#128 Ursprüngliche Geschichtsschreibung

So hat man zu lieben. Wenn, dann richtig. Sonst ist es keine Liebe. Nur.. Machtspiel. Oder vielleicht auch Lust. Nein, Liebe, richtige Liebe, ist bedingungslos.

Und so hatte er geliebt, mit all seiner Macht, mit all seiner Hoffnung, mit all seinem Glauben. Hatte Erwiderung gefunden. Den einen anderen Menschen, von dem die in Unzahl verschlungenen Geschichten sprachen. Hatte sich ein paar Jahre an das vorgeschriebene Skript gehalten, bis der innere Widerspruch ihn doch unausweichlich mit der komplexeren Wahrheit konfrontierte: dass es da mehr gab als den beschriebenen einen anderen Menschen.

Solche Geschichten zu aufzufinden war schwieriger, umso mehr Geschichten von Menschen, die sich dieser Wahrheit gestellt und damit auch glücklich geworden waren. Es überwogen die Tragödien und Dramen, die Eifersuchts-Szenen bis hin zu Morden im Affekt. Warum sich all dem aussetzen? Warum nicht lieber die Geschichten seiner Kindheit nachspielen, die im Gegensatz dazu meist gut endeten? Was bedeutete ein kleines Opfer an Wahrheit schon im Gegenzug für ein „glücklich bis ans Ende ihrer Tage“?

An dem Tag, an dem er die Realität hinter den Geschichten nicht nur in Andeutungen spürte, sondern mit ihr unmissverständlich konfrontiert wurde, hatte er seine Antwort. Es war bequemer, sich an das Skript zu halten, sich in die endlosen Reihen der Schauspieler vor ihm einzureihen. Nicht mehr alleine, sondern Teil einer kollektiven Geschichte zu sein, und wenn es auch bedeutete, den widerspenstigeren Teil der eigenen Wahrheit, des eigenen Seins, mit fröhlichen Masken zu überdecken. Man muss lernen, sich anzupassen, meinte eine Freundin zu ihm. Man muss. Sonst wirst du auf Dauer nicht glücklich werden. Sie war nicht die einzige, die ihm derart zu helfen suchte.

Am Ende waren es dann diese nie ganz ausgelöschte Spuren von Traurigkeit, von Verlust, die sich in den Zügen jener „Glücklichen“ abzeichneten. Die Bruchteile von Augenblicken, die tiefere Einblicke gewährten, in jene, die ordnungsgemäß gelernt hatten, sich anzupassen. Da war dieser Moment der Reue, kaum wahrnehmbar, und doch den Schmerz verratend: akzeptiert worden zu sein, aber nie ganz, nie in der ganzen Komplexität, der ganzen Tiefe. Es waren gangbare Wege, akzeptable Wege, Wege aus der Einsamkeit, aber ihnen zu folgen schien doch in Sackgassen zu führen. Man war Teil eines Ganzen geworden, aber stets nur als Anteil, in innerer Rest-Spannung mit jenem Teil des Selbst, der als Gegenleistung dafür in die Untiefen des Unterbewusstseins verbannt werden musste.

Nun aufmerksamer auf die Zeichen, fand er sich inmitten wiedergekäuter Geschichten wieder, die sich in den Bewegungen, vor allem aber in den Augen seiner Mitmenschen abzeichneten. Man muss lernen, sich anzupassen, kam ihm die Aussage der Freundin wieder in den Sinn. Aber wenn das stimmte, wie waren dann all diese Geschichten, aus denen man wählen durfte, ursprünglich entstanden? War nicht am Anfang jeder dieser Geschichten jemand gewesen, der durch sein Handeln Geschichte schrieb? Woraus hatte dieser die Berechtigung bezogen, sich eben nicht für eine der bestehenden Geschichten zu entscheiden, sondern Subjekt seiner eigenen, individuellen zu sein? Und wer war überhaupt befugt, solche Berechtigungen zu erteilen oder zu verweigern?

Die Erkenntnis ließ ihn erschaudern: Ich. Und so hatte er von neuem begonnen, mit einem unbeschriebenen Blatt. Nur von der Liebe wollte er sich leiten lassen, von der höchsten, edelsten Liebe, bedingungslos, ehrlich und frei. Und so liebte er die Menschen, die seine Liebe erwiderten, und liebte jene, die dies nicht vermochten. Sah mit einem freundlichen Zwinkern auf diejenigen, die seine Liebe für sich allein beanspruchen wollten, ihn einschränken, ihn an sich binden wollten. „Nehmt!“, schien er ihnen zu sagen, „Es ist genug für alle da!“. Und lange, über viele Jahre, schien er damit auch Recht zu behalten.

Bis er sich irgendwann eingestehen musste, dass seine Liebe am Ende doch auch natürliche Grenzen aufwies, dass sie komplexer war. Nicht in ihrem Fühlen, sondern im Lebendig werden lassen in einer in sich begrenzten Welt. Liebe, das war gleichzeitig ewige, unabänderliche Essenz, und unbeständige, gewissermaßen pulsierende Form. War Vertrauen, Hoffnung auf diese Essenz hinter den Formen, war Anziehung, war Loslassen, war Wiederkehren, war… vergänglich und ewig zugleich, war Sterben lassen der Formen mit dem Glauben an die Wiedergeburt, war… keine Auswahl an Geschichten mit vordefiniertem Ausgang mehr, aus denen zu wählen war, sondern ergebnisoffen. War Risiko, nicht einmalig, sondern stets aufs Neue.

Hilfreiche Bilder fand er, wie so oft, in den Elementen: Wasser. Wasser veränderte seine Konsistenz, war nicht immer gleich greifbar, konnte Leben spenden, aber auch verletzen und töten. Bedingungslose Liebe in ihrer Essenz allein war wie Wasser in seiner natürlich vorkommenden Form. Nun hatte der Mensch über Jahrtausende gelernt, Wasserläufe ein Stück weit zu beeinflussen, ihnen zweckdienliche Formen zu verleihen. Doch dort, wo Wasser in Verkennung seiner Essenz zu kontrollieren versucht wurde, verlor es seinen lebensspendenden Wert: Wasser musste fließen können. Und doch war es auch möglich, es in Anerkennung seiner ursprünglichen Form umzuleiten, ohne es in seiner Lebendigkeit zu beeinträchtigen. War das etwa, neben der Fähigkeit, unabhängig der gerade sichtbaren Formen an die immerwährende Essenz hinter den Formen zu glauben, die wahre Kunst der Liebe?

Und so suchte er nach Wegen, seine Liebe und die jener, die für ihn Liebe empfanden, in lebendige Bahnen zu leiten, die dem gemeinsamen Wachstum förderlich sein würden. Liebte bedingungslos, und doch stets bemüht, im Ausdruck dieser Liebe die Bahnen zu achten, die die Bedürftigkeit des Einzelnen vorschrieben. Versuchte, ganz zu lieben, unverdrängt, und damit auch anderen den Raum zu eröffnen, sich ebenso ganz, nackt zu zeigen. So ineinander zu fließen, dass die gegenseitig gefühlte Liebe Leben und Lebendigkeit spendete.

Es war ein schwieriger Weg, sich hinter die Kulissen zu begeben, hinter die Masken der öffentlichen Identität, hinter die Formen, die die Menschen vor dem ganzen Mensch zu beschützen vorgaben, hinter die Wörter, die die Identität des Einzelnen davor schützten, zu einer individuellen, einzigartigen zu werden. Und doch… fand er sich bestätigt, wenn er sich mit Menschen in diesem unbestimmten Raum wiederfand, und in ihren Augen und Herzen dieselbe Nervosität und Freude spürte, die auch ihn stets erfasste, wenn er hierher zurückkehrte. Hier war… Mögliches zu finden.

Hier, das war ein Raum reinen Potentials, gewissermaßen Wasser in seiner ursprünglichsten Essenz. Es war der Ort, an dem sich Menschen einander ganz zu zeigen vermochten, an dem sichtbar werden durfte, was der jeweils andere brauchte. An dem es wertfrei als gegeben akzeptiert werden konnte, dass auch erwachsene Menschen überhaupt brauchen durften. An dem man gemeinsam nach kreativen Lösungen suchen durfte, diese realen Bedürfnisse der Betroffenen auch erfüllt zu sehen. Und wie die in ihrer Essenz vorhandene Liebe zueinander so ausgedrückt werden konnte, dass sie auch immer wieder das das Geschenk empfunden werden konnte, das sie darstellte.

Vor Jahren hatte er begonnen, diesem Weg zu folgen, der streng genommen erst Weg wurde, indem man ihn gegangen war. Immer wieder hatte er sich mit anderen Menschen an jenem Ort reinen Potentials wiedergefunden. Oft hatte er lange nicht mehr dorthin zurückgefunden, oder ohne die Menschen, für die er Liebe empfand, wieder dort anzutreffen, weil auch diese sich bisweilen in der Welt verlaufen hatten. Oft hatte er gelitten, oft war er versucht gewesen, doch den Rat der Freundin anzunehmen. Man muss, hatte sie gesagt.

Doch trotz aller Erfahrungen, die ihn bisweilen an seinen Entscheidungen zweifeln ließen, trotz aller Narben, die er an seiner Seele davongetragen hatte, verlieh ihm doch eines Mut: er konnte sich eingehend im Spiegel betrachten, und fand doch sehr oft ein Lächeln in diesem vertrauten Gesicht. Konnte tief in diesen Augen schürfen, und fand doch, obwohl sich neben Freude bisweilen auch Traurigkeit darin finden mochte, keine Reue.

Man muss nicht, dachte er. Man kann. Man kann aber auch nicht, wenn man nicht will, und es sich nicht richtig anfühlt. Vielleicht liegt darin ja das ganze Geheimnis. Dass man aus viel mehr als ein paar vorgefertigten Geschichten wählen kann. Solange man sich dabei noch im Spiegel betrachten und zufrieden sein kann mit dem, der einem da entgegenlacht. Dann kann man auch mal falsch liegen. Und manchmal richtig.

Und so, aus dieser einen ursprünglich Entscheidung, durch eigenes Handeln einen eigenen, stimmigen Weg zu gehen, eine Geschichte schreiben, die es auch wert ist, gelesen zu werden.


P.S.: Ein wenig Werbung in eigener Sache:
In den nächsten zwei Wochen gibts von mir im FreiRaumWels jeweils Dienstag, 19:00 einen Vortrag anzuhören:

  • 29.5., 19:00 – Der universelle Entwicklungskreislauf (was hat die Arbeitsweise von Psychotherapeuten, Schamanen, Heilern, Lehrern, … gemeinsam? Welche Rolle spielen Drogen und Süchte darin? Was können wir daraus für den Alltag lernen?)
  • 5.6., 19:00 – Führen zur Selbstverantwortung (Wie führt man andere so, dass sie eigenständig und in Eigen-Initiative lernen/arbeiten, bzw. wie gestalte ich Soziale Systeme wie z.B. eine Schulklasse so, dass sie die Eigen-Initiative und Selbstverantwortung unterstützen statt wie sonst oft eher blockieren?)

Mehr Informationen dazu gibts unter Vorträge/Workshops – ich freu mich auf euer kommen 🙂

 

#127 Überforderung

Nun also war der letzte Tag angebrochen.
Bis hierher hatte er es ganz gut ausgehalten. Hatte sich beschäftigt. Schließlich gab es noch so viel zu tun. Einkaufen. Aufräumen. Abschließen, was knapp ein Jahr zuvor begonnen worden war. Ein Ende finden, das tragbar war, übertragbar, in ein neues Jahr, mit neuen Aufgaben und Herausforderungen. Das hier würde weitergehen. Er würde weitergehen. Nur die Wege, die würden sich trennen.

Als die anderen eintrafen, wurde viel gesprochen, wurde wenig gesagt. Rasch merkte er, dass er niemals fertig werden würde mit all dem, was er sich vorgenommen hatte. Einige der Kinder fingen von sich aus an, sich nützlich zu machen. Manche Eltern erschienen, bereits früher als erwartet. Die Räumlichkeiten, mit denen er ursprünglich geplant gehabt hatte ,standen nun spontan doch nicht zur Verfügung. Improvisieren. Sich beschäftigen. Nicht nachdenken. Bald war es vorbei.

Als der Junge die Gitarre aus der Hand gab, strahlte er, ein Lichtblick, verkannt im allgemeinen Trubel. Wochenlang hatte er auf diesen Moment hingeübt gehabt, hatte mit sich gerungen, ob er sich trauen sollte oder nicht. Hatte sich getraut. Glückwunsch! Auch die anderen kleinen Darbietungen der Kinder waren nun durch. Der Moment. Nun war es also soweit.

Eine Woche lang hatte er sich hingesetzt und sich jeden Tag vorgestellt, was er ihnen noch sagen würde. Eine kleine Rede hatte er sich vorgestellt. „Was ich euch noch sagen wollte“. Was blieb zu sagen, in den wenigen Minuten? Wie in Worte fassen, was ihn schier zerriss?

Als er ansetzte zu sprechen, wurde es stiller, und als die Versammelten erkannten, dass er nicht laut sprechen würde, völlig still. Es war schwierig zu sprechen, jedes Wort ein Kampf. Und plötzlich, in die Stille, das Klatschen einer der Jugendlichen. Er verlor irritiert den Faden, alles Zeitgefühl, und brachte seine Rede rascher zu Ende als geplant, weil er wähnte, bereits Stunden gesprochen zu haben.

Später entspannte sich die Stimmung etwas, und einige der Erwachsenen saßen recht gemütlich zusammen, während die Kinder nebenbei spielten. Er fühlte sich elend, freute sich darauf, dass alles vorbei sein würde, wollte es sich aber nicht anerkennen lassen.
„Ich bin heute ein wenig überfordert“, meinte er entschuldigend.
„Ja, warum hast du uns denn dann nicht um Hilfe gebeten?“, hatte eine ältere Dame geantwortet.

Ja, warum nicht? Die Frage kam ihm nun, Monate später, wieder in den Sinn, und die Antwort, die ihm in den Sinn kam, war irritierend: es war ihm schlicht gar nicht in den Sinn gekommen. Er hatte die unausgesprochene Überforderung aller mit der Situation gespürt, und offenbar ganz automatisch versucht, sie für alle anderen auszuhalten. Hatte anderen Sicherheit schenken wollen, wo er doch innerlich selbst derart zerrissen gewesen war.

Das war, rückblickend betrachtet, auch der wahre Grund gewesen, warum sich schlussendlich die Wege getrennt hatten. Er war nicht bereit oder fähig gewesen, seine eigenen Begrenzungen anzuerkennen, und entsprechend zu handeln. Er hätte früher für überschaubarere Verhältnisse sorgen müssen, aber er hatte sich davor gescheut. Oder um Hilfe bitten müssen, und auch das war ihm offensichtlich damals noch nicht gelungen. Wozu diese ohmächtigen Allmachts-Fantasien von Ich-komme-schon-zurecht?

Später hatte man ihm erzählt, der klatschende Jugendliche wäre ehrlich begeistert gewesen von seinen Worten. Gern hätte er dem Jungen nachträglich dafür gedankt.

#126 Allein, mir fehlte das Vertrauen

Ein bisschen lächerlich fühlte er sich schon. Seit längerem hatte er sich gefragt, warum er eigentlich tatsächlich nie Alkohol trank, und war der Antwort bisher immer ganz gut aus dem Weg gegangen. Jedes Wochenende war es ein sich wiederholendes Phänomen, dass der am wenigsten Betrunkene die anderen nach Hause brachte, und über die letzten zehn Jahre war er des Öftern dieser am wenigsten Betrunkene gewesen. Immer wieder war er gefragt worden, warum er nichts trinke, und im Grunde war ihm kein sinnvoller Grund eingefallen, dafür aber die sich schlau anhörende Antwort „Warum sollte ich schon etwas trinken?“. Das brachte ihm meistens entweder Respekt ein oder ein zum Schweigen gebrachtes Gegenüber, das ihn fortan mit dieser Frage in Ruhe ließ und sich andere, willfährigere Gefährten für seine alkoholischen Genusserlebnisse suchte.

Fragen hatten die bedrohliche Eigenschaft, dass sie nach Antworten verlangten. Und weil er es geübt war, anderen Fragen zu stellen, die sie in der Tiefe aufwühlten und die Wahrheit ans Licht brachten, war der Versuch einer Verteidigung gegen die ihn nun mit sich selbst konfrontierenden Fragen im Grunde zwecklos. Fast drei Monate war er den Fragen nun recht erfolgreich ausgewichen, nun aber zerrten sie die Antwort gnadenlos in sein Bewusstsein: ja. Es mochte von außen kaum erkennbar sein, mochte als mentale Stärke, als überragende Selbstkontrolle interpretiert werden, aber im Grunde war er doch in seinem mangelnden Vertrauen auf sich selbst zurückgeworfen.

Doch einmal zugelassen, brachten die Fragen noch ganz andere unerwünschte Folgefragen in sein Bewusstsein. Er hatte sich mit verdächtig vielen Menschen umgeben, die ihn brauchten. Wenn er von anderen gebraucht wurde, so war es wohl selbstverständlich, für den anderen da zu sein. Er selbst brauchte niemanden. War der große Held, der zwar bisweilen ein wenig an seiner Überschätzung, an seiner Selbstaufopferung litt, aber er kam klar. Zwei Tage im Bett, alles wieder gut.

Entwicklungshilfeprojekte kam ihm in den Sinn, und dass diese häufig Abhängigkeits-Situationen kreierten, die dann – um als Projekt Spenden etc. lukrieren zu können und die Initiatoren zu ihrer Arbeit zu berechtigen – darauf angewiesen waren, dass es weiter Menschen gab, die sie auch brauchten. Die damit ein – oft unbewusstes – Eigeninteresse daran hatten, dass es den ihnen anvertrauten Menschen nie so gut ging, dass sie selbst überflüssig wurden. Hatte auch er Menschen, denen er angeblich „half“, durch seine eigene Notwendigkeit, „Helfer“ zu sein, geschadet?

Die Antwort tat weh, denn wenn er ehrlich zu sich selbst war, musste er auch diese Frage bejahen. Er hatte Menschen um sich gebraucht, die ihn brauchten, um sich der Frage zu entziehen, was er selbst brauchte. Er hatte diese Menschen gefunden, gewissermaßen an sich gebunden, um nie in die Situation zu kommen, nicht im Außen gebraucht zu werden. Ehrlichkeit tat weh, war schwer auszuhalten, aber nach all den Jahren spürte er auch, dass es nun kein Zurück mehr gab, dass er sich nun endlich dem stellen musste, was er all die Jahre erfolgreich vermieden hatte.

Sie hatte ihn sicher heimgebracht, hatte ihn etwas ausgelacht und gemeint: „Das nennst du ‚dich betrinken‘?“, aber darum war es nicht gegangen. Er hatte ihr vertraut. Sie hatte sein Vertrauen gerechtfertigt. Erstaunt wurde ihm bewusst, dass er nun gefühlt wieder freier atmen konnte, dass sich ihm eine Welt der Möglichkeiten eröffnete, die er vor vielen Jahren aus Unwissenheit und Verletztheit bereits abgeschrieben hatte. Liebe durchströmte ihn, Neugier auf diese Welt, die nur darauf wartete, entdeckt, erfühlt, erschmeckt, erlebt zu werden. Sie lächelte ihn im Dunkeln an.

Nun endlich, nach beinahe zehn Jahren, war er nun endlich nicht mehr in letzter Konsequenz allein.

#125 Essentiell

Nun war es also soweit.
Nach all den Jahren, in denen sie sich doch mit einer gewissen Regelmäßigkeit getroffen hatten, war es immer schwieriger geworden, noch Zeit füreinander zu finden. Man war umgezogen, hatte geheiratet, war Vater oder Mutter geworden, und auch im Allgemeinen ein anderer Mensch. Noch war ein Rest lebendig von jener wunderbaren Anziehungskraft, die sie alle einst vereint hatte, von der Wurzel der liebgewonnen Traditionen. Doch mehr und mehr wurde fühlbar, dass irgendetwas seltsam hohl geworden war, die realen Erfahrungen den freudigen Erwartungen an die Zusammenkünfte nicht mehr genügten.
Endlich wieder ein Spieleabend. Und am Ende dann doch nicht, ein müder Abklatsch alter Traditionen. Spiele waren genügend vorhanden, auch die Menschen hatten sich versammelt, doch gespielt wurde immer weniger.

Und dann hatte er zufällig den anderen alten Freund wiedergetroffen, an den er Tage zuvor oft mit Wehmut gedacht hatte. Auch mit ihm verband ihn die Erinnerung an andere Zeiten, als sie noch zu dritt beinahe jeden Tag miteinander verbracht hatten. Spielend, erforschend die Welt mit lockeren Lachmuskeln und dem Gefühl, die Welt stände jenen offen, die sich an und in sie wagten. Auch heute noch kamen sie hin und wieder zusammen, aßen gemeinsam und erzählten sich von früher, als alles noch anders war. Doch die Frequenz ihrer Zusammenkünfte hatte sich verändert. Anstatt beinahe täglich trafen sie sich nun nur noch etwa alle 2-3 Monate. Und ohne große Überraschung stellte er fest, dass es nicht daran lag, dass sie alle zu viel zu tun hatten. Sondern daran, dass sie sich anders als früher kaum mehr etwas zu sagen hatten.

War dies also der natürliche Verlauf menschlicher Beziehungen? Man lernte sich kennen, erfreute sich eine Zeit lang aneinander, bis man sich auseinanderlebte? Die Erfahrung schien die These zu bestätigen, und doch wehrte sich ein Teil von ihm dagegen, dies als absolute Wahrheit zu akzeptieren. Denn er hatte auch Ausnahmen von der Regel erlebt, und erlebte sie auch heute noch immer wieder. Was unterschied jene Ausnahmen also, und war es möglich, aus den Ausnahmen die Regel zu machen?

Eine alte Bekannte durchbrach seine Gedankenspiele mit einem Lächeln, setzte sich zu ihm. Immer schon hatte er eine Verbindung zu dieser Frau gefühlt, wann immer er sie erblickt hatte, aber nie war es zu mehr als kurzen Gesprächsfetzen gekommen, begleitet von einem losen Gespür für das Potential einer tieferen Verbindung. Doch dieses Mal war es anders. Rasch war die Musik des Lokals in den Hintergrund getreten, und Stunden später fand er sich in tiefem Austausch von Seelen wieder, der ihm eine Antwort auf die Frage schenkte, die ihn so beschäftigt hatte:

Der Spieleabend, das war eine nützliche Form gewesen, die sich mit der Zeit herausgebildet hatte, um dem lebendigen und wertvollen Kontakt, der ihm vorausgegangen war, auch im Alltag zu stützen. Über lange Zeit hatte er seine Funktion erfüllt, aber nun, beinahe 10 Jahre später, waren sie der Form entwachsen wie Kinder ihrer Kleidung. Vielleicht war es an der Zeit, ihn als nicht mehr passende Form aufzugeben, und eine neue, passendere Form zu finden. Denn die Essenz ihrer Verbindung, die Vorfreude auf ein Wiedersehen, eine Erneuerung des Kontaktes, war noch immer spürbar.

Ja, nun war es also soweit, das Alte sterben zu lassen, um neue Formen zu gebären.
Zeit, sich wieder mehr von dem inneren Ja leiten zu lassen, das doch die Urmutter jenes Kontaktes gewesen war.

#124 Zumutung

Es ist lange her, dass ich zuletzt geschrieben habe. Zu lange. Ich habe dich vermisst, Gegenüber aus Papier, so formvollendet weil formlos, so voller Potential und doch so leer. Ich habe von dir gelassen, weil ich „etwas aufbauen“ wollte, wenn-dann-richtig-schreiben, mit Sinn, mit Fokus auf eine möglichst gewisse Zukunft. Habe verdrängt, dass Geschichten Wort für Wort errungen werden. Dass das Erleben flüchtig ist und nur die Rückschau bleibt. Die Zukunft aber ist stets ein unbeschriebenes Blatt.

Es tut bisweilen gut, sie sich auszumalen, sie zu konzeptualisieren, solange noch Platz übrig ist sich zu entfalten, an letzten Schräubchen zu drehen, wenn der Moment heranbricht. Nicht nur noch „abzuleben“, was längst definiert und mehrseitig abgesegnet wurde. Immerhin war es ja mal gut, wie kann es da misslingen? Ha!

Und dann habe ich dich getroffen, und du bist in mein Leben geflossen. Sanft, auf Umwegen, irgendwie oft meilenweit entfernt, und doch immer dabei. Ich habe dich geliebt, und ich wollte, konnte dich nicht gehen lassen, selbst dann, als es notwendig erschien. Ich wollte die Kraft aufbringen, dich lieben zu können, auch wenn es meine Grenzen sprengte. Du hast mich nie darum gebeten, dies zu tun, und ja, es ist unfair, dir vorzuwerfen, was doch meine Entscheidung war. Ich hätte auch gehen können, vielleicht auch sollen. Wäre das „authentischer“ gewesen, wie du das gerne zu nennen pflegst? Manchmal ist zu gehen schwieriger als zu bleiben.

Es ist nur dann auch schön, nicht einsperrend, wenn eine solche Verbindung als Geschenk gemeint ist, hast du gesagt. Wahrscheinlich meinst du damit sinngemäß „bedingungslos“. Das war es, immer. Irgendwann jedoch überstieg die Überforderung meine Kräfte. Ich wollte dich nicht hängen lassen, blieb für dich da, so gut ich es vermochte. Und mit dem Schwinden meiner Kräfte erwachte plötzlich ein neues Bedürfnis in mir: gesehen werden. Gewertschätzt für das, was ich aus Liebe versucht habe zu leisten, was ich war und geworden bin. Nicht als Bedingung meiner Liebe, nein! Als unabhängiges Bedürfnis, im Außen als wertvoll erlebt zu werden, und auch mich selbst lieben zu lernen.

Leider fehlt mir darin die Übung. Ich habe in meinem Leben viele komplizierte Mechanismen entwickelt, um mich dem tiefsten Kern nicht stellen zu müssen. Um dorthin vorzudringen, muss ich vorher erst die ganzen Schutzvorrichtungen darüber abbauen. Wer werde ich danach noch sein? Werde ich am Ende dieses Weges noch ein Dach über dem Kopf haben, noch erkannt werden von Freunden und mir selbst im Spiegel? Wer hätte noch Respekt vor mir als Landstreicher, als Sonderling, als der, der sich womöglich zeigen mag?

Ach, würde ich mein Leben leben ohne Hemmungen, so würde ich schreiben, schreiben, schreiben, nicht nur in den Pausen, die die Hülle meines äußeren Lebens mir lässt. Ich würde die Welt so richtig auflaufen lassen an mir, mit all ihren projizierten Bedürfnissen und Formen. Die größte Angst, so wird mir immer mehr bewusst, ist die, uns am Ende allein zu finden. Was, wenn wir irgendwann so ungefiltert wir selbst sind, dass wir uns gegenseitig nicht mehr ertragen können? Können wir dann die alten Masken wieder aufsetzen? Tun, als wäre nichts gewesen, als hätten wir uns nicht längst bereits geschaut?

Deshalb der Spagat von Jetzt-Welt und Verlangen. Deshalb die Worte, die ich nur schreiben kann, niemals aber sprechen. Auf Papier machen sie mich ganz, ausgesprochen bergen sie zu großes Risiko. Ich denke, ich wär vielleicht sogar eine schöne Zumutung. Allein, mir fehlt noch der Mut.

#123 Falsch verbunden

Zur Abwechslung wieder mal ein Gedicht, inspiriert von einer lieben Freundin, die mittlerweile seit 6 Jahren wieder in ihrer Heimat, der Türkei, lebt, und mich nach langer Zeit wieder mal kontaktiert hat..

Freund! Manch Jahr ists her
Seit wir zuletzt uns trafen
Gib Nachricht drum mir, rasch, erzähl!
Wie ists dir wohl ergangen?
Warn wir doch einst so unerzogen
Lachend spielten wir dies Spiel
Das doch mit Ernst so deprimiert
Leben! Wie es uns gefiel!

Wolln wir uns nicht wieder treffen?
Gar zu weit bist du nun fort
Alter Freund, du gingst, zu Tanzen
Bringst Kunde mir nun von dem Lied?
Wie kommt es, dass dein lächelnd Auge
Trüber wirkt nun als es schien
Wie kommt es, dass dein Gang so heiter
Kaum beherzt mehr scheint zu sein?
Erkennst du mich denn gar nicht wieder?
Wurde ich gar falsch verbunden?

Ach! Ich würde doch so gerne
Verbringen mit dir schöne Stunden
Doch da sind Eltern, alt geworden
Familie, Arbeit, Sicherheit
Warum aufgeben, noch einmal
Drehen fest am Rad des Lebens?
Dann lieber bleiben, fest ertragen
Lernen all die kleinen Wunden
Sie sind ja doch nicht allzu tief

Ich kenn sie schon, die kleinen Wunden
Die mich selbst beinah bezwungen
Die mich schwächten nur durch Zahl
Ein Tropfen nur vom Blut des Mutes
Tagein, tagaus verliert das Herz
Bis es aufhört ganz zu schlagen
Und nur noch halbherzig man lebt

Das Alter fällt den Abenteurer
Tückisch lockt des Zögerns Bann
Nie fällt es an auf graden Wegen
Umschleicht dich, sucht sich willig Ziel

Nimmt dir erst diesen, dann den andern
Und macht dir alte Freunde so
Schritt für Schritt zur Last
Du kämpfst mit ihm, befreist den einen
Siehst alsbald den anderen fallen
Bis du übrig bleibst allein

Angreifbar, gebeugten Rückens
Stimmst schlussendlich doch du ein
Fügst dich ein mit grimmig Nicken
In die allgemeine Pein

Sieh! Rettung liegt nicht im Bekannten
Nicht in der Rückschau liegt die Kraft
Sie liegt in dem Noch-nicht-vorhanden
Dem Alter trotzt nur neuer Saft

Drum frag‘ ich dich heut‘, alter Freund
Was kann dich noch bewegen?
Was lockt dein Herz, was lenkt den Schritt
Was kann das Alter stunden?
Denn findest du nur Gestern vor
So bist du falsch verbunden

Ach! Wärs noch gestern dünkt mir nun
Erinnernd einst verbrachter Stunden
Da liefen wir, als ob von Sinnen
Von Dächern zu bekunden
Der Freundschaft ewig schworen wir
Sie jetzt und einst zu halten
Wie konnt ich glauben, Augenblick nur
Sie könne je erkalten

So nimm dies Wort, mein treuer Freund
Obwohl wir uns entfernten
Als Zeichen neu entflammter Glut
Wie einst entzücktem Herzen
Die Furcht du hast genommen mir
Das Alter hilfst du stunden
Und mögen wir manch Fehler haben
Und mags ein Gott bekunden
Die Freundschaft zu dir ist mir lieb
Wir sind nicht falsch verbunden

#122 Die innere Geburtshelferin

Ich arbeite als innere Geburtshelferin. Meine Aufgabe ist es, eine förderliche Umgebung für  innere Entwicklungen zu schaffen. Ich muss sagen, es ist ein sehr interessanter Beruf, weil ich durch meine Arbeit viel mit den Absurditäten des Menschlichen zu tun habe.

­­­Da wurde den Menschen ein gigantisches Spektrum an möglichen Gefühlszuständen mitgegeben, da ist in allem was sie beobachten können klar aufgezeigt, dass Veränderung einen gewissen sich wiederholenden Ablauf dieser Gefühlszustände voraussetzt – fast als wäre es ein Schummelzettel, um kontrollieren zu können, dass man auf dem richtigen Weg ist – und was machen die Menschen? Sie teilen das Spektrum in „gut“ und „schlecht“ auf und weigern sich, die Gefühlszustände der zweiten Kategorie zu erleben. Weigern sich! Einfach so! Und behaupten dann gleichzeitig ernsthaft vor anderen Menschen, sie würden sich doch „sooo sehr“ eine Veränderung wünschen.

Das Aufkommen meiner Profession war die notwendige Antwort auf das Dilemma, das daraus entstand. Ich und meine KollegInnen, wir halfen den Menschen, die bereit dafür waren, sich den notwendigen Entwicklungsprozessen zu öffnen. Was dann passierte, war umso skurriler: mit der Zeit teilte sich die Menschheit auf in jene, die dafür offen waren, und jenen, die es sich der eigenen Ansicht nach nicht leisten konnten. Mehr oder weniger zufällig wurden ein Teil der ersten Gruppe mit großartigen Ehrungen versehen, während der Rest dieser Gruppe für absonderlich oder gar krank gehalten wurde. Das war nun doch ein sehr seltsames Phänomen: diejenigen, die am meisten litten (ohne es zu fühlen, weil sie schlicht „steckengeblieben“ waren), schauten herab auf die „Kranken“, von denen sie sich abgrenzen wollten. Aber beteten jene an, die die „Krankheit“ bereits durchschritten hatten, wollten sein wie sie, ohne selbst den notwendigen Weg zu gehen. Wollten-

Nun habe ich mich in historischen Anekdoten verrannt! Bitte entschuldigen Sie meine Zerstreutheit, ich bin noch ein wenig verärgert über meinen letzten Klienten. Verstehen Sie mich nicht falsch, der Klient selbst war für einen Menschen der sogenannten „modernen“ Generation erstaunlich aufgeschlossen für meine Arbeit. Er war bereit und freute sich darauf, seine inneren Räumlichkeiten, die für sein zukünftiges Sein zu eng geworden waren, aufzugeben und umzugestalten. Wir hatten bereits eine ansprechende Farbwahl getroffen und den Grundriss gezeichnet, nun war alles was uns noch zu tun blieb die Zeit und Energie aufzuwenden, um der Veränderung auch Raum zu geben.

Leider war mein Klient in einem Umfeld aufgewachsen, das kein sehr ausgeprägtes Verständnis für tiefe Veränderungsprozesse hatte. Als mein Klient sich nun gemeinsam mit mir in seine inneren Räumlichkeiten zurückziehen wollte um diese nach seinen zukünftigen Bedürfnissen neu zu gestalten, fing seine  Umwelt an ihn aufrütteln, ihn aus seiner „Lethargie“ reißen zu wollen. Weil er seine Aufmerksamkeit auf sein Inneres richtete, wurde er im Außen vermisst, und nun standen zahlreiche seiner Freunde bereit, ihn vor mir zu „erretten“. Anfangs ignorierten wir diese „Erdbeben“ noch recht erfolgreich, aber irgendwann wurden ihm die äußeren Anstöße zu viel, und mein Klient fing an, sich mit ihren Klagen zu beschäftigen. Er fing an, mir zu misstrauen, glaubte seinen alten Freunden, er wäre „depressiv“ geworden, und dies dürfe natürlich nicht sein!

Ich arbeite professionell, ich dränge mich nicht auf, wo ich nicht mehr willkommen bin – also ging ich. Er fand – mit Unterstützung seiner Außenwelt – langsam wieder zurück in sein vorheriges Leben. Manchmal, wenn ich die Zeit finde, beobachte ich ihn. Er sieht nicht unbedingt unglücklich aus, aber dort, wo er Glück fühlt, wirkt er ebenso gehemmt, ist in ihm zu wenig Platz dafür. Wohl weil er sich am Ende doch gegen den Schmerz entschieden hat, der auch den Raum für die Freude erweitert.

Wäre ich ein Mensch und fähig, menschliche Gefühle zu fühlen, so würde ich mich wohl unverstanden fühlen. Ich bin nicht der Schmerz, nicht die Apathie, nicht die Auswegslosigkeit, diese sind Fakten dieser Welt, an denen auch ich nicht rütteln kann. Ich bin Geburtshelferin, bin diejenige, die Menschen unterstützt, das notwendige Spektrum an Gefühlszuständen zu durchlaufen, um Raum in sich für die Freude die sie sich wünschen zu schaffen. Ich bin gefürchtet, obwohl ich doch die Lösung bin. Skurrile Welt! Aber wo bleiben meine Manieren? Ich habe mich noch gar nicht vorgestellt!
Ich bin die Depression, Geburtshelferin innerer Entwicklungsprozesse.
Kennen wir uns schon?

#121 Tragfähig

Wohin mit dieser Wahrheit
Die dem Widerspruch entsprungen
Die im Kampfe hart errungen
Und den Sieger isoliert
Wohin mit diesem Streben dann
Auch von dem Preis zu geben
An Augen, Ohren, bebend Herz
Bereit zu stellen sich dem Schmerz?

Wohin mit dieser Wahrheit
Wenn die Orte sich verweben
Rote Fäden sich ergeben
Während Konsens sich verliert

Wohin mit dieser Wahrheit
Deren Macht sich Reiche beugen
Oft verschlungen ihre Zeugen
Macht nur aufzeigt, niemals gibt

Wohin mit diesem Streben
Ganz in Wahrheit aufzugehen
Wenn im Widerhall der Sprache
Lärm aus Worten Laute formt
Bis selbst auf Lauten folgt nur Stille
Jedes Streben sich entwinde
Endlich auch Wille gibt sich auf
Ein letzter, erster Schrei – horch auf!
Erschüttert wird der Welten Lauf
Wo Angesicht zu Angesicht
Endlich von Wahrheit leuchtend spricht
Welch fröhlich Ton im Beisein schwingt
Wenn Schmerz, die Angst vor Todgeburt
Erst glücklich überwunden
Wo wahre Worte Frieden künden

Wohin mit dieser Wahrheit, fragst du
Müde des Ertragens Pflicht
Sie stoße, dränge, forme dich
Denn wenn erst sie gut Platz gefunden
Und feierlich entbunden
Den Träger des Ertragens Pflicht
Trotz aller Qualen der Geburt
Wird dir nicht fehlen ihr Gewicht
Zu stützen und zu leiten dich

So sei sie dir manch guter Freund
Solange sie dich bürde
Wohlan nun, Krieger, ohne Scheu
Verfechte sie mit Würde

#120 Hexenjagd

„Warst du jetzt eigentlich schon bei einem Psychologen?“
Als wäre es gegebene Sache, dass etwas nicht mit ihm stimmte. Dass an seinem Erleben etwas nicht ganz oder auch überhaupt nicht richtig war. „Es gibt heutzutage schon gute Medikamente“ hatten die beiden ihm gesagt, hatten ihm in ihrer Fürsorge angeboten zu helfen. Wollten ja nur, dass es ihm gut gehe. Es sei alles nicht weiter schlimm. Er mochte ein wenig angeknackst sein, aber das könne man reparieren. Einrenken. Geradebiegen. Dann würde es ihm besser gehen.

Nein, er war noch nicht bei einem Psychologen gewesen.
Ja, er fühlte sich manchmal müde und erschöpft, wenn er sich intensiv mit Emotionen befasste, seien es seine eigenen oder jene anderer, die sich ihm anvertraut hatten. Nicht immer glich sein Energielevel den ruhigen Wassern eines Sees an einem windstillen Tag, konstant, verlässlich, abgewogen und angepasst an die Notwendigkeiten des jeweiligen Tages vorportioniert. Sein Leben und Erleben war ein stürmischeres, ein ungeschützteres, war.. gewissermaßen näher dran an der eigenen Natur. Er litt stärker unter der Kälte der Winter, und er freute sich mehr über das sanfte Kitzeln der Sonnenstrahlen. Verließ sich in vielen Fällen auf die oft beinahe unheimliche Weisheit seiner Intuition, ihn durch die Höhen und Tiefen seines Lebens zu leiten, dorthin, wo rationaler Verstand allein versagte. Mochte Narben davontragen, mochte – im Außen wie im Innen – berührt, verändert, gestaltet werden in seinem Tun, mochte oftmals weniger über den Dingen stehen denn mitten unter ihnen. Aber was war daran denn so dermaßen falsch?

Er war durchaus bereit zu glauben, man könne ihn mit den richtigen Medikamenten gut „einstellen“, die Anstrengungen seiner emotionalen Betroffenheit, die er in sich und mit der Welt oftmals spürte, reduzieren, um ihm seinen Alltag zu erleichtern. Ihn bereiter zu machen für jene andere Welt, in die er zuweilen nur mit Mühe zu passen schien, jene Welt des „Das ist nun einmal so“, die ihm, seinem Erleben und seiner Erfahrung so fremd war. Es mochte möglich sein, ihn mit Hilfe der richtigen Medikamente und Therapien zu „heilen“, aber heilen wovon eigentlich? Wer profitierte denn davon? Er selbst, indem er die Tiefe seines bisherigen Erlebens zugunsten eines reduzierteren, funktionaleren Lebens aufgab, obwohl ihm doch gerade jene Tiefe bei aller damit verbundenen Anstrengung im Grunde die schönsten Momente seines Lebens geschenkt hatte?

Verstanden hätte er es, wenn er sich in seiner Besonderheit als unfähig erwiesen hätte, selbstständig zu leben. Wenn er – wie so manche seiner Bekannten – etwa jahrelang den Verwandten und Freunden finanziell oder emotional „auf der Tasche liegen“ musste. Tatsächlich war es jedoch eher umgekehrt – er war finanziell seit Jahren unabhängig und kümmerte sich auch emotional mehr um andere, als dass jene sich um ihn zu kümmern hatten. Natürlich, er gab weniger aus als die meisten seiner Mitmenschen, war achtsamer im Umgang mit seinen Ressourcen, brauchte daher auch kaum ein Einkommen – aber war denn dies allein ein Verbrechen? Wenn er selbst also kein Problem mit seinem besonderen Erleben hatte und als Folge dieses Erlebens auch niemanden belästigte, warum also der so „fürsorgliche“ Rat, sich doch behandeln zu lassen, um eine angeblich „positive“ Veränderung zu bewirken?

Die einzig logische Antwort, die ihm nach längerem Nachdenken einfiel, so verwegen sie ihm auch klang, war eine riesige Angst vor dem Neuen, dem Fremden. Er war wohl so manchem Freund, manchen Familienmitglied über die Jahre fremd geworden, indem er Wege beschritten hatte, auf die der jeweils andere ihm nicht mehr zu folgen vermochte oder folgen wollte. War unabhängig geworden in einer Weise, die alte Strukturen in Frage stellte. Strukturen, die ohne ihn als haltende Stütze plötzlich brüchig zu werden drohten. Hatte Zusammenhänge gesehen, die es ihm nun verbaten, weiterzumachen wie bisher. Konnte nicht stagnieren, verharren. Es war ihm notwendig, Schritte zu setzen, in Bewegung zu kommen, auch wenn sein Geist noch nicht fähig war, das oder überhaupt ein Ziel zu benennen, auch wenn jeder Schritt schmerzen mochte: er vertraute seiner Intuition. Und anders als viele seiner Mitmenschen kam er trotz aller Hindernisse trotzdem früher oder später dann auch tatsächlich in Bewegung.

Was für eine Hexenjagd, dachte er plötzlich, und mit dem Wort erlangte er die Klarheit, nach der er wochenlang gesucht hatte, nachdem man ihm zum ersten Mal die Frage nach dem Psychologen gestellt hatte. Denn warum sonst hatte man die angeblich so bösartigen „Hexen“ Jahrhunderte lang verfolgt, denn aus Angst vor ihren tieferen Einsichten, der Freiheit und damit der Macht über sich selbst, die sie angeblich daraus zu ziehen vermochten? Hatte argumentative Wege gefunden, das Rechtsprinzip der Unschuldsvermutung zu verkehren. „Warst du jetzt eigentlich schon bei einem Psychologen?“, mehrmals nun gehört, war ja wenig mehr als eine höflichere Form von: Hast du jetzt eigentlich schon an deiner Normalität gezweifelt? Und die unterschwellige Annahme, dass eine Abweichung von einer angenommenen „Normalität“ alleine bereits ein zu lösendes Problem darstellte.

Wo war denn nun eigentlich die Grenze zu ziehen zwischen der „Normalität“ und dem Außen, und wovon oder von wem wurde sie gezogen? Waren die Grenzen der „Normalität“ nicht auch ein Produkt der Art der Strukturierung einer Gesellschaft, und damit auch eine Frage der Machtverteilung? Was, würden all die „Hexen“ nicht zum Psychologen gehen um geheilt zu werden, sondern zu anderen, erfahreneren „Hexen“, um zu lernen, ihre Einzigartigkeit konstruktiv nutzen zu können anstatt sie wegwünschen weg-therapieren zu müssen?

Aber wo waren sie nun zu finden, all die anderen „Hexen“? Verteilt auf die Irrenhäuser der Welt, in den Ausspeisungen der karikativen Einrichtungen, in den Zeitungsmeldungen über die jährliche Selbstmordstatistik? Ängstlich und oft scheiternd versuchend, ihr Sein zu verleugnen, sich einzufügen in eine Welt, in der kein Platz für sie zu finden war? Die Methoden waren durchaus verfeinert worden in den letzten paar Jahrhunderten, und eine medikamentöse Behandlung zur Ausrottung gewisser Besonderheiten konnte man mit gutem Willen als humaner ansehen als die Ausrottung eines ganzen Menschen, und doch erkannte er nicht ohne gewissem Schauder altbekannte Muster.

„Warst du jetzt eigentlich schon bei einem Psychologen?“, erneut. Lauernd.
Nein, und an sich sah er auch keinen Grund, einen zu besuchen. Wohl aber, gut auf sich zu achten und auch seine ihm eigenen Besonderheiten wertzuschätzen und zu lernen, sie konstruktiv einzusetzen. Denn was waren sie am Ende anderes als beeindruckende Fähigkeiten, fast jenem gleichkommend, was gemeinhin und unverstandenerweise als Magie bezeichnet wurde? Es konnte ganz schön verstörend sein, als „Hexe“, als „Abnormal“ angesehen zu werden, aber in gewisser Weise hatte ihn die Jagd erst dazu gebracht, seinen besonderen Wert und seine Fähigkeiten klarer wahrzunehmen. Warum das Spiel nicht umdrehen?

Und in einem ihm typischen Anflug der Erkenntnis der Absurdität der ihn umgebenden Ordnungen, dem Rausch der Freiheit, die ihm seine Erkenntnis wie so oft ermöglichte, erkannte er als den Grund warum er bekämpft, reduziert werden sollte, verblüfft seine eigene Überlegenheit in diesem Spiel. Doch er kannte das Terrain besser, war tiefer eingedrungen in die Höhen und Abgründe der menschlichen Existenz als seine Häscher.

„Warst du jetzt endlich mal bei einem Psychologen?“
„Nein, danke, mir geht’s gut soweit. Und dir?“
“Gut, gut. Wie immer halt”
“Das klingt aber gar nicht gut. Vielleicht solltest du mal einen aufsuchen…”

#119 Herbstzeit

Und gegen Ende zu
Da pflegt man sich zu fragen
Ob nicht der Rucksack gar zu schwer
Ihn voller Hast zu tragen

Dann bleibt am Rande Schritt für Schritt
Was einst noch schien so wichtig
Und statt es vollen Rucksack’s Ziel
Wird Ziel nun was ist richtig

Beginnt die Zeit der Ernte doch
Was immer man gesät
An Freude, Hass und and’ren Tand
Reich Früchte nun es trägt

So wünsch ich, Wanderer auf Zeit
Dir Kunst, Geschmack und Seele
Und wenn manch Frucht auch bitter schmeckt
Dass du dich nicht dran quälest

Mensch wandert manchen finstr’en Ort
Auch du hast’s nicht vermieden
Schau nur getrost dein Leben’s Werk
Ich hoff, du bist zufrieden