--> Bunterrichten Archive - Bunterrichten

Frieden, Waffenstillstand und Krieg im Alltag und der Welt

Alltagstauglichere Definitionen für Frieden, Waffenstillstand und Krieg, und warum Frieden viel mehr als nur die Abwesenheit von Krieg ist.

Vor einigen Tagen erzählte mir meine Freundin Elisabeth von einer auf den ersten Blick verwirrenden Erkenntnis: Dass nur wenige Menschen wirklich Frieden meinen, wenn sie vom “Frieden” reden. Was sie eigentlich meinen, ist ein Waffenstillstand. Das darauf folgende Gespräch war so interessant, dass ich es hier in Zusammenfassung wiedergeben möchte. Es hilft zu verstehen, warum es immer wieder Konflikte im Großen (aktuell z.B. gerade Russland gegen die Ukraine) gibt, aber lässt sich auch auf familiäre und freundschaftliche Beziehungen anwenden.

1. Warum unsere gängige Definition von Frieden ein Problem ist

Das Wort “Frieden” bedeutet in den Köpfen vieler Menschen eigentlich eine Negation, Nicht-Krieg, ein Gegenteil von einem Krieg. Wo kein Krieg ist, erwarten wir somit Frieden, und sind immer wieder verwundert, warum unser schöner Frieden dann plötzlich doch wieder zu einem Krieg wird.

Wenn wie aktuell z.B. zwischen Russland und Ukraine kein Krieg geherrscht hat, wo kommt der aktuelle Krieg (oder die “Spezial-Operation” laut russischer Definition) dann eigentlich her? Sind Kriege einfach unausweichliche Naturgewalten, ähnlich wie ein Sturm, der einfach so entsteht?

Wer sich wie ich sehr viel mit Geschichte beschäftigt, wird zu jedem vergangenen, aktuellen oder auch zukünftigen Konflikt und/oder Krieg irgendwelche Auslöser finden. Jeder Krieg hat einen offiziellen Grund. Der erste Weltkrieg wurde offiziell durch die Ermordung des österreichischen Kronprinzen begonnen. Infoffiziell ist die Geschichte etwas komplizierter, aber die meisten Erklärungen haben eines gemeinsam: Sie führen von A in der Vergangenheit zum B im Jetzt bzw. der Zukunft. Du hast mir A angetan, also werde ich mich jetzt mit B an dir rächen.

Wenn man sich noch viel mehr mit Geschichte beschäftigt, findet man dann aber auch Beispiele, die nicht nach dem Schema “aus A folgt B” funktionieren. In manchen Fällen wurden die Ketten der Vergeltung durchbrochen, und der Hass der Vergangenheit wirkte sich nur noch reduziert oder sogar gar nicht mehr auf die Zukunft aus.

Was war in diesen Fällen passiert?

Es waren Menschen am Werk, die den Unterschied zwischen Frieden und Waffenstillstand verstanden haben.

2. Frieden ist mehr als ein Waffenstillstand

Ein Waffenstillstand ist die Vereinbarung – und idealerweise auch Durchsetzung – von Nicht-Krieg. Die Waffen schweigen, zumindest für eine bestimmte Zeit. Die Verwundeten können versorgt werden, die Toten begraben, und so weiter.

Ein Waffenstillstand allein, und wenn er Jahre dauert, ist meist nur eine Atem-Pause zwischen zwei Kriegen.

Er macht vieles möglich, doch ein Waffenstillstand allein löst keine Konflikte.

Frieden hingegen ist alles andere als eine reine Negation von Krieg, ein Unterlassen von Kriegshandlungen.

Frieden ist etwas, das man aktiv tun muss, und hat viel mit Liebe zu tun.

Wer echten Frieden will, muss eines der schwersten Herausforderungen in diesem Leben bewältigen: wahrlich zu vergeben. Sich selbst und den anderen. Bis der Schmerz, der uns noch trennt, verarbeitet und überwunden wird.

Erst dann ist echtes Mitgefühl, Respekt, Liebe und ein verbindliches Miteinander wieder möglich.

3. Aber der Waffenstillstand hat seine wichtige Funktion

Wenn Frieden das Ergebnis eines liebe-vollen Miteinanders ist, und der Schmerz das Hindernis auf dem Weg zu diesem Miteinander, dann sollten wir verhindern, dass sich Menschen gegenseitig noch mehr Schmerzen zufügen, als sie es bisher schon getan haben.

Je mehr Schmerz wir uns gegenseitig zugefügt haben, desto schwieriger wird es, diesen zu verzeihen und wieder zur Liebe zurückzufinden.

Menschen, die Kriege durchlitten haben, wurde oft unendliches Leid zuteil.

Das Zufügen von Leid zu verringern oder ganz zu verhindern, ist wichtig.

Der Waffenstillstand hat diese wichtige Funktion, und bisweilen kann es sinnvoll und wichtig sein, diesen Waffenstillstand auch mit Gewalt durchzusetzen – im Sinne des Gewaltmonopols, das das allgemeine Gewaltpotential aller durch eine Übermacht vermindert.

Er darf nur nicht hier stehen bleiben. Muss die so gewonnenen Atempausen nutzen, um (wieder) Liebe füreinander zu fördern.

4. Frieden in der Familie

Wer sich nach Frieden sehnt, darf klein anfangen: Bei der Familie, bei Freunden und Bekannten.

Bin ich fähig, sie so zu sehen (und zu lassen), wie sie sind und sein wollen?

Bin ich fähig, zu vergeben und voller Mitgefühl für sie zu sein?

Über mich hinauszuwachsen, um auch das Andere, Fremde in mein Weltbild integrieren zu können?

Wer Frieden will, muss seine Friedens-Fähigkeit stärken.

Zuerst in sich selbst.

Dann in der Familie.

Und erst dann macht es Sinn, größere Kreise zu ziehen.

5. Frieden für die Welt

Wenn ich die Wahl habe zwischen Waffenstillstand und Krieg für die Welt, wähle ich natürlich den Waffenstillstand.

Er ermöglicht es, Liebe füreinander zu praktizieren und zu erleben, ohne wahllos neuen Schmerz zuzufügen.

Wenn es aber gelingt, die Phasen des Waffenstillstandes zu nutzen, um die Liebe füreinander zu stärken und zu nähren, kann mit der Zeit Zuneigung und Respekt füreinander wachsen. Kann echter Frieden entstehen, der eben nicht nicht früher oder später wieder in einen Krieg übergehen muss. Der nicht nur so lange hält, wie eine Übermacht kriegerische Handlungen aktiv verhindert.

Viel ist schon gewonnen, wenn die Worte Krieg, Waffenstillstand und Frieden genauer und auch ehrlicher verwendet werden.

Nicht wenigen Menschen geht es, wenn sie vom Frieden reden, nicht um Frieden als aktive, liebevolle und verbindende Haltung.

Sondern darum, dass überall zumindest soweit Waffenstillstand herrscht, dass ihr Leben wie gewohnt funktioniert.

Auch viele internationale Unterstützungs-Maßnahmen funktionieren nach ähnlichen Prinzipien. Solange kein “richtiger” Krieg ausbricht, ist alles gut, und dafür sorgen wir.

Dass das zwar für Waffenstillstand sorgt, aber kaum für Frieden, sehen wir in der Geschichte immer wieder.

Es ist wichtige Arbeit, diesen Waffenstillstand zu erreichen.

Qualitativ besser als Krieg.

Aber darf eben nicht dort stehen bleiben, wenn er nicht nur Aufschub sein will.

6. Was der und die einzelne für den Frieden tun kann

Ein jeder von uns kann sich dem eigenen Schmerz stellen, und ihn so gut es gehen überwinden, darüber hinaus wachsen.

Wir können Menschen, die uns – oft vermeintlich – Schmerzen zugefügt haben, vergeben.

Können Menschen lieben und respektieren, die ganz anders sind als wir.

Kriegerische Handlungen, die Schmerz und Trennung verursachen, im Kleinen verhindern.

Vielleicht kann niemand von uns alleine einen “großen Krieg” wie zwischen Ukraine und Russland aufhalten.

Aber jeder von uns kann die Saat des Friedens im Kleinen stärken und nähren.

Das ist schon viel.

Portrait Niklas Baumgärtler

Niklas Baumgärtler

Niklas Baumgärtler interessiert sich für die Kunst der Begeisterung und macht gerne Wechsel- und Hebelwirkungen in Sozialen Systemen sicht- und erlebbar. Mehr über Niklas Baumgärtler...

Nächste Veranstaltungen