#132 Stellvertreter-Kriege

Du sagst, du magst mich
Ich dich auch
Ich bau mir eine Welt
In der wir lieben könnten
Du baust dir deine Welt
In der wir lieben könnten
Und so verfehlen wir uns
Wieder mal um Welten

Ich freu mich auf dich, sagst du
Und ich, ich kann dich kaum erwarten
Mein  Raum ist aller Welt
Wegen Umbau nun geschlossen
Drin sitz ich, wartend, mit Geduld
Auf dich, die nur in Freilufthallen tanzt
Du tanzt und suchst, und findest mich
Schon zu lange im Saft meiner Erwartungen schmorend

Du kamst nicht eher, werfe ich dir vor
Bewirf dich mit Beweisen
Du weichst mir aus, gehst auf Distanz
Wer bin ich, dich zu richten?
Ich sprech dir von Verlässlichkeit
und meine doch: Ich habe Angst
Nicht wichtig dir zu sein
Ein Blatt im Wind
Nicht wert dir
Dran zu denken

Doch weil ich dies nicht sagen kann
Bewehr ich mich mit Gründen
Warum berechtigt meine Wut
Berechtigt mein Empfinden
Du sagst mir, sorry, tut mir Leid
Und schaust mich überfordert an
Ich wollt dich nicht verletzen
Und schon ist es passiert

Dann geh ich, irgendwann, enttäuscht
Verletzt, verschwiegen, aufgerieben
Verlass den Raum der Möglichkeiten
Zieh mich zurück in Einsamkeit
Ich wollt, ich hätt dir folgen können
In deine tiefsten Schluchten
Blockiert durch meinen eignen Schmerz
Hab ich Kontakt verloren

Und dann, aus unerwartet Quelle
Kommt guter Rat: nun akzeptier
Du bist verliebt, komm, sieh es ein
Dein Gegner scheint nur sie zu sein
Ist doch in Wahrheit alter Schmerz
Der quält und schließt hier zu dein Herz
Willst du nicht öffnen dich der Liebe
Was kämpfst du Stellvertreter-Kriege?

Du sagst, du magst mich; Ich dich auch
Ich hasse diese Wortwahl
Die der Liebe größter Feind, die Angst
Mit Gusto mir diktiert
Dann projizier ich meine Wut darüber
Auf die, die Liebe lässt mich fühlen
Red‘ große Worte in Ermangelung von Taten
Und schweig, wo Schweigen Narben hinterlässt

Ich liebe dich, jetzt hab ich mich getraut
Kann sein, du wirst noch länger brauchen
Hab meine Brücke dir gebaut
Bei deinem Namen dich gerufen
Sei mir willkommen, auf Besuch
In neuen Freiluft-Hallen
Tanz mir den Tanz der in dir tanzt
Er hat mir so gefallen

Und wenn du dann bereit dich fühlst
Dann öffnen wir die Dämme
In uns, um uns, tränken unsere Welten
Ach, wenn es doch gelänge!
Die Dämme warn mal notwendig
Wir konnten noch nicht schwimmen
Haben wir uns nun genug geübt
Der Angst zu entrinnen?

Lass uns hoffen, dass es reicht
Komm, wir gehen schwimmen

#131 Im Endeffekt

Da stand er nun vor den Ruinen seiner Arbeit.
Jahre, die er in den Aufbau einer Infrastruktur der Hoffnung gesteckt hatte, waren dahin. Das Erdbeben, das große Teile des Landes völlig verwüstet hatte, hatte auch ihn, der zu dem Zeitpunkt Tausende Kilometer entfernt gewesen war, zutiefst erschüttert. Man sagte, dass es eine der schlimmsten Erfahrungen sei, die ein Menschen erleben konnte: den Boden unter den  Füßen zu verlieren.  Er war nicht anwesend gewesen, als es passierte. Aber der rettende Boden, der war ab jenem Zeitpunkt auch für ihn in weite Ferne gerückt gewesen.

Und so hatte er sich eine Weile treiben lassen. Hatte Zuflucht, hatte Heimat gesucht in Orten, Menschen, Substanzen, und nur manchmal auch gefunden. Hatte mit dem Boden auch sich selbst verloren geglaubt.

Bis er einige Zeit später wieder jenen Boden betrat, der ihm einst Sinn eröffnet hatte. Die Erde hatte sich beruhigt, wie auch sein Innerstes wieder mehr zur Ruhe gekommen war. Es war etwas Besonderes an diesem Ort zu finden, das ihn nun erneut zu sich rief. Etwas, das er beinahe verloren geglaubt hatte, zerstört im Chaos der bebenden Erde. Und nun, Jahre später, konnte er erneut erahnen, warum er sich damals auf den Weg hierher gemacht hatte. Vieles war in dem Beben zerstört worden, aber dies waren nur äußere, vergängliche Formen gewesen. Etwas Tieferes, Wichtigeres, Ewiges war geblieben.

Die Menschen hier hatten nach den heimatlichen Standards nichts. Und doch waren sie glücklich.

Das hatte er vor vielen Jahren dem Jüngeren erzählt gehabt, der seinerseits seiner Wege ging, das Amulett wie die Führung des Älteren nah an seinem Herzen. Sie sahen sich nur noch selten. Und doch war auch hier eine Resonanz spürbar, ein Beben, das Worte transzendierte.

Die Menschen dort, nach all der Zerstörung, die waren immer noch so glücklich, erzählte er nun dem Jüngeren, der sich lächelnd an die damaligen Worte des Älteren erinnerte. Und sie haben sich an mich erinnert, auch als von der Arbeit meiner Hände nichts mehr übrig war.

Der Jüngere schwieg, weil seine Worte nur ungenügend ausdrücken konnten, was er als Wahrheit in sich erspürte: Weil diese Menschen, die dich so faszinieren, weise sind. Sie wissen, dass alles Geschaffene wieder vergehen wird, und hängen daher ihr Glück nicht an Vergängliches. Wer nie vergisst, dass nichts selbstverständlich ist, freut sich über jede kleine Annehmlichkeit, und trauert keinem Verlust allzu lange hinterher. Sie erinnern sich nicht an dich, weil sie jetzt die Infrastruktur, die du aufgebaut hattest, nutzen können (die durch das Erdbeben zerstört wurde, was zeigt, wie vergänglich sie war). Sie erinnern sich nicht an das Ergebnis deiner Arbeit, sondern daran, dass du ihnen mit deiner Arbeit dienen wolltest. Du dienst ihnen nicht, wenn du dein eigenes Glück oder deinen eigenen Selbstwert daran hängst, was mit dem Ergebnis deiner Arbeit geschieht. Du dienst ihnen, wenn du ihnen dienst, und damit deine Liebe ausdrückst.

Um all dies klar und unmissverständlich auszudrücken, fehlten dem Jüngeren die Worte, fehlten ihm die notwendige Weisheit. Aber es gab andere Worte in ihm, die nach Ausdruck verlangten.
„Du hast mich auf meinen Weg gebracht“, sagte er zum Älteren. „Du bist einer von vielleicht drei Menschen, die mich in meinem Leben am meisten geprägt haben.“
„Du hast mir geholfen, auf meinem Weg zu bleiben, und zurückzufinden, wenn ich ihn verloren habe“, sagte der Ältere zum Jüngeren.
Und dann umarmten sie sich und schwiegen, weil es nichts mehr zu sagen gab, das nach Worten verlangte.

Das Amulett hatte er längst verloren. Es war nicht mehr notwendig.
Auch so spürten sie die starke Resonanz zweier Herzen, die Gefährten geworden waren, auf Wegen, die sich in ihren Verstrickungen unterscheiden mochten, aber im Endeffekt doch demselben Ziel zustrebten.

Welchem? Das erschien weniger wichtig, als den Weg zurückzulegen, der sich stimmig anfühlte, und sich gegenseitig dabei zu unterstützen, den jeweils nächsten notwendigen Schritt zu setzen.

Waren nicht, im Endeffekt, genau dafür wahre Freunde da?

Gastbeitrag: Der Fluss

Der folgende Text stammt von Katja Lenes aus Baden bei Wien, NÖ. Sie arbeitet an einer Freien Schule, ist ein wunderfeiner Mensch und steckt – wie ihr selbst nachlesen könnt – auch voller interessanter Wortkonstruktionen 🙂
Wer sie direkt kontaktieren mag, kann das unter katjasc@gmx.at tun, sie freut sich sicher über freundliche Rückmeldungen..

 

Als mich der Fluss zu sich einlud, da meinte er,

meine Zweifel hätten für ihn keine Bedeutung!

Sogleich spuckte ich in ihn.

Sollte er froh sein,

fast hätte ich in ihn uriniert.

 

Großzügig gab ich ihm eine zweite Chance.

Er kräuselte sich vor Lachen und ich

weinte heiße Tränen.

Aber er gefiel mir so gut!

 

Als mich der Fluss zu sich einlud, da meinte er,

meiner Absicht könne er nicht folgen!

Sogleich schichtete ich Stein auf Stein.

Sollte er doch erfahren, was es hieß,

nach meiner Absicht zu fließen.

 

Er ging seiner Wege

und kümmerte sich nicht.

Ich fand mich wieder voll bitterer Wut.

Aber er gefiel mir so gut!

 

Als mich der Fluss zu sich einlud, da meinte er,

sei nackt und leer,

sonst kannst du mich nicht spüren!

Sogleich sprang ich jubelnd

aus all meinen Kleidern.

 

Doch als ich merkte,

meine Gedanken und Sorgen hafteten an mir,

zog ich schwer betrübt von dannen.

Aber er gefiel mir so gut!

 

Als mich der Fluss zu sich einlud, da meinte er,

er würde übergehen und das sichere Ufer verschlingen!

Sogleich packte mich die Angst und ich floh.

Noch aus der Ferne hörte ich sein Tosen.

 

Wie konnte ich ihn je wiedersehen?

Ich erklomm einen sehr hohen Berg

und ganz oben blieb….

ICH….stehen.

 

Er gefiel mir so gut,

also ließ ich mich fallen!

Als mich der Fluss zu sich einlud,

war ich endlich bereit!

 

Zaghaft streckten sich meine Zehen

nach seinem strömenden Sog..

Meine Fingerspitzen saugten sich

an seiner Oberfläche fest..

In meinen Kniekehlen sammelte sich

seine gelassene Kühle,

während meine Schenkel

heftige Blitze durchzuckten..

Ich benetzte mein Gesicht

mit dem Nass seines Körpers..

Erstarrte, als sich sein Wasser

in meinen Bauchnabel ergoss..

 

Er gefiel mir so gut, ich war verliebt!

 

Als mich der Fluss zu sich einlud,

tauchte ich vollständig ein,

mit Haut und Haar.

 

Meine Zweifel waren mir nicht von Bedeutung.

Meiner Absicht wollte ich folgen.

Und ich war nackt und leer, so wie er.

Ich ging über vor tosender Kraft,

ließ mich gedankenlos treiben

und kümmerte mich nicht.

 

Ich bin der Fluss und lade dich ein.

 

#130 Die großen Konstanten

„Darf man fragen, ob es dafür bestimmte Gründe gibt?“
Anzeichen, die hatte es gegeben. Als er vor einigen Wochen zu ihr gekommen war, und sie meinte, es würde nicht an ihm liegen, aber… heute würde es nicht passen… oder als sie sich um 17 Uhr verabredet hatten, und sie dann bis 20 Uhr weder auftauchte noch erreichbar gewesen war. Es hatte sich bereits abgezeichnet. Und auch er hatte innerlich gespürt, dass ihre Verbindung nicht allzulange so weiterbestehen würde. Überrascht war er mehr über die Geschwindigkeit, mit der der von Anfang an absehbare Prozess sich nun vollzogen hatte.

Und interessiert. An den Gründen. Oder zumindest jenen, deren sie sich bewusst war.
„Naja, mir ist aufgefallen, dass ich dich nicht vermisst habe, wenn ich dich nicht gesehen habe.“

Es war ihr unangenehm, zu sprechen, und ebenso unangenehm, zu schweigen. Eine schwer lokalisierbare Form von Schmerz, den er ihr nicht nehmen konnte und wollte. Er war notwendiger Teil des Prozesses, eines Ablaufes, den er mittlerweile oft genug durchlaufen hatte, ihn nicht mehr über Gebühr zu fürchten. Erfüllte eine kommunikative Funktion: aufzurütteln, zum Handeln zu bringen, wo Handeln noch konstruktive Konsequenzen nach sich zog. Aber hier, das war ihm schon klar gewesen an der Art, wie sie auf ihn zugegangen war, war die Art seines Handelns irrelevant, das Ende der Geschichte schon vorgeschrieben.
Schweigen. Aushalten.

„Weißt du, ich habe in letzter Zeit so eine Theorie, die immer mehr Sinn zu machen beginnt“, setzte er an. „Vielleicht sind wir uns in unseren Beziehungen Lehrmeister, und diese Beziehungen, gleich welcher Form, haben eine Art natürlichen Verlauf von Geburt, Wachstum, Verfall. Vielleicht haben wir uns einfach bereits alles gelehrt, was wir uns zum derzeitigen Zeitpunkt lehren können.“
Sie schwieg. Es gab auch nur noch eines zu sagen.

„Ich hab in der kurzen Zeit enorm viel durch dich gelernt. Danke dafür.“
Der Hauch einer Erwiderung.

„Dann werden wir uns wohl so schnell nicht mehr wiedersehen?“, begann er, die Zukunft abzustecken.
„Über den Weg laufen sicher mal.“
Der Subtext sprach Bände.

Als sie gegangen war, fühlt er sich seltsam leer, unberührt. Als wäre etwas falsch an seiner Reaktion gewesen, als hätte er herumschreien oder zumindest irgendetwas zerdeppern müssen.

In Ermangelung besserer Einfälle ging er einfach los, fand den Wald, fand den Fluss, wurde zum Fluss in immer fließenderen Bewegungen. Und als der Fluss ihn völlig ausfüllte, fühlte er, wie sich ihm inmitten aller Strömungen der Wahrnehmungen und Leben ein kleiner, unscheinbarer Ort eröffnete, an dem er die Stille wiederfand. Und die Stille sprach sanft zu ihm:
Was hast du verloren?

Und er sah ihr Gesicht in allen Formen der Welt wiedergespiegelt. Sah, dass jede Geburt ein Sterben war, und jedes Sterben Raum schuf für Wiedergeburt. Die Einzigartigkeit des Moments, der ihm geschenkt war, und das Wunder, im stetigen Wandeln von Tod und Wiedergeburt stets einen radikal neuen Moment vorzufinden.

Alles vergeht, alles kommt wieder.
Als er die Augen öffnete, fand er sich auf einem Stein wieder, umsprudelt von einem dahinplätschernden Bach. Wie er hierhergekommen war, wusste er nicht. Aber es war im Grunde auch irrelevant.

Nichts geht je ganz verloren.
Er würde sie wiedersehen, verhüllt in neue Formen, verkleidet als wieder andere Lehrmeisterin.

Nun fühlte er sich erinnert an den Moment, als er vor einigen Wochen mit einer jungen Frau ins Wasser eines Sees gelaufen war. Sie hatte gezögert, war nicht sicher, ob sie sich der erwarteten Kälte stellen wollte. „Warm, kalt, macht keinen Unterschied!“, hatte er ihr zugerufen, „nur weil du glaubst, kalt sei unangenehmer, erlebst du es so!“. Den Gedanken hatte er schon lange mit sich herumgetragen, aber nun, um ihn ihr – und sich selbst – zu beweisen, ging er mutig voran ins Wasser.

Die Schwierigkeit war nicht, dass das Außen stets in Bewegung war. Warm. Kalt. Nähe. Distanz. Die Schwierigkeit lag darin, sich auf die Bewegung einzulassen, ohne auf die Stille im Zentrum zu vergessen, aus der alles entsprang, zu der alles zurückkehrte, und dank der niemals etwas von Essenz verloren ging. Wohl änderten sich die Formen, ähnlich wie ein jeder Regentropfen für sich einzigartig war. Aber der Regen als solcher war eine Konstante. Es würde immer Leben geben. Es würde immer Liebe geben, Nähe, Distanz, Tod, Wiedergeburt. Die großen Konstanten.
Alles vergeht. Alles kommt wieder.
Er hatte die Kreisläufe schon oft genug durchlaufen, um den einstmaligen Glauben zur Gewissheit werden zu lassen.
Nur die Hüllen, die Formen, sind sterblich.
Vielleicht würde er sie in jener Form nie wiedersehen.
Nichts Essentielles geht je verloren.
Aber die Liebe in ihrer Essenz würde wiederkehren.

Und nun verstand er, warum er vorhin keine nennenswerte Trauer verspürt hatte.
Worüber auch trauern, wo doch ohnehin alles wiederkehren würde?
Mit neuen Formen, neuen Erfahrungen, und dem unwiderstehlichen Hauch eines neuen Frühlings.

#129 Zwischen Räume

Es war noch frühmorgens, vielleicht kurz vor sieben, als er den Bahnhof betrat. Die Reise ging nach Wien, eine Strecke auf mehrere Stunden, und so hatte er sich entsprechend langwierige Lektüre eingepackt. Nach einer kulinarischen Stärkung packte er jene aus und setzte sich gemütlich im Schneidersitz auf den Bahnsteig, um zu lesen.
Vertieft in das Buch, fühlte er sich nicht angesprochen, als eine Stimme ihn anrief. Erst als diese drängender zu werden schien, sah er auf und fand sich einem der Security-Mitarbeiter des Bahnhofes gegenüber.
„Sie sitzen hier auf dem Boden“, meinte dieser.
Da er nicht wusste, was er sinnvollerweise auf diese Feststellung des Offensichtlichen antworten hätten sollen, schwieg er in Erwartung weiterer Erklärungen.
„Dort drüben auf den Bänken sind noch Sitzplätze frei“, fuhr der Beamte fort.
Die Richtigkeit der Behauptung anerkennend, wartete er weiter darauf, was nun kommen würde.
„Bitte setzen Sie sich auf eine der Sitzbänke!“, meinte der Mitarbeiter nun.
Als er einwenden wollte, dass er schlicht gern auf dem Boden saß, weil er es für gemütlicher hielt, näherte sich der Security-Mitarbeiter, bis er in Flüster-Reichweite war.
„Manche der Gäste hier fühlen sich dadurch gestört, wenn Sie hier am Boden sitzen.“
„Warum das denn?“, gab er verwirrt zurück.
„Nun, man könnte meinen, Sie wären.. man könnte Sie für einen.. Menschen ohne festen Wohnsitz halten.“
„Weil ich mich nicht auf eine der Sitzbänke setze?“
„Weil Sie sich nicht auf eine der Sitzbänke setzen.“
Noch zu müde, sich auf eine längere Diskussion einzulassen, stand er eben auf und setzte sich auf eine der metallenen Sitzbänke, die sich auch tatsächlich als so ungemütlich herausstellten, wie sie ausgesehen hatten. Erst versuchte er, sich von dem kurzen Geplänkel nicht irritieren zu lassen und einfach weiterzulesen, aber ein Gedanke ließ ihn nicht mehr los, wurde zu einer Serie, einer Flut von Gedanken.
So weit sind wir also bereits gekommen, dachte er. Ich kann verstehen, wenn sich Menschen von offensichtlich betrunkenen, pöbelnden Menschen gestört fühlen, die sich entsprechend asozial verhalten, und dass es Aufgabe der Beamten sein kann, andere vor diesen zu schützen. Aber auf welche Weise kann ich jemanden stören, wenn ich auf dem Boden sitze und mein Buch lese? Weder sitze ich jemandem im Weg, noch zeige ich sonst eine Verhaltensweise, die andere aktiv stören könnte. Was bedeutet, dass ich gerade durch meine bloße Anwesenheit, durch meine bloße Existenz an diesem Bahnhof, einem öffentlichen Ort, zum Störfaktor geworden bin. Weil jemand aus meinem Verhalten geschlossen hat, dass ich einer bestimmten Gruppe von Menschen angehören könnte.
Er sah von seinem Buch auf, sah sich um an diesem Bahnhof, diesem öffentlichen Ort. Sah sich die Menschen, die sich an diesem öffentlichen Ort bewegen, aufmerksamer an als bisher. Tatsächlich funktionierte die Normierung des erwünschten Verhaltens hier offenbar ganz vorzüglich. Obdachlose waren hier keine zu finden, und nun fiel ihm erst auf, wie offensichtlich es zu sein schien, dass niemand der hier Anwesenden Obdachlosen oder einer der anderen „unerwünschten“ Randgruppen zuzuordnen war. Etwas.. fehlte hier, und nach einer Weile fiel es ihm auch wie Schuppen von den Augen, was dieses Etwas war: Graustufen. Es gab hier kaum mehr Zwischenräume, kaum mehr Raum für legale und damit geduldete Andersartigkeit.
Der Zug traf ein. Pünktlich auf die Minute. Für einen Moment spielte er mit dem Gedanken, auf dem Bahnsteig zu bleiben, den Zug fahren zu lassen, und auf den nächsten zu warten. Einfach, um den Sicherheits-Beamten zu verunsichern. Es hätte bedeutet, seinen Termin in Wien zu verpassen, deswegen entschied er sich schlussendlich doch dagegen. Und doch.. fühlte er es nun wieder, das Potential der Zwischenräume, das sich aus den winzigen Entscheidungen des Alltages speiste, den winzigen Freiräumen, die, wohl genutzt, zu einem Fluss, einer unbändigen Flut der Freiheit werden konnte. Genau dort, an den Rinnsalen, den ursprünglichsten Zuflüssen, war die Gefahr am größten, die Macht der individuellen Entscheidung zu verlieren – schienen diese Entscheidungen für sich doch so klein und irrelevant…
So fängt es an, aufzuhören, dachte er, im Kleinen. Und so beginnt es von neuem, wenn wir den Mut dazu haben, uns die Zwischenräume zu erschaffen, die vorher nicht sichtbar waren. Indem wir den bekannten Raum ausdehnen und den so geschaffenen, noch nicht definierten Raum einnehmen.
Zwischen Räumen verdankt sich unsere Freiheit.
Das erste, was er im Zug tat, war, sich seiner Schuhe zu entledigen. Weil es gemütlicher war. Aber auch als ganz bewusstes, gewissermaßen politisches Statement.

#128 Ursprüngliche Geschichtsschreibung

So hat man zu lieben. Wenn, dann richtig. Sonst ist es keine Liebe. Nur.. Machtspiel. Oder vielleicht auch Lust. Nein, Liebe, richtige Liebe, ist bedingungslos.

Und so hatte er geliebt, mit all seiner Macht, mit all seiner Hoffnung, mit all seinem Glauben. Hatte Erwiderung gefunden. Den einen anderen Menschen, von dem die in Unzahl verschlungenen Geschichten sprachen. Hatte sich ein paar Jahre an das vorgeschriebene Skript gehalten, bis der innere Widerspruch ihn doch unausweichlich mit der komplexeren Wahrheit konfrontierte: dass es da mehr gab als den beschriebenen einen anderen Menschen.

Solche Geschichten zu aufzufinden war schwieriger, umso mehr Geschichten von Menschen, die sich dieser Wahrheit gestellt und damit auch glücklich geworden waren. Es überwogen die Tragödien und Dramen, die Eifersuchts-Szenen bis hin zu Morden im Affekt. Warum sich all dem aussetzen? Warum nicht lieber die Geschichten seiner Kindheit nachspielen, die im Gegensatz dazu meist gut endeten? Was bedeutete ein kleines Opfer an Wahrheit schon im Gegenzug für ein „glücklich bis ans Ende ihrer Tage“?

An dem Tag, an dem er die Realität hinter den Geschichten nicht nur in Andeutungen spürte, sondern mit ihr unmissverständlich konfrontiert wurde, hatte er seine Antwort. Es war bequemer, sich an das Skript zu halten, sich in die endlosen Reihen der Schauspieler vor ihm einzureihen. Nicht mehr alleine, sondern Teil einer kollektiven Geschichte zu sein, und wenn es auch bedeutete, den widerspenstigeren Teil der eigenen Wahrheit, des eigenen Seins, mit fröhlichen Masken zu überdecken. Man muss lernen, sich anzupassen, meinte eine Freundin zu ihm. Man muss. Sonst wirst du auf Dauer nicht glücklich werden. Sie war nicht die einzige, die ihm derart zu helfen suchte.

Am Ende waren es dann diese nie ganz ausgelöschte Spuren von Traurigkeit, von Verlust, die sich in den Zügen jener „Glücklichen“ abzeichneten. Die Bruchteile von Augenblicken, die tiefere Einblicke gewährten, in jene, die ordnungsgemäß gelernt hatten, sich anzupassen. Da war dieser Moment der Reue, kaum wahrnehmbar, und doch den Schmerz verratend: akzeptiert worden zu sein, aber nie ganz, nie in der ganzen Komplexität, der ganzen Tiefe. Es waren gangbare Wege, akzeptable Wege, Wege aus der Einsamkeit, aber ihnen zu folgen schien doch in Sackgassen zu führen. Man war Teil eines Ganzen geworden, aber stets nur als Anteil, in innerer Rest-Spannung mit jenem Teil des Selbst, der als Gegenleistung dafür in die Untiefen des Unterbewusstseins verbannt werden musste.

Nun aufmerksamer auf die Zeichen, fand er sich inmitten wiedergekäuter Geschichten wieder, die sich in den Bewegungen, vor allem aber in den Augen seiner Mitmenschen abzeichneten. Man muss lernen, sich anzupassen, kam ihm die Aussage der Freundin wieder in den Sinn. Aber wenn das stimmte, wie waren dann all diese Geschichten, aus denen man wählen durfte, ursprünglich entstanden? War nicht am Anfang jeder dieser Geschichten jemand gewesen, der durch sein Handeln Geschichte schrieb? Woraus hatte dieser die Berechtigung bezogen, sich eben nicht für eine der bestehenden Geschichten zu entscheiden, sondern Subjekt seiner eigenen, individuellen zu sein? Und wer war überhaupt befugt, solche Berechtigungen zu erteilen oder zu verweigern?

Die Erkenntnis ließ ihn erschaudern: Ich. Und so hatte er von neuem begonnen, mit einem unbeschriebenen Blatt. Nur von der Liebe wollte er sich leiten lassen, von der höchsten, edelsten Liebe, bedingungslos, ehrlich und frei. Und so liebte er die Menschen, die seine Liebe erwiderten, und liebte jene, die dies nicht vermochten. Sah mit einem freundlichen Zwinkern auf diejenigen, die seine Liebe für sich allein beanspruchen wollten, ihn einschränken, ihn an sich binden wollten. „Nehmt!“, schien er ihnen zu sagen, „Es ist genug für alle da!“. Und lange, über viele Jahre, schien er damit auch Recht zu behalten.

Bis er sich irgendwann eingestehen musste, dass seine Liebe am Ende doch auch natürliche Grenzen aufwies, dass sie komplexer war. Nicht in ihrem Fühlen, sondern im Lebendig werden lassen in einer in sich begrenzten Welt. Liebe, das war gleichzeitig ewige, unabänderliche Essenz, und unbeständige, gewissermaßen pulsierende Form. War Vertrauen, Hoffnung auf diese Essenz hinter den Formen, war Anziehung, war Loslassen, war Wiederkehren, war… vergänglich und ewig zugleich, war Sterben lassen der Formen mit dem Glauben an die Wiedergeburt, war… keine Auswahl an Geschichten mit vordefiniertem Ausgang mehr, aus denen zu wählen war, sondern ergebnisoffen. War Risiko, nicht einmalig, sondern stets aufs Neue.

Hilfreiche Bilder fand er, wie so oft, in den Elementen: Wasser. Wasser veränderte seine Konsistenz, war nicht immer gleich greifbar, konnte Leben spenden, aber auch verletzen und töten. Bedingungslose Liebe in ihrer Essenz allein war wie Wasser in seiner natürlich vorkommenden Form. Nun hatte der Mensch über Jahrtausende gelernt, Wasserläufe ein Stück weit zu beeinflussen, ihnen zweckdienliche Formen zu verleihen. Doch dort, wo Wasser in Verkennung seiner Essenz zu kontrollieren versucht wurde, verlor es seinen lebensspendenden Wert: Wasser musste fließen können. Und doch war es auch möglich, es in Anerkennung seiner ursprünglichen Form umzuleiten, ohne es in seiner Lebendigkeit zu beeinträchtigen. War das etwa, neben der Fähigkeit, unabhängig der gerade sichtbaren Formen an die immerwährende Essenz hinter den Formen zu glauben, die wahre Kunst der Liebe?

Und so suchte er nach Wegen, seine Liebe und die jener, die für ihn Liebe empfanden, in lebendige Bahnen zu leiten, die dem gemeinsamen Wachstum förderlich sein würden. Liebte bedingungslos, und doch stets bemüht, im Ausdruck dieser Liebe die Bahnen zu achten, die die Bedürftigkeit des Einzelnen vorschrieben. Versuchte, ganz zu lieben, unverdrängt, und damit auch anderen den Raum zu eröffnen, sich ebenso ganz, nackt zu zeigen. So ineinander zu fließen, dass die gegenseitig gefühlte Liebe Leben und Lebendigkeit spendete.

Es war ein schwieriger Weg, sich hinter die Kulissen zu begeben, hinter die Masken der öffentlichen Identität, hinter die Formen, die die Menschen vor dem ganzen Mensch zu beschützen vorgaben, hinter die Wörter, die die Identität des Einzelnen davor schützten, zu einer individuellen, einzigartigen zu werden. Und doch… fand er sich bestätigt, wenn er sich mit Menschen in diesem unbestimmten Raum wiederfand, und in ihren Augen und Herzen dieselbe Nervosität und Freude spürte, die auch ihn stets erfasste, wenn er hierher zurückkehrte. Hier war… Mögliches zu finden.

Hier, das war ein Raum reinen Potentials, gewissermaßen Wasser in seiner ursprünglichsten Essenz. Es war der Ort, an dem sich Menschen einander ganz zu zeigen vermochten, an dem sichtbar werden durfte, was der jeweils andere brauchte. An dem es wertfrei als gegeben akzeptiert werden konnte, dass auch erwachsene Menschen überhaupt brauchen durften. An dem man gemeinsam nach kreativen Lösungen suchen durfte, diese realen Bedürfnisse der Betroffenen auch erfüllt zu sehen. Und wie die in ihrer Essenz vorhandene Liebe zueinander so ausgedrückt werden konnte, dass sie auch immer wieder das das Geschenk empfunden werden konnte, das sie darstellte.

Vor Jahren hatte er begonnen, diesem Weg zu folgen, der streng genommen erst Weg wurde, indem man ihn gegangen war. Immer wieder hatte er sich mit anderen Menschen an jenem Ort reinen Potentials wiedergefunden. Oft hatte er lange nicht mehr dorthin zurückgefunden, oder ohne die Menschen, für die er Liebe empfand, wieder dort anzutreffen, weil auch diese sich bisweilen in der Welt verlaufen hatten. Oft hatte er gelitten, oft war er versucht gewesen, doch den Rat der Freundin anzunehmen. Man muss, hatte sie gesagt.

Doch trotz aller Erfahrungen, die ihn bisweilen an seinen Entscheidungen zweifeln ließen, trotz aller Narben, die er an seiner Seele davongetragen hatte, verlieh ihm doch eines Mut: er konnte sich eingehend im Spiegel betrachten, und fand doch sehr oft ein Lächeln in diesem vertrauten Gesicht. Konnte tief in diesen Augen schürfen, und fand doch, obwohl sich neben Freude bisweilen auch Traurigkeit darin finden mochte, keine Reue.

Man muss nicht, dachte er. Man kann. Man kann aber auch nicht, wenn man nicht will, und es sich nicht richtig anfühlt. Vielleicht liegt darin ja das ganze Geheimnis. Dass man aus viel mehr als ein paar vorgefertigten Geschichten wählen kann. Solange man sich dabei noch im Spiegel betrachten und zufrieden sein kann mit dem, der einem da entgegenlacht. Dann kann man auch mal falsch liegen. Und manchmal richtig.

Und so, aus dieser einen ursprünglich Entscheidung, durch eigenes Handeln einen eigenen, stimmigen Weg zu gehen, eine Geschichte schreiben, die es auch wert ist, gelesen zu werden.


P.S.: Ein wenig Werbung in eigener Sache:
In den nächsten zwei Wochen gibts von mir im FreiRaumWels jeweils Dienstag, 19:00 einen Vortrag anzuhören:

  • 29.5., 19:00 – Der universelle Entwicklungskreislauf (was hat die Arbeitsweise von Psychotherapeuten, Schamanen, Heilern, Lehrern, … gemeinsam? Welche Rolle spielen Drogen und Süchte darin? Was können wir daraus für den Alltag lernen?)
  • 5.6., 19:00 – Führen zur Selbstverantwortung (Wie führt man andere so, dass sie eigenständig und in Eigen-Initiative lernen/arbeiten, bzw. wie gestalte ich Soziale Systeme wie z.B. eine Schulklasse so, dass sie die Eigen-Initiative und Selbstverantwortung unterstützen statt wie sonst oft eher blockieren?)

Mehr Informationen dazu gibts unter Vorträge/Workshops – ich freu mich auf euer kommen 🙂

 

#127 Überforderung

Nun also war der letzte Tag angebrochen.
Bis hierher hatte er es ganz gut ausgehalten. Hatte sich beschäftigt. Schließlich gab es noch so viel zu tun. Einkaufen. Aufräumen. Abschließen, was knapp ein Jahr zuvor begonnen worden war. Ein Ende finden, das tragbar war, übertragbar, in ein neues Jahr, mit neuen Aufgaben und Herausforderungen. Das hier würde weitergehen. Er würde weitergehen. Nur die Wege, die würden sich trennen.

Als die anderen eintrafen, wurde viel gesprochen, wurde wenig gesagt. Rasch merkte er, dass er niemals fertig werden würde mit all dem, was er sich vorgenommen hatte. Einige der Kinder fingen von sich aus an, sich nützlich zu machen. Manche Eltern erschienen, bereits früher als erwartet. Die Räumlichkeiten, mit denen er ursprünglich geplant gehabt hatte ,standen nun spontan doch nicht zur Verfügung. Improvisieren. Sich beschäftigen. Nicht nachdenken. Bald war es vorbei.

Als der Junge die Gitarre aus der Hand gab, strahlte er, ein Lichtblick, verkannt im allgemeinen Trubel. Wochenlang hatte er auf diesen Moment hingeübt gehabt, hatte mit sich gerungen, ob er sich trauen sollte oder nicht. Hatte sich getraut. Glückwunsch! Auch die anderen kleinen Darbietungen der Kinder waren nun durch. Der Moment. Nun war es also soweit.

Eine Woche lang hatte er sich hingesetzt und sich jeden Tag vorgestellt, was er ihnen noch sagen würde. Eine kleine Rede hatte er sich vorgestellt. „Was ich euch noch sagen wollte“. Was blieb zu sagen, in den wenigen Minuten? Wie in Worte fassen, was ihn schier zerriss?

Als er ansetzte zu sprechen, wurde es stiller, und als die Versammelten erkannten, dass er nicht laut sprechen würde, völlig still. Es war schwierig zu sprechen, jedes Wort ein Kampf. Und plötzlich, in die Stille, das Klatschen einer der Jugendlichen. Er verlor irritiert den Faden, alles Zeitgefühl, und brachte seine Rede rascher zu Ende als geplant, weil er wähnte, bereits Stunden gesprochen zu haben.

Später entspannte sich die Stimmung etwas, und einige der Erwachsenen saßen recht gemütlich zusammen, während die Kinder nebenbei spielten. Er fühlte sich elend, freute sich darauf, dass alles vorbei sein würde, wollte es sich aber nicht anerkennen lassen.
„Ich bin heute ein wenig überfordert“, meinte er entschuldigend.
„Ja, warum hast du uns denn dann nicht um Hilfe gebeten?“, hatte eine ältere Dame geantwortet.

Ja, warum nicht? Die Frage kam ihm nun, Monate später, wieder in den Sinn, und die Antwort, die ihm in den Sinn kam, war irritierend: es war ihm schlicht gar nicht in den Sinn gekommen. Er hatte die unausgesprochene Überforderung aller mit der Situation gespürt, und offenbar ganz automatisch versucht, sie für alle anderen auszuhalten. Hatte anderen Sicherheit schenken wollen, wo er doch innerlich selbst derart zerrissen gewesen war.

Das war, rückblickend betrachtet, auch der wahre Grund gewesen, warum sich schlussendlich die Wege getrennt hatten. Er war nicht bereit oder fähig gewesen, seine eigenen Begrenzungen anzuerkennen, und entsprechend zu handeln. Er hätte früher für überschaubarere Verhältnisse sorgen müssen, aber er hatte sich davor gescheut. Oder um Hilfe bitten müssen, und auch das war ihm offensichtlich damals noch nicht gelungen. Wozu diese ohmächtigen Allmachts-Fantasien von Ich-komme-schon-zurecht?

Später hatte man ihm erzählt, der klatschende Jugendliche wäre ehrlich begeistert gewesen von seinen Worten. Gern hätte er dem Jungen nachträglich dafür gedankt.

#126 Allein, mir fehlte das Vertrauen

Ein bisschen lächerlich fühlte er sich schon. Seit längerem hatte er sich gefragt, warum er eigentlich tatsächlich nie Alkohol trank, und war der Antwort bisher immer ganz gut aus dem Weg gegangen. Jedes Wochenende war es ein sich wiederholendes Phänomen, dass der am wenigsten Betrunkene die anderen nach Hause brachte, und über die letzten zehn Jahre war er des Öftern dieser am wenigsten Betrunkene gewesen. Immer wieder war er gefragt worden, warum er nichts trinke, und im Grunde war ihm kein sinnvoller Grund eingefallen, dafür aber die sich schlau anhörende Antwort „Warum sollte ich schon etwas trinken?“. Das brachte ihm meistens entweder Respekt ein oder ein zum Schweigen gebrachtes Gegenüber, das ihn fortan mit dieser Frage in Ruhe ließ und sich andere, willfährigere Gefährten für seine alkoholischen Genusserlebnisse suchte.

Fragen hatten die bedrohliche Eigenschaft, dass sie nach Antworten verlangten. Und weil er es geübt war, anderen Fragen zu stellen, die sie in der Tiefe aufwühlten und die Wahrheit ans Licht brachten, war der Versuch einer Verteidigung gegen die ihn nun mit sich selbst konfrontierenden Fragen im Grunde zwecklos. Fast drei Monate war er den Fragen nun recht erfolgreich ausgewichen, nun aber zerrten sie die Antwort gnadenlos in sein Bewusstsein: ja. Es mochte von außen kaum erkennbar sein, mochte als mentale Stärke, als überragende Selbstkontrolle interpretiert werden, aber im Grunde war er doch in seinem mangelnden Vertrauen auf sich selbst zurückgeworfen.

Doch einmal zugelassen, brachten die Fragen noch ganz andere unerwünschte Folgefragen in sein Bewusstsein. Er hatte sich mit verdächtig vielen Menschen umgeben, die ihn brauchten. Wenn er von anderen gebraucht wurde, so war es wohl selbstverständlich, für den anderen da zu sein. Er selbst brauchte niemanden. War der große Held, der zwar bisweilen ein wenig an seiner Überschätzung, an seiner Selbstaufopferung litt, aber er kam klar. Zwei Tage im Bett, alles wieder gut.

Entwicklungshilfeprojekte kam ihm in den Sinn, und dass diese häufig Abhängigkeits-Situationen kreierten, die dann – um als Projekt Spenden etc. lukrieren zu können und die Initiatoren zu ihrer Arbeit zu berechtigen – darauf angewiesen waren, dass es weiter Menschen gab, die sie auch brauchten. Die damit ein – oft unbewusstes – Eigeninteresse daran hatten, dass es den ihnen anvertrauten Menschen nie so gut ging, dass sie selbst überflüssig wurden. Hatte auch er Menschen, denen er angeblich „half“, durch seine eigene Notwendigkeit, „Helfer“ zu sein, geschadet?

Die Antwort tat weh, denn wenn er ehrlich zu sich selbst war, musste er auch diese Frage bejahen. Er hatte Menschen um sich gebraucht, die ihn brauchten, um sich der Frage zu entziehen, was er selbst brauchte. Er hatte diese Menschen gefunden, gewissermaßen an sich gebunden, um nie in die Situation zu kommen, nicht im Außen gebraucht zu werden. Ehrlichkeit tat weh, war schwer auszuhalten, aber nach all den Jahren spürte er auch, dass es nun kein Zurück mehr gab, dass er sich nun endlich dem stellen musste, was er all die Jahre erfolgreich vermieden hatte.

Sie hatte ihn sicher heimgebracht, hatte ihn etwas ausgelacht und gemeint: „Das nennst du ‚dich betrinken‘?“, aber darum war es nicht gegangen. Er hatte ihr vertraut. Sie hatte sein Vertrauen gerechtfertigt. Erstaunt wurde ihm bewusst, dass er nun gefühlt wieder freier atmen konnte, dass sich ihm eine Welt der Möglichkeiten eröffnete, die er vor vielen Jahren aus Unwissenheit und Verletztheit bereits abgeschrieben hatte. Liebe durchströmte ihn, Neugier auf diese Welt, die nur darauf wartete, entdeckt, erfühlt, erschmeckt, erlebt zu werden. Sie lächelte ihn im Dunkeln an.

Nun endlich, nach beinahe zehn Jahren, war er nun endlich nicht mehr in letzter Konsequenz allein.

#125 Essentiell

Nun war es also soweit.
Nach all den Jahren, in denen sie sich doch mit einer gewissen Regelmäßigkeit getroffen hatten, war es immer schwieriger geworden, noch Zeit füreinander zu finden. Man war umgezogen, hatte geheiratet, war Vater oder Mutter geworden, und auch im Allgemeinen ein anderer Mensch. Noch war ein Rest lebendig von jener wunderbaren Anziehungskraft, die sie alle einst vereint hatte, von der Wurzel der liebgewonnen Traditionen. Doch mehr und mehr wurde fühlbar, dass irgendetwas seltsam hohl geworden war, die realen Erfahrungen den freudigen Erwartungen an die Zusammenkünfte nicht mehr genügten.
Endlich wieder ein Spieleabend. Und am Ende dann doch nicht, ein müder Abklatsch alter Traditionen. Spiele waren genügend vorhanden, auch die Menschen hatten sich versammelt, doch gespielt wurde immer weniger.

Und dann hatte er zufällig den anderen alten Freund wiedergetroffen, an den er Tage zuvor oft mit Wehmut gedacht hatte. Auch mit ihm verband ihn die Erinnerung an andere Zeiten, als sie noch zu dritt beinahe jeden Tag miteinander verbracht hatten. Spielend, erforschend die Welt mit lockeren Lachmuskeln und dem Gefühl, die Welt stände jenen offen, die sich an und in sie wagten. Auch heute noch kamen sie hin und wieder zusammen, aßen gemeinsam und erzählten sich von früher, als alles noch anders war. Doch die Frequenz ihrer Zusammenkünfte hatte sich verändert. Anstatt beinahe täglich trafen sie sich nun nur noch etwa alle 2-3 Monate. Und ohne große Überraschung stellte er fest, dass es nicht daran lag, dass sie alle zu viel zu tun hatten. Sondern daran, dass sie sich anders als früher kaum mehr etwas zu sagen hatten.

War dies also der natürliche Verlauf menschlicher Beziehungen? Man lernte sich kennen, erfreute sich eine Zeit lang aneinander, bis man sich auseinanderlebte? Die Erfahrung schien die These zu bestätigen, und doch wehrte sich ein Teil von ihm dagegen, dies als absolute Wahrheit zu akzeptieren. Denn er hatte auch Ausnahmen von der Regel erlebt, und erlebte sie auch heute noch immer wieder. Was unterschied jene Ausnahmen also, und war es möglich, aus den Ausnahmen die Regel zu machen?

Eine alte Bekannte durchbrach seine Gedankenspiele mit einem Lächeln, setzte sich zu ihm. Immer schon hatte er eine Verbindung zu dieser Frau gefühlt, wann immer er sie erblickt hatte, aber nie war es zu mehr als kurzen Gesprächsfetzen gekommen, begleitet von einem losen Gespür für das Potential einer tieferen Verbindung. Doch dieses Mal war es anders. Rasch war die Musik des Lokals in den Hintergrund getreten, und Stunden später fand er sich in tiefem Austausch von Seelen wieder, der ihm eine Antwort auf die Frage schenkte, die ihn so beschäftigt hatte:

Der Spieleabend, das war eine nützliche Form gewesen, die sich mit der Zeit herausgebildet hatte, um dem lebendigen und wertvollen Kontakt, der ihm vorausgegangen war, auch im Alltag zu stützen. Über lange Zeit hatte er seine Funktion erfüllt, aber nun, beinahe 10 Jahre später, waren sie der Form entwachsen wie Kinder ihrer Kleidung. Vielleicht war es an der Zeit, ihn als nicht mehr passende Form aufzugeben, und eine neue, passendere Form zu finden. Denn die Essenz ihrer Verbindung, die Vorfreude auf ein Wiedersehen, eine Erneuerung des Kontaktes, war noch immer spürbar.

Ja, nun war es also soweit, das Alte sterben zu lassen, um neue Formen zu gebären.
Zeit, sich wieder mehr von dem inneren Ja leiten zu lassen, das doch die Urmutter jenes Kontaktes gewesen war.

#124 Zumutung

Es ist lange her, dass ich zuletzt geschrieben habe. Zu lange. Ich habe dich vermisst, Gegenüber aus Papier, so formvollendet weil formlos, so voller Potential und doch so leer. Ich habe von dir gelassen, weil ich „etwas aufbauen“ wollte, wenn-dann-richtig-schreiben, mit Sinn, mit Fokus auf eine möglichst gewisse Zukunft. Habe verdrängt, dass Geschichten Wort für Wort errungen werden. Dass das Erleben flüchtig ist und nur die Rückschau bleibt. Die Zukunft aber ist stets ein unbeschriebenes Blatt.

Es tut bisweilen gut, sie sich auszumalen, sie zu konzeptualisieren, solange noch Platz übrig ist sich zu entfalten, an letzten Schräubchen zu drehen, wenn der Moment heranbricht. Nicht nur noch „abzuleben“, was längst definiert und mehrseitig abgesegnet wurde. Immerhin war es ja mal gut, wie kann es da misslingen? Ha!

Und dann habe ich dich getroffen, und du bist in mein Leben geflossen. Sanft, auf Umwegen, irgendwie oft meilenweit entfernt, und doch immer dabei. Ich habe dich geliebt, und ich wollte, konnte dich nicht gehen lassen, selbst dann, als es notwendig erschien. Ich wollte die Kraft aufbringen, dich lieben zu können, auch wenn es meine Grenzen sprengte. Du hast mich nie darum gebeten, dies zu tun, und ja, es ist unfair, dir vorzuwerfen, was doch meine Entscheidung war. Ich hätte auch gehen können, vielleicht auch sollen. Wäre das „authentischer“ gewesen, wie du das gerne zu nennen pflegst? Manchmal ist zu gehen schwieriger als zu bleiben.

Es ist nur dann auch schön, nicht einsperrend, wenn eine solche Verbindung als Geschenk gemeint ist, hast du gesagt. Wahrscheinlich meinst du damit sinngemäß „bedingungslos“. Das war es, immer. Irgendwann jedoch überstieg die Überforderung meine Kräfte. Ich wollte dich nicht hängen lassen, blieb für dich da, so gut ich es vermochte. Und mit dem Schwinden meiner Kräfte erwachte plötzlich ein neues Bedürfnis in mir: gesehen werden. Gewertschätzt für das, was ich aus Liebe versucht habe zu leisten, was ich war und geworden bin. Nicht als Bedingung meiner Liebe, nein! Als unabhängiges Bedürfnis, im Außen als wertvoll erlebt zu werden, und auch mich selbst lieben zu lernen.

Leider fehlt mir darin die Übung. Ich habe in meinem Leben viele komplizierte Mechanismen entwickelt, um mich dem tiefsten Kern nicht stellen zu müssen. Um dorthin vorzudringen, muss ich vorher erst die ganzen Schutzvorrichtungen darüber abbauen. Wer werde ich danach noch sein? Werde ich am Ende dieses Weges noch ein Dach über dem Kopf haben, noch erkannt werden von Freunden und mir selbst im Spiegel? Wer hätte noch Respekt vor mir als Landstreicher, als Sonderling, als der, der sich womöglich zeigen mag?

Ach, würde ich mein Leben leben ohne Hemmungen, so würde ich schreiben, schreiben, schreiben, nicht nur in den Pausen, die die Hülle meines äußeren Lebens mir lässt. Ich würde die Welt so richtig auflaufen lassen an mir, mit all ihren projizierten Bedürfnissen und Formen. Die größte Angst, so wird mir immer mehr bewusst, ist die, uns am Ende allein zu finden. Was, wenn wir irgendwann so ungefiltert wir selbst sind, dass wir uns gegenseitig nicht mehr ertragen können? Können wir dann die alten Masken wieder aufsetzen? Tun, als wäre nichts gewesen, als hätten wir uns nicht längst bereits geschaut?

Deshalb der Spagat von Jetzt-Welt und Verlangen. Deshalb die Worte, die ich nur schreiben kann, niemals aber sprechen. Auf Papier machen sie mich ganz, ausgesprochen bergen sie zu großes Risiko. Ich denke, ich wär vielleicht sogar eine schöne Zumutung. Allein, mir fehlt noch der Mut.