Bildung und Macht

Aufgrund aktueller Entwicklungen innerhalb einer Online-Community, in der ich seit gut 10 Jahren aktiv bin, habe ich mich die letzten Tage wieder einmal sehr intensiv mit der Frage beschäftigt, inwieweit Macht und damit auch potentielle Machtkämpfe mit Lernen verstrickt sind. Was in dieser Online-Community gerade sichtbar wird, ist für mich eine vereinfachte Variante dessen, was wohl auch im Schulsystem als Ganzes hinter den Kulissen abläuft.

Über die letzten Jahre habe ich viele Einzel-Initiativen in Bezug auf das Schulsystem entstehen und vergehen sehen, die rein auf das Lernen bezogen durchaus sinnvolle Aspekte hervorgehoben haben. Die meisten davon verfehlten es jedoch, die derzeitige Funktion der Schule als Machtinstrument anzuerkennen.

Auch meine eigenen Erfahrungen als Lehrer lassen sich damit besser verstehen. In meinem absoluten Fokus auf effizientes und als sinnvoll erlebtes Lernen hatte ich es versäumt, mich der Macht-Frage überhaupt zu stellen. Ohne es zu beabsichtigen (oder zu bemerken), stellte ich damit etablierte Macht-Strukturen in Frage – dass ich in Folge immer wieder Schwierigkeiten mit Vorgesetzten bekommen würde, war im Grunde die natürliche Konsequenz.

Entwicklungen in besagter Online-Community

In besagter Community ging es ursprünglich darum, Missverständnisse zwischen bestimmten Gruppen an Menschen zu vermeiden, indem man sich über subjektive Erfahrungen austauschte und voneinander lernte. Über die Jahre entwickelten sich verschiedene Sub-Gruppen, die bestimmte Zugänge für sich entdeckt hatten, aber man kam immer noch ganz gut miteinander aus, und respektierte, dass man voneinander lernen konnte. Zwischendurch wurde eine Weile lang von den Betreibern der Community sehr strikt in Konflikten eingegriffen, was zu vorschnellen Ausschlüssen von inhaltlich sehr produktiven und hilfreichen Mitgliedern führte. Als der Widerstand gegen diesen „Polizeistaat“ zunahm, wurde beschlossen, auf eine Moderation völlig zu verzichten, und auf gegenseitige Moderation der Mitglieder selbst zu setzen.

Dies funktionierte eine Weile ganz gut, bis sich mit der Zeit eine Art „Puristen“-Gruppe herausbildete. Diese behaupteten, die Community würde doch durch bestimmte Mitglieder nur gebremst und verwässert werden. Deswegen würde die Community für eventuelle Neuzugänge unattraktiver werden, weil die durchschnittliche „Qualität“ der Beiträge so gering sei. Es gäbe – „wie doch jeder wisse“ – eine Art natürlichen Verlauf des Werdeprozesses in der Community, und die „Verwässerer“ würden sich (aus Faulheit, Ignoranz, …) weigern, die nächsten notwendigen Schritte zu beschreiten. Anfangs wurden Mitglieder mit abweichenden Meinungen nur daran „erinnert“, dass der nächste Schritt – völlig unabhängig von der durch das Mitglied beschriebenen Situation – derjenige sei, den die Community-Erfahrung für diesen „Level“ vorgebe.

Später wurde jeder vom etabliertem Community-Glauben abweichender Beitrag als persönlicher Angriff auf die Gurus betrachtet und entsprechend reagiert – bis zu dem Punkt, an dem die „Freigeister“ entweder die Community verließen, sich nur noch private Nachrichten schrieben oder diejenigen, die sich immer noch trauten öffentlich zu schreiben, völlig unabhängig vom Inhalt des Geschriebenen persönlich angegriffen wurden.

Als einige dieser „Freigeister“ aufzeigen wollten, dass der Zweck der Community nie exakt definiert worden war (und damit auch schwierig objektiv festzustellen war, was „Qualität“ bzw. thematisch passend war), eskalierte die Situation weiter. Bestimmte in der Community über Jahre entstandene (und in ihrer Bedeutung Veränderungen unterworfene) Begriffe wurden als selbsterklärend und ewig wahr vorausgesetzt. Dass voneinander abweichende Lernwege zu ähnlichen Zielen führen könnten, wurde als irrige Vorstellung abgeurteilt. Den wenigen verbleibenden Freigeistern, die für sich selbst das Recht beanspruchten, von etablierten Community-Erfahrungen abweichende Wege einzuschlagen, wurde vorgeworfen, sie würden sich für etwas Besseres halten. Deswegen sei es auch gerechtfertigt, auf diese Druck auszuüben, sich entweder dem Dogma der Community zu unterwerfen, oder aber sie zu verlassen.

Wie sich der Großteil meiner Leserschaft wohl vorstellen kann, bin ich einer der direkt Betroffenen.

Lehren aus besagter Online-Community

Aus einem Ort, an dem ursprünglich viele individuelle Lernwege und Erfahrungen wertfrei ausgetauscht wurden, entwickelte sich mit der Zeit ein Ort, der über die Zwischenstation von mehreren Sub-Gruppen eine Art kollektives Geschichte entstehen ließ. Anfangs war diese kollektive Geschichte ein sehr hilfreiches Konzept, weil es eine Möglichkeit bot, die vielen verschiedenen individuellen Erfahrungen in einen größeren Kontext zu bringen.

Bald jedoch verselbstständigte sich diese kollektive Geschichte, und wurde vom wertvollen Angebot zunehmend zum „einzig richtigen“ Weg. Mitglieder, die auf alternativen Wegen zu ähnlichen Schlüssen wie jene gekommen waren, die den „einzig richtigen“ Weg gefolgt waren, wurden deskreditiert. Man solle doch bitte erstmal die vorgeschriebenen „Stufen“ durchlaufen, bevor man so reden dürfe.

Interessanterweise wuchs die Zahl jener, die sich selbst für die „Elite“ und die „Bewahrer des Wahren“ hielten, ab dem Zeitpunkt, als die Angriffe auf Andersdenkenden zunahmen, sehr rasch an. Für neue Mitglieder entstand die Möglichkeit, in sehr kurzer Zeit als Teil der „Elite“ akzeptiert zu werden, wenn sie nur ebenso predigten, was die kollektive Geschichte erzählte. Andere, ursprünglich moderatere Mitglieder, schlossen sich nun ebenso der „Elite“ an, um nicht mehr Zielscheibe der Angriffe zu sein – ein Prozess, wie er wohl auch in totalitären Systemen stattfindet.

Die Frage, die sich mir in all dem stellte, war die Folgende: aus eigener Erfahrung als Lehrer und Lernender weiß ich, dass ein einzig vorgegebener Lernweg für viele verschiedene Menschen selten die effizienteste Variante ist, um das Lernen zu fördern. Und doch wird er – in besagter Online-Community mit „besserem Lernen“ begründet. Die einzig sinnvolle Erklärung, die mir für dieses Phänomen einfällt, ist die folgende: Es geht dabei um Macht, und „Lernen“ ist die vorgeschobene Begründung und Rechtfertigung dafür.

Machtstrukturen und Lernen: Die Funktion von Prüfungen

Eine grundlegende Funktion der Schule in unserer Gesellschaft, über die kaum gesprochen wird, ist jene, junge Menschen daran zu gewöhnen, dass nur ein Teil von dem, was sie lernen, gesellschaftlich betrachtet „wertvoll“ ist – und dass dieser „wertvolle“ Teil ihnen von außen verliehen wird, und nicht aus ihnen selbst kommt. Um diesen Wert verliehen zu bekommen, müssen sie sich diesem Außen fügen, und den Erwartungen dieses Außen entsprechen. Diese Funktion erfüllen unter Anderem Prüfungen.

Anders als viele Bildungsinitiativen halte ich Prüfungen und ihre Funktion nicht für an sich schlecht, wenn sie in ihrer konstruktiven Variante der Türöffner-Prüfung umgesetzt werden. Dies bedeutet, dass eine Prüfung:

  • Verschiedene Lernwege zum Bestehen hin ermöglicht
  • Freiwillig abzulegen ist (niemand wird dazu gezwungen)
    • Prüfer wählt Zeitpunkt (aus verschiedenen möglichen Terminen)
    • Prüfer hat Vorteile bei Bestehen der Prüfung (deswegen „Türöffner“-Prüfung)
  • Gleichwertig wiederholbar ist (das beste Ergebnis zählt)
  • Vorhersehbar ist (eine Vorbereitung nach individuell passendem Lernweg ist möglich)
  • Objektiv beurteilt wird

Eine Prüfung, die diese Kriterien erfüllt, erfüllt für mich eine gesellschaftlich sinnvolle Funktion, weil sie die Voraussetzung für gesellschaftlich anerkannte Berechtigungen sein kann. Das klassische Beispiel ist der Führerschein. Man muss ihn nicht machen, aber es hat Vorteile, es zu tun.

In der Schule jedoch herrscht üblicherweise eine andere Art von Prüfung vor, die jene Kriterien nicht erfüllt, dafür aber den Prüfenden (meist den Lehrer) eine gewisse Machtposition über den zu Prüfenden einräumt. Eine Machtposition besteht zwar auch bei Türöffner-Prüfungen, aber bei Türöffner-Prüfungen entsteht sie dadurch, dass der zu Prüfende aus sich heraus die Prüfung ablegen will (um bei Bestehen zusätzliche Rechte zu erhalten), während bei üblichen Prüfungen der Wunsch zur Prüfung nicht vom zu Prüfenden ausgeht.

Prüfungen und Macht

Nun gibt es jedoch noch eine weitere Problematik, die daraus entsteht. Die einzig wirkliche Aussage, die bei einer bestandenen Prüfung getroffen werden kann, ist jene, dass der Prüfling es geschafft hat, den Anforderungen des Prüfers gemäß zu antworten/handeln. Anerkanntes Lernen ist damit gleichzusetzen mit Unterordnung unter die Vorstellung des Prüfenden. Oder umgekehrt betrachtet: derjenige, der in der Position ist, zu prüfen, befindet sich strukturell in einer Machtposition.

Diese Machtposition in Bezug auf die Definition des Verhaltens bleibt auch nach der Prüfungssituation selbst noch weiterhin aufrecht. Wer z.B. Lebens- und Sozialberater werden möchte, bewegt sich (solange er als solcher auftritt) innerhalb gewisser Verhaltensgrenzen, die bestimmte Menschen für ihn definiert haben. Dies kann auch durchaus Sinn machen, wenn die Person an der Spitze der Hierarchie, die dadurch entsteht, sehr fähig ist. Was aber, wenn die Spitze jener Hierarchie gewissermaßen „am Stinken“ ist, oder – wie im beschriebenen Beispiel mit der Community – möglicherweise soziale Prozesse zu einer Machtkonzentration führen, der schwer entgegnet werden kann?

Steve Jobs soll mal gesagt haben, dass A-Menschen gerne B-Menschen um sich scharen, B-Menschen gerne C-Menschen usw., also Menschen, die ihnen nicht gefährlich werden können. Wirklich fähige Menschen jedoch umgeben sich laut ihm (und ich stimme ihm da zu) mit Menschen, die (zumindest in den Teilbereichen, um die es geht) besser sind als sie selbst. In einer Organisation, deren „Kopf“ sich lieber mit Menschen umgibt, die einem nicht gefährlich werden können: können die fähigeren Kandidaten überhaupt über die dafür vorgesehenen Prozesse („Prüfungen“ in vielerlei Sinne) an die Spitze gelangen, ohne (weil sie sich den Erwartungen der jeweils Übergeordneten anpassen müssen, um aufzusteigen) ihre Fähigkeiten im Laufe des Prozesses einzubüßen?

Ich habe mich immer wieder gefragt, warum ich in einigen Schulen gerade dann solche Schwierigkeiten mit Vorgesetzten bekommen hatte, wenn das, was ich tat, nachweislich funktionierte. In meiner Naivität hatte ich angenommen, andere würden sich darüber freuen, und wir könnten alle voneinander lernen und gemeinsam die beste Schule für das Lernen entwickeln. Im Grunde jedoch hatte ich damit in den Schulen etwas Ähnliches getan wie in besagter Community: ich hatte – ohne es zu realisieren – eine grundlegende Machtstruktur damit in Frage gestellt, indem ich dem Lernenden zutraute, seinen Lernprozess weitgehend selbst zu lenken. Und als dieser Zugang auch noch nachweislich funktionierte, wurde ich wohl damit zu einer realen Bedrohung.

All das hatte im Nachhinein betrachtet durchaus seinen Sinn. Ich bin wohl ebenso wenig dafür geschaffen, als kleines Zahnrad im Schulsystem aufzugehen, wie ich mich wider besseres Wissen dem entstehenden Dogma einer Online-Community unterordne.

…und die Alternative?

Nachdem ich die letzten Tage neben einigen intensiven Gesprächen mit Freunden über das Thema auch wieder mal sehr viel mit der Beschäftigung mit Geschichte verbracht habe, stellt sich mir schon die Frage, ob es so etwas wie eine langfristig funktionierende Alternative gibt. Machiavelli schreibt ja z.B. sinngemäß, dass die Tugendhaften, gerade weil sie sich selbst beschränken, in einer Welt, in der andere sich dieser Beschränkung nicht unterwerfen, meistens den Kürzeren ziehen. Das ist wohl ein Stück weit gesunder Realismus. Gleichzeitig sehe ich immer wieder, dass dieses un-realistische Ding, das sich Glaube (an eine bessere Alternative) nennet, dann doch immer wieder echte Veränderungen herbeiführt.

Sind diejenigen, die davon sprechen, man müsse doch realistisch sein, zu bedauern, weil sie den Glauben an ein anderes Morgen (und damit das Potential) bereits aufgegeben haben? Oder vielmehr diejenigen, die ihrem „unrealistischen“ Glauben anhaften, und damit von den weniger naiven kontrolliert und ausgenutzt werden können?

Aus aktueller Erfahrung mit einigen Freunden und Bekannten sehe ich gerade die Anfänge einer vielleicht auch langfristig aufrechterhaltbaren Alternative der Zusammenarbeit und des voneinander Lernens, mit dem für mich sehr passenden vorläufigen Arbeitstitel „SpinnerNetz“: Menschen, die verrückt genug sind, an ein vertrauensvolles Miteinander zu glauben, „spinnen“ gemeinsam an einer – wenn alles klappt – auch langfristig tragbaren und damit auch wirtschaftlich nachhaltigen Alternative.

Die nächsten Monate werden zeigen, ob wir in Glauben und Umsetzung stark genug sind, das durchzuziehen.

Niklas

Der universelle Entwicklungs-Kreislauf (aktualisiert)

(Anmerkung: das hier beschriebene Modell basiert ursprünglich auf der Arbeit von Ralf Bolle, einem deutschen Psychotherapeuten, der weltweit die Arbeitsweise von Schamanen, Heiler, Psychotherapeuten etc. erforscht und verglichen hat, um schlussendlich ein universelles Grundmuster dieser Arbeitsweisen herauszudestillieren. Ich habe sein Grundmodell dann in verschiedensten Situationen selbst angewandt, und es aufgrund dieser Erfahrungen für meine Zwecke weiterentwickelt bzw. auch manche Bezeichnungen/Interpretationen angepasst.)

Das Modell – ein kurzer Überblick

Der universelle Entwicklungs-Kreislauf beschreibt 4 Phasen, die in einer jeden transformativen Entwicklung durchlaufen werden.

  1. Alltag: Alles ist wie immer. Mit der Zeit jedoch wird eine Art Unzufriedenheit spürbar, eine Art innerer Drang zur Veränderung.
  2. Loslassen: Die Person erlaubt, einen Teil von sich loszulassen, sterben zu lassen.
  3. Erkenntnis: Die Person erkennt eine ihre vorherige Alltagswelt transformierende neue Ordnung.
  4. Die Person versucht, die gewonnen Erkenntnisse in ihren Alltag zu integrieren, um einen neuen stabilen Alltag zu schaffen.

In der Mitte des Kreislaufes findet sich das Element des „Übergangs-Gegenüber“. Diese Rolle wird etwa vom Therapeuten, Schamanen, Heiler eingenommen, der der Person dabei behilflich ist, vertrauensvoll loszulassen, was im Sinne der Persönlichkeit einem (teilweisen) Sterben und Wiedergeborenwerden gleichkommt. Im ursprünglichen Modell wurde der Begriff „Übergangs-Persönlichkeit“ gewählt. „Gegenüber“ erscheint mir jedoch passender, weil ebenso die Vorstellung eines Gottes, oder auch ein Tagebuch als „Gegenüber“ möglich ist. Relevant erscheint also nicht so sehr die konkrete Ausformung dieses „Gegenübers“, sondern der Glaube der Person an die Beständigkeit des Gegenübers über den eigenen „Tod“ (= Loslassen eines Teiles der eigenen Persönlichkeit) hinaus.

Auch findet sich die Unterscheidung des Modells in eine Alltagswelt und eine Unterwelt, bzw. in Bewusstsein und Unterbewusstsein. Dies ist einerseits relevant, weil zahlreiche Mythen in allen Kulturen Geschichten über Reisen in die „Unterwelt“ erzählen, die grob diesem Modell folgen, was interessante Schlussfolgerungen zulässt. Andererseits beschreibt die Teilung auch sehr deutlich die Schlüsselfunktionen des Loslassens auf dem Weg zum Unterbewusstsein sowie der Re-Integration in den Alltag.

Keine „Abkürzungen“

Es gibt in diesem Prozess keine konstruktiven „Abkürzungen“. Dies ist insofern relevant, als dass dies ein sehr gutes Modell für die Erklärung von Suchtverhalten jeglicher Art bietet. Wer etwa bewusstseinsverändernde Drogen benutzt, um direkt aus dem Alltag in die Erkenntnis zu „springen“, hat den Loslassen-Schritt übersprungen. Dieser jedoch ist notwendig, um innerlich den „Platz“ zu schaffen, um die Erkenntnis re-integrieren zu können, weswegen der Kreislauf nicht vollendet wird, und die Person zurück in den Alltag „fällt“, ohne eine langfristig transformierende Entwicklung durchgemacht zu haben. „Erkenntnis“ steht hierbei auch immer für eine Art von Verbundenheit mit einer höheren Ordnung.

Ebenso erklärt uns dieses Modell, warum gute Vorsätze alleine selbst mit höchstem Einsatz einer Person auf Dauer scheitern. Wer nicht gleichzeitig bereit ist, sich den Ursachen seiner zu ändernden Verhaltensweisen zu stellen und diese „sterben“ zu lassen, wird früher oder später trotz größter Anstrengungen in seinen gewohnten Alltag zurückfallen, weil für eine neue Alltagsordnung schlicht noch kein „Platz“ geschaffen wurde.

Die Bedeutung des Glaubens für die Heilung

An dieser Stelle seien noch einige faszinierende Erkenntnisse und Hinweise erwähnt, die der Urheber des Modells bei seinem Vortrag erwähnte. Der Erfolg einer Behandlung hängt laut ihm in sehr hohem Maße vom Glauben des Patienten an die Behandlungsmethode ab. Eine zusätzlich relevante Einflussgröße ist der Glauben der dem Patienten nahestehenden Menschen an die Behandlungsmethode. Dieser Placebo-Effekt macht in manchen Studien, soweit ich mich an den Vortrag erinnere, knappe 60% des Behandlungserfolges aus – auch bei „normalen“ Krankheiten! Dies würde erklären, warum manche objektiv nicht nachvollziehbare Behandlungsmethoden (Esoterik etc.) trotzdem gute Ergebnisse erzielen können: die zu Behandelnden glauben daran, und dies könnte einer der relevantesten Aspekte sein.

Wenn wir das Modell akzeptieren, ermöglicht es uns, Krankheit völlig neu zu betrachten: nämlich als eine Form der Kommunikation unseres Körpers mit uns, dass wir uns (noch) weigern, einen Anteil unseres Alltags-Ichs „sterben“ zu lassen. Wenn dieser universelle Entwicklungskreislauf den natürlichen Verlauf beschreibt, dann ist unsere Weigerung, unsere an unseren Anhaftungen festzuhalten anstatt sie loszulassen wo nötig, eine Art innerer Widerstand, der gewissermaßen symbolisch Reibung bis zu Blockaden erzeugt -> wir laufen unrund, werden krank, womit uns unser Körper sagen will, dass er es nicht mehr lustig findet mittlerweile.

Diese Beschreibung mag medizinisch betrachtet ein wenig daneben sein, aber mir hilft sie erfahrungsgemäß, im Durchschnitt gesund zu bleiben. „Wieder gesund werden“ bedeutet damit nämlich keine Wiederherstellung des Vorherigen, sondern ein Vertrauen auf ein Neu-Werden nach dem Loslassen des Alten.

Die Bedeutung des universellen Entwicklungskreislaufes für das Lernen

Aus meiner eigenen Erfahrung als Lehrer habe ich festgestellt, dass dieses Modell und seine Lehren sich 1:1 auf das Lernen übertragen lassen, und spätestens hier wird es wirklich faszinierend. Denn auch beim Lernen erscheint der Glaube an das Übergangs-Gegenüber (z.B. den Lehrer) die Hauptrolle zu spielen, sowohl der Glaube des Lernenden selbst als auch der Glaube seiner engsten Bezugspersonen. Anders ausgedrückt: die Heil- wie die Lehrmethode hat oft weniger Auswirkung auf die Heilungs-/Lernchancen als der Glaube aneinander, der sich (auch, aber nicht nur) durch die Beziehung zueinander ausdrückt.

Nun entsteht jedoch aufgrund unserer wissenschaftlichen Methodik an sich eine Problematik: diese Art von Beziehung zueinander lässt sich mit der sonst so nützlichen wissenschaftlichen Methodik derzeit noch schlicht nicht abbilden (warum, werde ich in einem weiteren Artikel irgendwann in den nächsten Wochen hoffentlich konkret und nachvollziehbar nachweisen können). Wissenschaftlich betrachtet handelt es wohl sich um einen blinden Fleck – der paradoxerweise möglicherweise einen Großteil der tatsächlichen Wirkkräfte pädagogisch/medizinischen Handelns ausklammert.

Die Bedeutung des universellen Entwicklungskreislaufes für die Lebensgestaltung

Wenn wir das Konzept des universellen Entwicklungskreislaufes akzeptieren, so ergeben sich für mich einige auf den ersten Blick paradoxe Folgen für eine alltägliche Lebensgestaltung. Beispielsweise würde sich der Zusammenhang zwischen Zeit und der subjektiv erlebten Freude bei einem Menschen, der den Schritt des Loslassens „überspringen“ möchte, mathematisch in etwa so darstellen lassen:

Er wird versuchen, von seinem Alltagserleben durch Selbstmotivation oder Stimulation (Drogen, …) zu mehr Freude zu gelangen, aber seine Anstrengungen sind nicht dauerhafter Natur, bzw. fühlt er sich vielleicht sogar mit der Zeit unglücklicher, weil die langfristigen Folgen ihn zusätzlich bedrücken.

Ein Mensch, der dem Entwicklungskreislauf „willig“ folgt, wird hingegen einen Verfall seiner Freude empfinden, bis er eine Art absoluten Nullpunkt erreicht, an dem er einen Teil seines Selbst „sterben“ lässt, was ihm zu einer Erkenntnis und höchsten Glücksgefühlen verhilft. Mit der Zeit wird er sich wieder in einen relativ stabilen Alltags-Level an Freude einpendeln, bevor der Kreislauf wieder von vorn beginnt. Möglicherweise (aber nicht notwendigerweise) ist dieser neue Alltags-Level durch seine Erkenntnis höher angesiedelt als der vorherige. Das sieht dann ungefähr so aus:

Was für mich dabei besonders spannend erscheint, ist, dass Symptome einiger bei uns als eher negativ beschriebenen psychischen Ausprägungen wie der Depression in vielen spirituellen Traditionen sehr ähnlich unter einem anderen Namen beschrieben werden. Nur ein Beispiel von vielen: Die „Dunkle Nacht der Seele“, die dem Zustand kurz vor dem Loslassen in unserem Modell sehr nahe kommt.

Wenn nun also einem depressiv verstimmten Menschen Medikamente gegeben werden, um seine Stimmung aufzuhellen, berauben wir ihn damit möglicherweise seiner spirituelle Entwicklung, weil wir ihm nicht erlauben, den Nullpunkt – das Loslassen – zu erreichen? Wenn das Modell stimmt, bräuchte unser depressiv Verstimmter dann womöglich nur jemanden, dem er absolut vertraut, und der diesen Nullpunkt mit ihm aushält. Ich habe von einigen interessanten Studien gehört, nach denen z.B. Schizophrenie in manchen Kulturen als Zeichen eines zukünftigen Schamanen/Heilers betrachtet wird, der daraufhin von anderen, erfahrenden Schamanen/Heiler ausgebildet wird…

Die Bedeutung des universellen Entwicklungskreislaufes für den Tod

Dieser Artikel wäre nicht vollständig, ohne das für mich Offensichtliche nicht zumindest zu erwähnen: die Überschneidungen mit den Reinkarnations-Konzepten einiger östlicher Traditionen sind für mich doch sehr offenkundig. Ein möglicher Schluss daraus könnte sein, dass wir die Reinkarnations-Lehren dieser Traditionen bisher fälschlicherweise als mehrere Leben, wie wir sie kennen, verstanden haben, obwohl doch eher „mehrere Leben“ im Sinne der Persönlichkeitsentwicklung innerhalb eines einzigen Menschenlebens gemeint waren.

Ein anderer ist es, dass das Konzept vom „Sterben“, wie wir es kennen, möglicherweise auch kein anderer Vorgang ist als ein weiterer Schritt in einem „universellen Entwicklungskreislauf“, bei dem wir eben dann nicht mehr in unserem bisherigen Körper mit einer weiterentwickelten Persönlichkeit wiedergeboren werden, sondern in anderer Form (oder auch gar nicht). Möglicherweise ist eine „Erkenntnis“ nichts Anderes als ein Sich-Verbinden nicht nur mit dem eigenen Unterbewusstsein, sondern in eine Art Mehr- oder sogar All-Bewusstsein (es gibt einige Hinweise darauf). Und irgendwann ist es einigen von uns vielleicht einfach zu blöd, danach noch eine Re-Integration in einen neuen (physischen) Alltag anzustreben (wie es ja im Hinduismus angestrebt wird soweit ich das verstanden habe).

Natürlich können dies am Ende (oder besser ausgedrückt: bis zum Ende) nur Spekulationen bleiben. Trotzdem ist für mich auffällig, dass dieses Modell sowohl in der Heilung, im Lernen, in den meisten Mythen (siehe auch „Der Heros in Tausend Gestalten“) wie auch den meisten religiösen Traditionen wiederzufinden ist.

Seit ich vor einigen Jahre erstmals in einer Vorlesung des erwähnten Therapeuten Ralf Bolle von diesem Modell gehört und darüber geschrieben habe, haben mir unzählige Menschen, denen ich davon erzählt habe, unabhängig voneinander erzählt, wie wertvoll es auch in ihrem Leben bereits gewesen ist. Deswegen war es mir wichtig, nun noch einmal eine aktualisierte Zusammenfassung zu verfassen.

Niklas

Was einem angemessenen Preis im Wege steht

Warum verdienen manche Menschen mehr als andere? Und wie könnte man zu einem dieser Menschen werden? Oder anders gefragt: was steht uns dabei im Weg?

Gestern Abend war ich auf einer Veranstaltung in Linz, wo es um innere Einstellungen zu Geld und Einkommen ging. Während ich der Vortragenden lauschte, schrieb ich mit – was sie sagte, und was mir selbst dazu einfällt, weil ich oft am besten nachdenken kann wenn „im Hintergrund“ jemand spricht. Dabei ist mir ein alter Gedanke wieder eingefallen, über den ich – meiner Erinnerung nach – noch nie hier geschrieben habe, obwohl ich es mir schon oft vorgenommen habe: die problematische Art und Weise, wie der Großteil von uns ihren eigenen wirtschaftlichen Wert für andere einschätzt und bemisst.

Gehalt = Schmerzensgeld

Die meisten Menschen in einem Anstellungs-Verhältnis werden nach Stunden bezahlt, nach dem Muster „Ich arbeite 30h/Woche für dich“. Dafür bekommen sie vom Arbeitgeber eine „Entschädigung“, die – wie das Wort bereits enthält – den „Schaden“ für den Arbeitnehmer aus dieser Beziehung kompensieren soll. Der Arbeitnehmer tut also etwas, was er ansonsten nicht (gerne) machen würde, und erhält dafür als Gegenleistung einen Geldwert. In diesem Denkmodell basiert die Summe, die der Arbeitnehmer erhält, auf den Unannehmlichkeiten, das der Arbeitnehmer durch die Zusammenarbeit erleidet, und stellt damit gewissermaßen ein „Schmerzensgeld“ dar. Je unangenehmer, desto mehr Schmerzensgeld steht dem Arbeitnehmer zu (40h derselben Arbeit bringen mehr als 20h dieser Arbeit).

Was passiert aber nun, wenn der Arbeitnehmer – wie es in meinem Fall passiert – sich entscheidet, sich selbstständig zu machen, mit einer Tätigkeit, die ihm selbst auch tatsächlich Freude bereitet? Es wird ihm möglicherweise schwer fallen, einen angemessenen Preis für seine Leistungen zu verlangen, weil er die Tätigkeit ja gerne verrichtet. Er hat keinen Schmerz, der als Schmerzensgeld zu entlohnen wäre – warum soll ihn also jemand dafür bezahlen, wenn er die Tätigkeit ohnehin liebt?

Wert = Nutzen

Das Problem im Ansatz Gehalt=Schmerzensgeld ist, dass sich das Geld das man als Gegenleistung bekommt am eigenen Schmerz orientiert. Fragt man sich stattdessen, welchen Nutzen die eigene Tätigkeit für jemand anderen haben kann, so verliert die Frage ob es für einen selbst anstrengend ist oder eine Freude an Bedeutung.

Wenn ich mir einen neuen Laptop kaufe, ist mir der Nutzen wichtig, den ich von dem neuen Laptop habe, nicht ob der Verkäufer im Verkaufsprozess gelitten hat oder es ihm eine Freude war. Aus einer empathischeren Perspektive würde ich es natürlich bevorzugen, wenn es auch dem anderen gut geht (siehe Bio-Zertifikate etc.), aber dies ändert an sich nicht viel am Nutzen, den ich durch den Laptop-Kauf für mich selbst habe.

Wertunterschied = Passgenauigkeit des Nutzens

Die Vortragende gestern warb für ein Programm über 6 Monate, das 7200€ kosten sollte, das sind 1200/Monat und Nutzer. Ohne mit der Wimper zu zucken, als wären dies völlig normale Beträge. Und tatsächlich gehe ich davon aus, dass es Menschen im Publikum geben wird, die das Programm in Anspruch nehmen werden, wenn sie vom Nutzen für sie selbst überzeugt worden sind. Dass der Aufwand für die Vortragende dabei (nach ihren Ausführungen) vernachlässigbar ist, zeigte für mich relativ klar auf, wie viel sinnvoller der Fokus auf den Nutzen für den Anderen ist als der Fokus auf die Ent-Schädigung des eigenen Einsatzes.

Eine im Vortrag gestellte Frage fand ich auch interessant: warum verdienen manche Menschen mehr als andere, obwohl sie nicht offensichtlich intelligenter oder fähiger sind als ich? Die Antwort wurde nicht verbal gegeben, aber durch das Tun der Vortragenden war eine mögliche sichtbar geworden: weil sie den Mut haben, einen Wert für ihr Angebot festzusetzen, der über dem der anderen liegt. Der Wert des eigenen Angebots wäre damit gewissermaßen frei wählbar.

Wer hat den Mut dazu, diese Freiheit auch praktisch zu nutzen?

Niklas

Wissenschaft und subjektive Erfahrung

Ist alles, was sich wissenschaftlich nicht belegen lässt, naturgemäß schlicht falsch? Oder schließt die wissenschaftliche Methode durch ihre Methodik selbst bereits gewisse ansonsten mögliche Erkenntnisse aus? Und wenn ja, wie könnte es möglich sein, diese Erkenntnisse mit jener einer objektiven Wissenschaft in Symbiose zu bringen, ohne die Wissenschaft als Disziplin zu verwässern?

In letzter Zeit beschäftigt mich eine Frage sehr stark, die an einer der Grundfesten unseres gesellschaftlichen Konsens rüttelt: der wissenschaftlichen Methode. Diese Methodik hat uns als Menschheit zu großartigen Erkenntnissen verholfen, und mein Anliegen ist es keineswegs, sie an sich zu diskreditieren oder für unzulässig zu erklären. Und doch sehe ich in einem bestimmten Zusammenhang eine mögliche Schwäche der Methodik, über die ich gerne diskutieren möchte.

(Ich möchte an dieser Stelle anmerken, dass ich gewissermaßen ein wissenschaftlicher Laie bin. Falls die hier aufgeworfenen Problematiken ohnehin schon längst aufgelöst wurden, freue ich mich über Hinweise zu den jeweiligen Werken.)

Das Problem Mensch im System

Es sind vor allem zwei Prinzipien der wissenschaftlichen Methodik, die in bestimmten Zusammenhängen vor allem in den Sozialwissenschaften zu problematischen Folgeerscheinungen führen könnten: Objektivität und Überprüfbarkeit, also die Voraussetzung, dass ein Phänomen oder eine vermutete Ursache nur dann als „wissenschaftlich“ akzeptiert wird, wenn es von verschiedenen Personen unabhängig voneinander reproduzierbar ist. Oder anders ausgedrückt: die Unabhängigkeit von der handelnden Person muss gegeben sein.

Das Werk „Influence“ von Robert Cialdini z.B. hat versucht, einige unabhängig von der handelnden Person nutzbare Beeinflussungs-Möglichkeiten aufzuzeigen. Nur: viele Menschen nehmen die Nutzung dieser wissenschaftlich abgesicherten und funktionierenden Methoden als Manipulation und damit als etwas Negatives wahr, wenn sie ihnen ausgesetzt werden. Der Grund dafür könnte gerade darin liegen, dass diese Methoden und Prinzipien unabhängig davon wirken, ob der Handelnde das Interesse des Anderen im Sinn hat. Es „funktioniert“ einfach (in den meisten Fällen), diese Methoden zu verwenden, und es ist nicht unbedingt notwendig, sich individuell mit den „Zielen“ dieser Methoden der Beeinflussung zu beschäftigen, also den Menschen.

Dann jedoch gibt es auch Zugänge, die sich mehr auf das stützen, was ich für mich „stimmigen Kontakt“ getauft habe, nämlich ein Erspüren der Bedürfnisse des jeweils anderen, und ein Ableiten der jeweils stimmigen Handlungen daraus. Wer sich in diesen stimmigen Kontakt wagt, wird selbst essentieller Teil des Erspürens der im Moment notwendigen Handlungen. Und damit wird das konkrete Tun, das sich aus diesem stimmigen Kontakt ableitet, je nachdem welche Menschen und in welcher Situation diese darin zusammenkommen, ein anderes sein. Was in stimmigem Kontakt passiert, ist daher nur schwer reproduzierbar oder objektivierbar, ist gewissermaßen in seiner Definition bereits einzigartig (wenn auch möglicherweise anderem ähnlich).

Man könnte nun versuchen, Menschen in Untergruppen einzuteilen, etwa zu vermuten, dass hochsensible Menschen leichter in stimmigen Kontakt mit anderen treten können, und zu versuchen, stimmigen Kontakt als „Methode“ in ihrer Wirksamkeit zu messen. Aber ich sehe da ein ähnliches Problem wie mit der „Individualisierung“ des Unterrichts: es ist ja ganz nett, eine Schulklasse in mehrere Untergruppen einzuteilen um diesen Untergruppen jeweils besser entsprechen zu können, aber warum dann nicht gleich den mutigeren Schritt wagen und sich frage, wie Lernen von Individuen in Gemeinschaft am sinnvollsten organisiert werden könnte, basierend auf den Bedürfnissen genau dieser Individuen? Wenn stimmiger Kontakt keine Methode im ursprünglichen Sinn darstellt, warum dann überhaupt versuchen, sie als solche zu verifizieren? Warum nicht versuchen, stattdessen ein Bewertungssystem zu entwickeln, das diesem Zugang auch tatsächlich entsprechen kann?

Das Dilemma subjektiver Realität

Eine Problematik, die ich sehe, ist eine Art Unterscheidung zwischen „wissenschaftlich erwiesen“ als objektive Realität und „nicht wissenschaftlich erwiesen“ als gewissermaßen „eingebildete“ Realität. Ich mag Geschichte sehr gerne, unter anderem deswegen, weil man dabei lernen kann, dass zu jeder Zeit Menschen sich gewundert haben, wie die Menschen vor ihnen bestimmten Erklärungen glauben konnten, die – nach aktuellem Wissensstand – dann doch sehr unlogisch klingen. Es ist für mich daher vorhersehbar, dass die Menschen in 100 Jahren über uns ähnlich denken, und wir uns über vieles, was wir heute glauben sicher zu wissen, im Nachhinein betrachtet geirrt haben werden.

Welche Wahl hat nun heute ein Mensch, der in seiner Wahrnehmung und Erfahrung etwas erlebt, das er sich wissenschaftlich (noch) nicht schlüssig erklären kann? Er wird diese Wahrnehmung/Erfahrung entweder a) für sich unterdrücken, b) er wird sich selbst ein subjektives Erklärungsmodell entwerfen, oder – wohl häufiger – c) sich ein alternatives Erklärungsmodell aus anderen Quellen suchen, das bereits von mehreren anderen vertreten wird, und dadurch eine gewisse „Objektivität“ bekommt.

Diese Spannung zwischen subjektivem Erleben und „objektiv akzeptierter“ (=wissenschaftlicher) Realität kann so groß werden, dass sie jemandem zu einem willkommenen Opfer für manipulative Gruppierungen, Sekten, Ideologien etc. macht, oder Menschen gar zu anderen verzweifelten Handlungen führt.

Verschenken wir damit nicht per Definition Potentiale?

Die Frage, die sich mir zusätzlich gerade auch in Bezug auf die Pädagogik und Führung von Mitarbeitern stellt, ist jene, ob wir nicht auch sehr viel Potential verschenken, indem wir uns darauf einigen, dass wir wissenschaftlich und damit reproduzierbar geeignetsten Methoden unabhängig vom Ausführenden für die wertvollsten erklären. Das Ergebnis davon kann ja damit im Grunde nur eine sehr durchschnittliche Qualität haben, wenn die Methode von einem jeden erfolgreich eingesetzt werden können muss. Was würde passieren, wenn wir stattdessen Menschen in ihrem Miteinander zutrauen, so zu handeln, wie sie es nach bestem Wissen und Gewissen für am sinnvollsten für alle Beteiligten in der jeweiligen Situation halten?

Sich auf „objektiv sinnvolle“ und wissenschaftlich abgesicherte Methoden zu verlassen, entbindet gewissermaßen auch von der persönlichen Verantwortung. Solange ich das tue, was laut Wissenschaft das Beste ist, ist im Falle des Scheiterns die Wissenschaft schuld, nicht ich. Sobald ich stattdessen davon abweiche und so handle, wie es sich subjektiv richtig anfühlt, bin ich selbst verantwortlich für die Konsequenzen meines Handelns.

Die spannende Frage, die sich für mich daraus ergibt, ist jene: wie kann eine objektive Wissenschaft, die für mich durchaus ihre Berechtigung hat, in einer sinnvollen Symbiose mit subjektiven Zugängen existieren, ohne notwendigerweise Tür und Tor für problematische Ideologien zu öffnen?

Eine subjektive Ergänzung zur objektiven Wissenschaftlichkeit

Die einfachste Antwort, die mir darauf einfällt, ist die, diese subjektiven Zugänge als solche anzuerkennen und einzuschränken. Eine objektive Wissenschaft stellt den Anspruch, eine für alle nachvollziehbare Realität abzubilden. Eine subjektive Komplementär-Perspektive darf dann für sich nur beanspruchen, subjektiv, für mich richtig zu sein. Sie darf nie in den Trugschluss verfallen, dass diese subjektive Wirklichkeit zwingend auch für andere gilt, sonst driftet sie rasch zur Ideologie ab. Ein zweites Kriterium für diesen zusätzlichen subjektiven Zugang ist jener der Selbstverantwortung für die Konsequenzen dieser Abweichung von der gemeinsamen objektivierbaren Lehr-Meinung.

In den letzten Jahren wurde beispielsweise viel über Hochsensibilität geschrieben, und ich bin dankbar dafür, weil es mir einen gewissen Erklärungsrahmen für meine subjektiven Erfahrungen der letzten Jahrzehnte geschenkt hat. Ich habe aber auch bereits viele Menschen getroffen, die sich selbst als hochsensibel bezeichnen, und in ihrem Verhalten nicht wirklich sehr in Kontakt mit anderen wirkten – da liegt die Vermutung nahe, dass diese Menschen noch keine passendere Erklärung für ihre subjektiven Erfahrungen gefunden haben, und dann eben fürs erste das Thema Hochsensibilität für sich „nutzen“, um ihre subjektiven Erfahrungen in einen objektiveren Rahmen einzuordnen. Möglicherweise hilft die Identifizierung mit einem solchen Phänomen auch dabei, sich nicht mehr so „subjektiviert“, also auf sich selbst zurückgeworfen zu fühlen.

Ich kann mir ja anhand meiner eigenen subjektiven Erfahrungen gut vorstellen, dass „Hochsensibilität“ im Grunde eine Art Umschreibung ist für einen oder mehrere zusätzliche Sinne, die wir – weil sie wissenschaftlich schwer nachzuweisen sind – als gesellschaftlichen Konsens für nicht-existent erklärt haben. Wie bei anderen Sinnen auch gibt es wohl eine bestimmte Veranlagung für verschiedene Ausprägungen (nicht jeder hat z.B. ein absolutes Gehör), und auch die Handhabung dieser Sinne muss mit der Zeit eingeübt werden. Da in unserer gesellschaftlich akzeptierten objektiven Realität diese „zusätzlichen“ Sinne offiziell schlicht nicht existieren, ist es für die meisten schwierig, Vorbilder zu finden, weswegen die Ausprägung dieser Fähigkeiten bei vielen nur rudimentär bleibt, und so oft missverstanden wird.

Auch die zahlreichen Geschichten über Engelerscheinungen und die jeweiligen Varianten in anders geprägten Kulturen erscheinen mir vom Grundprinzip sehr ähnlich dessen, was ich als Phänomen immer wieder selbst erlebt habe: manchmal einfach etwas zu „wissen“ oder zu spüren, was die Wahrheit ist, selbst wenn dies in einer objektiv (d.h. für jeden Menschen) nachvollziehbaren Realität für mich nicht logisch erklärbar ist, wie so etwas möglich sein sollte.

Nur habe ich mich wohl zu lange und intensiv mit diesen Themen beschäftigt, um mich nicht mit „fertigen“ äußeren Erklärungsmodellen zufrieden zu geben, und genug positive Erfahrungen damit gemacht, im Zweifelsfall auf dieses „Bauchgefühl“ zu vertrauen, auch wenn ich nicht begründen kann warum. Dies bedeutet nicht, dass dieser Zugang für andere notwendigerweise ebenso stimmig sein muss, noch dass ich mich damit der persönlichen Verantwortung für die Konsequenzen meiner so getroffenen Entscheidungen losspreche (man könnte es ja auch – je nach gewählter Erklärungs-Ideologie – als „Aufträge von Engeln“ interpretieren), und damit kann mein subjektives Erleben relativ konfliktlos mit dem sonstigen objektiv-wissenschaftlichen Erklärungsgebäude der Wissenschaft sowie subjektiven Interpretationsversuchen anderer ko-existieren.

Ein Versuch einer Kategorisierung subjektiver Realität

Tatsächlich sind diese zwei Kriterien für mich mittlerweile auch eine Art „Güte-Siegel“ geworden, wenn ich mit anderen über ihre subjektiven Erlebnisse und Erfahrungen spreche, die sich der objektiv und wissenschaftlich überprüfbaren Realität entziehen mögen:

  • Handelt dieser Mensch in persönlicher Verantwortung der Konsequenzen seiner Handlungen, oder beschuldigt er andere Menschen, Gruppen, Mächte für sein Erleben?
  • Ist der Mensch zufrieden damit, für sich eine subjektiv sinnvolle Erklärung gefunden zu haben, oder zeigt sich stattdessen eine Art missionarischen Überzeugungseifers?

Mit Hilfe dieser (oder einer weiter verbesserten) Kategorisierung subjektiven Empfindens ist es hoffentlich möglich, wissenschaftlich (noch) nicht erklärbare Erfahrungen subjektiv abzubilden, ohne notwendigerweise in schein-objektivierte Glaubens-Systeme abdriften zu müssen.

Niklas

Erwartungen: Der Filter, der unser Erleben einfärbt

Welchen Einfluss hat unsere subjektive Erwartung davon was passieren wird auf das tatsächliche Geschehen? Eröffnet sie uns Möglichkeits-Räume, die uns durch die Beschränkung auf eine objektive Wissenschaft verschlossen bleiben würden?

Vor etwa 10 Jahren durchlief ich eine Phase, in der ich mit so ziemlich jedem der mir begegnete ein Gespräch begann, egal ob Mann oder Frau, ob Kind, Erwachsener oder älterer Mensch. Fast alle dieser Gespräche waren interessant für beide Seiten. Nur selten entwickelten sich daraus mehr als lose Kontakte im Moment, aber doch trennte man sich mit einem warmen Gefühl der gegenseitigen Bereicherung.

Nun hatte sich diese Angewohnheit über die letzten Jahre ein wenig gelegt, bis zu dem Punkt, an dem ich kaum mehr mit Fremden sprach. Mir war (von Menschen, die daran gewöhnt waren) erklärt worden, dass es unter Erwachsenen höflicher und damit erwünschter sei, erst einen Termin zu vereinbaren. Als ob diese gewissermaßen „gedankenlose“ Phase eine Ausgeburt meiner Jugend sei, ein naiver Zugang zur Welt, der nur aufgrund meiner damaligen Jugend geduldet worden war. Nun, als bald 30-jähriger, waren andere Methoden der Kontaktaufnahme angebracht.

All die Mühen, diese „Angebrachtheit“ des Kontaktes zu erreichen, führten im Grunde jedoch nur dazu, dass sich die Häufigkeit und die Qualität des Kontaktes zu meinen Mitmenschen spürbar verringerten. Je mehr Planungsaufwand ein gewünschtes Treffen mit sich brachte, desto seltener wurde dieser Planungsaufwand von einem tatsächlichen Treffen gekrönt. Traditionelle Formen des Kontaktes waren da effizienter und kamen öfter zustande (etwa der 2-monatliche Spiele-Abend mit einem bestimmten Freundeskreis), aber auch hier nahm die Qualität des Kontaktes spürbar ab, obwohl die Liebe zu den Menschen an sich noch genauso stark war wie ursprünglich.

War ich einfach älter geworden? War das der normale Lauf der Dinge?

Ist die Welt, wie die Welt eben ist?

Irgendwann stolperte ich dann zufällig über ein Konzept, das davon ausgeht, die Welt würde sich nach den Erwartungen richten, die man an die Welt kommuniziere. Das brachte mich dazu, meine Erfahrungen vor 10 Jahren testweise damit zu interpretieren, denn tatsächlich hatte ich mich damals selbst davon überzeugt, dass ein jeder Mensch, den ich treffen würde, interessante Begegnungen mit sich bringen würde – und wurde nur selten in meiner Erwartung enttäuscht.

Was mir an dem Konzept trotzdem ein wenig fraglich vorkommt, ist die Idee, dass die Welt sich nach meinen Wünschen richten soll. Das würde demnach ja auch bedeuten, dass die Welt sich nach den Wünschen von potentiell Milliarden Menschen zu richten hat, was einige Folgefragen nach sich zieht, die für mich schwer zu beantworten sind, etwa: würde das nicht bedeuten, dass wir im Grunde alle ziemlich alleine in unserer derart subjektiven Welt leben?

Was aber, wenn unsere Erwartungen nicht die Welt, sondern unsere Wahrnehmung der Welt beeinflussen? Viele Menschen kennen vermutlich das Phänomen, dass wir etwas, das uns gerade beschäftigt, plötzlich überall wahrnehmen. Wenn wir als Hypothese davon ausgehen, dass unsere bewusste Wahrnehmung eine Art Filter darstellt, der aus der Masse an unbewusster Wahrnehmung das herausfiltert, was für uns am relevantesten ist, dann macht es durchaus Sinn, dass wir je nachdem, wie wir diesen Filter „einstellen“, andere Aspekte unserer Umwelt wahrnehmen.

Wenn ich also meinen „Filter“ darauf eingestellt habe, in allen Menschen Interessantes zu vermuten, erhöhe ich damit meine Chance, es auch zu finden. Objektiv existent ist es womöglich unabhängig davon, ob ich danach suche, aber wenn mein Filter es „ausfiltert“, ist es für mich selbst nicht wahrnehmbar – und damit subjektiv nicht existent, bis ich meinen Filter entsprechend umstelle.

Was, wenn die Hypothese stimmt?

Wenn diese Hypothese stimmt, hat sie dramatische Auswirkungen. Offenbar existieren in der Medizin Studien, die darauf hinweisen, dass je nach Krankheitsbild über 60% der Heilungschancen von den Erwartungen des Patienten abhängen, also auch von der Fähigkeit des behandelnden Arztes, ihn zu überzeugen an die Behandlungsmethode zu glauben (auch bekannt unter “Placebo-Effekt”). Auch in der Pädagogik gibt es entsprechende Studien, die drastische Auswirkungen des Glaubens des Lehrers an seine Schüler belegen. An einer 4. Klasse Volksschule, die ich vor Jahren in Deutsch übernommen habe, bin ich davon ausgegangen, dass alle Schüler Bestleistungen erzielen können – und wurde nicht enttäuscht, obwohl die Leistungen bevor ich die Klasse übernahm durchaus sehr unterschiedlich waren.

Wie die meisten meiner Freunde wissen, verfolge ich gerade mein Ziel, mich selbstständig zu machen. Ein Aspekt dabei ist bekanntlich die Generierung von Einkommen. In den letzten Wochen haben sich plötzlich Möglichkeiten und Kontakte aufgetan, von denen ich nicht zu träumen gewagt hätte. Diese waren vermutlich immer schon „da“ im objektiven Sinne, aber erst durch meine Entscheidung zur Selbstständigkeit wurde mein „Filter“ der Aufmerksamkeit so eingestellt, dass ich sie tatsächlich wahrnehmen und entsprechend agieren konnte.

So habe ich mich gefragt, wie ich wohl einen größeren Bekanntheitsgrad erreichen könnte – und ein paar Tage später fragte mich ein Bekannter, ob er mich irgendwann mal für einen lokalen TV-Sender interviewen dürfte. Ich habe mir gedacht, ich würde gerne Vorträge halten, und irgendwann auch dafür Geld verdienen. Kurz darauf vermittelte mir eine Freundin den Kontakt zu einer Location, in der ich bald einen Vortrag halten kann. Irgendwann kam mir der Gedanke es wäre interessant mit anderen zusammenzuarbeiten, die in anderen Disziplinen (Führung von Erwachsenen z.B.) zu ähnlichen Schlüssen gekommen sind wie ich – ein paar Tage später traf ich genau diese Menschen, und wir sind nun ein Stück weit am Herausfinden, wie diese Zusammenarbeit am Konstruktivsten stattfinden könnte.

Keine dieser Möglichkeiten offenbarte sich exakt in einer Form, die ich hätte planen können, und setzte jeweils ein wenig Flexibilität meinerseits voraus, sie als solche zu erkennen. Trotzdem wirken diese Erlebnisse verdächtig konsistent, als wäre tatsächlich ein Muster dahinter: glauben, vertrauen, sich bereit machen/“den Filter einstellen“ für die Antwort.

Entzieht sich „Glaube“ der wissenschaftlichen Methode?

Die die Wissenschaftliche Methode ein Stück weit eine  skeptische Einstellung des Forschenden zu Aussagen und vor allem eine gewisse objektive Reproduzierbarkeit voraussetzt, stellt sich für mich die Frage, inwieweit positive Aspekte dieser Erwartungshaltungen (die ja stets – auch – subjektiv sind) tatsächlich nach einer klassischen wissenschaftlichen Methode nachweisbar wären.

Die interessante Fragestellung, die sich für mich nach zahlreichen Alltagsbeobachtungen daraufhin stellt, ist jene, wie es denn alternativ möglich wäre, tatsächlich wirksame Erwartungshaltungen von Angeboten von Hochstaplern zu unterscheiden, bzw. auch „unfreiwillige Hochstapler“, also Menschen, die tatsächlich selbst an die Ursache einer Wirkung glauben, aber falsch liegen, von jenen zu trennen, die richtig liegen?

Ich kann mir z.B. gut vorstellen (und es deckt sich auch mit den Erzählungen einiger  Bekannter die in dieser „Szene zuhause sind“), dass für denjenigen, der zu bestimmten Produkten wie Grander-Wasser die Erwartung hat dass sie funktionieren, diese Produkte auch tatsächlich funktionieren können. Die Ursache ist aber dabei nicht notwendigerweise das Produkt selbst, sondern möglicherweise die Erwartungshaltung an das Produkt.  Wenn nun ein Mensch z.B. von seinem Krebs geheilt wird, weil er daran glaubt, dass ein an sich objektiv nutzloses Produkt ihm Heilung verspricht –  ist es nun unethisch, ihm dieses Produkt glaubhaft ans Herz zu legen, oder ist es unethisch, es ihm zu verwehren, weil es objektiv betrachtet keinen wirklichen Nutzen hat?

Das sind schwierige Fragen, und ich bin froh, keines dieser Produkte vertreiben zu wollen – aber interessant finde ich sie trotzdem, weil sie eine mögliche Schwachstellen unserer sonst so sinnvollen wissenschaftliche Methodik aufzeigen könnten.

Das Problem der Mittelbarkeit               

In einem Gespräch mit einem guten Freund heute, der sich mit ähnlichen Fragen beschäftigt, brachte er mich auf den Gedanken, die Frage zu stellen, wer denn beurteilen könne, ob ein Produkt/ein Zugang nützlich sei. Unsere wissenschaftliche Methodik stellt ja den Anspruch der objektiven Nützlichkeit und Nachvollziehbarkeit, das heißt sie möchte die Welt auf eine Weise beschreiben, die für einen jeden nachvollziehbar ist. Sie versucht allgemeine, objektive Urteile zu treffen. Damit muss der Einzelne sich nicht mehr ständig selbst die Frage stellen, was für ihn gut und richtig ist, er erreicht eine gewisse Mittelbarkeit dadurch, dass er sich auf wissenschaftliche Erkenntnisse verlässt.

Wenn ich in meiner subjektiven Erfahrung feststelle, dass etwas für mich – also wieder subjektiv – einen Wert hat, stellt das noch kein Problem dar. Problematisch wird es erst, wenn ich aus dieser subjektiven Erfahrung schließe, dass es für andere in ihrer eigenen subjektiven Erfahrung auch gleich sein muss. Bewegen wir uns aus dem „sicheren Bereich“ der wissenschaftlichen Methode heraus, braucht es daher wohl stets die subjektive Überprüfung der Nützlichkeit: spürt es sich für mich richtig an?

Solange diese “Sicherheitsabfrage” gewährleistet ist und der Mensch, der sich in diese subjektiven, un-mittelbaren Erfahrungsräume wagt, die Verantwortung für die Konsequenzen seiner Entscheidungen selbst übernimmt, könnte es durchaus sinnvoll sein, mit der Macht der subjektiven Wahrnehmung zu experimentieren.

Wenn der Glaube allein nicht reicht: Vorstellungen und Systeme

Vor allem bei größeren Projekten wie meiner Selbstständigkeit kann es eine Weile dauern, bis sich vorzeigbare Ergebnisse einstellen, und Kommentare der gutmeinenden Anderen können da auch manchmal nicht hilfreich sein. Was mir dabei hilft sind vor allem zwei Vorstellungen und ein kleiner psychologischer Trick, die ich gerne mit euch teilen möchte:

Die erste Idee ist die Vorstellung vom Samenkorn, das die ersten Tage/Wochen noch unter der Erde auf seinen glorreichen Moment wartet. Das braucht obwohl es „noch nicht da ist“ regelmäßig Wasser und Pflege, damit es keimen und wachsen kann. Es braucht eine Vor-Investition, und Glauben an das spätere Keimen der Pflanze, weil wir sie sonst vielleicht nicht weiterpflegen und damit verhindern dass sie langfristig aufkeimen kann. Was wir erreichen wollen, verhält sich oft wie ein Samenkern, der eine Weile braucht, bis er reagiert

Eine zweite Vorstellung, die hilfreich ist für mich ist, ist die Vorstellung einer Kugel immenser Masse im Weltraum, die durch wiederholte kleine Kraftanstrengungen in Bewegung gebracht wird. Anfangs hat der Impuls von außen kaum sichtbare Auswirkungen, aber oft genug wiederholt summiert sich die Bewegungsgeschwindigkeit der großen Masse dann doch. Anmerkung: vielleicht ist die Physik dahinter völlig falsch, aber mir hilft das Bild so 😉

Aus psychologischen Studien wissen wir, dass Belohnungen sich irgendwann abnutzen, aber Belohnungen die subjektiv mehr oder weniger zufällig geschehen, nicht. Diesen Aspekt kann man sich zunutze machen, indem man regelmäßig Kontakt zu genügend potentiell hilfreichen Mitmenschen aufnimmt, die dann entweder gar nicht oder mit unterschiedlich langen Antwortzeiten darauf reagieren. Gestern Abend z.B. habe ich eine sehr freundliche Mail von einem recht hochrangigen OÖ Politiker bekommen, der mir auf eine Mail vor ein paar Tagen geantwortet hat – und mich total gefreut, weil ich nicht damit gerechnet hatte, dass er so freundlich zurückschreibt bzw. die Mail ihn überhaupt erreicht, da ich sie mangels Privat-Adresse über offizielle Kontakt-Kanäle schicken musste. Da eine Art unregelmäßiges „Schöne-Überraschungs-System“ an potentiell schönen Erlebnissen aufzubauen kann helfen, über schwierigere Zeiten hinwegzukommen.

Niklas

Die Hierarchie von Warum, Wie und Was

Vor einigen Monaten stieß ich zum ersten Mal über einen TEDxTalk auf einen Vortragenden namens Simon Sinek, der über ein sehr simples, aber doch geniales Konzept sprach. Mittlerweile finden sich im Internet zahlreiche Blog-Beiträge und Interpretationen darüber. Auch die bunterrichten-Plattform orientiert sich in ihrer Gestaltung an seinem „Goldenen Kreis“. Aber was meint er damit überhaupt? Und wie kann uns sein Goldener Kreis helfen, a) passendere Mitarbeiter für unser Team zu finden und b) mit den vorhandenen besser zusammenzuarbeiten?

Der „Goldene Kreis“

Die Idee ist einfach, aber sehr mächtig: Unsere Kommunikation lässt sich in drei Sinn-Stufen einteilen, und zwar danach, welche der drei Fragen Was, Wie oder Warum sie zu beantworten sucht.

Er beschreibt unsere Angewohnheit, in den meisten Fällen über das Was zu sprechen, bevor wir über das Wie (wenn überhaupt) endlich zum Warum kommen, und rät, die Reihenfolge umzudrehen: Zuerst das Warum zu klären, dann das Wie, dann erst das Was.

Vor allem relevant wird dieser Rat dort, wo das Gegenüber nur eine begrenzte Aufmerksamkeitsspanne zur Verfügung stellt, etwa wenn man jemanden neu kennenlernt, oder in der Werbung. Am Beispiel von dieser Web-Plattform:

Warum: Menschen helfen aufzublühen. Ich glaube daran, dass in jedem Menschen ein Samenkorn steckt, das – wenn die Umgebung mitspielt – aufblühen und dieser Umwelt große Freude bereiten kann.
Dem aufmerksamen Leser wird aufgefallen sein, dass dies im Header bzw. in den ersten 2-3 Sätzen auf der Startseite zu finden ist – die Chance ist damit groß, dem Erstbesucher in den ersten 5-10 Sekunden auf diese Information hinzuweisen.

Wie: Meine bisherige Erfahrung zeigt mir, dass es eine der effektivsten Methoden, dieses Samenkern zum Aufblühen zu bringen, ist, dem Menschen zu vermitteln, als der gesehen zu werden, der er ist. Dazu braucht es etwas, das ich für mich „stimmigen Kontakt“ getauft habe. Nun ist es für die meisten Menschen schwierig, mit mehr als ein paar wenigen Menschen gleichzeitig in stimmigem Kontakt zu bleiben. Deshalb halte ich es auch für wichtig, sich in indirektem stimmigen Kontakt zu üben, bei dem anhand der Reaktionen derer, mit denen man in direktem stimmigen Kontakt ist, auf andere geschlossen werden kann.
Ich helfe Menschen, in stimmigem Kontakt mit sich selbst und anderen zu kommen, damit sie in  ihrem jeweiligen sozialen Umfeld im Sinne aller Entscheidungen treffen und Abläufe entwerfen können.
Die Antwort auf das Wie ist auf der Startseite sowie auf der 2. Seite nach der Startseite zu finden.

Was: Ich treffe mich mit Menschen 1:1 und bin zusätzlich mittel- bis langfristig mit ihnen im laufenden schriftlichen Kontakt. Außerdem gibt es noch ein Archiv von Blog-Beiträgen zum Thema sowie eine kleine Community mit anderen Interessierten, die als Ressource zur Verfügung steht.

Würde ich jemanden neu kennenlernen und nur eine Minute Zeit haben ihm zu erklären worum es mir geht, was könnte er mit der Antwort auf die Was-Frage anfangen? Sie macht in Kombination mit dem Rest schon ihren Sinn, aber der Rest ist nach einem derart langweiligen Was schon gar nicht mehr interessant. Die Antwort auf Warum-Fragen kann jedoch Lust auf mehr machen.

Warum funktioniert das Warum?

Wenn wir annehmen, dass es sehr hilfreich sein kann, mit dem Warum zu starten, entsteht für mich eine interessante Folge-Frage: Warum funktioniert es eigentlich  so gut, mit dem Warum zu beginnen?

Die Antwort liegt meiner Ansicht nach darin, dass die Antworten auf diese Fragen einer impliziten Hierarchie unterliegen. Diese Hierarchie ermöglicht es, unterschiedliche Sichtweisen auf einer darunterliegenden Ebene über aus der übergeordneten Ebene abgeleitete Kriterien aufzulösen. Das klingt jetzt sehr kompliziert, deswegen ein Beispiel:

Ein neuer Lehrer kommt in ein bestehendes Kollegium. Frisch von der pädagogischen Hochschule gekommen, ist er motiviert, alles neu und besser zu machen, und eckt prompt an den bestehenden Strukturen an damit. „Wir machen das anders hier“, bekommt er zu hören, und rasch entsteht ein Konflikt über das Was des pädagogischen Tuns. Bleiben wir auf der Ebene des Was, so steht Meinung gegen Meinung. Begeben wir uns jedoch eine Ebene höher, auf das Wie, so finden wir vielleicht einen übergeordneten Zugang, auf den sich die Konfliktparteien einigen können. Wird dies vollbracht, so können die unterschiedlichen Zugänge zur Umsetzung des Wie durch vom übergeordneten Wie abgeleiteten Kriterien objektiver beurteilt werden.

Angenommen, der neue Kollege und das bestehende Kollegium einigen sich darauf, dass es wichtig ist, dass sich die Schüler als Individuum gesehen fühlen. Danach können sie gemeinsam beurteilen, ob ihre unterschiedlichen Ansätze, den  Unterricht zu gestalten, diesem Kriterium mehr oder weniger gut entsprechen. Möglicherweise wird dann etwa sichtbar, dass beide Ansätze, der alte wie der neue, dem Kriterium gut entsprechen und damit auch gut nebeneinander existieren können.

Zugehörigkeit durch ein gemeinsames Warum

Aus dem Handeln eines Menschen ist oft nicht klar ersichtlich, was seine Beweggründe für dieses Handeln sind. In der Folge bewerten wir sein Handeln basierend auf den Annahmen, die wir treffen. Wenn das Handeln des anderen unserem Warum zuwiderläuft (oder wir es annehmen), so wird die handelnde Person als nicht unserer Gruppe zugehörig empfunden, wird zum Gegenspieler.

Mit dieser Erkenntnis ausgestattet, müsste es doch eigentlich sehr einfach sein, stattdessen einfach mit dem Warum zu beginnen, und so eine gemeinsame Basis in einem Team herzustellen. Dies ist durchaus auch möglich, aber einfach ist es nicht. Der Grund dafür liegt für mich darin, dass nur wenigen Menschen klar ist, warum sie tun, was sie tun. Klingt unglaublich, aber dürfte nach meinen Beobachtungen durchaus der Realität entsprechen.

Ich selbst, der ich doch – soweit ich das beurteilen kann – vergleichsweise sehr viel Zeit damit verbringe nachzudenken, zu reflektieren, zu lesen, zu schreiben, kämpfe nun seit gut 1,5 Jahren mit dieser Fragestellung. Mittlerweile bin ich auch so halbwegs zufrieden mit meiner Antwort, vor allem weil sie – anders als vor 2-3 Monaten – nicht mehr mehrere A4-Seiten benötigt, um erklärt zu werden.

Warum bin ich Lehrer? Direktor? Warum bin ich Teamleiter? Warum habe ich dieses Unternehmen gegründet? Diesen Sozialverein? Wenn es mir gelingt, diese Frage für mich zu beantworten, so erleichtere ich es damit anderen herauszufinden ob sie sich mit dieser Antwort ebenso identifizieren können. Können sie es nicht und handelt es sich nicht nur um ein Missverständnis in Worten und Deutungen, so wird eine Zusammenarbeit auf Dauer kaum fruchtbar sein. Ist aber eine grundsätzliche Übereinstimmung im Warum gegeben, so können unterschiedliche Meinungen über das Wie oder ein weit unwichtigeres Was befruchtend für Innovationen sein.

Die meisten von uns nehmen an, dass die Antwort auf diese Fragen ohnehin so klar ist, dass sie es nicht wert ist, gestellt zu werden. Was dazu führt dass wir uns so häufig missverstehen, weil wir – unhinterfragt – annehmen, dass ein jeder von uns zu der gleichen Antwort kommen muss.  Damit beschränken wir jedoch auch implizit unsere Möglichkeiten des Miteinanders.

Lässt sich ein gemeinsames Warum auch herstellen?

Laut Simon Sinek ist das Gefühl, von Menschen mit ähnlichen Wertvorstellungen umgeben zu sein, essentiell für ein gegenseitiges Vertrauen und der Bereitschaft, auch Neues auszuprobieren – und seine Ausführungen machen meiner Ansicht nach auch durchaus Sinn.

Wirklich interessant ist jedoch die Kombination mit seinem Konzept vom Goldenen Kreis, weil es bedeuten würde, dass wir sehr oft von Menschen mit ähnlichen Wertvorstellungen umgeben sind, es aber nicht erkennen können, weil wir über das Was statt über das Warum sprechen. Beispielsweise gehe ich (optimistischerweise) davon aus, dass die meisten Menschen, die von Beruf Lehrer sind, sich mit meinem Warum, Menschen zu helfen aufzublühen, identifizieren können. Die wenigsten würden wohl von sich behaupten, sie wären Lehrer geworden, um zu verhindern, dass Menschen das Beste aus ihren Anlagen und Chancen machen. Aus ihren Handlungen (Was) alleine ist dies aber nicht immer eindeutig zu erkennen.

Eine Hierarchie-Ebene darunter,  beim Wie, werden viele Lehrer schon nicht mehr mit mir einig sein. Vielleicht noch damit, dass es Menschen gut tut, gesehen zu werden, aber dass dies einen stimmigen Kontakt voraussetzt, da wird es wohl schon problematischer. Weniger noch bei der Frage ob dies wünschenswert sei, sondern eher bei der Frage der praktischen Umsetzbarkeit: Das wäre schön und sinnvoll, aber wer soll das leisten?

Und spätestens beim Was lässt sich dann trefflich darüber streiten was denn nun die schlauesten Umsetzungen von all dem darstellt.

Und noch eine Ebene darüber

Das Konzept von Warum, Wie und Was als Hierarchie-Ebenen lässt sich in beide Richtungen weiterführen. So basiert etwa mein Warum, Menschen helfen aufzublühen, auf der stillschweigenden Annahme und meinem Weltbild (= Vorstellung, wie diese Welt funktioniert, noch ohne Wertung), dass in Menschen Potential angelegt ist, das mit Hilfe einer konstruktiven Umwelt inneres und äußeres Wachstum ermöglicht. Jemand anderer basiert sein Warum vielleicht auf dem Weltbild, dass der Mensch ein leeres Gefäß ist, das von außen „befüllt“ werden muss, und wird zu anderen Schlüssen kommen. Der Fantasie sind damit kaum Grenzen gesetzt, das Konzept weiterzuführen. Mit der Hierarchie von Warum, Wie und Was kann man jedoch schonmal viel erreichen.

Viel Freude damit!

Niklas

Sinn und Unsinn von Prüfungen

Warum machen Prüfungen Angst? Warum brauchen wir sie überhaupt? Und wie können wir Prüfungen so einsetzen, dass sie eine konstruktive Rolle spielen und die Selbstständigkeit und Weiterentwicklung der Lernenden unterstützen?

Prüfungen (in der Folge werden auch „Tests“ als Prüfungen bezeichnet) übernehmen in unserem Bildungssystem eine zentrale Funktion und sind aus ihm kaum wegzudenken. Sie lassen sich jedoch durchwegs auch anders denken – und eröffnen somit interessante Spielräume für pädagogische Innovationen.

Grundsätzlich lassen sich drei Grundfunktionen von Prüfungen unterscheiden:

  • Bewertung
  • Feedback
  • Selektion

Eine klassische Schularbeit etwa erfüllt in der Praxis nur die Funktionen der Bewertung und der Selektion. Der Schüler bekommt zwar durch die Beurteilung der Schularbeit auch Feedback zu seiner Leistung, meist hilft ihm dies jedoch nur wenig, weil es nur selten eine Chance zur Wiederholung gibt bzw. das Erstergebnis mit dem zweiten kombiniert wird.

Außerdem ist die Prüfung selbst im Regelfall nur ein Teil eines Benotungs-Systems, das für den Schüler zu unübersichtlich (wenn überhaupt zugänglich) ist, um einen direkten Zusammenhang zwischen Prüfung und ihrer Konsequenz herzustellen. Wohl wird er anhand der Prüfung selektiert, aber er ist passives Objekt der Selektion, das vom guten Willen des selektierenden Lehrers abhängig ist, auch weil ein großer Teil der Leistungsbeurteilung von der subjektiven Einschätzung des Lehrers abhängt (Motivation des Schülers etc.), die der Schüler – wenn überhaupt – nur indirekt beeinflussen kann.

In einer 4. Klasse Deutsch hatten einige Kinder Angst vor ihrer ersten Schularbeit – und kein Wunder! Ein einziger Tag, in einer neuen Situation (Prüfung), sollte maßgeblich über ihre Bewertung in 1 (sehr gut) bis 5 (nicht genügend) bestimmen. Ihre Leistung an diesem Tag stellte die Weichen, ob sie in Zukunft ins Gymnasium oder in die NMS gehen würden, und entschied damit über langfristige Zukunftsperspektiven mit.

Keine Angst mehr vor der Schularbeit

Darum drehte ich als ihr Lehrer die Angst vor der Prüfung einfach auf den Kopf: wir schrieben nun einfach ab der zweiten Schulwoche jeden Freitag eine Schularbeit. Schon vorher hatten die Kinder von mir ein Übersichtsblatt mit Beurteilungskriterien und erreichbaren Punkten bekommen, komplett mit einer Liste an objektiv nachvollziehbaren Abzugsmöglichkeiten.

All diese Schularbeiten wurden von mir im Sinne der Feedback-Funktion von Prüfungen bewertet als wären es „richtige“ Schularbeiten, so dass die Kinder die Chance hatten, durch Experimentieren herauszufinden, wie sie mehr Punkte erreichen konnten. So wurde etwa vor der ersten „richtigen“ Schularbeit, zu der eine Bildgeschichte kommen würde, jede Woche ebenso eine Bildgeschichte geschrieben.

Wenig überraschend hatte sich die gesamte Klasse nach 5 Wochen um im Durchschnitt einen Notengrad verbessert (abgesehen von denjenigen, die ohnehin von Anfang an 1er-Kandidaten waren), und die Angst vor der “echten” Schularbeit war auch bei den vormals „schlechten“ Schülern verflogen. Warum? Die wöchentliche Schularbeit in dieser Form hatte eine echte Feedback-Situation, die es ermöglichte, sich auf die bevorstehende „richtige“ Prüfungs-Situation vorzubereiten.

Keine Angst mehr vor dem Stoffdruck

Ein ähnliches Konzept verwendete ich, um den restlichen Jahresstoff zu vermitteln. Ich teilte ihn in kleinere und sinnvoll zusammengefügte Einheiten auf, für die jeweils etwa 4-6 Wochen Zeit war, und überlegte mir jeweils am Anfang bereits, wie ich die zu erwerbenden Fähigkeiten am Ende prüfen wollte.

Bevor ich anfing etwas zu vermitteln, ließ ich die Kinder die endgültige Prüfung versuchen. Anhand der Ergebnisse war es mir nun möglich, das vertieft zu vermitteln, was den Kindern noch an Fähigkeiten fehlte, und das auszulassen, was sie ohnehin schon beherrschten. Manche Kinder erreichten bereits 10/10 Punkte, bevor ich überhaupt angefangen hatte ihnen den Stoff zu vermitteln – diese wurden nun weitere relative Meister, die mit mir gemeinsam denjenigen halfen, die noch nicht die volle Punktzahl erreicht hatten.

Da ich die Prüfung (wie die Schularbeiten) von vornherein  als eine Art „Blaupause“ durchdefiniert hatte, war es ein Leichtes, aus dieser „Blaupause“ jeweils neue, gleich schwierige Prüfungen zu fertigen, wenn Schüler sich im Lernstoff sicher genug fühlten, um die Prüfung zum jeweiligen Lernblock erneut zu versuchen. Da es nur 1x/Woche nach Anmeldung die Möglichkeit gab, eine Lernblock-Prüfung zu wiederholen, war der Aufwand für mich auch überschaubar. Die Kinder wussten von mir ganz klar, wie sich Schularbeiten, Prüfungen zu Lernblöcken etc. zur Note zusammensetzten, und konnten dadurch durchaus auch „taktisch“ agieren, wenn ihnen ein Lernblock nicht so sehr lag.

Befreiung durch Prüfungen

Weil es den Kindern auf diese Art möglich war, Prüfungen tatsächlich durch eigenes Lernen „auszubessern“, bis sie das Prüfungsziel beherrschten, war die Motivation bei den Kindern groß. Ich erklärte ihnen jeweils nur, was ihre bisherigen Ergebnisse für die Endnote bedeuten würde. Der Wunsch, weitere Prüfungen abzulegen und sich dafür vorzubereiten, ging daraufhin – wo er vorhanden war – von den Kindern aus, weil eine Prüfung noch einmal abzulegen ihnen tatsächliche Vorteile brachte.

Unser sonst üblicher Zugang zu Prüfungen führt eher dazu, dass Kinder einmal „versemmelte“ Prüfungen mit dem jeweiligen Prüfungsstoff in Verbindung bringen und das Gefühl bekommen, sie wären zu dumm dazu, ihn zu verstehen – was vor allem in aufeinander aufbauenden Disziplinen wie Mathematik fatal sein kann, wenn die Basis nicht beherrscht wird und keine Motivation oder auch Möglichkeit besteht, sie sichtbar nachzulernen.

Auf die beschriebene Weise aufbereitet war der “Stoffdruck”, von dem meine KollegInnen stöhnend berichteten, kaum ein Thema für uns. Wir waren zwar im Arbeitsbuch noch nicht weit gekommen, erreichten aber – durch die Prüfungen nachweisbar – bereits nach kurzer Zeit die Endziele der im Arbeitsbuch zur Erreichung der Endziele vorgesehenen Übungen. Anstatt sichtbar zu arbeiten, arbeiteten wir möglichst effizient auf sichtbare Ergebnisse hin.

Es ist bezeichnend, dass Kinder wie Eltern begeistert waren, KollegInnen und meine Vorgesetzte entsetzt. Ich hatte einen Interessenskonflikt für mich zugunsten der Lernenden entschieden, und damit meine Rolle als Lehrer umdefiniert vom mächtigen Selektierenden zu einer Doppel-Rolle als objektiver Prüfer und liebevoller Lernhelfer. Damals war mir noch nicht klar, wie tief diese traditionelle Rolle des Lehrers in Schulsystem und auch Wirtschaft verankert ist, weswegen ich dachte, es reiche, nachweisbar exzellente Ergebnisse mit den Schülern zu erzielen und ihnen dabei auch noch Freude am Lernen zu vermitteln. Warum dies aus heutiger Sicht eine grobe Fehleinschätzung war, darüber werde ich ein andermal schreiben.

Die Trennung von Lernen, Lehren und Prüfen

Dem aufmerksamen Leser wird aufgefallen sein, dass ich diese drei Aktivitäten voneinander getrennt betrachte. In dem beschriebenen Zugang kann jemand eine Prüfung bestehen, ohne dass ich ihn gelehrt habe, er kann auch ohne mich lernen, oder meine Hilfe in Anspruch nehmen. Dies ist höchst ungewöhnlich in unserem Schulsystem, hat aber massive Vorteile für den Lernenden.

Üblicherweise kann zu einer Prüfung nur dann angetreten werden, wenn man sich vorher über den Prüfungsstoff belehren hat lassen. Für jemanden, der den Prüfungsstoff bereits beherrscht, ist dies aber extrem ineffizient und frustrierend! Diese Verknüpfung von Lehren und Prüfungen hat neben anders ebenso lösbaren organisatorischen Vorteilen einen weiteren Grund: Prüfungen als untrennbar von der Vermittlung von den zu prüfenden Inhalten zu betrachten garantiert die Aufrechterhaltung eines hierarchischen Verhältnisses zwischen dem Lehrenden und dem zu Prüfenden, macht also das möglich, was wir als unter-richten kennen. Mein bunterrichten-Ansatz stellt diesen völlig auf den Kopf und schafft völlig neue Möglichkeiten.

Die Einführung der Zentralmatura war ein sehr interessanter Schritt diesbezüglich, den ich für sehr sinnvoll halte, weil er objektive Prüfungen und damit eine Öffnung der möglichen Lernwege ermöglicht. Wünschenswert wäre jedoch noch die Möglichkeit, die Zentralmatura jederzeit (gerne auch gegen eine kleine Entschädigung für den Aufwand) ohne vorherigen Kursbesuch abzulegen. Immerhin ist die Matura eine Art Tür-Öffner zum Studium in Österreich, die v.A. vielen Lehrlingen verschlossen bleibt (Ausnahme: Lehre mit Matura). Was uns zum nächsten Punkt bringt:

Prüfungen als Tür-Öffner für bestimmte Rechte

Es macht durchaus Sinn, dass in Österreich nur jene Menschen Auto fahren dürfen, die über eine Prüfung bewiesen haben, dass sie das notwendige praktische Können und theoretische Wissen erworben haben.

Was würde passieren, wenn wir ähnlich wie beim Erlangen des Führerscheines in Schulen bestimmte Vor-Rechte davon abhängig machen, durch eine Prüfung die notwendigen Voraussetzungen bewiesen zu haben? An einer freien Schule, an der ich gearbeitet habe, wurde mit Hilfe eines sogenannten „Zertifikat-Systems“ genau dieses Konzept umgesetzt. Je nach Zertifikat-Level war es Schülern erlaubt, sich in verschieden großen Freiräumen zu bewegen. Wer etwa nur das Zertifikat Z1 aufwies, durfte sich nur innerhalb der Schule frei bewegen, mit Z2 war auch der Garten inkludiert und mit Z3 durfte man sich unter gewissen Bedingungen auch außerhalb des Schulgeländes bewegen, etwa um für die Werkstatt Material einzukaufen.

Muss erwähnt werden, dass die Kinder die Zertifikats-Stufen im Großen und Ganzen gut respektierten, und sehr motiviert waren, sich erweiterte Freiräume über ein Ablegen der entsprechenden Prüfungen zu erlangen? Der Vollständigkeit halber: bei schweren Verstößen gegen die im jeweiligen Zertifikat verlangten Verhaltensweisen konnten Zertifikats-Stufen auch eine Zeit lang oder ganz entzogen werden (wie man es vom Führerschein auch kennt).

Wie oft werden an Regelschulen Prüfungen als Tür-Öffner für bestimmte Rechte eingesetzt, die sofortige und direkt spürbare Konsequenzen für den Schüler mit sich bringen? Derzeit ist ein selbstständiges Lernen allein (etwa aus Büchern oder durch eigene praktische Erfahrung) kaum in gesellschaftlich anerkannte Rechte umwandelbar. Wie würde unsere Gesellschaft aussehen, wenn wir die Trennung von Vermittlung und Prüfung vorantreiben – würden wir dadurch nicht selbstständiges Lernen massiv aufwerten?

Die Kernfrage: bin ich als Lehrer bereit, meine Rolle zu hinterfragen?

Prüfungen als Tür-Öffner-Funktion sowie als Feedback einzusetzen setzt eine bestimmte Haltung voraus, die davon ausgeht, dass Lernen und Entwicklung eines jeden Menschen jederzeit möglich ist. Diese Haltung besagt, dass ein Mensch bei einer Prüfung zu einem bestimmten Zeitpunkt eine bestimmte Punktezahl erreicht haben mag, aber dass es nicht notwendigerweise dabei bleiben wird, und dass er sein Leben lang Entwicklungspotentiale in sich hat.

Diese Haltung setzt auch voraus, dass sich der Lehrende/Prüfer erlaubt, einen Teil seiner Kontrolle und Macht aufzugeben und in die Hände der ihm anvertrauten Lernenden zu legen. Wer diesen Mut besitzt, wird wie ich überrascht sein, was dadurch plötzlich alles möglich wird – u.A. wachen dieselben Kinder, die vormals unter der Schule litten, dann – laut Rückmeldung der Eltern – morgens auf und freuen sich auf den Schultag…

Niklas

Familien-Systeme und Rechts-Systeme

Warum existiert Mobbing? Was verbindet den Faschismus im Kern mit dem Kommunismus – und mit der Mafia? Warum hat die FPÖ in den letzten Jahren mehr und mehr Zulauf in Österreich? Und warum wiederholt sich – wie viele nun erneut befürchten – eigentlich die Geschichte so gerne und oft? Eine Betrachtung anhand zweier interessanter Muster in sozialen Systemen.

Die Antwort auf die letzte Frage ist meiner Meinung nach am einfachsten zu geben: weil wir uns soziales Geschehen traditionell sehr mechanisch erklären. Ein Akteur oder mehrere wenige treiben den Lauf der Geschichte voran, der Rest reagiert darauf, etwa: „Adolf Hitler war der Grund für den Faschismus“. In meiner Schulzeit wurde mir das sinngemäß so erklärt. Oder umgekehrt: hätte es ihn nicht gegeben, wäre es nie zu all dem gekommen.

Ja, ich wars! Ganz alleine habe ich die Welt überwunden! Muahaha!
(kurze Zusammenfassung des an Schulen vermittelten Geschichtsbildes)

Wäre es tatsächlich so, wäre alles, was nötig ist, eine Wiederholung zu verhindern, Ausschau nach sich ähnlich verhaltenden Menschen zu halten und diesen tunlichst keine Bühne zu geben. Ich glaube jedoch, dass es damit nicht getan ist. Auch wenn viele möglicherweise den Kopf schütteln mögen ob dieser Aussage: ich glaube, Adolf Hitler war in gewisser Hinsicht Symptomträger eines bestimmten sozialen Musters. Er war mit Sicherheit ein besonderer Mann mit besonderen Eigenschaften, die ihn zu seiner Zeit zu dem werden ließen, der er später wurde, und ich möchte ihn nicht von seiner persönlichen Verantwortung freisprechen. Aber ohne die ganz bestimmte Umgebung, mit der er in Wechselwirkung stand, wäre ihm nicht möglich gewesen, was ihm möglich war.

Wenn wir also verhindern wollen, dass sich die Geschichte wiederholt, müssen wir neben ihm als Symptomträger auch die Umstände und sozialen Muster betrachten, die in Wechselwirkung mit seiner individuellen Person hervorgebracht haben, was wir zu verhindern suchen. Mir ist klar, dass die Sichtweise, wir wären alle Opfer gewesen, in der Nachkriegszeit vor allem für Österreich einen enormen Wert hatte, weil sie zu einer besseren Behandlung durch die Siegermächte führte. Aber sie verstellt nun, Jahrzehnte nach dem Geschehen, den klaren Blick auf die Anfänge, und bereitet damit den Nährboden für einen Neuanfang mit.

Was aber hat nun ein Adolf Hitler und der Nationalsozialismus mit Mobbing zu tun? Um dies zu verstehen, müssen wir eine grundlegende Unterscheidung zwischen zwei Arten sozialer Systeme verstehen: Familien-Systeme und Rechts-Systeme.

Was ist ein Familien-System?

“Den Charakter und Wert des Menschen erkennt man, wie jeder weiß, unfehlbar an der Form seines Kopfes.”

Ein Familien-System schreibt seinen Mitgliedern implizit vor, wie sie sich zu verhalten haben. Das Wir-Gefühl wird durch Gleichheit im Sein und Verhalten angestrebt. Verhält sich jemand anders als erwartet, ist die Konsequenz unklar, und meist je nachdem um wen es sich handelt unterschiedlich. Entweder wird Druck auf denjenigen ausgeübt, sich wieder den anderen anzupassen, oder Druck ausgeübt, die Gruppe zu verlassen. Es gibt häufig interne Machtkämpfe darüber, wer die Gruppen-Normen definiert.

Familien-Systeme haben den Vorteil, dass sie Menschen, die sich ohnehin ähnlich sind, gut zusammenschweißen und zu gemeinsamen Leistungen anspornen können. Weil Abweichungen von der Norm nicht geduldet werden, sind Familien-Systeme jedoch nicht gut geeignet, um Innovation hervorzubringen.

Familien-Systeme entstehen überall dort automatisch, wo nicht bewusst Rechts-Systeme eingeführt werden, und auch dort, wo Rechts-Systeme zusammenbrechen.

Beispiele kennen die meisten aus dem persönlichen Umfeld, etwa in Teams oder einer Schulklasse. Ein weiteres sehr bekanntes und plakatives Beispiel ist z.B. die Mafia, die sich ja auch selbst den passenden Spitznamen „Familie“ gibt.

Was ist ein Rechts-System?

“Nicht töten, nicht verletzen, nicht stehlen, … ok, dann bin ich eben freundlich, das darf ich ja!”

Während im Familien-System implizit vorgeschrieben ist, wie man sich zu verhalten hat, ist in einem Rechts-System explizit festgelegt, wie man sich nicht zu verhalten hat. Im Staatswesen etwa bilden Gesetze einen Rahmen, innerhalb dessen man sich verhalten kann wie man es selbst für richtig hält – damit entsteht ein Spielraum möglichen Verhaltens und Raum für Diversität/Innovation. Bricht jemand diese Regeln, so ist klar definiert, was daraufhin passiert. Hat der Täter seine Konsequenz auf sich genommen, so ist seine Schuld getilgt, und ihm steht (zumindest in der Theorie) ein Neuanfang zu.

Ein Rechts-System funktioniert nur dann, wenn es ein Gewalt-Monopol gibt, und dieses auch gerecht und konsequent ausgeübt wird. Kommt es zu Ungleichbehandlung, oder schwindet das Vertrauen, dass Übertretungen geahndet werden, wird das Gewalt-Monopol in Frage gestellt. Es kommt zu Machtwechseln oder sogar zum Zusammenbrechen des Rechts-Systems selbst und zur Rückkehr zum Familien-System.

Beispiele sind Staaten wie Österreich, aber Rechts-Systeme können auch im Kleinen, etwa in Teams oder in Schulklassen errichtet werden, wie ich es mehrmals intuitiv an Schulen – ohne noch in diesen Begriffen zu denken – getan habe.

Ein weiterer interessanter Faktor: Familien-Systeme können innerhalb von Rechts-Systemen existieren, umgekehrt funktioniert dies jedoch – nach meiner Erfahrung mit dem Schulsystem – auf Dauer nicht so gut. Ein Rechts-System eröffnet einen Spielraum für Anders-Artigkeit, den ein übergeordnetes Familien-System nicht dulden kann.

Was hat das alles mit Mobbing zu tun?

“Da hält sich wohl jemand für etwas Besseres?!”

Sehr viel! Ich bin mittlerweile überzeugt davon, dass Mobbing als Phänomen eine mögliche natürliche Folge eines Familien-Systems ist. Ist eine Gruppe in einem Familien-System sich sehr ähnlich, so wird sie sich eher gegenüber einem anderen Familien-System im Außen abgrenzen (Fußball-Fanclubs sind ein gutes Beispiel dafür, oder auch “völkisch” geprägte Staaten). Ist sie jedoch sehr heterogen, ist die Konsequenz entweder ein mehr oder weniger offener Machtkampf um die Definitionsmacht der Normen – oder eben Mobbing: „Pass dich an oder verschwinde, damit wir alle gleich sein können“.

Wer dann jeweils tatsächlich Mobbing-Täter oder Opfer wird oder ob es stattdessen zum offenen Machtkampf zwischen Gruppen kommt, hängt wiederum viel mit individuellen Aspekten der handelnden Menschen zusammen. Aber in einem Familien-System, in dem Mobbing existiert, ist der Mobbing-Täter im Grunde meist nur Symptomträger einer tieferen Problematik. Wird der Täter dann zum Beispiel gekündigt, ohne ein funktionierendes Rechts-System aufzubauen oder die Gruppen so neu einzuteilen, dass sie tatsächlich homogen werden und relativ friedlich nebeneinander existieren können, wird es mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit früher oder später wieder zu Mobbing kommen.

Mobbing und offene Machtkämpfe sind also dort an der Tagesordnung, wo eine unterschiedliche Gruppe von Menschen zusammenkommt und kein Rechts-System existiert. Und hat dort ein Ende, wo Führungskräfte ein solches etablieren und verteidigen.

Zurück zum Faschismus

Der Faschismus im letzten Jahrhundert war für mich, sehr vereinfacht ausgedrückt, die Folge des Niedergangs eines Rechts-Systems, das vielen verschiedenen Menschen und Kulturen unter einer Herrschaft ein Miteinander ermöglicht hatte. Die alten Monarchien fielen, den Menschen ging es schlecht, das Vertrauen in eine bessere Zukunft und eine politische Elite, die die Massen dorthin führen würde, schwand. Das Gewalt-Monopol wurde immer mehr unterhöhlt. Menschen ahnten, dass irgendetwas gehörig schief lief. Aber es war zu komplex, als dass jemand tatsächlich erklären konnte was und warum, und die Hoffnungslosigkeit stieg mit der Inflation tagtäglich.

“Also ich hätte da so eine Idee…”

Und dann plötzlich der Lichtblick: jemand hatte eine einfache Erklärung, die eine Rückkehr zur eigenen Handlungsfähigkeit versprach. Alles mag zusammenbrechen, aber ich kann etwas dagegen tun. Die Kommunisten entdeckten „die Reichen“ als den Grund aller Probleme, die Faschisten „die Juden“, und beide entdeckten, dass sie eine Masse und damit überlegen waren, wenn sie nur mobil wurden. Das Gewaltmonopol war bereits zum Teil unterhöhlt, und das „Mobbing“ der erklärten Zielgruppe begann. Wer andere verachtet und sich von ihnen abgrenzt, gewinnt dadurch praktischerweise noch an eigenem Identitätsgefühl hinzu, was zu diesen Zeiten zusätzlich ein Bonus war.

Und nachdem man erst einmal begonnen hatte und feststellte, dass das Gewaltmonopol des Staates keinen Widerstand mehr bot, stand der Massenvernichtung der „Anderen“ nicht mehr viel im Wege. Es ist bezeichnend, dass es ein gewissermaßen schleichender Prozess war, wie es auch in Gruppen in denen Mobbing existiert häufig ist.

Wenn wir an unserem mechanischen Weltbild festhalten, werden wir – wie es auch in der Medizin vorkommt – immer wieder Symptomträger eines Phänomens mit den tatsächlichen Ursachen verwechseln. Deswegen halte ich es für so wichtig, eine Sprache, ein Vokabular zu entwickeln, mit der wir diese tatsächlichen Ursachen auch beschreiben und verstehen können. Wir haben zwar zahlreiche Erkenntnisse auf dem Gebiet der Psychologie, Soziologie, Systemtheorie etc., aber eine Verknüpfung dieser Erkenntnisse zu einer universalen sozialen Theorie, die auch für einen Laien ohne Supercomputer hilfreich sein kann, steht noch aus.

Die große Leistung eines Adolf Hitler war es, eine Erklärung für die Misere der Massen anzubieten und sie zum Handeln zu mobilisieren, während andere sich vor der Komplexität der Situation fürchteten und keine Alternative anboten. Wer verzweifelt genug ist, und er sieht nur eine einzige Handlungsalternative, der wählt diese, egal was die Konsequenz ist.

Wer eine „Wiederholung der Geschichte“ vermeiden will, sollte also meiner Ansicht nach lernen, komplexe soziale Systeme und ihre Zusammenhänge zu verstehen, um dort, wo „einfache Lösungen“ populär werden, eine Vertrauen erweckende Alternative parat zu haben, die nicht zur Katastrophe führt.

Zur „Lage der Nation“ in Österreich

“Ich bin für mehr direkte Demokratie!”
(solange wir mehr sind als die)

Warum hat die FPÖ in Österreich (und viele ähnliche „extremere“ Ausprägungen des politischen Spektrums weltweit) in Wahlen deutlich zugelegt? Ich glaube, das liegt daran, dass sie sich in ihren Grundzügen und ihrer offiziellen Zielsetzung  sehr stark an einem Familien-System orientiert. Andere Parteien, etwa die Grünen, bekennen sich zu mehr Diversität und Integration und anderen klassischen Vorteilen eines Rechts-Systems. Ein steigendes Misstrauen in ein Rechts-System führt zu einem Umschwung im Wahlverhalten hin zu Parteien, die eher Familien-System-Themen aufwerfen und ansprechen. Wobei zu beachten ist, dass rein strukturell jede Partei in einer Demokratie unabhängig von ihrer ideologischen Ausrichtung bereits Aspekte eines Familien-Systems aufweist.

Nun befinden wir uns weltweit in einer sehr unübersichtlichen Entwicklung, was sich in den letzten Jahren unter Anderem anhand der Asyl-Thematik gezeigt hat. Massen von Menschen haben sich zwischen Staaten bewegt, und im Grunde war in vielen Fällen unklar, ob dies nun mit rechten Dingen zugegangen war oder nicht. Vermutlich wäre ich (und auch sonst jeder) in der verantwortlichen Position genauso überfordert gewesen, ich will hier niemandem etwas vorwerfen.

Wiederum befinden wir uns jedoch nun in einer Situation, die zu komplex erscheint, um sie in ihrer Gesamtheit deuten zu können, in der aber eine gewisse latente Angst und Unzufriedenheit in vielen Menschen brodelt. Unabhängig von der tatsächlichen Stärke des Rechts-Systems in Österreich ist es heute einfacher denn je, Falschinformationen darüber zu verbreiten, um das Misstrauen in das so wichtige Gewaltmonopol des Staates zu untergraben. Konstruktive Erklärungen und Handlungsalternativen zur Lösung der tatsächlichen Ursachen erscheinen rar bis nicht vorhanden, was Raum eröffnet für neue „einfache Lösungen“ im Sinne von Familien-Systemen.

FPÖ-Plakat

“Den Charakter und Wert eines Menschen erkennt man, wie jeder weiß, unfehlbar am Ort seiner Geburt.”

Müssen wir uns Sorgen machen?

Wenn wir den Unterschied zwischen Familien- und Rechts-Systemen als Muster akzeptieren können, dann glaube ich, dass wir zumindest aufhören sollten, unsere Energien in Nebenschauplätzen zu vergeuden. Ich bin überzeugt davon, dass sich in allen Parteien Menschen finden, die es auf ihre Weise gut meinen mit uns (sowie den einen oder anderen Betrüger). Ein Kommentar eines FPÖ-Politikers ist nicht per se besser oder schlechter als der einer anderen Partei, und alle FPÖ-Anhänger gewohnheitsmäßig als Nazis zu beschimpfen (wie ich es schon öfter erlebt habe) hilft uns nicht dabei, konstruktive Lösungen zu finden.

Die relevante Frage ist für mich, der ich eine gesunde und bereichernde Vielfalt schätze, vielmehr: stärken wir die Grundfesten eines Rechts-Systems mit dem was wir tun, oder schwächen wir sie, und geben damit Familien-Systemen mehr Raum? Tatsächlich dürfte es das Vertrauen in ein Rechts-System nicht gerade stärken, wenn zigtausende Menschen unkoordiniert und mit unklarem Rechts-Status ins Land einreisen. Der Grund dafür ist aber nicht, dass es sich ausnahmslos um schlechte Menschen handelt, sondern dass um eine solche Situation bewältigen zu können wir auch entsprechende Kapazitäten haben oder entwickeln müssen, damit im Rahmen eines Rechts-Systems umzugehen.

Es ist – wie weiter oben bereits erwähnt – durchaus zulässig und mag zuweilen auch sehr sinnvoll sein, Familien-Systeme aufrechtzuerhalten, weil diese innerhalb eines Rechts-Systems funktionieren und auch wertvoll sein können. Bedrohlich wird es dort, wo das Familien-System das Gewalt-Monopol des übergeordneten Rechts-Systems unterwandert und bedroht. Sind wir schon so weit gekommen? Es ist für mich schwierig, dies zu überblicken, was an sich bereits ein Alarm-Signal sein dürfte.

Die Unterscheidung zwischen Familien-Systemen und Rechts-Systemen trägt hoffentlich ein Stück weit dazu bei, eine Art „Framework“ zu haben, mit dessen Hilfe sich die Situation in einem Staat, einem Team oder auch einer Schulklasse besser beurteilen lässt. Die Geschichte wiederholt sich erfahrungsgemäß nie exakt gleich, aber ähnlich wie in der Medizin wiederholt sich das Auftreten einer “Krankheit” in verschiedenster Formen meist zumindest so lange, bis wir zu unterscheiden lernen zwischen einer oberflächlichen Symptombehandlung und der Bekämpfung der tieferliegenden Ursachen. Vielleicht sind wir diesen mit der Unterscheidung zwischen Familien-Systemen und Rechts-Systemen einen Schritt näher gekommen. Zu hoffen wäre es.

Niklas

Warum die Welt sich nicht für uns ändert

„Es wäre alles viel leichter, wenn du nur anders wärst.“ Warum uns dieser Satz nicht weiterbringt – und was stattdessen hilft: Der Welt erlauben, sich in unserem Sinne zu verändern.

Im Grunde sind für mich vier Faktoren dafür verantwortlich, ob die Veränderungen stattfinden, die wir uns wünschen:

Sind wir bereit hinter den Vorhang des „Zufalls“ zu blicken?

Ach, warum nur habe ich so viel Pech? Würde es doch eine Möglichkeit geben, das zu ändern!

Es gibt viele Menschen, die sind durchaus zufrieden damit, sich von den Wogen mitreißen zu lassen, die sie „Zufall“ nennen. Passiert ihnen etwas, das sie als „negativ“ erleben, so nennen sie es „Pech“. Passiert ihnen etwas, das sie als „positiv“ erleben, so nennen sie es „Glück“.

Der aufmerksame Leser hat vermutlich schon entdeckt, dass ich mehrere Mal die Phrase „passiert ihnen“ verwendet habe. Menschen, die so denken, betrachten sich je nach Ausgang einer Situation als Opfer oder auch Nutznießer des Schicksals, dem sie ausgeliefert sind. Jemand oder etwas im Außen handelt, und sie sind den Konsequenzen dieses Handelns ausgeliefert.

„Zufall“ ist jedoch im Grunde nur eine Umschreibung für einen Vorgang, den wir (noch) nicht verstehen. Für einen blutigen Anfänger ist der Aktienhandel mehr oder weniger ein Glücks-Spiel, für jemanden mit mehr Erfahrung ein berechenbares Risiko. Einen Volleyball in die gewünschte Richtung zu baggern ist für den Anfänger ein Glücksspiel, für den Profi vorhersehbar.

Wer sich wie ich für Geschichte interessiert, wird feststellen, dass es zu allen Zeiten Phänomene gegeben hat, die sich niemand erklären konnte und die als „Zufall“ oder „göttliche Fügung“ betrachtet wurden. Irgendwann wurde dann durch engagierte Interessierte mehr und mehr Licht in diese „Blackboxen“ gebracht, und damit erhöhte sich die Chance, dem „Zufall“ höhere Wahrscheinlichkeiten für das Eintreffen des gewünschten Ausganges abzuringen.

Ich möchte damit keinesfalls ausschließen, dass es nicht durchaus etwas wie „göttliche Fügung“ geben könnte – mein Ziel ist es nicht, gläubige Menschen vor den Kopf zu stoßen. Ich bin jedoch der Ansicht, dass diese Umschreibungen im Alltag ein wenig zu inflationär gebraucht werden, und es für manche Menschen durchaus sinnvoll wäre, sich zu fragen wie die „Mechanik“ eines zufälligen Ereignisses tatsächlich zustande kam. Vor allem dann, wenn die “Zufälligkeit” eines Ereignisses sehr subjektiv zu sein scheint.

Noch einmal: Was wir „Zufall“ nennen, sind Vorgänge, die wir bisher noch in zu geringer Komplexität erforscht haben. Sind wir bereit, uns der Erkenntnis zu stellen, die hinter dem Etikett „Zufall“ auf uns wartet? Die Antwort entscheidet darüber, ob wir das erste Hindernis zur Veränderung überwinden und uns aus der Opfer-Rolle befreien.

Damit können wir handeln.

Durchschauen wir die Illusion der direkten Kontrolle anderer?

Meist ist die sichtbare Veränderung die wir uns wünschen außerhalb von uns selbst zu finden. Wir wollen mehr Geld auf dem Konto, dass der Mitarbeiter endlich bessere Leistungen erbringt, dass die Kollegin aufhört uns zu mobben oder die Regierung zur Abwechslung einmal sinnvolle Gesetze verabschiedet. Mit uns selbst ist ja alles in Ordnung, aber die Welt da draußen müsste doch einsehen, dass…

Das Problem dabei ist jedoch, dass ein jeder dieser Menschen, die wir gerne verändert hätten, einen eigenen Kopf hat, mit eigenen Gedanken. Und vielleicht sogar im selben Moment davon träumen, dass wir uns endlich ändern, damit ihre Welt erträglicher wird. In der Informatik wäre das ein klassischer „Deadlock“, bei dem nichts mehr weitergeht, weil jeder darauf angewiesen ist, dass der andere endlich was macht, bevor er selbst handelt. Und so vergeht die Zeit, ohne dass Veränderung eintritt…

Andere hingegen versuchen den direkten Weg, andere zu beeinflussen, etwa indem sie Chef eines anderen werden und sich der Illusion hingeben, dieser würde nun machen was man wolle, eben weil man Chef sei oder weil man ihn bezahle. Was hierbei ausgeblendet wird ist wiederum eine Art „Blackbox“, die in dem Mitarbeiter abläuft und ihn im Endergebnis dazu führt für den Chef zu tun was dieser verlangt. Solang der Chef aber diese Blackbox nicht tiefer versteht wird es ihm möglicherweise eines Tages ergehen wie Kristen Hadeed in ihrem Buch „Permission to screw up“ anschaulich beschreibt: „ohne Vorwarnung“ kündigen auf einen Schlag 75% der Belegschaft. Autsch!

Wir können andere Menschen zu einem bestimmten Punkt beeinflussen, aber nicht kontrollieren. Wir können lernen, den Grad unserer Möglichkeit Einfluss zu nehmen zu erhöhen, indem wir die Komplexität aushalten, tiefer in ihre „Blackbox“ zu sehen (manche nennen das auch „sich besser kennenlernen“). Aber 100%ige Kontrolle dabei erreichen zu wollen halte ich für nicht sinnvoll.

Was wir jedoch durchaus kontrollieren (= direkt steuern) können, ist uns selbst: unser Körper, unsere Emotionen, unser Geist. Und hierbei finden wir paradoxerweise auch den Schlüssel zur Veränderung im Außen. Wie das funktioniert?

Öffnen wir Räume für Innovationen oder motivieren wir nur?

Warnhinweis: Wenn wir Räume öffnen, könnten wir auch positiv überrascht werden.

Am einfachsten als mentales Bild darzustellen ist dies, wenn wir uns um alle Menschen eine Art 3-dimensionale Form vorstellen, die jeweils an die Formen der anderen Menschen anliegt. Diese Formen stellen unser Sein im Alltag dar, das wir gewöhnt sind. Wenn ich nun jemanden direkt verändern will, so stoße ich mit Druck in seine Form vor, was ihn zu Abwehr-Reaktionen ermuntern wird: Druck erzeugt Gegendruck. Verändere ich jedoch meine Form, indem ich zwischen seiner Form und meiner Raum eröffne, so lade ich ihn damit ein, sich durch die Veränderung seiner alten Form an meine neue Form anzupassen, um wieder einen stimmigen Kontakt zwischen uns herzustellen. Dies hat gleich 3 Vorteile:

  • Der Andere tut es freiwillig und in seinem Tempo, es kostet mich weniger Kraftanstrengung
  • Diejenigen, die gegen meine Veränderung sind, bleiben auf Distanz
  • Ich schenke meiner Umwelt Raum, mich positiv zu überraschen

Anstatt meine Energie und Zeit zu vergeuden, jemanden an einen Ort zu schieben, den er gar nicht erreichen will, lade ich ihn stattessen ein und mache den Weg frei. Menschen, die meine Veränderung nicht mit mir mitgehen können oder wollen, zeigen dies, indem sie auf Distanz bleiben und nicht erneut Kontakt suchen (ich verschwende meine Energie nicht an Menschen, die dies ohnehin nicht schätzen). Indem ich Raum öffne, können andere mich auf Arten beschenken, an die ich selbst gar nicht gedacht hätte, hätte ich ihr Verhalten steuern wollen.

Dies ist übrigens – kurz zusammengefasst – eines der Geheimnisse meines Erfolges als Lehrer. Ich bringe Schüler nicht direkt dazu zu tun was ich für richtig halte, sondern öffne ihnen Raum, das, was ich von ihnen verlange (Grenzen des geöffneten Raumes), auf dem für sie passendsten Weg zu erreichen. Weil es ihr Weg ist den sie selbst gewählt haben, muss ich sie auch nicht von außen motivieren (=“anschieben“), sie bewegen sich selbstständig durch eigenen Impuls.

Wenn der Schlüssel zur Veränderung in uns selbst liegt und allen zugänglich ist, warum wenden ihn dann so wenige Menschen an? Um dies zu verstehen, müssen wir uns dem Phänomen der Anhaftung widmen.

Unterliegen wir der Anhaftung?

Was soll die blöde Frage? Natürlich brauch ich das alles noch!

Haftung zu haben, also wo befestigt zu sein, ist an sich ein neutraler Zustand ohne Wertung. Problematisch wird es, wenn wir uns in Bewegung setzen wollen und gleichzeitig noch irgendwo anhaften. Wer seine Hand noch auf der Türklinke hat und nicht loslassen will, gleichzeitig aber vor hat jetzt 20 km zu laufen, der wird nicht weit kommen (oder die Tür mitschleppen müssen).

So plump dieses Beispiel auch gewählt ist: genau so agieren tagtäglich Millionen von Menschen weltweit. Wir „wollen“ aufhören zu rauchen, trotzdem aber hin und wieder „beim Fortgehen“ eine rauchen. Wir „wollen“ den Sixpack-Körper, aber trotzdem den ganzen Tag nur Computer spielen oder im Büro sitzen und uns nicht bewegen. Oder, subtiler: wir wollen uns das Verhalten unseres Partners nicht mehr gefallen lassen, aber sind nicht bereit, ihn im Ernstfall zu verlassen. Wir wollen, dass eine Kollegin aufhört uns zu mobben – sind aber nicht bereit, ihr deutlich zu machen, dass sie Grenzen übertritt, weil wir kein “Menschen der herumschreit” sein wollen.

Die meisten Menschen, die davon sprechen was sie wollen, setzen ihr „Wollen“ deswegen nicht in Handlungen um, weil diese Handlungen voraussetzen, dass sie bestimmte Anhaftungen aufgeben, ohne die sie fürchten nicht auskommen zu können. Wer aber zu vielen Anhaftungen erliegt, wird bewegungsunfähig und damit – um im vorherigen bildlichen Beispiel mit den Kugeln zu bleiben) unfähig, Raum für Veränderungen zu schaffen.

Wer also beispielsweise einer klassischeren Vorstellung des Lehrer-Seins anhaftet, wird Schwierigkeiten haben, ähnliches mit Kindern zu erleben wie es mir geschenkt wurde. Nicht weil es dieser Person grundsätzlich nicht möglich wäre, sondern weil die Identifikation (=Anhaftung) mit einem bestimmten Bild vom Lehrer-Sein die Verhaltensweisen verbietet, die notwendig wären, um einen solchen Raum zu öffnen.

Wie man sich von seinen Anhaftungen befreien kann füllt ganze Bibliotheken voller Bücher, deswegen erspare ich mir diesen Aspekt vorerst. Aber eigene Anhaftungen als Ursache anzuerkennen, warum die Welt noch nicht so ist wie man sie gerne hätte hilft schon einmal ungemein, die Verantwortlichkeiten klarer zu sehen.

Wie wir die Welt verändern

Wie verändern wir nun also unsere Welt? Wir anerkennen, dass Glück, Pech und Zufall nur Umschreibungen sind für „noch (!) nicht verstanden“ – und ein Auftrag, tiefer zu forschen. In diese „Blackbox“ zu blicken hilft uns später, gute und passende Räume für Veränderung zu eröffnen.

Wir anerkennen ebenso die Grenzen dieses Zuganges, und das wir was außerhalb von uns selbst ist nur beeinflussen, niemals vollends kontrollieren können.

Wir anerkennen, dass der energieeffizienteste Weg, Veränderung im Außen zu bewirken, eine Veränderung in und an uns selbst ist, mit der wir Zwischen-Räume eröffnen, die das Außen auf kreative Weise füllen kann.

Und letztlich anerkennen wir, dass wir dort, wo wir dies nicht vermögen, eine konstruktive Veränderung durch unsere eigenen inneren Anhaftungen blockieren – und es selbst in der Hand haben, diese aufzulösen, wo die Veränderung die wir uns erwünschen dieses Opfer wert scheint.

Die Welt verändert sich nicht für uns. Aber sie verändert sich, und wenn wir ihr den passenden Raum dafür schenken, auch durchaus in unserem Sinne.

Niklas

P.S.: Wenn euch dieser Beitrag gefallen hat, freue ich mich, wenn ihr ihn mit anderen Menschen teilt, denen er auch gefallen könnte 😉

Mehr Handlungsspielraum durch Komplexität

Warum fühlen wir uns manchmal machtlos, fremdbestimmt? Warum führen manche das Leben das sie leben wollen, andere erleiden es nur? Warum werden manche Menschen vor einer Herausforderung aktiv und andere depressiv? Ich glaube mittlerweile, es liegt an der Bereitschaft, sich mit Komplexität zu beschäftigen. Aber urteilt selbst:

Ihr könnt auch direkt zu den einzelnen Kapiteln springen:

  1. Praktische Anwendungen dieser Erkenntnis
  2. Wir wählen die Komplexität, mit der wir Menschen und Problemstellungen betrachten
  3. Dimensionen erhöhen, um Handlungsspielraum zu gewinnen
  4. Dimensionen verringern, um Aufmerksamkeit freizuschaufeln
  5. Ich kann doch nicht einfach… doch, du kannst!

In den letzten Wochen habe ich mich viel mit einem inneren Bild beschäftigt, das zunächst ungewohnt erscheinen mag: wir sind umso freier, je komplexer wir die Welt und uns in ihr wahrnehmen können.

Stellen wir uns, um das Bild zu verdeutlichen, einen sehr simpel aufgebauten Wahrnehmungsapparat eines Menschen vor, nennen wir ihn Hannes. Hannes fühlt sich seinem Problem völlig ausgeliefert. Sein Handlungsspielraum hat keine einzige Dimension, ist – geometrisch betrachtet – im Grunde nur ein Punkt, an dem sein Problem ihn überwältigen wird und er kann nichts dagegen tun:

Der arme Hannes ist seiner Umwelt völlig ausgeliefert. Jemand helfe ihm doch!

Aber nicht mehr lange! Hannes hat gelernt, eine erste Dimension hinzuzufügen, so dass er nun immerhin eine Handlungsalternative in jeder Situation kennt. Geometrisch ließe es sich als Linie darstellen. Stellen wir uns vor, er erkennt irgendwo auf dem Weg vor sich ein Problem. Alles was er auf einer Linie tun kann ist sich dem Problem zu nähern, stehenzubleiben oder vor ihm zurückzuweichen.


Hannes hat sich entschieden vor seinem Problem davonzulaufen. Zum Glück ist er ein guter Läufer!

Was aber, wenn unser Hannes neben der Unterscheidung Tun/Nicht tun auch noch aus verschiedene Handlungsmöglichkeiten wählen könnte, sein Handlungsspielraum sich gewissermaßen verbreitern würde? Wir erhalten ein Rechteck:

Hannes ist schon ziemlich beweglich geworden. Ha, nimm das, Problem!

Unser Hannes hat nun plötzlich die Möglichkeit, seitlich um das Problem herumzugehen und es sich auch von einer anderen Perspektive aus anzusehen. Er muss sich möglicherweise dem Problem auch gar nicht stellen, weil er es umgehen kann.

Wenn nun aber die Lösung zu einem Problem erst sichtbar wird, wenn man es von oben betrachtet, so hat unser Hannes immer noch zu wenig Möglichkeiten, es zu lösen, weswegen wir ihm eine dritte Dimension dazu schenken wollen und einen dreidimensionalen Raum gewinnen, der erheblich mehr Möglichkeiten für unseren Hannes bietet, sein Problem zu überwinden.

Das arme Problem kann weniger Dimensionen wahrnehmen als unser Hannes und findet ihn daher nicht mehr. Der sieht ja mittlerweile ziemlich entspannt aus!

1. Praktische Anwendungen dieser Erkenntnis

All dies ist den meisten von uns bekannt und wenden wir auch im Alltag an. Faszinierend wird es, wenn wir erahnen dass es mehr als nur drei Dimensionen geben könnte. Wenn uns zwei Dimensionen (Quadrat) mehr Bewegungs-Freiheiten erlauben als eine einzige (Linie), würden uns dann fünf Dimensionen auch mehr Bewegungs-Freiheiten erlauben als drei?

Interessanterweise hilft uns die deutsche Sprache, indem sie ein Wort sowohl im Geometrischen als auch im Sozialen verwendet und uns damit einen Hinweis schenkt: „Tiefe“. Bekommt ein Rechteck Tiefe hinzu, so bekommt es eine zusätzliche Dimension und wird so ein Quader. Wir vertiefen uns in ein Fachgebiet, unsere Arbeit oder Problemstellung.

Ein anderes Wort, das uns einen schönen Hinweis schenkt, ist „genauer“. Wer einen Menschen genauer kennenlernt, sieht mehr als nur oberflächlich, und damit mehr-dimensional. In dem Wort „genauer“ steckt bereits die Erkenntnis, dass wir andere Menschen immer nur in einer gewissen Reduktion ihres ganzen Seins erkennen, über eine Reduzierung ihrer vielen Dimensionen auf jene die notwendig sind um mit ihnen umzugehen. Lernen wir sie genauer kennen, also in einer höheren Komplexitäts-Dimension, so erweitern wir unseren Handlungsspielraum mit ihnen.

2. Wir wählen die Komplexität, mit der wir Menschen und Problemstellungen betrachten

Wir vergessen dies im Alltag oft, aber das Bild, das wir von anderen Menschen haben, ist immer eine subjektive Reduktion ihrer Gesamtheit, die ihnen nicht gerecht wird. Unsere Beurteilung ihres Verhaltens basiert auf diesem reduzierten Abbild, und gerade weil es reduziert ist und wichtige Dimensionen ihres Seins wegreduziert hat, können wir oftmals Handlungsalternativen für uns selbst mit der Situation umzugehen nicht wahrnehmen.

Einen Drogenabhängigen schlicht als solchen zu betrachten reduziert ihn in unserer Wahrnehmung mehr oder weniger auf einen Strich (was auch interessante Verknüpfungen zu “auf den Strich gehen” erzeugt wie ich finde). Er kann weiter Drogen nehmen oder damit aufhören, und je nachdem in welche Richtung er sich bewegt würden wir das vielleicht als „gut“ oder „schlecht“ empfinden. In diesem reduzierten Bild ist aber kein Platz für die Komplexität, die Mehrdimensionalität seines ganzen Seins, was es uns erschweren wird ihm wirklich hilfreich zur Seite zu stehen.

Das bedeutet nicht, dass ein jeder von uns alle Menschen in ihrer vollständigen Komplexität und Mehrdimensionalität wahrnehmen sollte oder gar müsste. Es bedeutet aber, dass wir uns dessen bewusst sein sollten, mit welcher Komplexitätsstufe wir gerade einen Menschen oder eine Herausforderung betrachten, und wie gerecht wir diesem in dieser Stufe werden können.

Es ist eine Tatsache, der die wenigsten von uns wohl gerne ins Auge sehen: wir wählen die Komplexitäts-Dimension, mit der wir unsere Umwelt und uns selbst wahrnehmen. Und selbst wenn wir glauben keine Wahl zu haben, dann ist dieser Glauben die Folge einer Entscheidung. Wenn wir mit den Ergebnissen unserer bisherigen Entscheidungen wie wir die Welt und uns selbst betrachten wollen nicht zufrieden sind, haben wir immer die Möglichkeit die Dimension der Komplexität mit der wir die Welt betrachten zu verändern. Wer “keinen Ausweg” sieht hat sich einen Schritt vorher mit der Wahl seiner Komplexitäts-Dimension durchaus mögliche Auswege verwehrt.

Es bedeutet auch, dass es für uns sinnvoll sein kann, uns in der Wahrnehmung und im Aushalten von Komplexität zu üben. Je mehr Handlungs-Spielraum wir uns selbst unabhängig von der äußeren Situation schaffen können und je geübter wir im “Umschalten” werden, desto größer unsere Chance, zufrieden und glücklich zu werden und zu bleiben.

3. Dimensionen erhöhen, um Handlungsspielraum zu gewinnen

Ein jeder Mensch ist für sich selbst gewissermaßen ein soziales System, und das aktive Bewusstsein ist nur ein Akteur von vielen anderen darin, etwa dem Unterbewusstsein.

Wenn wir uns darin üben, im Außen wie im Innen zwischen verschiedenen Komplexitäts-Dimensionen zu wechseln, dann entdecken wir womöglich mit der Zeit auch in unserem Inneren gewisse „lineare“ Abläufe, oder gar „Punkte“, die für ein „ich bin dem ausgeliefert“ stehen wie bei unserem Hannes weiter oben.

Aus einem „Ich bin dem ausgeliefert“-Punkt kann relativ einfach eine „Ich kann eine Veränderung anstreben oder nicht“-Linien-Dimension werden. Ist das „Ich kann eine Veränderung anstreben“ noch zu gruselig, so kann man versuchen, eine weitere Dimension hinzuzufügen, um mehr inneren Bewegungsspielraum zu erlangen, bis plötzlich gangbare Handlungsalternativen sichtbar werden.

Am einfachsten funktioniert das (zumindest für mich), wenn man sich daran gewöhnt, es tatsächlich als „Spiel-Raum“ zu betrachten. In der Mechanik gibt es ja den Begriff des „Spiels“, der eine Bewegungsfreiheit beschreibt, und auch hier geht es darum, aus einer gefühlt beengenden und problematischen Situation mit Hilfe seines Bewusstseins in einen größeren Freiraum zu gelangen in dem man genügend Handlungs-Alternativen vorfindet um auch eine zu entdecken die wahrscheinlich konstruktiv sein wird.

Ein kleiner Tipp: Humor ist gewissermaßen eine Abkürzung, die aus einer niedrigen Komplexitäts-Dimension (“Ich muss den Artikel heute noch abgeben aber mir fällt nichts ein!”) einen großen Freiraum schaffen kann (“Oder ich schreibe einfach darüber wie schwierig es ist zu schreiben. Da fällt mir viel ein dazu, da bin ich ja Experte drin!”).

4. Dimensionen verringern, um Aufmerksamkeit freizuschaufeln

Das Spiel funktioniert übrigens auch umgekehrt: wer sich in Problemen oder Mitmenschen gerne mal verzettelt ist möglicherweise in zu vielen Bereichen in einer zu hohen Dimension involviert. Es stellt sich die Frage, in welchen Bereichen man nicht vielleicht die Dimension der eigenen Wahrnehmung herunterschrauben könnte – weil man sich ohnehin darauf verlassen kann dass der jeweils andere das schon richtig macht, selbst wenn man ihm nicht alles lang und breit und komplex erklärt.

So kann die Kommunikation zwischen Chef und Mitarbeiter beispielsweise reduziert werden auf die Dimension der Erwartungen aneinander und den Konsequenzen wenn die Erwartungen nicht erfüllt werden. Das Warum der Erwartungen, obwohl sicher interessant an sich, ist möglicherweise irrelevant für die Ausführung, und wenn einer oder beide ohnehin gestresst sind kann hier Aufmerksamkeit „eingespart“ werden.

5. Ich kann doch nicht einfach… doch, du kannst!

Mit Komplexitätsdimensionen frei spielen zu lernen braucht Zeit und Praxis. Es wird möglicherweise nicht immer gleich gut klappen, aber es lohnt sich, sich darin zu üben, weil es die Fähigkeit verleiht, inneren Freiraum auch in den äußerlich einengendsten Situationen zu schaffen. Vermutlich ist es diese Fähigkeit, die Menschen wie Viktor Frankl ein KZ überleben ließen oder einen Nelson Mandela seinen jahrzehntelangen Gefängnisaufenthalt.

Es gibt zumindest einen großen inneren Widersacher in dieser Teildisziplin der Kunst des Bunterrichtens: die Anhaftung. Aber dazu mehr in weiteren Artikeln.

Fürs erste möchte ich euch die Empfehlung geben, euch immer wieder mal für ein paar Minuten darin zu üben, Komplexitäts-Dimensionen in eurer Wahrnehmung zu verändern. 1x/Tag als fixes Ritual funktioniert für mich gut, am besten verknüpft mit wiederkehrenden Ereignissen wie „immer morgens nach dem Aufwachen“ oder „immer vor dem Duschen“ – aber wie das genau für euch am besten funktioniert findet ihr am besten selbst heraus.

Viel Freude damit!

Niklas

P.S.: Ich hoffe ihr habt Freude an meinen kleinen Zeichnungen, falls ja werde ich mich bemühen öfter welche einzusetzen. Bringen ein wenig Farbe in die langen Texte, und machen auch Spaß beim Malen 🙂