Im Tao Te King findet sich (neben vielen anderen Weisheiten) eine einzelne Textzeile, die mich stets fasziniert hat, weil sie in so wenigen Worten eine Wahrheit mit weitreichenden Konsequenzen ausdrĂŒckt: Sparsamkeit gebiert GroßzĂŒgigkeit. Oder anders ausgedrĂŒckt: Es gibt keine GroßzĂŒgigkeit ohne SelbstbeschrĂ€nkung. Aber was soll das alles mit der Liebe zu tun haben?

Über die Jahre hat sich fĂŒr mich ein grobes Modell herauskristallisiert, was „die Liebe“ eigentlich ist. In einem Wort ausgedrĂŒckt wĂŒrde ich sie wohl am treffendsten mit „Glaubenskraft“ ĂŒbersetzen – mit einer Art 2. Platz fĂŒr das Wort „Aufmerksamkeit“, da wir mit unserer Aufmerksamkeit oft bei Menschen sind, die wir lieben.

Das Modell: Eine Ökonomie der Liebe

Ökonomie der Liebe - Modell

In diesem Modell stellen wir uns einen jeden Menschen als eine Art „Zelle“ vor, der sich in einer Art „Ursuppe“ bewegt. Eine jede dieser Zellen hat eine Art Kern und eine Membran, die diesen Kern von der Außenwelt abgrenzt.

Im Kern einer jeder dieser Zellen (eines jeden Menschen) entsteht eine Art nachwachsende Ressource, die wir „Liebe“ nennen können. Bei manchen Menschen wĂ€chst sie schneller nach, bei anderen langsamer, manchmal regelmĂ€ĂŸig, manchmal unregelmĂ€ĂŸig. Und je nach Lebenssituation „verbraucht“ dieser Mensch auch jeweils mehr oder weniger dieser Ressource, um sich einigermaßen wohlzufĂŒhlen. Hat er zu wenige „VorrĂ€te“, „hungert“ er nach Liebe.

Weil die Membran dieser „Zelle“ halbdurchlĂ€ssig ist, ist auch ein Austausch dieser Ressource Liebe möglich. So kann etwa ein Mensch einen Teil seiner Liebe einem anderen Menschen schenken, der diese dann zusĂ€tzlich zu seiner eigenen verbrauchen kann. Denn die Liebe ist eine neutrale Ressource, die sowohl fĂŒr den Eigengebrauch als auch fĂŒr andere geeignet ist.

Handelsbeziehungen und Energie-Vampire

Ein großer Teil unser zwischenmenschlichen Beziehungen, seien es Freundschaften oder auch romantische Beziehungen, basieren auf einer Art “Handels-Beziehung”. Ein Mensch schenkt einem anderen Liebe/Aufmerksamkeit und erwartet sich in der Folge vom Anderen ein Ă€hnliches Verhalten: „Freunde sind fĂŒreinander da, wenn es einem schlecht geht“.

Anders ausgedrĂŒckt: wenn meine eigenen VorrĂ€te an Liebe unter ein gewisses Level fallen, erwarte ich mir von einem Freund, dass er mir einen Teil seiner Liebe zukommen lĂ€sst. Im Gegenzug kann er sich, sollte er selbst in eine solche Situation kommen, auch auf mich verlassen. Dies wird selten so konkret ausgesprochen, schwingt aber oftmals unterschwellig mit – und sorgt im Krisenfall fĂŒr große EnttĂ€uschungen, wenn der Freund sich dann plötzlich nicht als „echter Freund, der fĂŒr einen da ist“ entpuppt.

Ein weiteres verbreitetes Muster ist die Helfer-Beziehung, bei der ein Mensch einem anderen regelmĂ€ĂŸig Liebe zukommen lĂ€sst, wĂ€hrend vom anderen wenig bis nichts zurĂŒckkommt. Der nehmende Partner jener Beziehung wird gerne als „Energie-Vampir“ bezeichnet, dem gebenden Partner ein „Helfer-Syndrom“ attestiert.

Ich bezeichne die beiden Grundtypen bewusst als „Partner“, weil sie sich in den meisten FĂ€llen gegenseitig brauchen. Nicht ohne Grund kommt es oft vor, dass ein Mensch, der einen „Energie-Vampir“ losgeworden ist, sich sehr rasch einen weiteren Menschen sucht, mit dem er Ă€hnliche Muster durchspielen kann – und umgekehrt.

Der SchlĂŒssel: Die Kontrolle ĂŒber die Membran

Bevor wir geboren werden, leben wir in Symbiose mit unserer Mutter, mit entsprechend sehr durchlÀssiger Membran. Wir sind noch sehr abhÀngig von der Liebe unserer Eltern usw. SpÀter, in der PubertÀt, experimentieren wir unbewusst stÀrker mit den Möglichkeiten der Membran, uns von der Umgebung abzugrenzen.

Viele von uns haben die erste große Liebe wohl als eine Art „Durchbruch“ diesbezĂŒglich erlebt, eine Art Versuch, erneut eine symbiotische Beziehung einzugehen. Was kaum jemals klappt. Die Verletzung, die aus diesem Scheitern entsteht, wirkt sich bei vielen noch Jahre danach aus.

Die meisten versuchen sich dann an der Kunst, bestimmten mehr oder weniger vordefinierten Beziehungsformen zu entsprechen, sei es eine „klassische Beziehung“, ein One-Night-Stand, eine „offene Beziehung“ und was immer es noch fĂŒr definierte Modelle geben mag, mit unterschiedlichem Erfolg. In den meisten FĂ€llen schwanken die Versuche irgendwo zwischen grĂ¶ĂŸtmöglicher Freiheit und langfristiger VerlĂ€sslichkeit – mit Phasen zwischen „Man kann eben nicht alles haben“ und „Das kann es doch nicht gewesen sein“.

Was wir in kaum einer jener vordefinierten Beziehungsformen lernen, ist die bewusste Kontrolle ĂŒber unsere eigene Membran und die Notwendigkeit des Umgangs mit der begrenzten Ressource Liebe und den möglichen Quellen dieser Ressource. Die Verwirrung und bisweilen auch der Schmerz, die daraus entstehen, sind nachvollziehbar. Aber auch irgendwie traurig und oft unnötig, sobald wir lernen, unsere Membran zu kontrollieren. Üblicherweise (auch aus eigener Erfahrung) geschieht dies in verschiedenen Stufen.

Ein Stufenmodell der Kontrolle ĂŒber die Membran

In den Stufen 0-2 durchlaufen wir die Prozesse von völliger Symbiose hin zu völliger Abgrenzung bis zum folgenschweren Ereignis der ersten großen Verliebtheit (=erneute völlige Öffnung) und entsprechender Verletzung, die oft zu einer erneuten „Abschottung“ fĂŒhrt. Die VerĂ€nderung der „Dichte“ der Membran „passiert“ uns dabei noch und unterliegt kaum unserer bewussten Kontrolle.

Stufe 3 der Kontrolle der Membran wĂ€re dann die FĂ€higkeit, bewusster „auf“ und „zu“ zu machen, wobei die meisten rasch aus Erfahrung lernen, nur bei ganz bestimmten Menschen „aufzumachen“ und dem Rest der Menschheit verschlossen zu bleiben, um nicht wieder verletzt zu werden. Die „Verletzung“ besteht oftmals darin, gewissermaßen an Liebe „auszulaufen“, ohne dass genĂŒgend dieser wertvollen Ressource von außen zurĂŒckkommt – gewissermaßen also eine Art „passive Verletzung“.

In dieser Stufe sind Menschen besonders anfĂ€llig fĂŒr „Energie-Vampire“, weil sie noch keine Möglichkeit haben, ihre Liebe zu „dosieren“. Die „Energie-Vampire“ selbst stecken womöglich in einem Ă€hnlichen Entwicklungs-Schritt fest, weil sie nur entweder aufnehmen können oder nicht. Ein Mehr an Liebe des Einen in dieser Beziehung fĂŒhrt damit fast unweigerlich zu einem „Abfließen“ zum Anderen.

Die Stufe 4 der Kontrolle der Membran erlaubt zwischen einem „offen“ und „zu“ auch Zwischentöne und Graustufen, etwa ein „halbdurchlĂ€ssig“. So kann nun die Dosierung des Austausches besser reguliert werden.

In Stufe 5 kommt zusĂ€tzlich eine Ansteuerung von einzelnen Teilen der Membran hinzu. So kann etwa die Verbindung zu dem einen Menschen sehr offen sein, wĂ€hrend die Abgrenzung zu einem anderen sehr „dicht“ ist. Mit der Zeit kann dies immer genauer auf die BedĂŒrftigkeit anderer sowie dem eigenen „Vorrat“ an Ressourcen abgestimmt werden.

Mir geht es dabei weniger um eine bestimmte Abfolge jener Stufen. Sondern darum zu zeigen, dass es bestimmte Entwicklungsschritte in der Kontrolle der Membran gibt, die einerseits in der genaueren Ansteuerung bestimmter Teilbereiche und andererseits in der Kontrolle der DurchlĂ€ssigkeit besteht – und eine immer bewusstere Kontrolle darĂŒber bzw. auch ein Bewusstsein fĂŒr die Notwendigkeit dieser FĂ€higkeit.

Die FĂ€higkeit zur Eigenliebe

Viele Menschen suchen ihr ganzes Leben im Außen nach Liebe – in Partnern, Liebhabern, Freunden, in der Familie, Gruppierungen, Gott/Göttern, der Natur, dem  Universum, wo auch immer. Auf ihrer Suche schenken sie anderen Liebe, in der Hoffnung, doch zumindest ein kleines bisschen zurĂŒckzubekommen. Als wĂ€re Liebe erst dadurch etwas wert geworden, wenn sie weitergeschenkt wird.

Womöglich ist der langfristig befriedigendere Zugang jedoch die Erkenntnis, dass in uns allen ein Quell von Liebe ist, eine Art nachwachsende Ressource, die wir auch ohne den Umweg, zuerst andere zu lieben, fĂŒr uns nutzbar machen können. Es ist die einzige Quelle der Liebe, auf die wir uns 100%ig verlassen können, und die uns von vornherein bedingungslos zur VerfĂŒgung steht.

GenĂ€hrt von dieser inneren Quelle können wir dann den Überschuss bedenkenlos mit unserer Mitwelt und den Menschen, die sich in ihr bewegen, teilen, ohne auf die Notwendigkeit bestehen zu mĂŒssen, irgendeine Gegenleistung dafĂŒr einfordern zu mĂŒssen. Bedingungslos lieben.

Womit sich der Kreis zum eingangs erwĂ€hnten Zitat aus dem Tao Te King wieder schließt – ein wenig anders ausgedrĂŒckt: SelbstbeschrĂ€nkung ermöglicht erst echte GroßzĂŒgigkeit. Die FĂ€higkeit zur Eigenliebe auszubilden befĂ€higt erst zur nachhaltig selbstlosen Liebe – weil fĂŒr die eigene BedĂŒrftigkeit verlĂ€sslich gesorgt ist.

„Aber fĂŒhrt dies nicht in die Einsamkeit“, mag der eine oder andere richtigerweise einwerfen, „wenn man sich selbst so wichtig nimmt?“. Meine bisherige Erfahrung ist eine gegenteilige: Die FĂ€higkeit zur bedingungslosen Liebe macht zu einem sehr angenehmen GegenĂŒber, mit dem die meisten Menschen gerne Zeit verbringen.

Die FĂ€higkeit zur Eigenliebe schließt auch nicht aus, andere um Liebe und UnterstĂŒtzung zu bitten. Aber sie fĂŒhrt das Element der Freiwilligkeit ein, sowie die Akzeptanz persönlicher Grenzen. Ich bitte um Hilfe, aber habe VerstĂ€ndnis fĂŒr die mögliche BeschrĂ€nktheit der Möglichkeiten des Anderen – immerhin behalte auch ich mir auch selbst ein Ă€hnliches Recht der Hoheit ĂŒber meine persönlichen Ressourcen vor.

Vermutlich ist sie auch die Voraussetzung fĂŒr eine langfristig und nachhaltig glĂŒckliche Beziehung zwischen Menschen, welche konkrete Form auch immer diese annehmen mag.

Auf jeden Fall aber erscheint mir die FĂ€higkeit der Kontrolle der Membran zu erlernen ein sehr erstrebenswertes Ziel zu sein. Und mit jedem Fortschritt auf diesem Weg merke ich auch eine Weiterentwicklung in meinen Beziehungen zu meinen Mitmenschen und zu mir selbst.

Viel Freude und schöne Erkenntnisse auch euch beim Experimentieren damit!

Niklas

In diesem Artikel geht es um einige Erfahrungen zum Thema “Offene Beziehungen” und Liebe/Beziehungen im Allgemeinen. Viele solche Experimente scheitern nicht an den Formen, sondern an den Voraussetzungen und Erwartungen der Liebenden. Wer sich auf das Abenteuer offene Beziehung einlĂ€sst, wirklich einlĂ€sst, wird vor allem mit sich selbst konfrontiert. Das liegt nicht jedem.

ĂŽffeneBeziehungen

Ich beschĂ€ftige mich seit 10+ Jahren theoretisch mit der Thematik, und seit gut der HĂ€lfte der Zeit auch praktisch. Es gibt dazu unzĂ€hlige „Tipps“ im Internet zu finden. Den Großteil davon halte ich fĂŒr nicht sonderlich hilfreich, weil sie nur eine vordefinierte Form durch eine andere ersetzen.

Hier möchte ich versuchen, einige Erfahrungen zu teilen, die unabhÀngig von der jeweilig gewÀhlten Beziehungsform hilfreich sein können.

Vielleicht die wichtigste Frage vorweg beantwortet: Bin ich mit meinen Experimenten glĂŒcklich geworden?

Im Großen und Ganzen: ja. Zumindest habe ich viel gelernt. Über mich selbst. Über den jeweils anderen. Die Welt im Allgemeinen. Und mit den Jahren bin ich dadurch wohl auch ein StĂŒck weit weiser geworden.

Hier zwecks besserer Übersicht eine kleine Auflistung des Folgenden:

Die Verwirrung der Begrifflichkeiten

Bestimmte Wörter triggern bestimmte Vorerfahrungen oder Erwartungshaltungen beim jeweils Anderen, die oft schwer wieder auszulöschen sind.

Wenn ich von „offenen Beziehungen“ spreche, spreche ich von dem Ansatz, sich gemeinsam hinzusetzen und immer wieder herauszufinden, was jeder braucht, um sich miteinander (und mit sich selbst) wohlzufĂŒhlen, unabhĂ€ngig von gesellschaftlichen Normvorstellungen. Andere verstehen darunter eher ein „Ich fick mich durch die Welt“, wieder andere ein „Mir ist alles egal. Du eingeschlossen.“ Viele haben damit auch bereits entsprechende (oft negative) Vorerfahrungen gemacht. Dies erschwert einen unvoreingenommenen Zugang zum Thema.

Ein einziger Begriff, unbedacht verwendet, kann – am besten noch in Kombination mit Hemmungen, ĂŒber BefĂŒrchtungen offen zu sprechen – beinahe unĂŒberwindliche Hindernisse aufbauen. Daher kann man nicht immer darauf vertrauen, dass der Andere Begriffe auch so versteht, wie man selber sie meint. Und ein Nicht-Nachfragen bedeutet nicht immer EinverstĂ€ndnis, sondern allzu oft eher ein „Ich habe Angst vor der Antwort, wenn ich eine Frage stellen wĂŒrde, deswegen stelle ich sie lieber nicht“.

Liebe ist immer auch Selbst-Überwindung. Wer sich dabei auch noch von etablierten Normen verabschiedet, betritt einen Raum, der Angst machen kann. Andere hören davon, raten ab davon, beeinflussen das Miteinander. Weil sie selbst schlechte Erfahrungen damit gemacht haben. Oder – ebenso hĂ€ufig und nicht zu unterschĂ€tzen – es nicht aushalten wĂŒrden, dass man selbst damit glĂŒcklich wird. Weil es sie mit der realen Möglichkeit konfrontiert, ebenso etwas Anderes zu versuchen.

Mut, und VerlÀsslichkeit, die den Mut rechtfertigt, sind deine Freunde.

Das Erlernen der Selbstliebe

Quelle der Selbstliebe

In einem jeden von uns ist eine Quelle zu finden, aus der wir Liebe „ernten“ können. In manchen Menschen ist sie etwas versteckter als in anderen. Aber zu finden ist sie in einem jeden von uns, wenn man sich ernsthaft auf die Suche danach macht.

Weil es auf den ersten Blick einfacher erscheint, sich seine Liebe von außerhalb zu holen, wenden wir jedoch vielfach nicht die Zeit dafĂŒr auf. Es geht ja auch anders. Dass wir uns damit von diesem Außen erpressbar machen, fĂ€llt oft erst dann auf, wenn dieser Fall eintritt.

So akzeptieren wir aus Angst vor Liebesverlust Verhaltensweisen anderer, die weder uns noch ihnen gut tun. Der einzige nachhaltige Schutz gegen diese ungesunde AbhÀngigkeit ist es, die Quelle der Selbstliebe in uns selbst zu entdecken, und zu lernen, mit ihren Schwankungen umzugehen.

Nicht wenige Menschen verstehen unter „Offenen Beziehungen“ die Idee, das Risiko dieser AbhĂ€ngigkeit vom Außen auf mehrere Menschen aufzuteilen. FĂ€llt einer weg, fangen die anderen das Risiko auf. Darum haben diese Menschen auch tendenziell Angst, in die Situation zu kommen, „nur“ einen Partner zu haben.

Aber das verlagert das Problem nur, löst es nicht. Die einzig dauerhaft nachhaltige Lösung ist in einem selbst zu finden: im Finden und Nutzbarmachen der eigenen Quelle der Liebe und Aufmerksamkeit.

Die Ökonomie der GroßzĂŒgigkeit

Wer in sich eine Quelle der (Eigen-)Liebe entdeckt hat, wird bald erkennen, dass er diese in sich „geerntete“ Liebe auch an andere weitergeben und damit GlĂŒck bringende Verbindungen schaffen kann.

Doch auch wenn diese Quelle in uns eine nachwachsende Ressource ist, bringt sie nicht immer gleiche Ernte. Zudem schwankt unser „Eigenverbrauch“ mit unseren BedĂŒrfnissen und unseren Verbindungen zur Außenwelt mit.

Im Idealfall schaffen wir es, uns selbst aus eigener Quelle gut zu versorgen und den Überschuss an andere weiter zu schenken. Geben wir aus diesen Ressourcen mehr, als wir selbst „nach-ernten“ können, so deswegen, weil aus verlĂ€sslicher Quelle von außen genug nachkommt, um unseren eigenen Bedarf zu decken. Ich kenne kaum jemand, der diesen Idealfall lebt.

Erfahren wir hingegen einen Mangel an Liebe/Aufmerksamkeit (weil wir zu wenig in uns finden, zu viel gegeben haben oder zu wenig zurĂŒckbekommen haben), so wĂ€chst das BedĂŒrfnis nach Kontrolle unserer Beziehungen zum Außen. Aus Beziehungen, die je nach Ressourcen ÜberschĂŒsse miteinander teilen, werden „Handels-Beziehungen“ – mit entsprechenden (oft unausgesprochenen) „VertrĂ€gen“ oder zumindest Vorstellungen entsprechender Verpflichtungen und Hochrechnungen der jeweiligen “Leistungen” fĂŒreinander..

Eine der Voraussetzungen, um ökonomisch mit den eigenen Ressourcen wie Liebe und Aufmerksamkeit umgehen zu können, ist ein kontrollierter Umgang mit den eigenen Grenzen: den Durchfluss hin zum Anderen genau so weit zu öffnen, wie es allen Betroffenen (also auch mir!) gut tut.

Allzu oft werfen Menschen anderen vor, sie bewusst „ausgenutzt“ zu haben, wo sie doch nur selbst unfĂ€hig waren, den „Abfluss“ der eigenen Ressourcen entsprechend zu steuern.

Die gute Nachricht ist: diese Selbst-Kontrolle lÀsst sich erlernen.

Die FĂ€higkeit der Selbstbehauptung

Selbstbehauptung

Wenn wir uns durch die Welt bewegen, treffen wir auf andere Menschen, denen es an Liebe und Aufmerksamkeit fĂŒr sich selbst fehlt. Vor allem in den sensibleren von uns wird dadurch oft der Wunsch geweckt zu helfen. So manches Mal werden wir auch direkt um Hilfe gebeten, oder es wird versucht, diese (bis zur Anwendung von Gewalt) einzufordern.

Viele Menschen machen die Entscheidung, ob sie helfen wollen, von der HilfsbedĂŒrftigkeit des Anderen abhĂ€ngig. Dabei ĂŒbersehen sie gerne, dass ihre eigenen Ressourcen und damit ihre Möglichkeiten zu Helfen beschrĂ€nkt sind.

Viel hilfreicher fĂŒr alle Beteiligten ist es im Regelfall, wenn der eigene „Haushalt“ an Ressourcen wie Liebe und Aufmerksamkeit der entscheidende Faktor ist: Bin ich gerade im Überfluss? Und wenn ja, wie viel kann ich geben, ohne selbst in einen Mangel zu geraten?

Wird diesem Aspekt zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt, so kann es rasch zu VorwĂŒrfen dem Anderen gegenĂŒber kommen, wenn wir uns beim “Helfen” selbst ĂŒberfordern. Die Ursache der Überforderung liegt jedoch nicht im leidenden Anderen verborgen, sondern in unserer UnfĂ€higkeit der Abgrenzung, wo uns die Ressourcen fehlen, nachhaltig zu helfen.

Nun kann es auch passieren, dass jemand von uns Hilfe verlangt, etwa weil er uns vorher selbst geholfen hat, oder es als Pflicht innerhalb einer Freundschaft/Beziehung/
 ansieht. Auch hier kann es hilfreich sein, dies stattdessen vom eigenen Ressourcen-Haushalt abhĂ€ngig zu machen, selbst wenn es vorerst zu einem Konflikt fĂŒhren mag.

Denn bin ich selbst „unterversorgt“, kann ich dem Anderen nur sehr eingeschrĂ€nkt helfen. Ich tue ihm keinen Gefallen, wenn ich ihm meinen eigenen Mangel verschweige.

Vor allem wird durch solche Konflikte dann plötzlich sichtbar, wie oft wir uns eigentlich in „Handels-Beziehungen“ mit unseren Mitmenschen befinden, die nach „vorgefertigten Formen“ ablaufen („Ein echter Freund reagiert so“), anstatt uns an unseren BedĂŒrfnissen und Möglichkeiten zu orientieren.

Manche Menschen drĂ€ngen anderen Menschen ihre Liebe und Aufmerksamkeit auf, weil sie sich nicht mit sich selbst beschĂ€ftigen wollen. Oft wollen sie sich damit auch eine entsprechende „Gegenleistung“ in ihren eigenen schlechten Phasen „erkaufen“. Wer annimmt, was er nicht braucht, um einen Konflikt im Jetzt zu vermeiden, nimmt dafĂŒr im Regelfall einen spĂ€teren Konflikt in Kauf – bei dem er sich dann in der Defensive befindet, hat er doch vom anderen schon „profitiert“.

Bedingungslose Liebe

Die meisten von uns sind es gewohnt, die Bewertung unseres Tuns vom zu erwartenden Ergebnis abhĂ€ngig zu machen. Wir “investieren” in einen Menschen, weil wir uns einen Nutzen daraus erwarten. Wenn es dann danach aussieht, als wĂŒrde sich der Nutzen womöglich nicht einstellen, hören wir damit auf.

Im Hinblick auf die Liebe: wir geben einer geliebten anderen Person Aufmerksamkeit, in der Hoffnung, sie wĂŒrde es uns gleichtun und im Gegenzug uns Aufmerksamkeit schenken. Keimt in uns der Verdacht auf, dies wĂŒrde nicht so sein, hören wir oft damit auf – und erzeugen damit womöglich erst die Situation, die wir fĂŒrchten. Denn die andere Person denkt sich nun: Bin ich ihm denn am Ende doch nicht so wichtig als ich glaubte? Und wird ebenso ihre „Investition herunterfahren“.

Der SchlĂŒssel liegt auch hier wieder im Vertrauen auf die eigenen Ressourcen: sich selbst von der Reaktion der Umwelt unabhĂ€ngig zu machen. Weil die notwendigen Ressourcen an Liebe und Aufmerksamkeit in ausreichender Menge in einem selbst zu finden sind, und der Überschuss bedingungslos weitergeschenkt werden kann.

Zu lieben. Einfach so. Sobald man genĂŒgend Liebe und Aufmerksamkeit in sich selbst „gewonnen“ hat, dass man den Überfluss aus freien StĂŒcken verschenken kann, ohne auf einen Ausgleich angewiesen zu sein.

Meiner beschrĂ€nkten Erfahrung nach ist hier die eigentliche Grenze “freier Liebe” zu finden. Ich kann bedingungslos lieben, aber dieser “Überschuss” an Liebe und Aufmerksamkeit, den ich geben kann, ist trotz allem begrenzt.

Deswegen halte ich es aus heutiger Sicht fĂŒr sinnvoll, sich auf eine Person, eine GefĂ€hrtin zu beschrĂ€nken, der man PrioritĂ€t einrĂ€umt. Ist genĂŒgend “Überschuss” vorhanden, um noch mehr Menschen etwas davon zukommen zu lassen: gut, warum nicht. Aber ich habe noch niemanden kennengelernt, der dies auch dauerhaft und gleichberechtigt mit mehreren Menschen auf eine Weise vollbracht hĂ€tte, die alle Betroffenen glĂŒcklich macht.

Die Kunst der lebendigen Formen

Ausgeglichenheit

Die meisten von uns betrachten die Liebe tendenziell als eine Sache von Entweder-Oder. Entweder du bist mit mir in einer Beziehung, dann opfere ich mich fĂŒr dich auf (und erwarte dasselbe von dir). Oder wir sind es nicht, und was wir fĂŒreinander tun ist beschrĂ€nkt durch bestimmte Formen.

Wehe, die Grenzen jener Formen verwischen sich – etwa wenn der One-Night-Stand plötzlich auf die Idee kommt, den anderen zu lieben. Oder die sexuelle Anziehung innerhalb einer Beziehung ihren Reiz verliert. Das war doch anders ausgemacht! Dann trennt man sich mehr oder weniger versöhnlich, um nicht in die schwierige Situation zu kommen, sich im unsicheren Terrain der Graustufen zu bewegen.

Wer die obigen Aspekte verinnerlicht hat, ist gut vorbereitet auf jenen weiteren mutigen Schritt: gemeinsam lebendige Formen zu kreieren. Wenn alle Beteiligten gut auf sich selbst achten, können sie auch gemeinsam eine Form des Miteinanders finden, die ihren jeweiligen BedĂŒrfnissen entspricht. Und auch einen fĂŒr sie stimmigen VerĂ€nderungsprozess jener Form, damit sie lebendig bleibt und sich verĂ€ndernden BedĂŒrfnissen anpasst. Denn alles ist vergĂ€nglich in dieser Welt.

Der GefĂ€hrte, der gerade in einer persönlich schwierigen Phase durchmacht, wird womöglich in jener Zeit mehr NĂ€he und Geborgenheit brauchen, als er es zu anderen Zeiten notwendig hat, wo er diese eher als â€žĂŒbertrieben“ oder gar „lĂ€stig“ empfindet. Und warum auch nicht?

Alles, was dazu notwendig ist, ist gute, ergebnisoffene Kommunikation. Nicht: Willst du X fĂŒr mich sein oder Y? Sondern: Was brauchst du? Ich brauche dies und jenes. Eine gewisse Schamlosigkeit, die die notwendige Voraussetzung von AuthentizitĂ€t und Echtheit ist. In der man auch mal schwach, nicht perfekt sein darf, und dem Anderen das gleiche Recht zugesteht. Wie befreiend!

Die Akzeptanz einer imperfekten Welt

Die meisten von uns sehnen sich (aus Eigenerfahrung sowie Erfahrungen anderer, die sich mir anvertraut haben) einerseits nach einem GefĂ€hrten, dem Vertrauten, aber auch dem Neuen, oft in einer Art stetigem Wechselspiel des Ganzen. Und wollen am besten all das in einer Person vereint. Am besten noch ohne großen eigenen Aufwand, bis ĂŒbermorgen geliefert bis an die HaustĂŒre.

Nur: die Welt verĂ€ndert sich stĂ€ndig. Die Menschen um uns verĂ€ndern sich, und auch wir selbst und unsere BedĂŒrfnisse. Die Idee einer offenen Beziehung (im Sinne meiner Definition, gemeinsam ein Miteinander zu finden, das stimmig fĂŒr alle Betroffenen ist) kommt dem entgegen. Weil sie vom Zwang erlöst, die perfekte Wahl zu treffen und auch selbst zu sein. Weil ich – wenn es mir wirklich wichtig ist – gemeinsam mit allen Betroffenen nach konstruktiven Lösungen suchen kann, ohne mich stĂ€ndig fĂŒr oder gegen Menschen entscheiden zu mĂŒssen.

Ich glaube nicht, dass es die „objektiv perfekte Form“ des Miteinanders gibt. Sondern dass die Kunst darin besteht, gut fĂŒr sich selbst sorgen zu lernen und gemeinsam ein stimmiges Miteinander zu finden, das sich seine Lebendigkeit behĂ€lt. Damit man sich aneinander erfreuen kann. Nicht notwendigerweise stĂ€ndig, aber mit den Rhythmen von Sterben und Wiedergeburt der jeweils stimmigen Formen des Miteinanders immer wieder aufs Neue.

Erstaunlich oft ist mir das neben einigen schmerzvollen Erfahrungen auch gelungen. Ich wĂŒnsche euch Ă€hnliche positive (oder zumindest lehrreiche) Erfahrungen.

Niklas

P.S.: In meinem Buch Barfuß fĂŒhrt dein Weg dich weiter sind auch dazu einige Texte enthalten. Und bis 29.11.2018 ist die eBook-Version meines Buches sogar noch kostenlos downloadbar. Mehr Infos dazu unter diesem Link.

Der Großteil aller Menschen wird darin ĂŒbereinstimmen können, dass Freiheit erstrebenswert ist. Die Übereinstimmung ist derart selbstverstĂ€ndlich, dass sich eine Frage in vielen Diskussionen gar nicht mehr zu stellen scheint: Was meinen wir eigentlich, wenn wir von „Freiheit“ sprechen? Ist der Begriff tatsĂ€chlich so hinreichend erklĂ€rt, wie wir ihn verwenden? Und wenn ja: Wie kommt es dann, dass Menschen, denen „mehr“ Freiheiten zur VerfĂŒgung stehen als uns, nicht unbedingt glĂŒcklicher zu sein scheinen als wir selbst?

Objektive vs. Subjektive Freiheit

Im alltĂ€glichen Gebrauch wĂŒrden die meisten Menschen Freiheit als berechenbar definieren. Ich kann nicht nur frei sein, sondern auch freier. Mehr frei als jemand anderer. Diese Art, „Freiheit“ zu definieren, bestimmt die Strategien, die wir anwenden, um zu mehr Freiheit zu gelangen: Falls wir uns unfrei fĂŒhlen, arbeiten wir daran, uns ein Mehr an Optionen zu erarbeiten.

Wenn uns zehn Wahlmöglichkeiten in einer Situation offen stehen, sollten wir uns demnach freier fĂŒhlen als wenn uns nur drei Wahlmöglichkeiten offen stehen. Immerhin sind wir – nach unserer berechenbaren Definition – damit objektiv betrachtet freier.

Das Problem bei dieser Herangehensweise ist jedoch, dass Freiheit zwar von objektiven Möglichkeiten beeinflusst, im Kern aber eine zutiefst subjektive Wahrnehmung ist. Wenn wir zwei Menschen, A und B, in die objektiv betrachtet exakt gleiche Situation versetzen, ist die Chance groß, dass sich ihr Freiheitsempfinden sehr voneinander unterscheidet.

Ein Bereich des Lebens, der dies sehr deutlich veranschaulicht, ist die Liebe. Ich kann mir als Mann ein VerhĂ€ltnis mit fĂŒnf Frauen anfangen (und natĂŒrlich auch umgekehrt usw.). Objektiv betrachtet bin ich dann womöglich „freier“ in der Auswahl, mit wem ich meine Zeit verbringen möchte. Aber wenn ich in einem Moment das BedĂŒrfnis nach Kontakt zu einem Menschen habe, mit dem ich in diesem Moment nicht in Kontakt sein kann, werde ich mich trotz meiner vielen alternativen Möglichkeiten unfrei fĂŒhlen.

Selbst wenn der Kontakt mit nur einem einzigen Menschen „alternativlos“ und damit nach objektiven Kriterien „unfrei“ sein sollte: wenn es das ist, was ich mir in dem Moment wĂŒnsche, werde ich mich subjektiv frei fĂŒhlen.

Freiheit und stimmiger Kontakt

Was fĂŒr die Liebe gilt, lĂ€sst sich auch auf so ziemlich jeden anderen Lebensbereich ĂŒbertragen. FĂŒr unsere Wahrnehmung von Freiheit ist entscheidend, ob es uns möglich ist, das zu tun/kommunizieren, was sich fĂŒr uns subjektiv im Moment stimmig anfĂŒhlt. Ist diese Möglichkeit gegeben, fĂŒhlen wir uns frei. Ist sie es nicht, fĂŒhlen wir uns unfrei, weitgehend unabhĂ€ngig von unseren objektiven Möglichkeiten. Oder anders ausgedrĂŒckt: Solange wir in stimmigen Kontakt mit uns selbst, anderen und der Welt gehen und darin bleiben können, fĂŒhlen wir uns frei. Sobald irgendetwas uns daran hindert, fĂŒhlen wir uns unfrei.

Dabei lĂ€sst sich eine grobe Unterscheidung treffen zwischen inneren und Ă€ußeren Blockaden unserer subjektiv erlebten Freiheit. Eine Ă€ußere Blockade könnte z.B. sein, dass ich, um offiziell als Unternehmensberater tĂ€tig sein zu dĂŒrfen, dafĂŒr bestimmte Voraussetzungen erfĂŒllen muss. Bei einer Ă€ußeren Blockade besteht die Chance, dass mich tatsĂ€chlich eine Konsequenz erwartet, die von außen kommt. In dem beschriebenen Fall z.B. eine rechtliche Strafe, falls ich ohne Berechtigung als Unternehmensberater auftrete. Diese Art von Blockade kann ich ĂŒberwinden, indem ich darauf hinarbeite, die entsprechenden Voraussetzungen zu erfĂŒllen.

Eine innere Blockade hingegen berĂŒhrt Überzeugungen ĂŒber die Welt bzw. mich selbst, die verhindern, dass ich in stimmigen Kontakt bleiben kann. So mag es beispielsweise dazu kommen, dass ein potentieller Kunde Interesse daran hat, mit mir zu arbeiten. Vielleicht berĂŒhrt dies aber in mir die Überzeugung, dass ich es ja in Wahrheit gar nicht wert sei, dass Kunden mir vertrauen. Nun blockiere ich mich womöglich innerlich dermaßen, dass ich (unbewusst) darauf hinarbeite, dass der Auftrag nicht zustande kommt. Diese Art von Blockade kann ich ĂŒberwinden, indem ich mir den -> universellen Entwicklungskreislauf zunutze mache, und fĂŒr die entsprechenden Voraussetzungen sorge, meine inneren Blockaden zu ĂŒberwinden.

Wovon hĂ€ngt unser subjektives FreiheitsgefĂŒhl ab?

Unser subjektives GefĂŒhl von Freiheit (das, anders als die objektive Situation unserer tatsĂ€chlichen Möglichkeiten in jedem Moment, unser Erleben bestimmt) ist damit abhĂ€ngig von sechs Faktoren:

  • Bin ich fĂ€hig und willens, in stimmigen Kontakt zu treten, um zu fĂŒhlen, was ich brauche/was fĂŒr mich stimmig ist?
  • Kann ich verlĂ€sslich zwischen inneren und Ă€ußeren Blockaden unterscheiden? (Siehe auch -> Filter unserer Wahrnehmung)
  • Erkenne ich, welche Ă€ußeren Blockaden mich davon abhalten?
  • Finde ich Wege, wie ich diese Ă€ußeren Blockaden ĂŒberwinden kann?
  • Erkenne ich, welche inneren Blockaden mich davon abhalten?
  • Finde ich Wege, wie ich diese inneren Blockaden ĂŒberwinden kann?

Der Faktor Zeit

Wie wir an diesen Faktoren feststellen können, ist auch Zeit ein relevanter Faktor. Möglicherweise erkennen wir eine Ă€ußere Blockade, und auch einen Weg, wie wir sie ĂŒberwinden können, aber der Prozess wĂŒrde so lange dauern, dass wir die Möglichkeit von vornherein ausschließen (z.B. „ich bin doch schon zu alt, noch eine neue Ausbildung zu beginnen“).

Es ist auch durchaus legitim, sich gegen etwas zu entscheiden, wenn der Aufwand subjektiv betrachtet in keiner konstruktiven Relation zum erwarteten Nutzen steht. Solange man sich dabei im Sinne der radikalen Selbstverantwortung auch eingesteht, dass diese subjektive Unfreiheit die Konsequenz einer Entscheidung war, die man fĂŒr sich getroffen hat. Denn dies bedeutet gleichzeitig auch, dass man die Macht behĂ€lt, sich zu einem anderen Zeitpunkt anders zu entscheiden, anstatt sich selbst zum Opfer der UmstĂ€nde zu machen.

Welche Art von Freiheit macht nun nachhaltig glĂŒcklich?

Ich bin zu der Überzeugung gelangt, dass nur eine subjektiv erlebte Freiheit, ein im-stimmigen-Kontakt-Sein mit sich und dem Rest der Welt nachhaltig glĂŒcklich machen kann. Oder anders ausgedrĂŒckt: frei fĂŒhlt sich derjenige, der nachhaltig tun und lassen, sagen und schweigen kann, was sich fĂŒr ihn stimmig/richtig anfĂŒhlt.

Dies ist schwer quantifizierbar im Sinne eines „Mensch A ist freier als Mensch B“. Aber vielleicht ist dies ja auch gar nicht notwendig. Nur weil ich objektiv „freier“ bin als ein anderer Mensch, macht mich das ja nicht subjektiv glĂŒcklicher. Und da mein Erleben ja zutiefst subjektiv ist, ist es im Zweifelsfall ja dieses, was fĂŒr mich relevant ist.

Welche Art von Freiheit macht Dich nachhaltig glĂŒcklich?

Niklas

P.S.: Ich möchte noch erwĂ€hnen, dass ich diesen Freiheitsbegriff nicht selbst entwickelt, sondern aus einem Buch ĂŒbernommen habe. Ich wĂŒrde an dieser Stelle gerne den Autor/den Titel des Buches anfĂŒhren, auch um ihm fĂŒr diesen Gedanken den Respekt und die Dankbarkeit zukommen zu lassen, die er verdient. Leider habe ich das Buch von einer Bekannten geborgt, die nun (aus GrĂŒnden, die sie mir nicht erklĂ€ren wollte) nicht mehr mit mir spricht. Daher ist mir dies im Augenblick nicht möglich.

In den letzten Tagen wurde fĂŒr mich ein altes Thema wieder sehr aktuell: wie umgehen mit unverlĂ€sslichen Mitmenschen? Als jemand, dessen Freundeskreis zu einem großen Teil aus eher „alternativen“ Menschen besteht, und sich auch entsprechend tendenziell zu „Freigeister“-Frauen hingezogen fĂŒhlt, habe ich in meinem Leben ziemlich oft mit diesem Thema zu tun gehabt. Ehrlicherweise muss ich auch eingestehen, dass ich vor allem in meiner Jugend und als junger Erwachsener bisweilen ebenso nicht sonderlich verlĂ€sslich war. Im folgenden Beitrag möchte ich einerseits darĂŒber schreiben, was meiner Erfahrung nach ĂŒberhaupt die hĂ€ufigsten Ursachen fĂŒr UnverlĂ€sslichkeit sind, welche Auswirkungen UnverlĂ€sslichkeit auch auf andere haben kann, und wie man mit unverlĂ€sslichen Menschen umgehen kann, ohne dauerhaft selbst darunter leiden zu mĂŒssen.

Ursachen fĂŒr UnverlĂ€sslichkeit

0. Implizierte Erwartungen

Ich habe diesem Grund die Ziffer 0 zugewiesen, weil es sich im Grunde um keine wirkliche UnverlÀsslichkeit handelt, sondern mehr um eine einseitig empfundene. Aber implizierte Erwartungen passieren hÀufig, deswegen verdienen sie es meiner Ansicht nach, erwÀhnt zu werden.

Das einfachste Beispiel dafĂŒr sind Beziehungen. Auch wenn es einige relativ universelle Vorstellungen davon gibt, was vom anderen erwartbar ist, wenn man “in einer Beziehung ist”, kommen dazu im Regelfall noch unzĂ€hlige Erwartungen hinzu, die gefĂŒhlt “so selbstverstĂ€ndlich sind, dass man darĂŒber gar nicht mehr reden braucht” – und die naturgemĂ€ĂŸ prompt enttĂ€uscht werden, weil sie beispielsweise aufgrund der eigenen familiĂ€ren Vorgeschichte geprĂ€gt wurden, die der jeweils andere natĂŒrlich nicht 1:1 so miterlebt hat.

Daher unterscheide ich fĂŒr mich sehr klar zwischen impliziten und expliziten Abmachungen. Die Einhaltung von expliziten, klaren Abmachungen ist mir sehr wichtig, aber ich bin niemandem böse, wenn er implizite, nie klar kommunizierte Erwartungen nicht erfĂŒllt – und auch nicht sehr verstĂ€ndnisvoll, wenn mir jemand vorwirft, seine impliziten, nie kommunizierten Erwartungen nicht erfĂŒllt zu haben. Der Rest des Artikels bezieht sich dementsprechend auf explizite Abmachungen.

1. Unklare Kommunikation

Es mag kurios klingen, aber der vermutlich hĂ€ufigste Grund fĂŒr (empfundene) UnverlĂ€sslichkeit ist  schlicht unklare Kommunikation. Jemand geht aufgrund einer unklar formulierten Abmachung davon aus, dass sich der andere auf eine bestimmte Art und Weise verhalten wird („das ist ohnehin klar, da brauche ich nicht genauer nachfragen), und empfindet es dann als unverlĂ€sslich, wenn der andere sich anders verhĂ€lt als erwartet (ohne dass dieser merkt, dass er damit als „unverlĂ€sslich“ rĂŒberkommt, weil seine Version der Wahrheit fĂŒr ihn ebenso „völlig klar“ ist). Beispielsweise meinte eine Freundin von mir unlĂ€ngst, sie sei „Anfang August“ in Oberösterreich und wĂŒrde mich dann gerne treffen. Ich ging (warum auch immer) vom 1./2. August aus, und war dann irritiert, dass sie in der Zeit nicht erreichbar war, wo sie doch meinte, sie will mich gerne sehen. Sie war entsprechend ĂŒber meine Irritation irritiert 😉

An dieser Stelle sei noch erwĂ€hnt, was fĂŒr mich – neben allgemeiner Ignoranz ĂŒber mögliche Konsequenzen – die hĂ€ufigsten zwei GrĂŒnde fĂŒr unklare Kommunikation sind:

  1. man will sich noch nicht festlegen und Optionen offen lassen, und
  2. man will den anderen nicht verletzen.

2. Mangelnde SelbsteinschÀtzung/Organisation/Disziplin

Der zweite hĂ€ufige Grund fĂŒr UnverlĂ€sslichkeit ist in mangelnder SelbsteinschĂ€tzung, Organisationstalent oder Disziplin zu finden. Wer nicht einschĂ€tzen kann, ab wann er seine Ressourcen und sich selbst ĂŒberfordert, wird sich regelmĂ€ĂŸig ĂŒberfordern, und zumindest einigen seiner eingegangen Abmachungen nicht gewachsen sein. Wer nicht gut darin ist, sich selbst zu organisieren, wird selbst bei allgemeiner Machbarkeit ĂŒberfordert sein. Und wem die Selbst-Disziplin dazu fehlt, wird eventuell frĂŒher aufgeben als notwendig, oder sich leicht ablenken lassen.

3. Nicht Nein sagen können

Grund Nummer drei ist verwandt mit mangelnder Selbst-EinschĂ€tzung, aber ich möchte ihn hier extra herausheben: Nicht gut darin zu sein, Nein zu sagen. Wer nie gelernt hat, bewusst, Nein zu sagen, wenn er etwas nicht will/leisten kann, wird sich frĂŒher oder spĂ€ter selbst ĂŒberfordern, und eingegangene Abmachungen beim besten Willen nicht einhalten können. Oder anders ausgedrĂŒckt: Nur wer gelernt hat, Nein zu sagen, kann auch mit gutem Gewissen Ja sagen. Dieser Aspekt hat natĂŒrlich auch stark mit dem Ausmaß der persönlichen AbhĂ€ngigkeit von anderen zu tun. Je abhĂ€ngiger ich von der UnterstĂŒtzung eines Menschen/einer Institution bin, desto eher werde ich bereit sein, nach außen Ja zu sagen, auch wenn mein Innerstes mir zu einem Nein rĂ€t.

4. Verkettete AbhÀngigkeiten auf unverlÀssliche Menschen basieren

Grund Nummer vier ist jener, dass ich mich auf andere verlasse, die selbst unverlÀsslich sind, und damit verkettete AbhÀngigkeiten eingehe. Ein simples Beispiel: mein Bruder hat mich und meine (mittlerweile) Ex-Freundin zu sich nach Hause eingeladen. Ich habe sie gefragt, ob sie Zeit und Lust hat, mitzukommen, sie sagt Ja, und ich gebe meinem Bruder Bescheid, dass wir kommen werden. Am besagten Tag schafft meine Ex-Freundin es nicht rechtzeitig aus dem Bett, und ich stehe vor der Wahl:

  1. Auf sie zu warten und selbst zu spÀt zu kommen
  2. Ohne sie zu fahren, selbst pĂŒnktlich zu kommen, aber ohne – wie ausgemacht – mit meiner Ex-Freundin
  3. WĂŒtend etc. zu reagieren und meiner Ex-Freundin Druck zu machen

Keine Option ist sonderlich befriedigend, vor allem wenn man öfter in eine solche Situation kommt, wie es mir regelmĂ€ĂŸig passiert ist. Obwohl ich mich selbst sehr darum bemĂŒhte, verlĂ€sslich zu sein, wurde ich von anderen aufgrund von verketteten AbhĂ€ngigkeiten oft trotzdem als unverlĂ€sslich wahrgenommen (vor allem von meiner Familie, die meine reale persönliche UnverlĂ€sslichkeit von frĂŒher noch in Erinnerung hatten).

Ich habe als junger Erwachsener relativ rasch verstanden, dass meine eigene UnverlĂ€sslichkeit Menschen, die mir wichtig sind, nervt, und negative Konsequenzen nach sich zieht. Aber dann nochmal knapp 10 Jahre gebraucht, um das Problem der verketteten AbhĂ€ngigkeiten fĂŒr mich so halbwegs zufriedenstellend zu lösen. Ich kann mir vorstellen, dass vor allem Menschen, die wie ich ziemlich viele “Hippie-Freunde” haben, mit dieser Schwierigkeit zu kĂ€mpfen haben.

Einige LösungsansĂ€tze fĂŒr das Problem der verketteten AbhĂ€ngigkeiten

Nun, man kann schlicht darauf verzichten, verkettete AbhÀngigkeiten einzugehen. Aber recht viel braucht man dann nicht mehr vom Leben zu erwarten. Keine zufriedenstellende Lösung also.

Zweiter Ansatz: lernen, zwischen verlÀsslichen und unverlÀsslichen Menschen zu unterscheiden, und sich nur noch auf die zweite Art von Menschen verlassen. Das funktioniert tatsÀchlich auch ganz gut so. Aber was tun, wenn es um unverlÀssliche Menschen geht, die einem nahe stehen, etwa Familienmitglieder, der beste Freund, oder eine Frau, die man zutiefst liebt?

Aufgrund meiner eigenen Vorgeschichte muss ich drittens davon ausgehen, dass ich unverlĂ€ssliche Menschen gewissermaßen geradezu „anziehe“, schon alleine aus dem Grund, weil ich traditionell dafĂŒr gesorgt habe, dass diese Menschen nicht das volle Ausmaß der Konsequenzen ihrer UnverlĂ€sslichkeit erleiden mussten. Und dann habe ich mich stĂ€ndig darĂŒber geĂ€rgert (meist ohne es an den jeweiligen unverlĂ€sslichen Menschen direkt auszulassen), dass sich nichts an ihrem Verhalten Ă€nderte. In aller Ehrlichkeit: meine alte Angewohnheit, Konflikte nach Möglichkeit zu vermeiden, war auch nicht sonderlich hilfreich.

Was trage ich selbst zur UnverlÀsslichkeit des Anderen bei?

Daher im Sinne der radikalen Selbstverantwortung die oft unangenehmen Fragen: Was trage ich selbst zum Verhalten der anderen Person bei? Was habe ich selbst dazu beigetragen, in die unangenehme Situation gekommen zu sein, in der ich mich jetzt aufgrund der UnverlÀsslichkeit des Anderen befinde?

Wenn man sich bemĂŒht, ehrliche Antworten auf diese Fragen zu finden, finden sich oft auch Antworten, die helfen, aus diesen unangenehmen Erfahrungen zu lernen:

  • Möglicherweise hat der Andere unklar kommuniziert, aber ich habe es auch unterlassen, genauer nachzufragen.
  • Möglicherweise tut sich der andere schwer damit, Absprachen auch einzuhalten, aber ich habe es auch zugelassen, dass verkettete AbhĂ€ngigkeiten entstehen, die meine PlĂ€ne wie ein Kartenhaus einstĂŒrzen lassen wenn er unverlĂ€sslich wird, indem ich keinen Notfallplan entwickelt habe, obwohl ich schon weiß, dass dieser Mensch nicht der verlĂ€sslichste ist.
  • Möglicherweise lernt der andere einfach nicht aus seinen Fehlern, aber ich helfe ihm auch nicht dabei, weil ich ihn, um ihn nicht zu verletzen, vor dem Ausmaß meiner EnttĂ€uschung und Wut darĂŒber schĂŒtze. Oder, weil ich das GefĂŒhl habe, nicht ohne ihn leben zu können, nicht die notwendigen Konsequenzen fĂŒr mich ziehe.

Das Kernproblem hintern den Kernproblemen

Die möglichen GrĂŒnde fĂŒr UnverlĂ€sslichkeit, die ich oben beschrieben habe, sind fĂŒr mich im Grunde nur Facetten eines dahinterstehenden Kernproblems: Darf ich mein Leben so leben, wie ich es fĂŒr richtig halte, und traue ich mich auch, dies zu tun?

Wenn ich auf diese Fragen mit ganzem Herzen mit Ja antworten kann, dann kann ich aufgrund meiner eigenen Vorlieben und Ressourcen Ja und Nein zu Anfragen antworten, die an mich gestellt werden, und entsprechende PrioritÀten setzen. Ich kann klar, authentisch und ehrlich kommunizieren. Ich kann, wo dies notwendig ist, auch in Konflikt gehen, um dieses mir angestammte Recht auf die Gestaltung meines eigenen Lebens zu verteidigen.

Aber wer von uns ist tatsÀchlich soweit, dies 100%ig von sich behaupten zu können?

Wie ich mittlerweile mit unverlÀsslichen Menschen umgehe

Emotionen wie Wut, EnttĂ€uschung etc. zu zeigen und auszudrĂŒcken, ist aus zwei GrĂŒnden wichtig: einerseits hilft es einem selbst, sie „rauszubekommen“ und nicht zu unterdrĂŒcken, andererseits hilft es dem Anderen, nachzuvollziehen, welche Konsequenzen sein Verhalten hat.

Aber Emotionen auszudrĂŒcken alleine ist oft zu wenig. Es braucht auch Konsequenzen, die dem Anderen unabhĂ€ngig von Emotionen ermöglichen, die Zukunft verlĂ€sslich vorherzusehen. Im Grunde sind Erwachsene „große Kinder“, und in einer komplexen Welt freuen sie sich ebenso ĂŒber ein wenig Vorhersehbarkeit.

Im Idealfall ist die Vorhersehbarkeit entsprechend den realen MachtverhĂ€ltnissen formuliert, und erzeugt nicht wieder neue verkettete AbhĂ€ngigkeiten. Nehmen wir z.B. an, ich habe mir fĂŒr heute mit einer Freundin ausgemacht, dass wir gemeinsam schwimmen gehen, aber ich erreiche sie nicht, und sie meldet sich auch nicht zurĂŒck.

Was ich mittlerweile im Regelfall mache, ist ihr eine Nachricht nach dem Muster „Ich erreiche dich leider nicht. Wenn ich bis 14:30 nichts von dir höre, mache ich mir mit jemand anderem etwas aus.“ Das beschrĂ€nkt meinen Ärger ĂŒber die UnverlĂ€sslichkeit zeitlich, und verhindert, dass ich (wie frĂŒher oft passiert) stundenlang herumwarte, und dann dem Anderen innerlich vorwerfe, meinen Tag versaut zu haben.

Heute konkret war ich dann doch auch mal ziemlich genervt von einer Freundin, die (im Gegensatz zu meinen anderen Freunden, die mittlerweile erstaunlich verlĂ€sslich geworden sind, seit ich sie so behandle) es geschafft hat, einige Tage in Folge unverlĂ€sslich/unerreichbar zu sein. Sie hat dann doch ausnahmsweise eine „Doppel-Behandlung“ in Form meiner deutlichen Genervtheit + Darlegung der Konsequenzen erhalten (ĂŒblicherweise reicht mittlerweile letzteres), und die Botschaft dĂŒrfte wohl mittlerweile angekommen sein.

HauptsĂ€chlich war ich aber auch deswegen so genervt, weil ich eine andere Entscheidung von ihr abhĂ€ngig gemacht hatte, also verkettete AbhĂ€ngigkeiten auf jemanden aufgebaut hatte, der sich in dieser Situation als unverlĂ€sslich herausgestellt hat – meine Wut war also auch ein StĂŒck weit selbst verursacht.

Wer das bei aller Genervtheit ĂŒber die UnverlĂ€sslichkeit anderer nie vergisst, erinnert sich dabei auch an eine wichtige Konsequenz aus dem Faktum, dass ein Teil der Misere selbst verursacht ist: ich habe damit auch selbst die Macht, etwas daran zu Ă€ndern. Radikale Selbstverantwortung kann schon auch ziemlich hilfreich sein 🙂

In dem konkreten Fall habe ich nun die verkettete AbhĂ€ngigkeit aufgelöst, und mir eine schöne Alternative geschaffen, falls der ursprĂŒngliche Plan so nichts wird – und wenig ĂŒberraschend hat sich die verbliebene Wut auch weitgehend aufgelöst.

Niklas

(Alle Aussagen von anderen Personen habe ich so verstanden, das bedeutet nicht, dass sie es auch so gemeint haben. Nur zur Sicherheit..)

Ich bin nun seit gut einem Ÿ-Jahr bei meinem Freund RenĂ© im Tai-Chi-Training (er nennt es „Verein fĂŒr innere Kampfkunst“), und er hat immer wieder einen interessanten Gedankengang erwĂ€hnt: dass seiner eigenen Erfahrung nach (doch immerhin ĂŒber 10 Jahre der Praxis) in Tai-Chi-Kursen oft sehr viel Wert auf das Erlernen einer korrekten Form gelegt wird (man kennt vielleicht die Bilder aus chinesischen Parks). Weiter meinte er, dass es ĂŒblich sei, nach 10, 15, 20 Jahren der Praktizierung dieser Form irgendwann (vielleicht!) die Prinzipien dahinter zu verstehen. Er hingegen vermittle lieber direkt die Prinzipien, so dass man sie – auch ohne die vollstĂ€ndige Form perfekt zu beherrschen – sofort im Alltag einsetzen und praktizieren kann. Die Form vermittelt er auch, aber mehr als “Bonus”.

Da ich die Vorteile des Zuganges Woche fĂŒr Woche nicht nur an mir, sondern auch an den anderen Teilnehmern des Kurses beobachten kann, stellt sich die interessante Frage, ob denn nun die spezifischen Tai-Chi-Bewegungsformen nicht auch ganz weggelassen werden könnten. ZusĂ€tzlich meinte RenĂ© auch, dass man in einem realen Kampf ja nicht davon ausgehen könnte, dass sich der Gegner exakt so bewegen wird wie in der Form vorgesehen, man mĂŒsse schon auch in stimmigem Kontakt gehen und bleiben, um auf die Bewegungen des Gegners adĂ€quat reagieren zu können, und wĂŒrde dabei oft von der eingelernten Form abweichen.

Die NĂŒtzlichkeit der Form

Und doch hat das Erlernen der Form seine NĂŒtzlichkeit, wie ich nach einigen Monaten fast tĂ€glicher Übung feststellen konnte: sie erhöht den Bewegungs-Spielraum. Am Anfang waren einige der Bewegungen der Form fĂŒr mich sehr schwierig auszufĂŒhren („unmöglich“ war des Öfteren der Gedanke), aber mit der Zeit wurde mir immer mehr klar, dass dies nicht an der universellen Unmöglichkeit von Körperbewegungen an sich lag, sondern an meinen eigenen inneren Blockaden, die mir das Praktizieren der Form ĂŒberwinden half.

UnlĂ€ngst im Kurs meinte RenĂ© zu mir, dass ich ihm in der SensibilitĂ€t mittlerweile beinahe gleichwertig wĂ€re, aber er eben noch den Vorteil der langjĂ€hrigen Praxis habe. Was er damit vermutlich meint, ist, dass er ĂŒber die Jahre bereits mehr der inneren Blockaden abgebaut hat als ich, was es ihm ermöglicht, mich ĂŒber meine Blockaden im (Übungs-)Kampf zu ĂŒberwinden. Man sieht es ihm auch an seinen Bewegungen an, die sehr frei wirken. Es geht im Tai-Chi (soweit ich das verstanden habe) genau darum, die inneren Blockaden des Gegners zu erfĂŒhlen und ihn gewissermaßen ĂŒber diese Blockaden „auszuhebeln“, was einen sehr wertvollen Übungsraum auch fĂŒr die eigene Selbst-Erkenntnis bietet.

Worauf ich im Grunde hinaus will, ist Folgendes: Dass die Bewegungen der Tai-Chi-Formen ganz bestimmten AblĂ€ufen folgen, hat ihren nĂŒtzlichen Hintersinn, nĂ€mlich den eigenen Bewegungs-Spielraum zu erhöhen und Blockaden, die diesen EinschrĂ€nken, aufzulösen. Damit entsprechen die einzelnen vorgeschriebenen BewegungsablĂ€ufe gewissermaßen dem, was ich an anderer Stelle hier auf diesem Blog „konstruktive Grenzen“ genannt habe: das Endziel ist es, sie ĂŒberflĂŒssig zu machen, weil sie ihren Zweck, den Bewegungsspielraum in einem bestimmten Bereich zu erhöhen, irgendwann erfĂŒllt haben.

Dies ist, richtig angewendet, ein konstruktiver Anteil der Funktion der Form. Ein anderer hat viel mit IdentitĂ€t zu tun, und ist potentiell gefĂ€hrlicher. Wenn ich die Form ausfĂŒhre, bin ich Tai-Chi-Praktizierender. Weiche ich von ihr ab, bin ich es nicht mehr. Wenn ich die Gruppenzugehörigkeit brauche („Ich bin ein Tai-Chi-Mensch“), werde ich möglicherweise in einer Form verharren, die ihren eigentlichen Zweck (Erhöhung des Bewegungs-Spielraumes) lĂ€ngst erfĂŒllt hat, und aufhören, mich weiterzuentwickeln. Das potentiell konstruktive Ritual wird dann rasch zum Selbstzweck, zur Falle.

Die Falle der Form in der Religion

Was ich weiter oben ĂŒber Tai Chi geschrieben habe, lĂ€sst sich auch auf viele andere Lebens-Bereiche umlegen. Nehmen wir das große Thema Religion/SpiritualitĂ€t. Gerade in unseren Zeiten stehen uns zahlreiche verschiedene ZugĂ€nge zu diesen Themen zur VerfĂŒgung, die uns (ich bin da gern optimistisch) ausnahmslos als „Übergangs-Formen“ dienen können, um unseren Bewegungs-Spielraum (der auch psychisch/seelisch verstanden werden darf) zu erweitern. So hat fĂŒr mich die jĂŒdisch-christliche Tradition und Überlieferung viele wertvolle „Formen“ und auch Rituale anzubieten, die uns Wachstumschancen eröffnen, aber auch ebenso der Islam, der Buddhismus, der Taoismus und viele weitere.

Jede dieser ZugĂ€nge hat seine StĂ€rken wie auch seine blinden Flecken, Ă€hnlich wie eine jede Übung zur StĂ€rkung des Körpers auf manche Körperpartien besser und auf andere weniger gut auswirkt. Wer von uns wĂŒrde sein Leben lang stĂ€ndig nur die rechte Wade trainieren, und den Rest des Körpers völlig vernachlĂ€ssigen? Und doch ist dieser Zugang in Bezug auf Religionen/SpiritualitĂ€t weit verbreitet. Da wird Jahrhunderte lang darĂŒber gestritten, welche Form die beste (oder gar die “einzig wahre”) sei, anstatt zu fragen, welche Form helfen kann, welche inneren Blockaden/Illusionen aufzulösen, und sich schlicht aus dem riesigen vorhandenen Fundus das zu wĂ€hlen, was individuell stimmig wirkt. Man muss sich ja z.B. nicht offiziell Moslem nennen wenn man Angst hat, von Freunden dafĂŒr schief angeschaut zu werden, aber warum nicht soziale IdentitĂ€t und NĂŒtzlichkeit der einzelnen Formen an sich voneinander getrennt halten, und sich jeweils das an nĂŒtzlichen Übergangs-Formen herauspicken, was individuell als hilfreich erlebt wird? Muss man ein wenig “spinnert” sein, wenn man sich mit Chakren beschĂ€ftigt, und diese BeschĂ€ftigung selbst als hilfreich erlebt?

Die Falle der Form in zwischenmenschlichen Beziehungen

Wer des Öfteren mal meine Barfuß-Geschichten gelesen hat (oder mich persönlich kennt), der dĂŒrfte ohnehin mittlerweile erraten haben, dass ich klassischen monogamen Beziehungen sehr skeptisch gegenĂŒberstehe, und nicht wirklich nachvollziehen kann, warum man sich einem von vornherein derart anstrengend konzipierten Sozialen System freiwillig unterwerfen will. Warum also nicht mal auch öffentlich und ohne Verschleierung durch eine Geschichten-Form anmerken, dass ich mir seit vielen Jahren nur noch offene Beziehungen vorstellen kann (und diese auch lebe), wo es dem VerstĂ€ndnis dieses Artikels dienen mag?

Ich kann den Sinn und Zweck einer klassischen Beziehung als Übergangs-Modell nachvollziehen, um mit einer Art Prototyp menschlichen Miteinanders im Umgang mit dem anderen Geschlecht (oder gerne auch dem eigenen, aber im Sinne der Lesbarkeit erwĂ€hne ich das nicht mehr extra) „starten“ zu können. Als eine Art konstruktive Grenze, als Übergangs-Form, innerhalb derer es anfangs einfacher ist, Liebe und SexualitĂ€t zu erfahren und zu erforschen, Ă€hnlich wie eine vordefinierte Form im Tai-Chi helfen kann, die eigene Beweglichkeit zu erhöhen. Aber ich habe zu oft bei Freunden/Bekannten beobachtet, wie sich diese Übergangs-Form verfestigt und zum Selbst-Zweck wird, zum Teil einer gemeinsamen IdentitĂ€t wird, deren Verlust bedrohlich wirkt, was zu allerhand absurden Folgeerscheinungen fĂŒhrt.

Viele meiner Freunde/Bekannten finden sich dann mit der Zeit entweder in unbefriedigenden Beziehungen wieder, springen von Beziehung zu Beziehung oder verzichten von vornherein ganz auf eine Kombination aus sexueller Anziehung und emotionaler IntimitĂ€t (“Ich mache aus Prinzip nur mehr ONSs). Man fragt sich, in welche Rolle, in welche Form der neu kennengelernte Mann, die neu kennengelernte Frau, wohl passen könnte, und spielt mit dem Reiz der Unwissenheit, bis die Schematisierung vollbracht ist. Menschen werden kategorisiert in Familie, Freunde, Beziehung, Freundeskreis, ONS, …

Einige wenige (nach einigen RĂŒckmeldungen teilweise auch von meinen ErzĂ€hlungen inspiriert, was mich natĂŒrlich freut) trauen sich irgendwann dann doch, in das zu gehen, was ich fĂŒr mich „stimmigen Kontakt“ getauft habe, in dem die etablierten Formen eine untergeordnete Rolle spielen, und das Miteinander anhand der BedĂŒrfnisse der Betroffenen jeweils neu gestaltet wird. Nur zu oft werden dabei eigene und die Blockaden des Anderen auf diesem Gebiet der menschlichen Existenz allzu sichtbar und spĂŒrbar, und nicht immer ist die Überwindung einfach. Oft verĂ€ndert sich das Miteinander drastisch, nachdem eigene innere Blockaden spĂŒrbar und damit auch bewusst werden, bisweilen Ă€ndern sich auch Leben von Grund auf.

Es ist fĂŒr mich nach beinahe 10 Jahren „Praxis“ auf dem Gebiet die bisweilen anstrengendste, aber auch mit Abstand erfĂŒllendste Art des Miteinanders, vor allem auch, weil ein solcher Zugang RĂ€ume eröffnet, um realen BedĂŒrfnissen, die in keine etablierten Formen passen, Raum zu geben (wie hĂ€ufig diese “un-passenden” BedĂŒrfnisse keinen Raum finden, wie traurig und gleichzeitig völlig absurd dies eigentlich ist, davon dĂŒrften sich viele, die sich mit diesen Themen noch nie beschĂ€ftigt haben gar keine Vorstellung machen können). Und bis auf wenige Ausnahmen bin ich mit den meisten Frauen, die mein Leben in diesen 10 Jahren gekreuzt und bereichert haben, noch in Liebe verbunden, auch wenn sich die Form des Miteinanders bisweilen ĂŒber die Jahre sehr verĂ€ndert hat, oder ein Beteiligter bisweilen Distanz benötigte, um neu und verĂ€ndert wieder aufeinander zugehen zu können.

Ich habe zahlreiche Frauen kennengelernt (auch MĂ€nner, aber zu denen fĂŒhle ich mich – bisher zumindest – nicht körperlich hingezogen), die mir erzĂ€hlt haben, dass sie entweder nur fixe monogame Beziehungen wollten oder nur One Night Stands. Ersteres verspreche ich aus Prinzip nicht mehr, weil ich dafĂŒr zu oft die Erfahrung gemacht habe, dass ich mehrere Menschen zur gleichen Zeit lieben kann (und damit nicht alleine bin, entgegen gesellschaftlicher Standards dĂŒrfte das die – jedoch kaum je offen eingestandene, weswegen es nicht so wirkt – NormalitĂ€t darstellen). Zweiteres habe ich in meinem Leben bisher noch nicht hingebracht, selbst diejenigen Frauen, die sich von Anfang an sicher waren, dass das eine einmalige Sache sei, kamen frĂŒher oder spĂ€ter in irgendeiner Form wieder. Einfach, weil es sich fĂŒr sie stimmig anfĂŒhlte, und fĂŒr mich ebenso, und da doch immer etwas von Liebe mitschwang, das nach Ausdruck verlangte, selbst wo (z.B. aufgrund zu großer Entfernung) klar war, dass man sich nicht allzu oft wĂŒrde sehen können.

Ich habe ĂŒber all die etablierten und bekannten Formen von Beziehungen einiges lernen dĂŒrfen und anerkenne durchaus ihren Nutzen als Übergangs-Form, aber auf Dauer erlebe ich es als absurd, eine Beziehung in irgendeiner vordefinierten Form zu leben und nicht in stimmigem Kontakt. Nur in letzterem kann ich letztendlich jeweils die stimmigen Formen des Miteinanders finden, die mir und dem jeweils anderen tatsĂ€chlich entsprechen.

Die Falle der Form im Lernen allgemein

Schlussendlich möchte ich noch von einem GesprĂ€ch erzĂ€hlen, das ich unlĂ€ngst mit einem guten Freund fĂŒhrte, in dem er meinte, ihn wĂŒrden „studierte Leute“ manchmal ziemlich nerven, weil sie oft so redeten wie die BĂŒcher, die diese gelesen hatten: „Da kann ich mir gleich das Buch kaufen und es selber lesen“

Was mich zu einem weiteren relevanten Zusammenhang in Bezug auf Formen fĂŒhrt: wenn sich die Form verselbststĂ€ndigt, zum Selbstzweck wird, und ĂŒber den stimmigen Kontakt gestellt wird – was ist dann noch mein persönlicher, individueller Mehrwert? Suche ich als Mann „eine Beziehung“ mit einer Frau, ist die Frau damit gewissermaßen das Mittel Frau zum Zweck Beziehung? Oder gehe ich stattdessen in stimmigen Kontakt mit einem anderen Menschen, und finde gemeinsam die jeweils passende Form fĂŒr diese Kontakt, wĂ€hrend ich die etablierten Formen – wenn ĂŒberhaupt – nur ĂŒbergangsweise nutze, um meine inneren Blockaden zu ĂŒberwinden? Lese ich ein Buch, lerne ich von jemandem, um meine eigene innere Bewegungsfreiheit zu steigern, oder tue ich es, um zu einem “anerkannten” Vertreter der Lehre eines Anderen zu werden?

Oder bezogen auf den bunterrichten-Titelzusatz „Menschen helfen aufzublĂŒhen“: Nutze ich das Außen, um in der Überwindung des Außens mein Innerstes zum Vorschein zu bringen? Oder baue ich mir im Grunde nur selbst BeschrĂ€nkungen auf, weil ich noch nicht nicht den Mut gefunden habe, meinem eigenen inneren Kompass zu vertrauen?

Niklas

P.S. einige AnkĂŒndigungen:

  • Morgen, 4.7., 20:00 halte ich im AberJa in Wien einen Vortrag: “Wer macht hier wen fertig?” – Familien- und Rechts-Systeme ĂŒber die systemischen Ursachen von Mobbing und totalitĂ€ren Systemen. Mehr dazu (und zu anderen VortrĂ€gen/Workshops) hier…
  • Auf mehrfache Anfrage ist seit einigen Tagen das Forum wieder online, aber fĂŒhlt sich viel zu wenig beachtet. Schenkt dem doch mal etwas Aufmerksamkeit und fĂŒttert es mit interessanten Themen, es freut sich darĂŒber 😉

Gestern hielt ich im FreiRaumWels einen meiner VortrĂ€ge, „FĂŒhren zur Selbstverantwortung“. In einem Teil des Vortrages spreche ich auch ĂŒber das „Lustige Fehlersuchen“, das ich vor einigen Jahren mal in einer VS-Klasse erfunden hatte, um den SchĂŒlern die Angst vor dem Fehlermachen zu nehmen. Wie so oft, kam mir dann, wĂ€hrend ich darĂŒber sprach, eine simple, aber doch sehr mĂ€chtige Erkenntnis ĂŒber die Natur des Fehlers. Abends sah ich mir dann noch eine Dokumentation ĂŒber das Leben des Buddhas an, und plötzlich passten viele Puzzle-Teile perfekt aufeinander. Die Erkenntnis will ich euch natĂŒrlich nicht vorenthalten…

Die relative Natur des Fehlers

Bevor er zum „ausgewachsenen“ Fehler wird, durchlĂ€uft er – bildlich gesprochen – mehrere Entwicklungsstufen. Er beginnt als Intention. Jemand hat die Absicht, etwas zu erreichen. Der nĂ€chste Schritt ist die Auswahl der vermutlich geeignetsten Handlungsweise. Diese muss nicht notwendigerweise bewusst stattfinden, sie kann beispielsweise auch aus Gewohnheit entstehen. Danach erfolgt die Umsetzung der Handlung, und schlussendlich die Bewertung der Konsequenzen nach den Kriterien der Intention. Habe ich mein Ziel erreicht? Gibt es eine Abweichung vom Ziel, und wenn ja, wie ausgeprĂ€gt ist diese Abweichung? Daraus ergibt sich, ob ich „richtig“ gehandelt habe, oder aber auch, wie dramatisch mein Fehler (meine Abweichung vom Ziel) war.

Im Alltag wird wohl kaum jegliche Intention und Handlung dermaßen genau durchdacht werden, stattdessen wird wohl viel unbewusst ablaufen. Diese sehr genaue Betrachtungsweise ermöglicht jedoch einige interessante Beobachtungen und Überlegungen ĂŒber die Natur des Fehlers.

  1. Die Möglichkeit, einen „Fehler“ zu machen, entsteht erst durch die Beurteilung des Endergebnisses nach bestimmten Kriterien. Ohne diese (nicht notwendigerweise rationalen) Beurteilungskriterien wĂŒrde es uns unmöglich sein, Fehler als solche ĂŒberhaupt zu erkennen. Unsere Welt wĂ€re gewissermaßen „Fehler-los“.
  2. Wir können Beurteilungskriterien vor, wĂ€hrend oder/und nach der Handlung anwenden, und werden möglicherweise zu verschiedenen Bewertungen gelangen. Es könnte beispielsweise sein, dass wir wĂ€hrend einer Handlung zur Bewertung „falsch“ kommen und daraufhin die Handlung abbrechen, obwohl das Endergebnis durchaus positiv fĂŒr uns gewesen wĂ€re.
  3. Unterschiedliche Menschen können unterschiedliche Bewertungskriterien fĂŒr die gleichen Intentionen annehmen.
  4. Unterschiedliche Menschen können selbst bei ĂŒbereinstimmenden Bewertungskriterien zu unterschiedlichen Bewertungen gelangen.
  5. Dies fĂŒhrt zur Frage: welchen Menschen ĂŒbertragen wir die Macht ĂŒber unser Handeln zu, zu bewerten, was ein „Fehler“ ist und was nicht? Warum genau diesen Menschen? Und warum tun wir das ĂŒberhaupt?

All diese Überlegungen zeigen uns eines auf: Fehler sind etwas Relatives. Selbst die exakt gleiche Handlung zur Erreichung der exakt gleichen Intention mag von unterschiedlichen Menschen unterschiedlich als korrekt, als Fehler oder auch als große Innovation interpretiert werden.

Abweichung: Die gemeinsame Voraussetzung von Fehler und Innovation

Ein Fehler und eine Innovation sind in ihrem “Embryo-Stadium” noch kaum zu unterscheiden: beide stellen lediglich eine Abweichung von der erwarteten oder sonst ĂŒblichen Handlungsweise dar. Dazu ein sehr simples Beispiel aus der Welt der Sprache: meine Ex-Freundin schreibt – ebenso wie ich – sehr gerne, und sie hat ein Talent dafĂŒr, Wörter zu erfinden, die es „nicht gibt“, aber sich beim Lesen trotzdem stimmig anfĂŒhlen. Eines meiner Lieblingswörter, die sie erfunden hat, ist „AngefĂŒhl“, z.B. verwendet fĂŒr „im AngefĂŒhl der Trennung“. Als strenger Lehrer, mit dem Wörterbuch als Kriterium an der Hand, mag man das Wort nun Ă€hnlich rot markieren wie mein Schreibprogramm das gerade gemacht hat – fĂŒr mich hingegen ist es eine wunderschöne neue Wortschöpfung, eine Innovation. Wer aber entscheidet jetzt darĂŒber, ob aus einer Abweichung ein Fehler oder eine Innovation wird?

Suchen wir nach einer Antwort auf diese Frage, kommen wir kaum um die Frage nach MachtverhĂ€ltnissen herum. Derjenige, von dessen Wohlwollen/UnterstĂŒtzung ich abhĂ€ngig bin, hat eine gewisse Macht, meine Handlungen in richtig/Falsch einzuteilen.

Das Interessante daran ist, dass diese Macht nicht aktiv ausgeĂŒbt werden muss, indem mir jemand stĂ€ndig sagt, was ich nicht schon wieder falsch gemacht habe. Es reicht, wenn ich vermute, dass jemand, von dessen UnterstĂŒtzung ich abhĂ€ngig bin, mein Verhalten als fehlerhaft ansehen wird. Es entsteht gewissermaßen eine Art Internalisierung der Bewertung des anderen, die dann irgendwann unabhĂ€ngig von den tatsĂ€chlichen Bewertungen des Anderen in mir ablĂ€uft. Die RelativitĂ€t des Fehlers geht verloren, er wird zu einem absoluten Fehler.

In der Folge passiert noch etwas sehr Interessantes: der Zeitpunkt der Bewertung verschiebt sich nach vorne. Habe ich ursprĂŒnglich noch ergebnisoffen gehandelt, und ist mein Handeln danach als fehlerhaft (oder auch nicht) bewertet worden, so findet dieser (interne) Bewertungsprozess nun zunehmend bereits wĂ€hrend der Handlung, und irgendwann auch schon vor der Handlung statt. Um das Risiko zu minimieren, negative Konsequenzen durch denjenigen erleben zu mĂŒssen, von dessen UnterstĂŒtzung man abhĂ€ngig ist, wird irgendwann jede Abweichung vom erfahrungsgemĂ€ĂŸ „richtigen“ (= keine negativen oder sogar positive Konsequenzen) Verhalten vermieden. Eine absolute innere Blockade wurde geboren: “Das ist nun mal einfach so.”

Innovation und Schaumamoi

In den im Nachhinein betrachtet bisher schönsten Jahren meines Lebens (auf deren Lebenseinstellung ich mich – hoffentlich – nun langsam wieder hinbewege) dominierte eine Grundformel meinen Alltag: „Schau ma moi, wos passiert“, also gewissermaßen eine radikale Neugier, die sich jeglicher Vor-Bewertung möglicher Folgen entzog. Nicht alle Konsequenzen meiner Handlungen waren positiv, manche waren durchaus auch negativ, aber selten in meinem Leben fĂŒhlte ich mich einerseits derart frei und andererseits derart glĂŒcklich.

Was ich meinen SchĂŒlern spĂ€ter ĂŒber das „Lustige Fehlersuchen“ beibrachte, praktizierte ich damals tagtĂ€glich selbst: ich tat, was sich richtig anfĂŒhlte, und sah mir am Ende – nicht ohne eine gewisse Neugier – an, was dabei rauskam. Oft kam ohnehin viel Gutes dabei raus, und wenn etwas nicht ideal gelaufen war, war das Ergebnis oft Grund zur Heiterkeit und Basis zahlreicher humorvoller Geschichten, die man miteinander teilen konnte.

Dieses Schaumamoi war möglicherweise der grĂ¶ĂŸte Schatz, den ich jemals besessen hatte. Jahre spĂ€ter, nach eingehender BeschĂ€ftigung mit allen möglichen religiösen Texten und vor allem auch östlicher Philosophie, finde ich ziemlich viel davon in buddhistischen Texten wieder, die von einem Loslassen der Anhaftung an gewĂŒnschte Folgen des eigenen Tuns sprechen. Sie sprechen nicht darĂŒber, nichts mehr wollen zu dĂŒrfen, sondern darĂŒber, sich von der Notwendigkeit zu lösen, dass dieses Wollen exakt so wie gewollt RealitĂ€t wird. Gewissermaßen ein Handeln mit einem Schaumamoi, und am Ende einem wertneutralen Herausfinden, was denn nun tatsĂ€chlich geschehen ist. Nicht ein Ende des Tuns, sondern eine Reduzierung der Wichtigkeit der erwĂŒnschten Konsequenzen des Tuns. Was sich praktischerweise auch gut deckt mit den Lehren des Taoismus, mit denen ich mich oft sehr gut identifizieren kann.

Die Illusion der BestÀndigkeit

Ein Aspekt aus der östlichen Philosophie (woher exakt ich den nun habe ist mir entfallen, aber das Woher fĂŒr mich auch irrelevant, solange das Was Sinn ergibt), der mir besonders gefĂ€llt, ist die Erkenntnis, dass alles gleichzeitig ewig und vergĂ€nglich ist. Es wird möglicherweise immer (oder zumindest noch fĂŒr lange Zeit) Jahreszeiten geben, aber dieser Sommer fĂŒr sich ist einzigartig, und dem Kreislauf von Entstehen/Vergehen unterworfen. In unserer Wahrnehmung wird es noch viele Montage geben, gewissermaßen ist “der Montag” als Konzept damit „ewig“, aber jeder Montag fĂŒr sich ist einzigartig. Ich werde in meinem Leben wohl noch viele Menschen kennenlernen, und der Kontakt mit Menschen ist gewissermaßen ewig, weil immer wiederkehrend, aber die einzelnen Menschen und die einzelnen Begegnungen und Momente mit ihnen sind einzigartig. Damit ist gleichzeitig jeder Moment unendlich wertvoll, und ein möglicher Neuanfang, aber auch jeglichem Druck, etwas ganz Großes aus ihm zu machen, enthoben: er ist auch ewig, wiederkehrend. Ihn „verschwendet“ zu haben (der Bezug zum „Fehler“ mag hier auffallen) hat keine große Relevanz, weil er (in anderer Form) wiederkehren wird.

Es gibt damit unabhĂ€ngig von der Situation, in der ich mich befinde, keinen Grund zur Hoffnungslosigkeit, weil jeder Moment die Chance eines radikalen (“radix” = Wurzel) Neuanfangs in sich birgt. Ich kann in jedem Moment einfach aufstehen, aus dem Haus gehen, und ein völlig neues Leben beginnen – wenn ich bereit bin, die Konsequenzen zu ertragen. Meine Anhaftungen (=Fixierung auf erwĂŒnschte Konsequenzen meiner Handlungen) sind somit meine einzigen realen Blockaden meiner absoluten Freiheit.

Ein SchlĂŒssel zur Überwindung der Angst vor dem Fehler

In Bezug auf unser Thema des Fehlers ist das Durchschauen dieser Illusion der BestĂ€ndigkeit ein möglicher SchlĂŒssel zur Überwindung der Angst vor dem Fehler. Denn eine Vor-Bewertung oder WĂ€hrend-Bewertung einer Handlung macht nur dann Sinn, wenn wir das Endergebnis verlĂ€sslich vorhersagen können. WĂ€re die Welt bestĂ€ndig und keinem Wandel unterworfen, so wĂŒrde eine solche Vorhersage tatsĂ€chlich immer Nutzen bringen, weil wir damit die Welt und ihre Wirkungsgesetze zunehmend besser verstehen könnten.

Da sich die Welt trotz ihres ewigen Aspekts aber auch stets im Wandel befindet, ist eine Vor- oder WĂ€hrend-Beurteilung eine Verkennung der RealitĂ€t, eine gewissermaßen selbst auferlegte Machtlosigkeit. Wir gehen davon aus, dass unser Verhalten, oft genug als „Fehler“ rĂŒckgemeldet, gewissermaßen „absolut“ ein Fehler sein muss, und versuchen dann, diese Fehler von vornherein zu vermeiden, um damit die Konsequenzen, die wir fĂŒrchten, zu vermeiden – bis wir uns irgendwann möglicherweise kaum mehr erinnern können, wie wir ĂŒberhaupt zu dem Schluss gekommen sind, dass ein Verhalten „falsch“ sein mĂŒsse.

Das Problem dabei ist (neben vielen anderen), dass Fehler, wie eingangs erwĂ€hnt, im Grunde immer nur relativ, nur situativ als solche bewertet werden können. Was unsere Eltern uns, als wir Kinder waren, als „falsch“ eingetrichtert haben, mag fĂŒr damals durchaus hilfreich und sinnvoll gewesen sein, aber ist es das nun als Erwachsener immer noch? Oder vielleicht war es auch damals schon nicht konstruktiv, aber wir waren als Kinder eben zu abhĂ€ngig von den Eltern, um widersprechen zu können – aber sind wir das immer noch?

Das GefÀngnis der Erwartungen

Vermutlich haben wir uns alle im Laufe unseres Lebens ein gewisses Maß an Erwartungshaltungen von richtig/falsch angeeignet, die von unseren AbhĂ€ngigkeitsverhĂ€ltnissen geprĂ€gt sind. Das ist nicht zwingend etwas Negatives, war wohl oft auch notwendige Überlebens-Strategie

Dort jedoch, wo wir zu erahnen beginnen, dass wir uns dadurch selbst blockieren, mag die Frage sinnvoll sein, wer im Bereich dieser Blockaden die Hoheit ĂŒber die Bewertung besitzt: wir selbst, die wir uns durchaus auch bewusst fĂŒr ein Schaumamoi entscheiden können, um herauszufinden, welche Handlungen sich fĂŒr uns stimmig anfĂŒhlen? Oder vielmehr jemand, von dem wir glauben, abhĂ€ngig zu sein, und von dem wir glauben, dass er bestimmte Verhaltensweisen wĂŒnscht oder ablehnt? Im letzteren Fall steht uns – zumindest als Erwachsenen – die Möglichkeit offen, mit den betroffenen Personen offen ĂŒber ihre tatsĂ€chlichen BedĂŒrfnisse zu kommunizieren, anstatt unseren Verhaltens-Spielraum möglicherweise unnötigerweise weiter basierend auf Annahmen einzuschrĂ€nken. Oft haben sich diese im Laufe der Zeit verĂ€ndert, oder wir haben sie von vornherein nicht treffend interpretiert. Oder aber die (erlebte) AbhĂ€ngigkeit von den betroffenen Personen kann reduziert werden, etwa indem man sich einen neuen/zusĂ€tzlichen Arbeitgeber sucht, oder weitere Freunde kennenlernt, um die AbhĂ€ngigkeit von den Meinungen des besten Freundes zu reduzieren. Vielleicht auch einen Konflikt wagt, und feststellt, dass sich die MachtverhĂ€ltnisse mit der Zeit verĂ€ndert haben.

Diese Überlegungen erinnern mich ein bisschen an ein sehr schönes Bild, das mein Tai Chi Lehrer RenĂ© oft benutzt hat. Er ließ sich von einem Freiwilligen an den Handgelenkten fassen, und zeigte, wie verkrampft jemand dabei werden konnte, weil er glaubte, nun „gefangen“ zu sein. Entspannte er seinen Körper, so konnte er wunderbar vorzeigen, so war er im Grunde ĂŒberhaupt nicht gefangen, konnte sich immer noch sehr frei umherbewegen, oder je nach Wunsch auch denjenigen, der ihn an den Handgelenken packte, gerade aufgrund der dadurch entstandenen Verbindung seinerseits kontrollieren. Die Verkrampfung in solch einer Situation ist eine automatische Reflexhandlung, die uns das GefĂŒhl gibt, unfrei zu sein. Bewusstes Entspannen und Zulassen können zeigt auf, welche Freiheiten wir eigentlich trotz aller angeblichen “EinschrĂ€nkungen” haben.

Da unsere Erwartungen, unsere – Ă€hnlich reflexartige – Angewohnheit, Bewertungen schon vor oder wĂ€hrend einer Handlung vorzunehmen, um negative Konsequenzen seitens denen, von denen wir uns abhĂ€ngig glauben, zu vermeiden, gewissermaßen „in uns“ stattfindet, können wir sie auch aktiv beeinflussen. Mein „Meditationswort“ dafĂŒr ist dieses irgendwann entstandene „Schau ma moi, wos passiert“, aber im Grunde braucht es das nicht – ich finde es nur lustig (Humor hilft definitiv!), und es versetzt mich recht zuverlĂ€ssig zurĂŒck in jene Zeit, in der ich diese Praxis ganz natĂŒrlich sehr meisterhaft beherrscht habe.

Warum ich sie ĂŒberhaupt ein StĂŒck weit verlernt habe? Nun, der Einstieg ins „echte“ Berufsleben war sicher ein Faktor. Vielleicht musste ich sie auch erst verlernen, dann mĂŒhsam neu erlernen, um sie auch anderen vermitteln zu können, die nicht diese natĂŒrlich entstandene Vorerfahrung mitbringen, wer weiß?

Niklas

P.S.: Einige AnkĂŒndigungen, genaueres dazu gibts wie gewohnt unter VortrĂ€ge/Workshops

  • NĂ€chste Woche Montags, 19:00, gibt’s im FreiRaumWels den dritten Vortrag meiner kleinen Vortragsreihe. Diesmal geht’s um Familien- und Rechts-Systeme: systemische Ursachen der Entstehung von Mobbing und totalitĂ€ren Systemen (die sich interessanterweise sehr Ă€hneln), und auch, was das fĂŒr unsere aktuelle politisch-gesellschaftliche Situation in Österreich bedeuten mag.
  • Das Konzept dazu steht noch nicht ganz konkret, aber ich werde wohl in Wels eine Art “Filiale” vom Tai Chi Kurs meines Lehrers RenĂ© aufbauen, nachdem mir einige rĂŒckgemeldet haben, sie hĂ€tten Interesse, wollen aber nicht nach Braunau fahren deswegen. Hab mir mal gesagt, bei 3 Interessenten wĂŒrd ich das machen, 2 haben sich schon gemeldet. Wir wohl kein reiner Tai Chi-Kurs werden, sondern Ă€hnlich wie bei René’s Kurs auch viele Aspekte wie Auflösung von Blockaden, Entspannung, Philosophie dahinter etc. werden. Genauere Infos folgen wie gewöhnt unter VortrĂ€ge/Workshops, bei grundsĂ€tzlichem Interesse wĂ€r eine Vormerkung bei mir sinnvoll, dann kann ich das besser planen, bzw. vielleicht auch mögliche Termine so abstimmen, dass möglichst viele Interessenten Zeit dafĂŒr finden können.
  • Unsere ResonanzWörter-Übungsgruppe Öffentliches Sprechen jeweils Sonntags, 18:00 im FreiRaumWels wird langsam eine bestĂ€ndigere Gruppe, jetzt waren wir schon 2x zu viert, das zĂ€hlt dann schon fast als „Öffentlichkeit“. Wer Lust hat mal vorbeizuschauen, sehr gerne, ist auch echt immer sehr spaßig gewesen bisher. Da das Zusammentreffen ausfĂ€llt, falls nicht genug Besucher zusammenkommen, bitte bei Interesse bei mir (per SMS z.B.) melden, damit ich bei Nicht-Zustandekommen auch absagen kann, sonst steht wer vor verschlossener TĂŒr, das wĂ€r schade 😉

Vor einigen Jahren durchlebte ich eine Phase in meinem Leben, in der ich mich fĂŒr ein glĂŒckliches Leben entschieden hatte. Wie diese glĂŒckliche Phase exakt begann, ist in den Untiefen meiner Erinnerung verloren gegangen. Aber ich kann mich daran erinnern, mich dafĂŒr entschieden zu haben, GlĂŒck in die Welt auszustrahlen, und jegliche Reaktionen meiner Umwelt positiv zu interpretieren.

Die Konsequenzen waren unglaublich. Über Monate, Jahre traf ich kaum je einen Menschen, mit dem ich negative Erfahrungen gemacht hĂ€tte. Lernte fast tagtĂ€glich wunderbare neue Menschen kennen, und fĂŒhlte mich im Großen und Ganzen pudelwohl mit mir selbst und meiner Umgebung. Mein Selbst-Vertrauen war groß, und noch grĂ¶ĂŸer war mein Welt-Vertrauen.

Jahre spĂ€ter sorgte ein Ă€hnlich ausgeprĂ€gtes Urvertrauen in das Gute in der Welt dafĂŒr, dass ich in meiner NaivitĂ€t die Möglichkeit politischer Intrigen und MachtkĂ€mpfe in meinem Arbeits-Umfeld völlig ausblendete, selbst als die Anzeichen dafĂŒr fĂŒr jeden anderen offensichtlich gewesen wĂ€ren. Es folgte eine lĂ€ngere Zeit, in der ich versuchte, mit diesem „realistischeren“ Weltbild klarzukommen. Eine wichtige Zeit, in der ich viel ĂŒber die KomplexitĂ€t des menschlichen Seins und Miteinanders gelernt habe. Aber glĂŒcklicher hat mich diese Zeit nicht gemacht.

Oft dachte ich an jene Zeit vor einigen Jahren zurĂŒck, als völlig unabhĂ€ngig von Ă€ußeren UmstĂ€nden in mir stets die Sonne zu scheinen schien, und fragte mich, warum es mir nun, Jahre spĂ€ter, so viel schwerer fiel, diesen unbeschwerten Zustand erneut zu erreichen. NatĂŒrlich hatten sich auch einige UmstĂ€nde seit damals geĂ€ndert: viele meiner besten Freunde hatten sich ebenso verĂ€ndert, oder lebten mehrere Hundert Kilometer entfernt von mir. Ich war voll ins Arbeitsleben eingetreten, die „Schonzeit“ des Studiums war nun offensichtlich vorbei.

Und doch
 irgendetwas schien mir falsch daran zu sein, hier nur eine Art „natĂŒrlichen Verlauf“ eines Lebens nachgezeichnet zu sehen. Vor allem aber auch frustrierend: was fĂŒr eine Verarschung war ein Leben, das einen erst 20-25 Jahre lang zeigte, wie sich GlĂŒck anfĂŒhlen kann, um dann nochmal 3-4x so lang zu sagen „Sry, diese Phase ist jetzt vorbei fĂŒr dich“?

Und dann begann mich eine noch sehr nebulöse Idee nicht mehr loszulassen: dass unsere IdentitĂ€t und Weltbild möglicherweise gewissermaßen Filter darstellen – die wir bewusst kontrollieren lernen können.

Filter unserer Wahrnehmung

Ich stellte mir die Frage erneut, warum ich vor einigen Jahren jeden Tag unglaublich geniale Begegnungen hatte und jetzt nicht mehr. War es tatsĂ€chlich nur an meiner Entscheidung gelegen, die Welt positiv zu betrachten? Erschufen wir durch unsere Erwartungen – wie es manche behaupteten – tatsĂ€chlich erst die objektive Wirklichkeit?

Es schien irgendwie unrealistisch, davon auszugehen, dass sich innerhalb weniger Jahre die Anzahl an sympathischen Menschen objektiv so dermaßen verringert hatte. Was also, wenn ich schlicht die FĂ€higkeit eingebĂŒĂŸt hatte, sie wahrzunehmen? Angenommen, auch heute wĂŒrden sich ca. gleich viele geniale Menschen in meinem Umfeld bewegen, aber ich wĂ€re gewissermaßen „blind“ fĂŒr sie geworden: wĂŒrde ich dann nicht in meiner subjektiven Wahrnehmung keine sehen, obwohl sie objektiv betrachtet durchaus da waren? Ich hatte sie gewissermaßen aus meinem subjektiven Erleben „ausgefiltert“. Und da mein subjektives Erleben mein tatsĂ€chliches Erleben darstellte, erlebte ich die Welt eben nun nicht mehr so interessant und voll sympathischer Menschen als frĂŒher.

Dies wĂŒrde sich selbst dann nicht Ă€ndern, wenn in meinem Umfeld aus irgendeinem Ă€ußeren Grund plötzlich doppelt so viele sympathische Menschen herumlaufen wĂŒrden – ich wĂŒrde sie trotzdem nicht sehen können, weil ich dann eben doppelt so viele Menschen aus meinem bewussten Erleben ausfiltern wĂŒrde. Oder umgekehrt: wenn ich mehr sympathische Menschen treffen möchte, reicht es nicht, auf bessere Zeiten zu hoffen – ich muss stattdessen meinen Filter „sĂ€ubern“ bzw. neu einstellen.

Das hatte ich wohl damals ohne es zu wissen richtig gemacht: ich hatte meine Filter darauf eingestellt gehabt, mir hauptsÀchlich positive Seiten der Welt zu zeigen. Vermutlich passierte damals ebenso viel Negatives und Positives wie jetzt auch, aber damals hatte ich durch meine Entscheidung das Negative ausgefiltert, und dadurch fast nur Positives erlebt.

Nun, die letzten Wochen, habe ich ganz bewusst damit experimentiert, und festgestellt, dass das PhĂ€nomen bestĂ€ndig ist: wenn ich meine Filter bewusst zu lenken beginne, verĂ€ndert sich mein subjektives Erleben entsprechend. Ich beginne wieder, Möglichkeiten wahrzunehmen, die ich die letzten Jahre von vornherein herausgefiltert hatte. Treffe plötzlich wieder unzĂ€hlige interessante Menschen. Irgendetwas muss dran sein an meinem Filter-Konzept…

Unser mehrstufiges Filtersystem

Die Schwierigkeit, mit diesen Filtern zu arbeiten, ist, dass wir sie meistens unbewusst einsetzen. Unsere bewusste subjektive Wahrnehmung ist ja bereits vorgefiltert, daher ist es schwierig, den Filterungs-Prozess ĂŒberhaupt zu bemerken.

GlĂŒcklicherweise kann uns der Vergleich unseres Erlebens mit unserem vergangenen Erleben (wie oben beschrieben) helfen, oder auch der Vergleich mit anderen Menschen, die die Welt anders wahrnehmen als wir. Ein eher depressiv „gefilterter“ Mensch wird in der Welt andere Möglichkeiten wahrnehmen als ein positiv „gefilterter“ Mensch, und uns mit anderen zu vergleichen, zeigt uns die RealitĂ€t auf, dass ein jeder Mensch filtert.

Da ich erst dabei bin, mit dem Konzept der Filter zu experimentieren, hier nur eine Art erste Skizze, wie unsere Filter-Hierarchie nach meinen ersten Experimenten und Reflexionen aufgebaut sein könnte:

Ganz unten finden wir die Welt, wie sie ist.

Unsere Sinne sind der erste Wahrnehmungs-Filter. Alles, was unsere Sinne nicht wahrnehmen können, bleibt uns verborgen. Daraus entsteht unsere Wahrnehmung, gewissermaßen die Rohe Summe an Sinnes-EindrĂŒcken.

Diese große Anzahl an Sinnes-EindrĂŒcken wird nun eingeordnet in bekannte Muster, um sie zu deuten. Unser Bewusstsein nimmt diese ja nicht in Roh-Form wahr, sondern in ihrer angenommenen „Bedeutung“. Es kann nur deuten, was es einordnen kann. Kann es Sinnes-EindrĂŒcke nicht einordnen, so entsteht Unklarheit/Überforderung. Dieser Filter ist gewissermaßen unser Bild von der Welt.

Ein weiterer Filter ist unsere eigene IdentitĂ€t. Möglicherweise deuten wir unsere Wahrnehmung korrekt, dass ein Mensch an unserer Stelle nun diese oder jene Handlungsmöglichkeiten hĂ€tte, aber wir als der Mensch, der wir sind, schrĂ€nken diese weiter ein, um unsere IdentitĂ€t nicht infrage stellen zu mĂŒssen. Beispielsweise mag die Deutung der Situation aufgrund der Vorfilterung anzeigen, dass ein Anschreien des GegenĂŒbers angebracht wĂ€re, aber als „Mensch, der nie andere anschreit“ (=IdentitĂ€t) tun wir das nicht.

Ein bewusstes VerÀndern der Filter

Erfolgreiche Menschen haben möglicherweise einfach ein konstruktiveres Filter-System, das ihnen Möglichkeiten sichtbar macht, die andere aus dem bewussten Erleben herausfiltern wĂŒrden. Mir ist zum Beispiel aufgefallen, dass ich, wenn mich jemand gefragt hat, was ich beruflich mache, eine Zeit lang (korrekterweise) gemeint habe, ich „mache mich gerade selbststĂ€ndig“. Diese IdentitĂ€t filtert die tatsĂ€chlichen Möglichkeiten in einer Situation anders, als wĂŒrde ich von mir selbst behaupten, ich „bin selbststĂ€ndig“. Vielleicht fĂ€llt es mir beispielsweise als „neuer“ SelbststĂ€ndiger schwerer, fĂŒr meine Angebote Geld zu verlangen, als es mir als SelbststĂ€ndiger (ohne den Zusatz “bin gerade dabei es zu werden) fallen wĂŒrde.

Wie aber verĂ€ndert man nun tatsĂ€chlich seine Filter? Das kommt meiner Ansicht nach ein StĂŒck weit auf die Art des Filters an, den man verĂ€ndern möchte. Möchte man seine Sinnes-Filter verĂ€ndern, kann man direkt seine Sinne verfeinern. Etwa wenn jemand, der gerne Wein trinkt, einen feineren Gaumen bekommen möchte, oder ein Musiker sein Gehör trainiert.

Will jemand seinen Filter verĂ€ndern, der die Einordnung und Deutung der Wahrnehmung betrifft, so wird er sich damit beschĂ€ftigen, alternative und komplexere „Muster“ zu erlernen, um seine Wahrnehmung verfeinert zu den Deutungen zuordnen zu können, die ihnen entsprechen. In meinem Fall beispielsweise habe ich die letzten Jahre gelernt, auch die „dunkle Seite“ des menschlichen Miteinanders wahrnehmen und korrekter deuten/einschĂ€tzen zu können. Es hat mich in der Zeit nicht glĂŒcklicher gemacht, aber mich in stimmigeren Kontakt mit der Welt gebracht. Man könnte sagen, meine Deutungen der Wahrnehmung ist realistischer geworden, weil ich mehr Möglichkeiten habe, sie in verschiedene zur VerfĂŒgung stehende Muster einzuordnen und entsprechend zu deuten.

Geht es um den Filter der eigenen IdentitĂ€t, so kann der universelle Entwicklungskreislauf, ĂŒber den ich bereits viel geschrieben habe, hilfreich sein. Kaum jemand schafft es auf Dauer, gegen das eigene Selbstbild zu handeln, deshalb ist es wichtig, auch diesen Filter genau zu betrachten.

Die drei Filter bauen gewissermaßen aufeinander auf – jemand, der beispielsweise nur einen sehr groben Sinn fĂŒr Emotionen hat, z.B. nur subjektiv „gute“ von „schlechten“ unterscheiden kann, dessen Einordnung der Sinnes-Informationen wird (in diesem Bereich) auch nur eine geringe KomplexitĂ€t erreichen können. Wenn dieser Jemand nun lernt, feiner zwischen verschiedenen Emotionen zu unterscheiden, so wird es ihm auch leichter fallen, seine  Umgebung einschĂ€tzen zu lernen. Meine SensibilitĂ€t fĂŒr Emotionen ist beispielsweise extrem ausgeprĂ€gt, jene fĂŒr das Riechen lĂ€cherlich gering.

„GlĂŒck“ filtern?

Ist an diesem zugegebenermaßen noch etwas nebulösen Filter-Modell etwas dran, so wĂŒrde es fĂŒr mich gut erklĂ€ren, warum ich vor einigen Jahren schlicht durch Entscheidung eine so glĂŒckliche Zeit erlebt habe: ich hatte bewusst meinen Filter der Deutung der Welt so „eingestellt“, dass ich ĂŒberall Schönheit und Möglichkeit wahrnahm, und die „negativeren“ Interpretationen der Welt schlicht herausgefiltert hatte. Das machte es einfach, an das Gute in der Welt zu glauben, und einfach fĂŒr die Welt, mir mein Weltbild zu bestĂ€tigen, weil ich das Positive, das ich in der Welt annahm, auch selbst ausstrahlte.

Es machte mich aber auch verwundbar, von der „dunklen Seite“ des Menschlichen, die ich dabei ausfilterte, ĂŒberrumpelt zu werden. Es verhinderte, dass ich die FĂ€higkeit zur Einordnung und Deutung entwickelte, aus den fĂŒr andere wohl offensichtlichen Anzeichen in meiner Umgebung schlau zu werden und mich entsprechend fĂŒr die bevorstehenden KĂ€mpfe zu rĂŒsten. Gewissermaßen zog ich fröhlich, nichtsahnend und unbewaffnet in einen Krieg gegen gut vorbereitete Gegner – den ich natĂŒrlich haushoch verlor.

Es waren schmerzliche Erfahrungen, aber auch wertvolle: die Welt nur positiv zu filtern, reicht nicht. Man muss auch die andere, „dunklere“ Seite sehen können, um gerĂŒstet zu sein. Muss – wie es in einigen KampfkĂŒnsten so schön heißt – lernen zu kĂ€mpfen, um nicht kĂ€mpfen zu mĂŒssen.

Die Welt an sich ist weder gut noch schlecht. Sie ist einfach. Unsere subjektive Welt jedoch, die Welt, die wir erleben, fĂŒr die sind wir mitverantwortlich, weil unsere Filter sie gestalten.

Niklas

P.S.: NĂ€chsten Dienstag, 19:00, halte ich im FreiRaumWels einen Vortrag ĂŒber den universellen Entwicklungskreislauf, die Wochen drauf auch noch weitere. Bitte weitersagen – und natĂŒrlich auch selbst vorbeischauen, wenn sichs irgendwie ausgeht 🙂

Aufgrund aktueller Entwicklungen innerhalb einer Online-Community, in der ich seit gut 10 Jahren aktiv bin, habe ich mich die letzten Tage wieder einmal sehr intensiv mit der Frage beschĂ€ftigt, inwieweit Macht und damit auch potentielle MachtkĂ€mpfe mit Lernen verstrickt sind. Was in dieser Online-Community gerade sichtbar wird, ist fĂŒr mich eine vereinfachte Variante dessen, was wohl auch im Schulsystem als Ganzes hinter den Kulissen ablĂ€uft.

Über die letzten Jahre habe ich viele Einzel-Initiativen in Bezug auf das Schulsystem entstehen und vergehen sehen, die rein auf das Lernen bezogen durchaus sinnvolle Aspekte hervorgehoben haben. Die meisten davon verfehlten es jedoch, die derzeitige Funktion der Schule als Machtinstrument anzuerkennen.

Auch meine eigenen Erfahrungen als Lehrer lassen sich damit besser verstehen. In meinem absoluten Fokus auf effizientes und als sinnvoll erlebtes Lernen hatte ich es versĂ€umt, mich der Macht-Frage ĂŒberhaupt zu stellen. Ohne es zu beabsichtigen (oder zu bemerken), stellte ich damit etablierte Macht-Strukturen in Frage – dass ich in Folge immer wieder Schwierigkeiten mit Vorgesetzten bekommen wĂŒrde, war im Grunde die natĂŒrliche Konsequenz.

Entwicklungen in besagter Online-Community

In besagter Community ging es ursprĂŒnglich darum, MissverstĂ€ndnisse zwischen bestimmten Gruppen an Menschen zu vermeiden, indem man sich ĂŒber subjektive Erfahrungen austauschte und voneinander lernte. Über die Jahre entwickelten sich verschiedene Sub-Gruppen, die bestimmte ZugĂ€nge fĂŒr sich entdeckt hatten, aber man kam immer noch ganz gut miteinander aus, und respektierte, dass man voneinander lernen konnte. Zwischendurch wurde eine Weile lang von den Betreibern der Community sehr strikt in Konflikten eingegriffen, was zu vorschnellen AusschlĂŒssen von inhaltlich sehr produktiven und hilfreichen Mitgliedern fĂŒhrte. Als der Widerstand gegen diesen „Polizeistaat“ zunahm, wurde beschlossen, auf eine Moderation völlig zu verzichten, und auf gegenseitige Moderation der Mitglieder selbst zu setzen.

Dies funktionierte eine Weile ganz gut, bis sich mit der Zeit eine Art „Puristen“-Gruppe herausbildete. Diese behaupteten, die Community wĂŒrde doch durch bestimmte Mitglieder nur gebremst und verwĂ€ssert werden. Deswegen wĂŒrde die Community fĂŒr eventuelle NeuzugĂ€nge unattraktiver werden, weil die durchschnittliche „QualitĂ€t“ der BeitrĂ€ge so gering sei. Es gĂ€be – „wie doch jeder wisse“ – eine Art natĂŒrlichen Verlauf des Werdeprozesses in der Community, und die „VerwĂ€sserer“ wĂŒrden sich (aus Faulheit, Ignoranz, 
) weigern, die nĂ€chsten notwendigen Schritte zu beschreiten. Anfangs wurden Mitglieder mit abweichenden Meinungen nur daran „erinnert“, dass der nĂ€chste Schritt – völlig unabhĂ€ngig von der durch das Mitglied beschriebenen Situation – derjenige sei, den die Community-Erfahrung fĂŒr diesen „Level“ vorgebe.

SpĂ€ter wurde jeder vom etabliertem Community-Glauben abweichender Beitrag als persönlicher Angriff auf die Gurus betrachtet und entsprechend reagiert – bis zu dem Punkt, an dem die „Freigeister“ entweder die Community verließen, sich nur noch private Nachrichten schrieben oder diejenigen, die sich immer noch trauten öffentlich zu schreiben, völlig unabhĂ€ngig vom Inhalt des Geschriebenen persönlich angegriffen wurden.

Als einige dieser „Freigeister“ aufzeigen wollten, dass der Zweck der Community nie exakt definiert worden war (und damit auch schwierig objektiv festzustellen war, was „QualitĂ€t“ bzw. thematisch passend war), eskalierte die Situation weiter. Bestimmte in der Community ĂŒber Jahre entstandene (und in ihrer Bedeutung VerĂ€nderungen unterworfene) Begriffe wurden als selbsterklĂ€rend und ewig wahr vorausgesetzt. Dass voneinander abweichende Lernwege zu Ă€hnlichen Zielen fĂŒhren könnten, wurde als irrige Vorstellung abgeurteilt. Den wenigen verbleibenden Freigeistern, die fĂŒr sich selbst das Recht beanspruchten, von etablierten Community-Erfahrungen abweichende Wege einzuschlagen, wurde vorgeworfen, sie wĂŒrden sich fĂŒr etwas Besseres halten. Deswegen sei es auch gerechtfertigt, auf diese Druck auszuĂŒben, sich entweder dem Dogma der Community zu unterwerfen, oder aber sie zu verlassen.

Wie sich der Großteil meiner Leserschaft wohl vorstellen kann, bin ich einer der direkt Betroffenen.

Lehren aus besagter Online-Community

Aus einem Ort, an dem ursprĂŒnglich viele individuelle Lernwege und Erfahrungen wertfrei ausgetauscht wurden, entwickelte sich mit der Zeit ein Ort, der ĂŒber die Zwischenstation von mehreren Sub-Gruppen eine Art kollektives Geschichte entstehen ließ. Anfangs war diese kollektive Geschichte ein sehr hilfreiches Konzept, weil es eine Möglichkeit bot, die vielen verschiedenen individuellen Erfahrungen in einen grĂ¶ĂŸeren Kontext zu bringen.

Bald jedoch verselbststĂ€ndigte sich diese kollektive Geschichte, und wurde vom wertvollen Angebot zunehmend zum „einzig richtigen“ Weg. Mitglieder, die auf alternativen Wegen zu Ă€hnlichen SchlĂŒssen wie jene gekommen waren, die den „einzig richtigen“ Weg gefolgt waren, wurden deskreditiert. Man solle doch bitte erstmal die vorgeschriebenen „Stufen“ durchlaufen, bevor man so reden dĂŒrfe.

Interessanterweise wuchs die Zahl jener, die sich selbst fĂŒr die „Elite“ und die „Bewahrer des Wahren“ hielten, ab dem Zeitpunkt, als die Angriffe auf Andersdenkenden zunahmen, sehr rasch an. FĂŒr neue Mitglieder entstand die Möglichkeit, in sehr kurzer Zeit als Teil der „Elite“ akzeptiert zu werden, wenn sie nur ebenso predigten, was die kollektive Geschichte erzĂ€hlte. Andere, ursprĂŒnglich moderatere Mitglieder, schlossen sich nun ebenso der „Elite“ an, um nicht mehr Zielscheibe der Angriffe zu sein – ein Prozess, wie er wohl auch in totalitĂ€ren Systemen stattfindet.

Die Frage, die sich mir in all dem stellte, war die Folgende: aus eigener Erfahrung als Lehrer und Lernender weiß ich, dass ein einzig vorgegebener Lernweg fĂŒr viele verschiedene Menschen selten die effizienteste Variante ist, um das Lernen zu fördern. Und doch wird er – in besagter Online-Community mit „besserem Lernen“ begrĂŒndet. Die einzig sinnvolle ErklĂ€rung, die mir fĂŒr dieses PhĂ€nomen einfĂ€llt, ist die folgende: Es geht dabei um Macht, und „Lernen“ ist die vorgeschobene BegrĂŒndung und Rechtfertigung dafĂŒr.

Machtstrukturen und Lernen: Die Funktion von PrĂŒfungen

Eine grundlegende Funktion der Schule in unserer Gesellschaft, ĂŒber die kaum gesprochen wird, ist jene, junge Menschen daran zu gewöhnen, dass nur ein Teil von dem, was sie lernen, gesellschaftlich betrachtet „wertvoll“ ist – und dass dieser „wertvolle“ Teil ihnen von außen verliehen wird, und nicht aus ihnen selbst kommt. Um diesen Wert verliehen zu bekommen, mĂŒssen sie sich diesem Außen fĂŒgen, und den Erwartungen dieses Außen entsprechen. Diese Funktion erfĂŒllen unter Anderem PrĂŒfungen.

Anders als viele Bildungsinitiativen halte ich PrĂŒfungen und ihre Funktion nicht fĂŒr an sich schlecht, wenn sie in ihrer konstruktiven Variante der TĂŒröffner-PrĂŒfung umgesetzt werden. Dies bedeutet, dass eine PrĂŒfung:

  • Verschiedene Lernwege zum Bestehen hin ermöglicht
  • Freiwillig abzulegen ist (niemand wird dazu gezwungen)
    • PrĂŒfer wĂ€hlt Zeitpunkt (aus verschiedenen möglichen Terminen)
    • PrĂŒfer hat Vorteile bei Bestehen der PrĂŒfung (deswegen „TĂŒröffner“-PrĂŒfung)
  • Gleichwertig wiederholbar ist (das beste Ergebnis zĂ€hlt)
  • Vorhersehbar ist (eine Vorbereitung nach individuell passendem Lernweg ist möglich)
  • Objektiv beurteilt wird

Eine PrĂŒfung, die diese Kriterien erfĂŒllt, erfĂŒllt fĂŒr mich eine gesellschaftlich sinnvolle Funktion, weil sie die Voraussetzung fĂŒr gesellschaftlich anerkannte Berechtigungen sein kann. Das klassische Beispiel ist der FĂŒhrerschein. Man muss ihn nicht machen, aber es hat Vorteile, es zu tun.

In der Schule jedoch herrscht ĂŒblicherweise eine andere Art von PrĂŒfung vor, die jene Kriterien nicht erfĂŒllt, dafĂŒr aber den PrĂŒfenden (meist den Lehrer) eine gewisse Machtposition ĂŒber den zu PrĂŒfenden einrĂ€umt. Eine Machtposition besteht zwar auch bei TĂŒröffner-PrĂŒfungen, aber bei TĂŒröffner-PrĂŒfungen entsteht sie dadurch, dass der zu PrĂŒfende aus sich heraus die PrĂŒfung ablegen will (um bei Bestehen zusĂ€tzliche Rechte zu erhalten), wĂ€hrend bei ĂŒblichen PrĂŒfungen der Wunsch zur PrĂŒfung nicht vom zu PrĂŒfenden ausgeht.

PrĂŒfungen und Macht

Nun gibt es jedoch noch eine weitere Problematik, die daraus entsteht. Die einzig wirkliche Aussage, die bei einer bestandenen PrĂŒfung getroffen werden kann, ist jene, dass der PrĂŒfling es geschafft hat, den Anforderungen des PrĂŒfers gemĂ€ĂŸ zu antworten/handeln. Anerkanntes Lernen ist damit gleichzusetzen mit Unterordnung unter die Vorstellung des PrĂŒfenden. Oder umgekehrt betrachtet: derjenige, der in der Position ist, zu prĂŒfen, befindet sich strukturell in einer Machtposition.

Diese Machtposition in Bezug auf die Definition des Verhaltens bleibt auch nach der PrĂŒfungssituation selbst noch weiterhin aufrecht. Wer z.B. Lebens- und Sozialberater werden möchte, bewegt sich (solange er als solcher auftritt) innerhalb gewisser Verhaltensgrenzen, die bestimmte Menschen fĂŒr ihn definiert haben. Dies kann auch durchaus Sinn machen, wenn die Person an der Spitze der Hierarchie, die dadurch entsteht, sehr fĂ€hig ist. Was aber, wenn die Spitze jener Hierarchie gewissermaßen „am Stinken“ ist, oder – wie im beschriebenen Beispiel mit der Community – möglicherweise soziale Prozesse zu einer Machtkonzentration fĂŒhren, der schwer entgegnet werden kann?

Steve Jobs soll mal gesagt haben, dass A-Menschen gerne B-Menschen um sich scharen, B-Menschen gerne C-Menschen usw., also Menschen, die ihnen nicht gefĂ€hrlich werden können. Wirklich fĂ€hige Menschen jedoch umgeben sich laut ihm (und ich stimme ihm da zu) mit Menschen, die (zumindest in den Teilbereichen, um die es geht) besser sind als sie selbst. In einer Organisation, deren „Kopf“ sich lieber mit Menschen umgibt, die einem nicht gefĂ€hrlich werden können: können die fĂ€higeren Kandidaten ĂŒberhaupt ĂŒber die dafĂŒr vorgesehenen Prozesse („PrĂŒfungen“ in vielerlei Sinne) an die Spitze gelangen, ohne (weil sie sich den Erwartungen der jeweils Übergeordneten anpassen mĂŒssen, um aufzusteigen) ihre FĂ€higkeiten im Laufe des Prozesses einzubĂŒĂŸen?

Ich habe mich immer wieder gefragt, warum ich in einigen Schulen gerade dann solche Schwierigkeiten mit Vorgesetzten bekommen hatte, wenn das, was ich tat, nachweislich funktionierte. In meiner NaivitĂ€t hatte ich angenommen, andere wĂŒrden sich darĂŒber freuen, und wir könnten alle voneinander lernen und gemeinsam die beste Schule fĂŒr das Lernen entwickeln. Im Grunde jedoch hatte ich damit in den Schulen etwas Ähnliches getan wie in besagter Community: ich hatte – ohne es zu realisieren – eine grundlegende Machtstruktur damit in Frage gestellt, indem ich dem Lernenden zutraute, seinen Lernprozess weitgehend selbst zu lenken. Und als dieser Zugang auch noch nachweislich funktionierte, wurde ich wohl damit zu einer realen Bedrohung.

All das hatte im Nachhinein betrachtet durchaus seinen Sinn. Ich bin wohl ebenso wenig dafĂŒr geschaffen, als kleines Zahnrad im Schulsystem aufzugehen, wie ich mich wider besseres Wissen dem entstehenden Dogma einer Online-Community unterordne.


und die Alternative?

Nachdem ich die letzten Tage neben einigen intensiven GesprĂ€chen mit Freunden ĂŒber das Thema auch wieder mal sehr viel mit der BeschĂ€ftigung mit Geschichte verbracht habe, stellt sich mir schon die Frage, ob es so etwas wie eine langfristig funktionierende Alternative gibt. Machiavelli schreibt ja z.B. sinngemĂ€ĂŸ, dass die Tugendhaften, gerade weil sie sich selbst beschrĂ€nken, in einer Welt, in der andere sich dieser BeschrĂ€nkung nicht unterwerfen, meistens den KĂŒrzeren ziehen. Das ist wohl ein StĂŒck weit gesunder Realismus. Gleichzeitig sehe ich immer wieder, dass dieses un-realistische Ding, das sich Glaube (an eine bessere Alternative) nennet, dann doch immer wieder echte VerĂ€nderungen herbeifĂŒhrt.

Sind diejenigen, die davon sprechen, man mĂŒsse doch realistisch sein, zu bedauern, weil sie den Glauben an ein anderes Morgen (und damit das Potential) bereits aufgegeben haben? Oder vielmehr diejenigen, die ihrem „unrealistischen“ Glauben anhaften, und damit von den weniger naiven kontrolliert und ausgenutzt werden können?

Aus aktueller Erfahrung mit einigen Freunden und Bekannten sehe ich gerade die AnfĂ€nge einer vielleicht auch langfristig aufrechterhaltbaren Alternative der Zusammenarbeit und des voneinander Lernens, mit dem fĂŒr mich sehr passenden vorlĂ€ufigen Arbeitstitel „SpinnerNetz“: Menschen, die verrĂŒckt genug sind, an ein vertrauensvolles Miteinander zu glauben, „spinnen“ gemeinsam an einer – wenn alles klappt – auch langfristig tragbaren und damit auch wirtschaftlich nachhaltigen Alternative.

Die nÀchsten Monate werden zeigen, ob wir in Glauben und Umsetzung stark genug sind, das durchzuziehen.

Niklas

(Anmerkung: das hier beschriebene Modell basiert ursprĂŒnglich auf der Arbeit von Ralf Bolle, einem deutschen Psychotherapeuten, der weltweit die Arbeitsweise von Schamanen, Heiler, Psychotherapeuten etc. erforscht und verglichen hat, um schlussendlich ein universelles Grundmuster dieser Arbeitsweisen herauszudestillieren. Ich habe sein Grundmodell dann in verschiedensten Situationen selbst angewandt, und es aufgrund dieser Erfahrungen fĂŒr meine Zwecke weiterentwickelt bzw. auch manche Bezeichnungen/Interpretationen angepasst.)

Das Modell – ein kurzer Überblick

Der universelle Entwicklungs-Kreislauf beschreibt 4 Phasen, die in einer jeden transformativen Entwicklung durchlaufen werden.

  1. Alltag: Alles ist wie immer. Mit der Zeit jedoch wird eine Art Unzufriedenheit spĂŒrbar, eine Art innerer Drang zur VerĂ€nderung.
  2. Loslassen: Die Person erlaubt, einen Teil von sich loszulassen, sterben zu lassen.
  3. Erkenntnis: Die Person erkennt eine ihre vorherige Alltagswelt transformierende neue Ordnung.
  4. Die Person versucht, die gewonnen Erkenntnisse in ihren Alltag zu integrieren, um einen neuen stabilen Alltag zu schaffen.

In der Mitte des Kreislaufes findet sich das Element des „Übergangs-GegenĂŒber“. Diese Rolle wird etwa vom Therapeuten, Schamanen, Heiler eingenommen, der der Person dabei behilflich ist, vertrauensvoll loszulassen, was im Sinne der Persönlichkeit einem (teilweisen) Sterben und Wiedergeborenwerden gleichkommt. Im ursprĂŒnglichen Modell wurde der Begriff „Übergangs-Persönlichkeit“ gewĂ€hlt. „GegenĂŒber“ erscheint mir jedoch passender, weil ebenso die Vorstellung eines Gottes, oder auch ein Tagebuch als „GegenĂŒber“ möglich ist. Relevant erscheint also nicht so sehr die konkrete Ausformung dieses „GegenĂŒbers“, sondern der Glaube der Person an die BestĂ€ndigkeit des GegenĂŒbers ĂŒber den eigenen „Tod“ (= Loslassen eines Teiles der eigenen Persönlichkeit) hinaus.

Auch findet sich die Unterscheidung des Modells in eine Alltagswelt und eine Unterwelt, bzw. in Bewusstsein und Unterbewusstsein. Dies ist einerseits relevant, weil zahlreiche Mythen in allen Kulturen Geschichten ĂŒber Reisen in die „Unterwelt“ erzĂ€hlen, die grob diesem Modell folgen, was interessante Schlussfolgerungen zulĂ€sst. Andererseits beschreibt die Teilung auch sehr deutlich die SchlĂŒsselfunktionen des Loslassens auf dem Weg zum Unterbewusstsein sowie der Re-Integration in den Alltag.

Keine „AbkĂŒrzungen“

Es gibt in diesem Prozess keine konstruktiven „AbkĂŒrzungen“. Dies ist insofern relevant, als dass dies ein sehr gutes Modell fĂŒr die ErklĂ€rung von Suchtverhalten jeglicher Art bietet. Wer etwa bewusstseinsverĂ€ndernde Drogen benutzt, um direkt aus dem Alltag in die Erkenntnis zu „springen“, hat den Loslassen-Schritt ĂŒbersprungen. Dieser jedoch ist notwendig, um innerlich den „Platz“ zu schaffen, um die Erkenntnis re-integrieren zu können, weswegen der Kreislauf nicht vollendet wird, und die Person zurĂŒck in den Alltag „fĂ€llt“, ohne eine langfristig transformierende Entwicklung durchgemacht zu haben. „Erkenntnis“ steht hierbei auch immer fĂŒr eine Art von Verbundenheit mit einer höheren Ordnung.

Ebenso erklĂ€rt uns dieses Modell, warum gute VorsĂ€tze alleine selbst mit höchstem Einsatz einer Person auf Dauer scheitern. Wer nicht gleichzeitig bereit ist, sich den Ursachen seiner zu Ă€ndernden Verhaltensweisen zu stellen und diese „sterben“ zu lassen, wird frĂŒher oder spĂ€ter trotz grĂ¶ĂŸter Anstrengungen in seinen gewohnten Alltag zurĂŒckfallen, weil fĂŒr eine neue Alltagsordnung schlicht noch kein „Platz“ geschaffen wurde.

Die Bedeutung des Glaubens fĂŒr die Heilung

An dieser Stelle seien noch einige faszinierende Erkenntnisse und Hinweise erwĂ€hnt, die der Urheber des Modells bei seinem Vortrag erwĂ€hnte. Der Erfolg einer Behandlung hĂ€ngt laut ihm in sehr hohem Maße vom Glauben des Patienten an die Behandlungsmethode ab. Eine zusĂ€tzlich relevante EinflussgrĂ¶ĂŸe ist der Glauben der dem Patienten nahestehenden Menschen an die Behandlungsmethode. Dieser Placebo-Effekt macht in manchen Studien, soweit ich mich an den Vortrag erinnere, knappe 60% des Behandlungserfolges aus – auch bei „normalen“ Krankheiten! Dies wĂŒrde erklĂ€ren, warum manche objektiv nicht nachvollziehbare Behandlungsmethoden (Esoterik etc.) trotzdem gute Ergebnisse erzielen können: die zu Behandelnden glauben daran, und dies könnte einer der relevantesten Aspekte sein.

Wenn wir das Modell akzeptieren, ermöglicht es uns, Krankheit völlig neu zu betrachten: nĂ€mlich als eine Form der Kommunikation unseres Körpers mit uns, dass wir uns (noch) weigern, einen Anteil unseres Alltags-Ichs „sterben“ zu lassen. Wenn dieser universelle Entwicklungskreislauf den natĂŒrlichen Verlauf beschreibt, dann ist unsere Weigerung, unsere an unseren Anhaftungen festzuhalten anstatt sie loszulassen wo nötig, eine Art innerer Widerstand, der gewissermaßen symbolisch Reibung bis zu Blockaden erzeugt -> wir laufen unrund, werden krank, womit uns unser Körper sagen will, dass er es nicht mehr lustig findet mittlerweile.

Diese Beschreibung mag medizinisch betrachtet ein wenig daneben sein, aber mir hilft sie erfahrungsgemĂ€ĂŸ, im Durchschnitt gesund zu bleiben. „Wieder gesund werden“ bedeutet damit nĂ€mlich keine Wiederherstellung des Vorherigen, sondern ein Vertrauen auf ein Neu-Werden nach dem Loslassen des Alten.

Die Bedeutung des universellen Entwicklungskreislaufes fĂŒr das Lernen

Aus meiner eigenen Erfahrung als Lehrer habe ich festgestellt, dass dieses Modell und seine Lehren sich 1:1 auf das Lernen ĂŒbertragen lassen, und spĂ€testens hier wird es wirklich faszinierend. Denn auch beim Lernen erscheint der Glaube an das Übergangs-GegenĂŒber (z.B. den Lehrer) die Hauptrolle zu spielen, sowohl der Glaube des Lernenden selbst als auch der Glaube seiner engsten Bezugspersonen. Anders ausgedrĂŒckt: die Heil- wie die Lehrmethode hat oft weniger Auswirkung auf die Heilungs-/Lernchancen als der Glaube aneinander, der sich (auch, aber nicht nur) durch die Beziehung zueinander ausdrĂŒckt.

Nun entsteht jedoch aufgrund unserer wissenschaftlichen Methodik an sich eine Problematik: diese Art von Beziehung zueinander lĂ€sst sich mit der sonst so nĂŒtzlichen wissenschaftlichen Methodik derzeit noch schlicht nicht abbilden (warum, werde ich in einem weiteren Artikel irgendwann in den nĂ€chsten Wochen hoffentlich konkret und nachvollziehbar nachweisen können). Wissenschaftlich betrachtet handelt es wohl sich um einen blinden Fleck – der paradoxerweise möglicherweise einen Großteil der tatsĂ€chlichen WirkkrĂ€fte pĂ€dagogisch/medizinischen Handelns ausklammert.

Die Bedeutung des universellen Entwicklungskreislaufes fĂŒr die Lebensgestaltung

Wenn wir das Konzept des universellen Entwicklungskreislaufes akzeptieren, so ergeben sich fĂŒr mich einige auf den ersten Blick paradoxe Folgen fĂŒr eine alltĂ€gliche Lebensgestaltung. Beispielsweise wĂŒrde sich der Zusammenhang zwischen Zeit und der subjektiv erlebten Freude bei einem Menschen, der den Schritt des Loslassens â€žĂŒberspringen“ möchte, mathematisch in etwa so darstellen lassen:

Er wird versuchen, von seinem Alltagserleben durch Selbstmotivation oder Stimulation (Drogen, 
) zu mehr Freude zu gelangen, aber seine Anstrengungen sind nicht dauerhafter Natur, bzw. fĂŒhlt er sich vielleicht sogar mit der Zeit unglĂŒcklicher, weil die langfristigen Folgen ihn zusĂ€tzlich bedrĂŒcken.

Ein Mensch, der dem Entwicklungskreislauf „willig“ folgt, wird hingegen einen Verfall seiner Freude empfinden, bis er eine Art absoluten Nullpunkt erreicht, an dem er einen Teil seines Selbst „sterben“ lĂ€sst, was ihm zu einer Erkenntnis und höchsten GlĂŒcksgefĂŒhlen verhilft. Mit der Zeit wird er sich wieder in einen relativ stabilen Alltags-Level an Freude einpendeln, bevor der Kreislauf wieder von vorn beginnt. Möglicherweise (aber nicht notwendigerweise) ist dieser neue Alltags-Level durch seine Erkenntnis höher angesiedelt als der vorherige. Das sieht dann ungefĂ€hr so aus:

Was fĂŒr mich dabei besonders spannend erscheint, ist, dass Symptome einiger bei uns als eher negativ beschriebenen psychischen AusprĂ€gungen wie der Depression in vielen spirituellen Traditionen sehr Ă€hnlich unter einem anderen Namen beschrieben werden. Nur ein Beispiel von vielen: Die „Dunkle Nacht der Seele“, die dem Zustand kurz vor dem Loslassen in unserem Modell sehr nahe kommt.

Wenn nun also einem depressiv verstimmten Menschen Medikamente gegeben werden, um seine Stimmung aufzuhellen, berauben wir ihn damit möglicherweise seiner spirituelle Entwicklung, weil wir ihm nicht erlauben, den Nullpunkt – das Loslassen – zu erreichen? Wenn das Modell stimmt, brĂ€uchte unser depressiv Verstimmter dann womöglich nur jemanden, dem er absolut vertraut, und der diesen Nullpunkt mit ihm aushĂ€lt. Ich habe von einigen interessanten Studien gehört, nach denen z.B. Schizophrenie in manchen Kulturen als Zeichen eines zukĂŒnftigen Schamanen/Heilers betrachtet wird, der daraufhin von anderen, erfahrenden Schamanen/Heiler ausgebildet wird…

Die Bedeutung des universellen Entwicklungskreislaufes fĂŒr den Tod

Dieser Artikel wĂ€re nicht vollstĂ€ndig, ohne das fĂŒr mich Offensichtliche nicht zumindest zu erwĂ€hnen: die Überschneidungen mit den Reinkarnations-Konzepten einiger östlicher Traditionen sind fĂŒr mich doch sehr offenkundig. Ein möglicher Schluss daraus könnte sein, dass wir die Reinkarnations-Lehren dieser Traditionen bisher fĂ€lschlicherweise als mehrere Leben, wie wir sie kennen, verstanden haben, obwohl doch eher „mehrere Leben“ im Sinne der Persönlichkeitsentwicklung innerhalb eines einzigen Menschenlebens gemeint waren.

Ein anderer ist es, dass das Konzept vom „Sterben“, wie wir es kennen, möglicherweise auch kein anderer Vorgang ist als ein weiterer Schritt in einem „universellen Entwicklungskreislauf“, bei dem wir eben dann nicht mehr in unserem bisherigen Körper mit einer weiterentwickelten Persönlichkeit wiedergeboren werden, sondern in anderer Form (oder auch gar nicht). Möglicherweise ist eine „Erkenntnis“ nichts Anderes als ein Sich-Verbinden nicht nur mit dem eigenen Unterbewusstsein, sondern in eine Art Mehr- oder sogar All-Bewusstsein (es gibt einige Hinweise darauf). Und irgendwann ist es einigen von uns vielleicht einfach zu blöd, danach noch eine Re-Integration in einen neuen (physischen) Alltag anzustreben (wie es ja im Hinduismus angestrebt wird soweit ich das verstanden habe).

NatĂŒrlich können dies am Ende (oder besser ausgedrĂŒckt: bis zum Ende) nur Spekulationen bleiben. Trotzdem ist fĂŒr mich auffĂ€llig, dass dieses Modell sowohl in der Heilung, im Lernen, in den meisten Mythen (siehe auch „Der Heros in Tausend Gestalten“) wie auch den meisten religiösen Traditionen wiederzufinden ist.

Seit ich vor einigen Jahre erstmals in einer Vorlesung des erwĂ€hnten Therapeuten Ralf Bolle von diesem Modell gehört und darĂŒber geschrieben habe, haben mir unzĂ€hlige Menschen, denen ich davon erzĂ€hlt habe, unabhĂ€ngig voneinander erzĂ€hlt, wie wertvoll es auch in ihrem Leben bereits gewesen ist. Deswegen war es mir wichtig, nun noch einmal eine aktualisierte Zusammenfassung zu verfassen.

Niklas

Warum verdienen manche Menschen mehr als andere? Und wie könnte man zu einem dieser Menschen werden? Oder anders gefragt: was steht uns dabei im Weg?

Gestern Abend war ich auf einer Veranstaltung in Linz, wo es um innere Einstellungen zu Geld und Einkommen ging. WĂ€hrend ich der Vortragenden lauschte, schrieb ich mit – was sie sagte, und was mir selbst dazu einfĂ€llt, weil ich oft am besten nachdenken kann wenn „im Hintergrund“ jemand spricht. Dabei ist mir ein alter Gedanke wieder eingefallen, ĂŒber den ich – meiner Erinnerung nach – noch nie hier geschrieben habe, obwohl ich es mir schon oft vorgenommen habe: die problematische Art und Weise, wie der Großteil von uns ihren eigenen wirtschaftlichen Wert fĂŒr andere einschĂ€tzt und bemisst.

Gehalt = Schmerzensgeld

Die meisten Menschen in einem Anstellungs-VerhĂ€ltnis werden nach Stunden bezahlt, nach dem Muster „Ich arbeite 30h/Woche fĂŒr dich“. DafĂŒr bekommen sie vom Arbeitgeber eine „EntschĂ€digung“, die – wie das Wort bereits enthĂ€lt – den „Schaden“ fĂŒr den Arbeitnehmer aus dieser Beziehung kompensieren soll. Der Arbeitnehmer tut also etwas, was er ansonsten nicht (gerne) machen wĂŒrde, und erhĂ€lt dafĂŒr als Gegenleistung einen Geldwert. In diesem Denkmodell basiert die Summe, die der Arbeitnehmer erhĂ€lt, auf den Unannehmlichkeiten, das der Arbeitnehmer durch die Zusammenarbeit erleidet, und stellt damit gewissermaßen ein „Schmerzensgeld“ dar. Je unangenehmer, desto mehr Schmerzensgeld steht dem Arbeitnehmer zu (40h derselben Arbeit bringen mehr als 20h dieser Arbeit).

Was passiert aber nun, wenn der Arbeitnehmer – wie es in meinem Fall passiert – sich entscheidet, sich selbststĂ€ndig zu machen, mit einer TĂ€tigkeit, die ihm selbst auch tatsĂ€chlich Freude bereitet? Es wird ihm möglicherweise schwer fallen, einen angemessenen Preis fĂŒr seine Leistungen zu verlangen, weil er die TĂ€tigkeit ja gerne verrichtet. Er hat keinen Schmerz, der als Schmerzensgeld zu entlohnen wĂ€re – warum soll ihn also jemand dafĂŒr bezahlen, wenn er die TĂ€tigkeit ohnehin liebt?

Wert = Nutzen

Das Problem im Ansatz Gehalt=Schmerzensgeld ist, dass sich das Geld das man als Gegenleistung bekommt am eigenen Schmerz orientiert. Fragt man sich stattdessen, welchen Nutzen die eigene TĂ€tigkeit fĂŒr jemand anderen haben kann, so verliert die Frage ob es fĂŒr einen selbst anstrengend ist oder eine Freude an Bedeutung.

Wenn ich mir einen neuen Laptop kaufe, ist mir der Nutzen wichtig, den ich von dem neuen Laptop habe, nicht ob der VerkĂ€ufer im Verkaufsprozess gelitten hat oder es ihm eine Freude war. Aus einer empathischeren Perspektive wĂŒrde ich es natĂŒrlich bevorzugen, wenn es auch dem anderen gut geht (siehe Bio-Zertifikate etc.), aber dies Ă€ndert an sich nicht viel am Nutzen, den ich durch den Laptop-Kauf fĂŒr mich selbst habe.

Wertunterschied = Passgenauigkeit des Nutzens

Die Vortragende gestern warb fĂŒr ein Programm ĂŒber 6 Monate, das 7200€ kosten sollte, das sind 1200/Monat und Nutzer. Ohne mit der Wimper zu zucken, als wĂ€ren dies völlig normale BetrĂ€ge. Und tatsĂ€chlich gehe ich davon aus, dass es Menschen im Publikum geben wird, die das Programm in Anspruch nehmen werden, wenn sie vom Nutzen fĂŒr sie selbst ĂŒberzeugt worden sind. Dass der Aufwand fĂŒr die Vortragende dabei (nach ihren AusfĂŒhrungen) vernachlĂ€ssigbar ist, zeigte fĂŒr mich relativ klar auf, wie viel sinnvoller der Fokus auf den Nutzen fĂŒr den Anderen ist als der Fokus auf die Ent-SchĂ€digung des eigenen Einsatzes.

Eine im Vortrag gestellte Frage fand ich auch interessant: warum verdienen manche Menschen mehr als andere, obwohl sie nicht offensichtlich intelligenter oder fĂ€higer sind als ich? Die Antwort wurde nicht verbal gegeben, aber durch das Tun der Vortragenden war eine mögliche sichtbar geworden: weil sie den Mut haben, einen Wert fĂŒr ihr Angebot festzusetzen, der ĂŒber dem der anderen liegt. Der Wert des eigenen Angebots wĂ€re damit gewissermaßen frei wĂ€hlbar.

Wer hat den Mut dazu, diese Freiheit auch praktisch zu nutzen?

Niklas