man voneinander lernen konnte. Zwischendurch wurde eine Weile lang von den Betreibern der Community sehr strikt in Konflikten eingegriffen, was zu vorschnellen Ausschlüssen von inhaltlich sehr produktiven und hilfreichen Mitgliedern führte. Als der Widerstand gegen diesen „Polizeistaat“ zunahm, wurde beschlossen, auf eine Moderation völlig zu verzichten, und auf gegenseitige Moderation der Mitglieder selbst zu setzen.

Dies funktionierte eine Weile ganz gut, bis sich mit der Zeit eine Art „Puristen“-Gruppe herausbildete. Diese behaupteten, die Community würde doch durch bestimmte Mitglieder nur gebremst und verwässert werden. Deswegen würde die Community für eventuelle Neuzugänge unattraktiver werden, weil die durchschnittliche „Qualität“ der Beiträge so gering sei. Es gäbe – „wie doch jeder wisse“ – eine Art natürlichen Verlauf des Werdeprozesses in der Community, und die „Verwässerer“ würden sich (aus Faulheit, Ignoranz, …) weigern, die nächsten notwendigen Schritte zu beschreiten. Anfangs wurden Mitglieder mit abweichenden Meinungen nur daran „erinnert“, dass der nächste Schritt – völlig unabhängig von der durch das Mitglied beschriebenen Situation – derjenige sei, den die Community-Erfahrung für diesen „Level“ vorgebe.

Später wurde jeder vom etabliertem Community-Glauben abweichender Beitrag als persönlicher Angriff auf die Gurus betrachtet und entsprechend reagiert – bis zu dem Punkt, an dem die „Freigeister“ entweder die Community verließen, sich nur noch private Nachrichten schrieben oder diejenigen, die sich immer noch trauten öffentlich zu schreiben, völlig unabhängig vom Inhalt des Geschriebenen persönlich angegriffen wurden.

Als einige dieser „Freigeister“ aufzeigen wollten, dass der Zweck der Community nie exakt definiert worden war (und damit auch schwierig objektiv festzustellen war, was „Qualität“ bzw. thematisch passend war), eskalierte die Situation weiter. Bestimmte in der Community über Jahre entstandene (und in ihrer Bedeutung Veränderungen unterworfene) Begriffe wurden als selbsterklärend und ewig wahr vorausgesetzt. Dass voneinander abweichende Lernwege zu ähnlichen Zielen führen könnten, wurde als irrige Vorstellung abgeurteilt. Den wenigen verbleibenden Freigeistern, die für sich selbst das Recht beanspruchten, von etablierten Community-Erfahrungen abweichende Wege einzuschlagen, wurde vorgeworfen, sie würden sich für etwas Besseres halten. Deswegen sei es auch gerechtfertigt, auf diese Druck auszuüben, sich entweder dem Dogma der Community zu unterwerfen, oder aber sie zu verlassen.

Wie sich der Großteil meiner Leserschaft wohl vorstellen kann, bin ich einer der direkt Betroffenen.

Lehren aus besagter Online-Community

Aus einem Ort, an dem ursprünglich viele individuelle Lernwege und Erfahrungen wertfrei ausgetauscht wurden, entwickelte sich mit der Zeit ein Ort, der über die Zwischenstation von mehreren Sub-Gruppen eine Art kollektives Geschichte entstehen ließ. Anfangs war diese kollektive Geschichte ein sehr hilfreiches Konzept, weil es eine Möglichkeit bot, die vielen verschiedenen individuellen Erfahrungen in einen größeren Kontext zu bringen.

Bald jedoch verselbstständigte sich diese kollektive Geschichte, und wurde vom wertvollen Angebot zunehmend zum „einzig richtigen“ Weg. Mitglieder, die auf alternativen Wegen zu ähnlichen Schlüssen wie jene gekommen waren, die den „einzig richtigen“ Weg gefolgt waren, wurden deskreditiert. Man solle doch bitte erstmal die vorgeschriebenen „Stufen“ durchlaufen, bevor man so reden dürfe.

Interessanterweise wuchs die Zahl jener, die sich selbst für die „Elite“ und die „Bewahrer des Wahren“ hielten, ab dem Zeitpunkt, als die Angriffe auf Andersdenkenden zunahmen, sehr rasch an. Für neue Mitglieder entstand die Möglichkeit, in sehr kurzer Zeit als Teil der „Elite“ akzeptiert zu werden, wenn sie nur ebenso predigten, was die kollektive Geschichte erzählte. Andere, ursprünglich moderatere Mitglieder, schlossen sich nun ebenso der „Elite“ an, um nicht mehr Zielscheibe der Angriffe zu sein – ein Prozess, wie er wohl auch in totalitären Systemen stattfindet.

Die Frage, die sich mir in all dem stellte, war die Folgende: aus eigener Erfahrung als Lehrer und Lernender weiß ich, dass ein einzig vorgegebener Lernweg für viele verschiedene Menschen selten die effizienteste Variante ist, um das Lernen zu fördern. Und doch wird er – in besagter Online-Community mit „besserem Lernen“ begründet. Die einzig sinnvolle Erklärung, die mir für dieses Phänomen einfällt, ist die folgende: Es geht dabei um Macht, und „Lernen“ ist die vorgeschobene Begründung und Rechtfertigung dafür.

Machtstrukturen und Lernen: Die Funktion von Prüfungen

Eine grundlegende Funktion der Schule in unserer Gesellschaft, über die kaum gesprochen wird, ist jene, junge Menschen daran zu gewöhnen, dass nur ein Teil von dem, was sie lernen, gesellschaftlich betrachtet „wertvoll“ ist – und dass dieser „wertvolle“ Teil ihnen von außen verliehen wird, und nicht aus ihnen selbst kommt. Um diesen Wert verliehen zu bekommen, müssen sie sich diesem Außen fügen, und den Erwartungen dieses Außen entsprechen. Diese Funktion erfüllen unter Anderem Prüfungen.

Anders als viele Bildungsinitiativen halte ich Prüfungen und ihre Funktion nicht für an sich schlecht, wenn sie in ihrer konstruktiven Variante der Türöffner-Prüfung umgesetzt werden. Dies bedeutet, dass eine Prüfung:

  • Verschiedene Lernwege zum Bestehen hin ermöglicht
  • Freiwillig abzulegen ist (niemand wird dazu gezwungen)
    • Prüfer wählt Zeitpunkt (aus verschiedenen möglichen Terminen)
    • Prüfer hat Vorteile bei Bestehen der Prüfung (deswegen „Türöffner“-Prüfung)
  • Gleichwertig wiederholbar ist (das beste Ergebnis zählt)
  • Vorhersehbar ist (eine Vorbereitung nach individuell passendem Lernweg ist möglich)
  • Objektiv beurteilt wird

Eine Prüfung, die diese Kriterien erfüllt, erfüllt für mich eine gesellschaftlich sinnvolle Funktion, weil sie die Voraussetzung für gesellschaftlich anerkannte Berechtigungen sein kann. Das klassische Beispiel ist der Führerschein. Man muss ihn nicht machen, aber es hat Vorteile, es zu tun.

In der Schule jedoch herrscht üblicherweise eine andere Art von Prüfung vor, die jene Kriterien nicht erfüllt, dafür aber den Prüfenden (meist den Lehrer) eine gewisse Machtposition über den zu Prüfenden einräumt. Eine Machtposition besteht zwar auch bei Türöffner-Prüfungen, aber bei Türöffner-Prüfungen entsteht sie dadurch, dass der zu Prüfende aus sich heraus die Prüfung ablegen will (um bei Bestehen zusätzliche Rechte zu erhalten), während bei üblichen Prüfungen der Wunsch zur Prüfung nicht vom zu Prüfenden ausgeht.

Prüfungen und Macht

Nun gibt es jedoch noch eine weitere Problematik, die daraus entsteht. Die einzig wirkliche Aussage, die bei einer bestandenen Prüfung getroffen werden kann, ist jene, dass der Prüfling es geschafft hat, den Anforderungen des Prüfers gemäß zu antworten/handeln. Anerkanntes Lernen ist damit gleichzusetzen mit Unterordnung unter die Vorstellung des Prüfenden. Oder umgekehrt betrachtet: derjenige, der in der Position ist, zu prüfen, befindet sich strukturell in einer Machtposition.

Diese Machtposition in Bezug auf die Definition des Verhaltens bleibt auch nach der Prüfungssituation selbst noch weiterhin aufrecht. Wer z.B. Lebens- und Sozialberater werden möchte, bewegt sich (solange er als solcher auftritt) innerhalb gewisser Verhaltensgrenzen, die bestimmte Menschen für ihn definiert haben. Dies kann auch durchaus Sinn machen, wenn die Person an der Spitze der Hierarchie, die dadurch entsteht, sehr fähig ist. Was aber, wenn die Spitze jener Hierarchie gewissermaßen „am Stinken“ ist, oder – wie im beschriebenen Beispiel mit der Community – möglicherweise soziale Prozesse zu einer Machtkonzentration führen, der schwer entgegnet werden kann?

Steve Jobs soll mal gesagt haben, dass A-Menschen gerne B-Menschen um sich scharen, B-Menschen gerne C-Menschen usw., also Menschen, die ihnen nicht gefährlich werden können. Wirklich fähige Menschen jedoch umgeben sich laut ihm (und ich stimme ihm da zu) mit Menschen, die (zumindest in den Teilbereichen, um die es geht) besser sind als sie selbst. In einer Organisation, deren „Kopf“ sich lieber mit Menschen umgibt, die einem nicht gefährlich werden können: können die fähigeren Kandidaten überhaupt über die dafür vorgesehenen Prozesse („Prüfungen“ in vielerlei Sinne) an die Spitze gelangen, ohne (weil sie sich den Erwartungen der jeweils Übergeordneten anpassen müssen, um aufzusteigen) ihre Fähigkeiten im Laufe des Prozesses einzubüßen?

Ich habe mich immer wieder gefragt, warum ich in einigen Schulen gerade dann solche Schwierigkeiten mit Vorgesetzten bekommen hatte, wenn das, was ich tat, nachweislich funktionierte. In meiner Naivität hatte ich angenommen, andere würden sich darüber freuen, und wir könnten alle voneinander lernen und gemeinsam die beste Schule für das Lernen entwickeln. Im Grunde jedoch hatte ich damit in den Schulen etwas Ähnliches getan wie in besagter Community: ich hatte – ohne es zu realisieren – eine grundlegende Machtstruktur damit in Frage gestellt, indem ich dem Lernenden zutraute, seinen Lernprozess weitgehend selbst zu lenken. Und als dieser Zugang auch noch nachweislich funktionierte, wurde ich wohl damit zu einer realen Bedrohung.

All das hatte im Nachhinein betrachtet durchaus seinen Sinn. Ich bin wohl ebenso wenig dafür geschaffen, als kleines Zahnrad im Schulsystem aufzugehen, wie ich mich wider besseres Wissen dem entstehenden Dogma einer Online-Community unterordne.

…und die Alternative?

Nachdem ich die letzten Tage neben einigen intensiven Gesprächen mit Freunden über das Thema auch wieder mal sehr viel mit der Beschäftigung mit Geschichte verbracht habe, stellt sich mir schon die Frage, ob es so etwas wie eine langfristig funktionierende Alternative gibt. Machiavelli schreibt ja z.B. sinngemäß, dass die Tugendhaften, gerade weil sie sich selbst beschränken, in einer Welt, in der andere sich dieser Beschränkung nicht unterwerfen, meistens den Kürzeren ziehen. Das ist wohl ein Stück weit gesunder Realismus. Gleichzeitig sehe ich immer wieder, dass dieses un-realistische Ding, das sich Glaube (an eine bessere Alternative) nennet, dann doch immer wieder echte Veränderungen herbeiführt.

Sind diejenigen, die davon sprechen, man müsse doch realistisch sein, zu bedauern, weil sie den Glauben an ein anderes Morgen (und damit das Potential) bereits aufgegeben haben? Oder vielmehr diejenigen, die ihrem „unrealistischen“ Glauben anhaften, und damit von den weniger naiven kontrolliert und ausgenutzt werden können?

Aus aktueller Erfahrung mit einigen Freunden und Bekannten sehe ich gerade die Anfänge einer vielleicht auch langfristig aufrechterhaltbaren Alternative der Zusammenarbeit und des voneinander Lernens, mit dem für mich sehr passenden vorläufigen Arbeitstitel „SpinnerNetz“: Menschen, die verrückt genug sind, an ein vertrauensvolles Miteinander zu glauben, „spinnen“ gemeinsam an einer – wenn alles klappt – auch langfristig tragbaren und damit auch wirtschaftlich nachhaltigen Alternative.

Die nächsten Monate werden zeigen, ob wir in Glauben und Umsetzung stark genug sind, das durchzuziehen.

Niklas

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