Wenn die Form zur Falle wird

(Alle Aussagen von anderen Personen habe ich so verstanden, das bedeutet nicht, dass sie es auch so gemeint haben. Nur zur Sicherheit..)

Ich bin nun seit gut einem ¾-Jahr bei meinem Freund René im Tai-Chi-Training (er nennt es „Verein für innere Kampfkunst“), und er hat immer wieder einen interessanten Gedankengang erwähnt: dass seiner eigenen Erfahrung nach (doch immerhin über 10 Jahre der Praxis) in Tai-Chi-Kursen oft sehr viel Wert auf das Erlernen einer korrekten Form gelegt wird (man kennt vielleicht die Bilder aus chinesischen Parks). Weiter meinte er, dass es üblich sei, nach 10, 15, 20 Jahren der Praktizierung dieser Form irgendwann (vielleicht!) die Prinzipien dahinter zu verstehen. Er hingegen vermittle lieber direkt die Prinzipien, so dass man sie – auch ohne die vollständige Form perfekt zu beherrschen – sofort im Alltag einsetzen und praktizieren kann. Die Form vermittelt er auch, aber mehr als “Bonus”.

Da ich die Vorteile des Zuganges Woche für Woche nicht nur an mir, sondern auch an den anderen Teilnehmern des Kurses beobachten kann, stellt sich die interessante Frage, ob denn nun die spezifischen Tai-Chi-Bewegungsformen nicht auch ganz weggelassen werden könnten. Zusätzlich meinte René auch, dass man in einem realen Kampf ja nicht davon ausgehen könnte, dass sich der Gegner exakt so bewegen wird wie in der Form vorgesehen, man müsse schon auch in stimmigem Kontakt gehen und bleiben, um auf die Bewegungen des Gegners adäquat reagieren zu können, und würde dabei oft von der eingelernten Form abweichen.

Die Nützlichkeit der Form

Und doch hat das Erlernen der Form seine Nützlichkeit, wie ich nach einigen Monaten fast täglicher Übung feststellen konnte: sie erhöht den Bewegungs-Spielraum. Am Anfang waren einige der Bewegungen der Form für mich sehr schwierig auszuführen („unmöglich“ war des Öfteren der Gedanke), aber mit der Zeit wurde mir immer mehr klar, dass dies nicht an der universellen Unmöglichkeit von Körperbewegungen an sich lag, sondern an meinen eigenen inneren Blockaden, die mir das Praktizieren der Form überwinden half.

Unlängst im Kurs meinte René zu mir, dass ich ihm in der Sensibilität mittlerweile beinahe gleichwertig wäre, aber er eben noch den Vorteil der langjährigen Praxis habe. Was er damit vermutlich meint, ist, dass er über die Jahre bereits mehr der inneren Blockaden abgebaut hat als ich, was es ihm ermöglicht, mich über meine Blockaden im (Übungs-)Kampf zu überwinden. Man sieht es ihm auch an seinen Bewegungen an, die sehr frei wirken. Es geht im Tai-Chi (soweit ich das verstanden habe) genau darum, die inneren Blockaden des Gegners zu erfühlen und ihn gewissermaßen über diese Blockaden „auszuhebeln“, was einen sehr wertvollen Übungsraum auch für die eigene Selbst-Erkenntnis bietet.

Worauf ich im Grunde hinaus will, ist Folgendes: Dass die Bewegungen der Tai-Chi-Formen ganz bestimmten Abläufen folgen, hat ihren nützlichen Hintersinn, nämlich den eigenen Bewegungs-Spielraum zu erhöhen und Blockaden, die diesen Einschränken, aufzulösen. Damit entsprechen die einzelnen vorgeschriebenen Bewegungsabläufe gewissermaßen dem, was ich an anderer Stelle hier auf diesem Blog „konstruktive Grenzen“ genannt habe: das Endziel ist es, sie überflüssig zu machen, weil sie ihren Zweck, den Bewegungsspielraum in einem bestimmten Bereich zu erhöhen, irgendwann erfüllt haben.

Dies ist, richtig angewendet, ein konstruktiver Anteil der Funktion der Form. Ein anderer hat viel mit Identität zu tun, und ist potentiell gefährlicher. Wenn ich die Form ausführe, bin ich Tai-Chi-Praktizierender. Weiche ich von ihr ab, bin ich es nicht mehr. Wenn ich die Gruppenzugehörigkeit brauche („Ich bin ein Tai-Chi-Mensch“), werde ich möglicherweise in einer Form verharren, die ihren eigentlichen Zweck (Erhöhung des Bewegungs-Spielraumes) längst erfüllt hat, und aufhören, mich weiterzuentwickeln. Das potentiell konstruktive Ritual wird dann rasch zum Selbstzweck, zur Falle.

Die Falle der Form in der Religion

Was ich weiter oben über Tai Chi geschrieben habe, lässt sich auch auf viele andere Lebens-Bereiche umlegen. Nehmen wir das große Thema Religion/Spiritualität. Gerade in unseren Zeiten stehen uns zahlreiche verschiedene Zugänge zu diesen Themen zur Verfügung, die uns (ich bin da gern optimistisch) ausnahmslos als „Übergangs-Formen“ dienen können, um unseren Bewegungs-Spielraum (der auch psychisch/seelisch verstanden werden darf) zu erweitern. So hat für mich die jüdisch-christliche Tradition und Überlieferung viele wertvolle „Formen“ und auch Rituale anzubieten, die uns Wachstumschancen eröffnen, aber auch ebenso der Islam, der Buddhismus, der Taoismus und viele weitere.

Jede dieser Zugänge hat seine Stärken wie auch seine blinden Flecken, ähnlich wie eine jede Übung zur Stärkung des Körpers auf manche Körperpartien besser und auf andere weniger gut auswirkt. Wer von uns würde sein Leben lang ständig nur die rechte Wade trainieren, und den Rest des Körpers völlig vernachlässigen? Und doch ist dieser Zugang in Bezug auf Religionen/Spiritualität weit verbreitet. Da wird Jahrhunderte lang darüber gestritten, welche Form die beste (oder gar die “einzig wahre”) sei, anstatt zu fragen, welche Form helfen kann, welche inneren Blockaden/Illusionen aufzulösen, und sich schlicht aus dem riesigen vorhandenen Fundus das zu wählen, was individuell stimmig wirkt. Man muss sich ja z.B. nicht offiziell Moslem nennen wenn man Angst hat, von Freunden dafür schief angeschaut zu werden, aber warum nicht soziale Identität und Nützlichkeit der einzelnen Formen an sich voneinander getrennt halten, und sich jeweils das an nützlichen Übergangs-Formen herauspicken, was individuell als hilfreich erlebt wird? Muss man ein wenig “spinnert” sein, wenn man sich mit Chakren beschäftigt, und diese Beschäftigung selbst als hilfreich erlebt?

Die Falle der Form in zwischenmenschlichen Beziehungen

Wer des Öfteren mal meine Barfuß-Geschichten gelesen hat (oder mich persönlich kennt), der dürfte ohnehin mittlerweile erraten haben, dass ich klassischen monogamen Beziehungen sehr skeptisch gegenüberstehe, und nicht wirklich nachvollziehen kann, warum man sich einem von vornherein derart anstrengend konzipierten Sozialen System freiwillig unterwerfen will. Warum also nicht mal auch öffentlich und ohne Verschleierung durch eine Geschichten-Form anmerken, dass ich mir seit vielen Jahren nur noch offene Beziehungen vorstellen kann (und diese auch lebe), wo es dem Verständnis dieses Artikels dienen mag?

Ich kann den Sinn und Zweck einer klassischen Beziehung als Übergangs-Modell nachvollziehen, um mit einer Art Prototyp menschlichen Miteinanders im Umgang mit dem anderen Geschlecht (oder gerne auch dem eigenen, aber im Sinne der Lesbarkeit erwähne ich das nicht mehr extra) „starten“ zu können. Als eine Art konstruktive Grenze, als Übergangs-Form, innerhalb derer es anfangs einfacher ist, Liebe und Sexualität zu erfahren und zu erforschen, ähnlich wie eine vordefinierte Form im Tai-Chi helfen kann, die eigene Beweglichkeit zu erhöhen. Aber ich habe zu oft bei Freunden/Bekannten beobachtet, wie sich diese Übergangs-Form verfestigt und zum Selbst-Zweck wird, zum Teil einer gemeinsamen Identität wird, deren Verlust bedrohlich wirkt, was zu allerhand absurden Folgeerscheinungen führt.

Viele meiner Freunde/Bekannten finden sich dann mit der Zeit entweder in unbefriedigenden Beziehungen wieder, springen von Beziehung zu Beziehung oder verzichten von vornherein ganz auf eine Kombination aus sexueller Anziehung und emotionaler Intimität (“Ich mache aus Prinzip nur mehr ONSs). Man fragt sich, in welche Rolle, in welche Form der neu kennengelernte Mann, die neu kennengelernte Frau, wohl passen könnte, und spielt mit dem Reiz der Unwissenheit, bis die Schematisierung vollbracht ist. Menschen werden kategorisiert in Familie, Freunde, Beziehung, Freundeskreis, ONS, …

Einige wenige (nach einigen Rückmeldungen teilweise auch von meinen Erzählungen inspiriert, was mich natürlich freut) trauen sich irgendwann dann doch, in das zu gehen, was ich für mich „stimmigen Kontakt“ getauft habe, in dem die etablierten Formen eine untergeordnete Rolle spielen, und das Miteinander anhand der Bedürfnisse der Betroffenen jeweils neu gestaltet wird. Nur zu oft werden dabei eigene und die Blockaden des Anderen auf diesem Gebiet der menschlichen Existenz allzu sichtbar und spürbar, und nicht immer ist die Überwindung einfach. Oft verändert sich das Miteinander drastisch, nachdem eigene innere Blockaden spürbar und damit auch bewusst werden, bisweilen ändern sich auch Leben von Grund auf.

Es ist für mich nach beinahe 10 Jahren „Praxis“ auf dem Gebiet die bisweilen anstrengendste, aber auch mit Abstand erfüllendste Art des Miteinanders, vor allem auch, weil ein solcher Zugang Räume eröffnet, um realen Bedürfnissen, die in keine etablierten Formen passen, Raum zu geben (wie häufig diese “un-passenden” Bedürfnisse keinen Raum finden, wie traurig und gleichzeitig völlig absurd dies eigentlich ist, davon dürften sich viele, die sich mit diesen Themen noch nie beschäftigt haben gar keine Vorstellung machen können). Und bis auf wenige Ausnahmen bin ich mit den meisten Frauen, die mein Leben in diesen 10 Jahren gekreuzt und bereichert haben, noch in Liebe verbunden, auch wenn sich die Form des Miteinanders bisweilen über die Jahre sehr verändert hat, oder ein Beteiligter bisweilen Distanz benötigte, um neu und verändert wieder aufeinander zugehen zu können.

Ich habe zahlreiche Frauen kennengelernt (auch Männer, aber zu denen fühle ich mich – bisher zumindest – nicht körperlich hingezogen), die mir erzählt haben, dass sie entweder nur fixe monogame Beziehungen wollten oder nur One Night Stands. Ersteres verspreche ich aus Prinzip nicht mehr, weil ich dafür zu oft die Erfahrung gemacht habe, dass ich mehrere Menschen zur gleichen Zeit lieben kann (und damit nicht alleine bin, entgegen gesellschaftlicher Standards dürfte das die – jedoch kaum je offen eingestandene, weswegen es nicht so wirkt – Normalität darstellen). Zweiteres habe ich in meinem Leben bisher noch nicht hingebracht, selbst diejenigen Frauen, die sich von Anfang an sicher waren, dass das eine einmalige Sache sei, kamen früher oder später in irgendeiner Form wieder. Einfach, weil es sich für sie stimmig anfühlte, und für mich ebenso, und da doch immer etwas von Liebe mitschwang, das nach Ausdruck verlangte, selbst wo (z.B. aufgrund zu großer Entfernung) klar war, dass man sich nicht allzu oft würde sehen können.

Ich habe über all die etablierten und bekannten Formen von Beziehungen einiges lernen dürfen und anerkenne durchaus ihren Nutzen als Übergangs-Form, aber auf Dauer erlebe ich es als absurd, eine Beziehung in irgendeiner vordefinierten Form zu leben und nicht in stimmigem Kontakt. Nur in letzterem kann ich letztendlich jeweils die stimmigen Formen des Miteinanders finden, die mir und dem jeweils anderen tatsächlich entsprechen.

Die Falle der Form im Lernen allgemein

Schlussendlich möchte ich noch von einem Gespräch erzählen, das ich unlängst mit einem guten Freund führte, in dem er meinte, ihn würden „studierte Leute“ manchmal ziemlich nerven, weil sie oft so redeten wie die Bücher, die diese gelesen hatten: „Da kann ich mir gleich das Buch kaufen und es selber lesen“

Was mich zu einem weiteren relevanten Zusammenhang in Bezug auf Formen führt: wenn sich die Form verselbstständigt, zum Selbstzweck wird, und über den stimmigen Kontakt gestellt wird – was ist dann noch mein persönlicher, individueller Mehrwert? Suche ich als Mann „eine Beziehung“ mit einer Frau, ist die Frau damit gewissermaßen das Mittel Frau zum Zweck Beziehung? Oder gehe ich stattdessen in stimmigen Kontakt mit einem anderen Menschen, und finde gemeinsam die jeweils passende Form für diese Kontakt, während ich die etablierten Formen – wenn überhaupt – nur übergangsweise nutze, um meine inneren Blockaden zu überwinden? Lese ich ein Buch, lerne ich von jemandem, um meine eigene innere Bewegungsfreiheit zu steigern, oder tue ich es, um zu einem “anerkannten” Vertreter der Lehre eines Anderen zu werden?

Oder bezogen auf den bunterrichten-Titelzusatz „Menschen helfen aufzublühen“: Nutze ich das Außen, um in der Überwindung des Außens mein Innerstes zum Vorschein zu bringen? Oder baue ich mir im Grunde nur selbst Beschränkungen auf, weil ich noch nicht nicht den Mut gefunden habe, meinem eigenen inneren Kompass zu vertrauen?

Niklas

P.S. einige Ankündigungen:

  • Morgen, 4.7., 20:00 halte ich im AberJa in Wien einen Vortrag: “Wer macht hier wen fertig?” – Familien- und Rechts-Systeme über die systemischen Ursachen von Mobbing und totalitären Systemen. Mehr dazu (und zu anderen Vorträgen/Workshops) hier…
  • Auf mehrfache Anfrage ist seit einigen Tagen das Forum wieder online, aber fühlt sich viel zu wenig beachtet. Schenkt dem doch mal etwas Aufmerksamkeit und füttert es mit interessanten Themen, es freut sich darüber 😉

Wie wird der Fehler zum Fehler?

Gestern hielt ich im FreiRaumWels einen meiner Vorträge, „Führen zur Selbstverantwortung“. In einem Teil des Vortrages spreche ich auch über das „Lustige Fehlersuchen“, das ich vor einigen Jahren mal in einer VS-Klasse erfunden hatte, um den Schülern die Angst vor dem Fehlermachen zu nehmen. Wie so oft, kam mir dann, während ich darüber sprach, eine simple, aber doch sehr mächtige Erkenntnis über die Natur des Fehlers. Abends sah ich mir dann noch eine Dokumentation über das Leben des Buddhas an, und plötzlich passten viele Puzzle-Teile perfekt aufeinander. Die Erkenntnis will ich euch natürlich nicht vorenthalten…

Die relative Natur des Fehlers

Bevor er zum „ausgewachsenen“ Fehler wird, durchläuft er – bildlich gesprochen – mehrere Entwicklungsstufen. Er beginnt als Intention. Jemand hat die Absicht, etwas zu erreichen. Der nächste Schritt ist die Auswahl der vermutlich geeignetsten Handlungsweise. Diese muss nicht notwendigerweise bewusst stattfinden, sie kann beispielsweise auch aus Gewohnheit entstehen. Danach erfolgt die Umsetzung der Handlung, und schlussendlich die Bewertung der Konsequenzen nach den Kriterien der Intention. Habe ich mein Ziel erreicht? Gibt es eine Abweichung vom Ziel, und wenn ja, wie ausgeprägt ist diese Abweichung? Daraus ergibt sich, ob ich „richtig“ gehandelt habe, oder aber auch, wie dramatisch mein Fehler (meine Abweichung vom Ziel) war.

Im Alltag wird wohl kaum jegliche Intention und Handlung dermaßen genau durchdacht werden, stattdessen wird wohl viel unbewusst ablaufen. Diese sehr genaue Betrachtungsweise ermöglicht jedoch einige interessante Beobachtungen und Überlegungen über die Natur des Fehlers.

  1. Die Möglichkeit, einen „Fehler“ zu machen, entsteht erst durch die Beurteilung des Endergebnisses nach bestimmten Kriterien. Ohne diese (nicht notwendigerweise rationalen) Beurteilungskriterien würde es uns unmöglich sein, Fehler als solche überhaupt zu erkennen. Unsere Welt wäre gewissermaßen „Fehler-los“.
  2. Wir können Beurteilungskriterien vor, während oder/und nach der Handlung anwenden, und werden möglicherweise zu verschiedenen Bewertungen gelangen. Es könnte beispielsweise sein, dass wir während einer Handlung zur Bewertung „falsch“ kommen und daraufhin die Handlung abbrechen, obwohl das Endergebnis durchaus positiv für uns gewesen wäre.
  3. Unterschiedliche Menschen können unterschiedliche Bewertungskriterien für die gleichen Intentionen annehmen.
  4. Unterschiedliche Menschen können selbst bei übereinstimmenden Bewertungskriterien zu unterschiedlichen Bewertungen gelangen.
  5. Dies führt zur Frage: welchen Menschen übertragen wir die Macht über unser Handeln zu, zu bewerten, was ein „Fehler“ ist und was nicht? Warum genau diesen Menschen? Und warum tun wir das überhaupt?

All diese Überlegungen zeigen uns eines auf: Fehler sind etwas Relatives. Selbst die exakt gleiche Handlung zur Erreichung der exakt gleichen Intention mag von unterschiedlichen Menschen unterschiedlich als korrekt, als Fehler oder auch als große Innovation interpretiert werden.

Abweichung: Die gemeinsame Voraussetzung von Fehler und Innovation

Ein Fehler und eine Innovation sind in ihrem “Embryo-Stadium” noch kaum zu unterscheiden: beide stellen lediglich eine Abweichung von der erwarteten oder sonst üblichen Handlungsweise dar. Dazu ein sehr simples Beispiel aus der Welt der Sprache: meine Ex-Freundin schreibt – ebenso wie ich – sehr gerne, und sie hat ein Talent dafür, Wörter zu erfinden, die es „nicht gibt“, aber sich beim Lesen trotzdem stimmig anfühlen. Eines meiner Lieblingswörter, die sie erfunden hat, ist „Angefühl“, z.B. verwendet für „im Angefühl der Trennung“. Als strenger Lehrer, mit dem Wörterbuch als Kriterium an der Hand, mag man das Wort nun ähnlich rot markieren wie mein Schreibprogramm das gerade gemacht hat – für mich hingegen ist es eine wunderschöne neue Wortschöpfung, eine Innovation. Wer aber entscheidet jetzt darüber, ob aus einer Abweichung ein Fehler oder eine Innovation wird?

Suchen wir nach einer Antwort auf diese Frage, kommen wir kaum um die Frage nach Machtverhältnissen herum. Derjenige, von dessen Wohlwollen/Unterstützung ich abhängig bin, hat eine gewisse Macht, meine Handlungen in richtig/Falsch einzuteilen.

Das Interessante daran ist, dass diese Macht nicht aktiv ausgeübt werden muss, indem mir jemand ständig sagt, was ich nicht schon wieder falsch gemacht habe. Es reicht, wenn ich vermute, dass jemand, von dessen Unterstützung ich abhängig bin, mein Verhalten als fehlerhaft ansehen wird. Es entsteht gewissermaßen eine Art Internalisierung der Bewertung des anderen, die dann irgendwann unabhängig von den tatsächlichen Bewertungen des Anderen in mir abläuft. Die Relativität des Fehlers geht verloren, er wird zu einem absoluten Fehler.

In der Folge passiert noch etwas sehr Interessantes: der Zeitpunkt der Bewertung verschiebt sich nach vorne. Habe ich ursprünglich noch ergebnisoffen gehandelt, und ist mein Handeln danach als fehlerhaft (oder auch nicht) bewertet worden, so findet dieser (interne) Bewertungsprozess nun zunehmend bereits während der Handlung, und irgendwann auch schon vor der Handlung statt. Um das Risiko zu minimieren, negative Konsequenzen durch denjenigen erleben zu müssen, von dessen Unterstützung man abhängig ist, wird irgendwann jede Abweichung vom erfahrungsgemäß „richtigen“ (= keine negativen oder sogar positive Konsequenzen) Verhalten vermieden. Eine absolute innere Blockade wurde geboren: “Das ist nun mal einfach so.”

Innovation und Schaumamoi

In den im Nachhinein betrachtet bisher schönsten Jahren meines Lebens (auf deren Lebenseinstellung ich mich – hoffentlich – nun langsam wieder hinbewege) dominierte eine Grundformel meinen Alltag: „Schau ma moi, wos passiert“, also gewissermaßen eine radikale Neugier, die sich jeglicher Vor-Bewertung möglicher Folgen entzog. Nicht alle Konsequenzen meiner Handlungen waren positiv, manche waren durchaus auch negativ, aber selten in meinem Leben fühlte ich mich einerseits derart frei und andererseits derart glücklich.

Was ich meinen Schülern später über das „Lustige Fehlersuchen“ beibrachte, praktizierte ich damals tagtäglich selbst: ich tat, was sich richtig anfühlte, und sah mir am Ende – nicht ohne eine gewisse Neugier – an, was dabei rauskam. Oft kam ohnehin viel Gutes dabei raus, und wenn etwas nicht ideal gelaufen war, war das Ergebnis oft Grund zur Heiterkeit und Basis zahlreicher humorvoller Geschichten, die man miteinander teilen konnte.

Dieses Schaumamoi war möglicherweise der größte Schatz, den ich jemals besessen hatte. Jahre später, nach eingehender Beschäftigung mit allen möglichen religiösen Texten und vor allem auch östlicher Philosophie, finde ich ziemlich viel davon in buddhistischen Texten wieder, die von einem Loslassen der Anhaftung an gewünschte Folgen des eigenen Tuns sprechen. Sie sprechen nicht darüber, nichts mehr wollen zu dürfen, sondern darüber, sich von der Notwendigkeit zu lösen, dass dieses Wollen exakt so wie gewollt Realität wird. Gewissermaßen ein Handeln mit einem Schaumamoi, und am Ende einem wertneutralen Herausfinden, was denn nun tatsächlich geschehen ist. Nicht ein Ende des Tuns, sondern eine Reduzierung der Wichtigkeit der erwünschten Konsequenzen des Tuns. Was sich praktischerweise auch gut deckt mit den Lehren des Taoismus, mit denen ich mich oft sehr gut identifizieren kann.

Die Illusion der Beständigkeit

Ein Aspekt aus der östlichen Philosophie (woher exakt ich den nun habe ist mir entfallen, aber das Woher für mich auch irrelevant, solange das Was Sinn ergibt), der mir besonders gefällt, ist die Erkenntnis, dass alles gleichzeitig ewig und vergänglich ist. Es wird möglicherweise immer (oder zumindest noch für lange Zeit) Jahreszeiten geben, aber dieser Sommer für sich ist einzigartig, und dem Kreislauf von Entstehen/Vergehen unterworfen. In unserer Wahrnehmung wird es noch viele Montage geben, gewissermaßen ist “der Montag” als Konzept damit „ewig“, aber jeder Montag für sich ist einzigartig. Ich werde in meinem Leben wohl noch viele Menschen kennenlernen, und der Kontakt mit Menschen ist gewissermaßen ewig, weil immer wiederkehrend, aber die einzelnen Menschen und die einzelnen Begegnungen und Momente mit ihnen sind einzigartig. Damit ist gleichzeitig jeder Moment unendlich wertvoll, und ein möglicher Neuanfang, aber auch jeglichem Druck, etwas ganz Großes aus ihm zu machen, enthoben: er ist auch ewig, wiederkehrend. Ihn „verschwendet“ zu haben (der Bezug zum „Fehler“ mag hier auffallen) hat keine große Relevanz, weil er (in anderer Form) wiederkehren wird.

Es gibt damit unabhängig von der Situation, in der ich mich befinde, keinen Grund zur Hoffnungslosigkeit, weil jeder Moment die Chance eines radikalen (“radix” = Wurzel) Neuanfangs in sich birgt. Ich kann in jedem Moment einfach aufstehen, aus dem Haus gehen, und ein völlig neues Leben beginnen – wenn ich bereit bin, die Konsequenzen zu ertragen. Meine Anhaftungen (=Fixierung auf erwünschte Konsequenzen meiner Handlungen) sind somit meine einzigen realen Blockaden meiner absoluten Freiheit.

Ein Schlüssel zur Überwindung der Angst vor dem Fehler

In Bezug auf unser Thema des Fehlers ist das Durchschauen dieser Illusion der Beständigkeit ein möglicher Schlüssel zur Überwindung der Angst vor dem Fehler. Denn eine Vor-Bewertung oder Während-Bewertung einer Handlung macht nur dann Sinn, wenn wir das Endergebnis verlässlich vorhersagen können. Wäre die Welt beständig und keinem Wandel unterworfen, so würde eine solche Vorhersage tatsächlich immer Nutzen bringen, weil wir damit die Welt und ihre Wirkungsgesetze zunehmend besser verstehen könnten.

Da sich die Welt trotz ihres ewigen Aspekts aber auch stets im Wandel befindet, ist eine Vor- oder Während-Beurteilung eine Verkennung der Realität, eine gewissermaßen selbst auferlegte Machtlosigkeit. Wir gehen davon aus, dass unser Verhalten, oft genug als „Fehler“ rückgemeldet, gewissermaßen „absolut“ ein Fehler sein muss, und versuchen dann, diese Fehler von vornherein zu vermeiden, um damit die Konsequenzen, die wir fürchten, zu vermeiden – bis wir uns irgendwann möglicherweise kaum mehr erinnern können, wie wir überhaupt zu dem Schluss gekommen sind, dass ein Verhalten „falsch“ sein müsse.

Das Problem dabei ist (neben vielen anderen), dass Fehler, wie eingangs erwähnt, im Grunde immer nur relativ, nur situativ als solche bewertet werden können. Was unsere Eltern uns, als wir Kinder waren, als „falsch“ eingetrichtert haben, mag für damals durchaus hilfreich und sinnvoll gewesen sein, aber ist es das nun als Erwachsener immer noch? Oder vielleicht war es auch damals schon nicht konstruktiv, aber wir waren als Kinder eben zu abhängig von den Eltern, um widersprechen zu können – aber sind wir das immer noch?

Das Gefängnis der Erwartungen

Vermutlich haben wir uns alle im Laufe unseres Lebens ein gewisses Maß an Erwartungshaltungen von richtig/falsch angeeignet, die von unseren Abhängigkeitsverhältnissen geprägt sind. Das ist nicht zwingend etwas Negatives, war wohl oft auch notwendige Überlebens-Strategie

Dort jedoch, wo wir zu erahnen beginnen, dass wir uns dadurch selbst blockieren, mag die Frage sinnvoll sein, wer im Bereich dieser Blockaden die Hoheit über die Bewertung besitzt: wir selbst, die wir uns durchaus auch bewusst für ein Schaumamoi entscheiden können, um herauszufinden, welche Handlungen sich für uns stimmig anfühlen? Oder vielmehr jemand, von dem wir glauben, abhängig zu sein, und von dem wir glauben, dass er bestimmte Verhaltensweisen wünscht oder ablehnt? Im letzteren Fall steht uns – zumindest als Erwachsenen – die Möglichkeit offen, mit den betroffenen Personen offen über ihre tatsächlichen Bedürfnisse zu kommunizieren, anstatt unseren Verhaltens-Spielraum möglicherweise unnötigerweise weiter basierend auf Annahmen einzuschränken. Oft haben sich diese im Laufe der Zeit verändert, oder wir haben sie von vornherein nicht treffend interpretiert. Oder aber die (erlebte) Abhängigkeit von den betroffenen Personen kann reduziert werden, etwa indem man sich einen neuen/zusätzlichen Arbeitgeber sucht, oder weitere Freunde kennenlernt, um die Abhängigkeit von den Meinungen des besten Freundes zu reduzieren. Vielleicht auch einen Konflikt wagt, und feststellt, dass sich die Machtverhältnisse mit der Zeit verändert haben.

Diese Überlegungen erinnern mich ein bisschen an ein sehr schönes Bild, das mein Tai Chi Lehrer René oft benutzt hat. Er ließ sich von einem Freiwilligen an den Handgelenkten fassen, und zeigte, wie verkrampft jemand dabei werden konnte, weil er glaubte, nun „gefangen“ zu sein. Entspannte er seinen Körper, so konnte er wunderbar vorzeigen, so war er im Grunde überhaupt nicht gefangen, konnte sich immer noch sehr frei umherbewegen, oder je nach Wunsch auch denjenigen, der ihn an den Handgelenken packte, gerade aufgrund der dadurch entstandenen Verbindung seinerseits kontrollieren. Die Verkrampfung in solch einer Situation ist eine automatische Reflexhandlung, die uns das Gefühl gibt, unfrei zu sein. Bewusstes Entspannen und Zulassen können zeigt auf, welche Freiheiten wir eigentlich trotz aller angeblichen “Einschränkungen” haben.

Da unsere Erwartungen, unsere – ähnlich reflexartige – Angewohnheit, Bewertungen schon vor oder während einer Handlung vorzunehmen, um negative Konsequenzen seitens denen, von denen wir uns abhängig glauben, zu vermeiden, gewissermaßen „in uns“ stattfindet, können wir sie auch aktiv beeinflussen. Mein „Meditationswort“ dafür ist dieses irgendwann entstandene „Schau ma moi, wos passiert“, aber im Grunde braucht es das nicht – ich finde es nur lustig (Humor hilft definitiv!), und es versetzt mich recht zuverlässig zurück in jene Zeit, in der ich diese Praxis ganz natürlich sehr meisterhaft beherrscht habe.

Warum ich sie überhaupt ein Stück weit verlernt habe? Nun, der Einstieg ins „echte“ Berufsleben war sicher ein Faktor. Vielleicht musste ich sie auch erst verlernen, dann mühsam neu erlernen, um sie auch anderen vermitteln zu können, die nicht diese natürlich entstandene Vorerfahrung mitbringen, wer weiß?

Niklas

P.S.: Einige Ankündigungen, genaueres dazu gibts wie gewohnt unter Vorträge/Workshops

  • Nächste Woche Montags, 19:00, gibt’s im FreiRaumWels den dritten Vortrag meiner kleinen Vortragsreihe. Diesmal geht’s um Familien- und Rechts-Systeme: systemische Ursachen der Entstehung von Mobbing und totalitären Systemen (die sich interessanterweise sehr ähneln), und auch, was das für unsere aktuelle politisch-gesellschaftliche Situation in Österreich bedeuten mag.
  • Das Konzept dazu steht noch nicht ganz konkret, aber ich werde wohl in Wels eine Art “Filiale” vom Tai Chi Kurs meines Lehrers René aufbauen, nachdem mir einige rückgemeldet haben, sie hätten Interesse, wollen aber nicht nach Braunau fahren deswegen. Hab mir mal gesagt, bei 3 Interessenten würd ich das machen, 2 haben sich schon gemeldet. Wir wohl kein reiner Tai Chi-Kurs werden, sondern ähnlich wie bei René’s Kurs auch viele Aspekte wie Auflösung von Blockaden, Entspannung, Philosophie dahinter etc. werden. Genauere Infos folgen wie gewöhnt unter Vorträge/Workshops, bei grundsätzlichem Interesse wär eine Vormerkung bei mir sinnvoll, dann kann ich das besser planen, bzw. vielleicht auch mögliche Termine so abstimmen, dass möglichst viele Interessenten Zeit dafür finden können.
  • Unsere ResonanzWörter-Übungsgruppe Öffentliches Sprechen jeweils Sonntags, 18:00 im FreiRaumWels wird langsam eine beständigere Gruppe, jetzt waren wir schon 2x zu viert, das zählt dann schon fast als „Öffentlichkeit“. Wer Lust hat mal vorbeizuschauen, sehr gerne, ist auch echt immer sehr spaßig gewesen bisher. Da das Zusammentreffen ausfällt, falls nicht genug Besucher zusammenkommen, bitte bei Interesse bei mir (per SMS z.B.) melden, damit ich bei Nicht-Zustandekommen auch absagen kann, sonst steht wer vor verschlossener Tür, das wär schade 😉

Die Filter unserer Wahrnehmung

Vor einigen Jahren durchlebte ich eine Phase in meinem Leben, in der ich mich für ein glückliches Leben entschieden hatte. Wie diese glückliche Phase exakt begann, ist in den Untiefen meiner Erinnerung verloren gegangen. Aber ich kann mich daran erinnern, mich dafür entschieden zu haben, Glück in die Welt auszustrahlen, und jegliche Reaktionen meiner Umwelt positiv zu interpretieren.

Die Konsequenzen waren unglaublich. Über Monate, Jahre traf ich kaum je einen Menschen, mit dem ich negative Erfahrungen gemacht hätte. Lernte fast tagtäglich wunderbare neue Menschen kennen, und fühlte mich im Großen und Ganzen pudelwohl mit mir selbst und meiner Umgebung. Mein Selbst-Vertrauen war groß, und noch größer war mein Welt-Vertrauen.

Jahre später sorgte ein ähnlich ausgeprägtes Urvertrauen in das Gute in der Welt dafür, dass ich in meiner Naivität die Möglichkeit politischer Intrigen und Machtkämpfe in meinem Arbeits-Umfeld völlig ausblendete, selbst als die Anzeichen dafür für jeden anderen offensichtlich gewesen wären. Es folgte eine längere Zeit, in der ich versuchte, mit diesem „realistischeren“ Weltbild klarzukommen. Eine wichtige Zeit, in der ich viel über die Komplexität des menschlichen Seins und Miteinanders gelernt habe. Aber glücklicher hat mich diese Zeit nicht gemacht.

Oft dachte ich an jene Zeit vor einigen Jahren zurück, als völlig unabhängig von äußeren Umständen in mir stets die Sonne zu scheinen schien, und fragte mich, warum es mir nun, Jahre später, so viel schwerer fiel, diesen unbeschwerten Zustand erneut zu erreichen. Natürlich hatten sich auch einige Umstände seit damals geändert: viele meiner besten Freunde hatten sich ebenso verändert, oder lebten mehrere Hundert Kilometer entfernt von mir. Ich war voll ins Arbeitsleben eingetreten, die „Schonzeit“ des Studiums war nun offensichtlich vorbei.

Und doch… irgendetwas schien mir falsch daran zu sein, hier nur eine Art „natürlichen Verlauf“ eines Lebens nachgezeichnet zu sehen. Vor allem aber auch frustrierend: was für eine Verarschung war ein Leben, das einen erst 20-25 Jahre lang zeigte, wie sich Glück anfühlen kann, um dann nochmal 3-4x so lang zu sagen „Sry, diese Phase ist jetzt vorbei für dich“?

Und dann begann mich eine noch sehr nebulöse Idee nicht mehr loszulassen: dass unsere Identität und Weltbild möglicherweise gewissermaßen Filter darstellen – die wir bewusst kontrollieren lernen können.

Filter unserer Wahrnehmung

Ich stellte mir die Frage erneut, warum ich vor einigen Jahren jeden Tag unglaublich geniale Begegnungen hatte und jetzt nicht mehr. War es tatsächlich nur an meiner Entscheidung gelegen, die Welt positiv zu betrachten? Erschufen wir durch unsere Erwartungen – wie es manche behaupteten – tatsächlich erst die objektive Wirklichkeit?

Es schien irgendwie unrealistisch, davon auszugehen, dass sich innerhalb weniger Jahre die Anzahl an sympathischen Menschen objektiv so dermaßen verringert hatte. Was also, wenn ich schlicht die Fähigkeit eingebüßt hatte, sie wahrzunehmen? Angenommen, auch heute würden sich ca. gleich viele geniale Menschen in meinem Umfeld bewegen, aber ich wäre gewissermaßen „blind“ für sie geworden: würde ich dann nicht in meiner subjektiven Wahrnehmung keine sehen, obwohl sie objektiv betrachtet durchaus da waren? Ich hatte sie gewissermaßen aus meinem subjektiven Erleben „ausgefiltert“. Und da mein subjektives Erleben mein tatsächliches Erleben darstellte, erlebte ich die Welt eben nun nicht mehr so interessant und voll sympathischer Menschen als früher.

Dies würde sich selbst dann nicht ändern, wenn in meinem Umfeld aus irgendeinem äußeren Grund plötzlich doppelt so viele sympathische Menschen herumlaufen würden – ich würde sie trotzdem nicht sehen können, weil ich dann eben doppelt so viele Menschen aus meinem bewussten Erleben ausfiltern würde. Oder umgekehrt: wenn ich mehr sympathische Menschen treffen möchte, reicht es nicht, auf bessere Zeiten zu hoffen – ich muss stattdessen meinen Filter „säubern“ bzw. neu einstellen.

Das hatte ich wohl damals ohne es zu wissen richtig gemacht: ich hatte meine Filter darauf eingestellt gehabt, mir hauptsächlich positive Seiten der Welt zu zeigen. Vermutlich passierte damals ebenso viel Negatives und Positives wie jetzt auch, aber damals hatte ich durch meine Entscheidung das Negative ausgefiltert, und dadurch fast nur Positives erlebt.

Nun, die letzten Wochen, habe ich ganz bewusst damit experimentiert, und festgestellt, dass das Phänomen beständig ist: wenn ich meine Filter bewusst zu lenken beginne, verändert sich mein subjektives Erleben entsprechend. Ich beginne wieder, Möglichkeiten wahrzunehmen, die ich die letzten Jahre von vornherein herausgefiltert hatte. Treffe plötzlich wieder unzählige interessante Menschen. Irgendetwas muss dran sein an meinem Filter-Konzept…

Unser mehrstufiges Filtersystem

Die Schwierigkeit, mit diesen Filtern zu arbeiten, ist, dass wir sie meistens unbewusst einsetzen. Unsere bewusste subjektive Wahrnehmung ist ja bereits vorgefiltert, daher ist es schwierig, den Filterungs-Prozess überhaupt zu bemerken.

Glücklicherweise kann uns der Vergleich unseres Erlebens mit unserem vergangenen Erleben (wie oben beschrieben) helfen, oder auch der Vergleich mit anderen Menschen, die die Welt anders wahrnehmen als wir. Ein eher depressiv „gefilterter“ Mensch wird in der Welt andere Möglichkeiten wahrnehmen als ein positiv „gefilterter“ Mensch, und uns mit anderen zu vergleichen, zeigt uns die Realität auf, dass ein jeder Mensch filtert.

Da ich erst dabei bin, mit dem Konzept der Filter zu experimentieren, hier nur eine Art erste Skizze, wie unsere Filter-Hierarchie nach meinen ersten Experimenten und Reflexionen aufgebaut sein könnte:

Ganz unten finden wir die Welt, wie sie ist.

Unsere Sinne sind der erste Wahrnehmungs-Filter. Alles, was unsere Sinne nicht wahrnehmen können, bleibt uns verborgen. Daraus entsteht unsere Wahrnehmung, gewissermaßen die Rohe Summe an Sinnes-Eindrücken.

Diese große Anzahl an Sinnes-Eindrücken wird nun eingeordnet in bekannte Muster, um sie zu deuten. Unser Bewusstsein nimmt diese ja nicht in Roh-Form wahr, sondern in ihrer angenommenen „Bedeutung“. Es kann nur deuten, was es einordnen kann. Kann es Sinnes-Eindrücke nicht einordnen, so entsteht Unklarheit/Überforderung. Dieser Filter ist gewissermaßen unser Bild von der Welt.

Ein weiterer Filter ist unsere eigene Identität. Möglicherweise deuten wir unsere Wahrnehmung korrekt, dass ein Mensch an unserer Stelle nun diese oder jene Handlungsmöglichkeiten hätte, aber wir als der Mensch, der wir sind, schränken diese weiter ein, um unsere Identität nicht infrage stellen zu müssen. Beispielsweise mag die Deutung der Situation aufgrund der Vorfilterung anzeigen, dass ein Anschreien des Gegenübers angebracht wäre, aber als „Mensch, der nie andere anschreit“ (=Identität) tun wir das nicht.

Ein bewusstes Verändern der Filter

Erfolgreiche Menschen haben möglicherweise einfach ein konstruktiveres Filter-System, das ihnen Möglichkeiten sichtbar macht, die andere aus dem bewussten Erleben herausfiltern würden. Mir ist zum Beispiel aufgefallen, dass ich, wenn mich jemand gefragt hat, was ich beruflich mache, eine Zeit lang (korrekterweise) gemeint habe, ich „mache mich gerade selbstständig“. Diese Identität filtert die tatsächlichen Möglichkeiten in einer Situation anders, als würde ich von mir selbst behaupten, ich „bin selbstständig“. Vielleicht fällt es mir beispielsweise als „neuer“ Selbstständiger schwerer, für meine Angebote Geld zu verlangen, als es mir als Selbstständiger (ohne den Zusatz “bin gerade dabei es zu werden) fallen würde.

Wie aber verändert man nun tatsächlich seine Filter? Das kommt meiner Ansicht nach ein Stück weit auf die Art des Filters an, den man verändern möchte. Möchte man seine Sinnes-Filter verändern, kann man direkt seine Sinne verfeinern. Etwa wenn jemand, der gerne Wein trinkt, einen feineren Gaumen bekommen möchte, oder ein Musiker sein Gehör trainiert.

Will jemand seinen Filter verändern, der die Einordnung und Deutung der Wahrnehmung betrifft, so wird er sich damit beschäftigen, alternative und komplexere „Muster“ zu erlernen, um seine Wahrnehmung verfeinert zu den Deutungen zuordnen zu können, die ihnen entsprechen. In meinem Fall beispielsweise habe ich die letzten Jahre gelernt, auch die „dunkle Seite“ des menschlichen Miteinanders wahrnehmen und korrekter deuten/einschätzen zu können. Es hat mich in der Zeit nicht glücklicher gemacht, aber mich in stimmigeren Kontakt mit der Welt gebracht. Man könnte sagen, meine Deutungen der Wahrnehmung ist realistischer geworden, weil ich mehr Möglichkeiten habe, sie in verschiedene zur Verfügung stehende Muster einzuordnen und entsprechend zu deuten.

Geht es um den Filter der eigenen Identität, so kann der universelle Entwicklungskreislauf, über den ich bereits viel geschrieben habe, hilfreich sein. Kaum jemand schafft es auf Dauer, gegen das eigene Selbstbild zu handeln, deshalb ist es wichtig, auch diesen Filter genau zu betrachten.

Die drei Filter bauen gewissermaßen aufeinander auf – jemand, der beispielsweise nur einen sehr groben Sinn für Emotionen hat, z.B. nur subjektiv „gute“ von „schlechten“ unterscheiden kann, dessen Einordnung der Sinnes-Informationen wird (in diesem Bereich) auch nur eine geringe Komplexität erreichen können. Wenn dieser Jemand nun lernt, feiner zwischen verschiedenen Emotionen zu unterscheiden, so wird es ihm auch leichter fallen, seine  Umgebung einschätzen zu lernen. Meine Sensibilität für Emotionen ist beispielsweise extrem ausgeprägt, jene für das Riechen lächerlich gering.

„Glück“ filtern?

Ist an diesem zugegebenermaßen noch etwas nebulösen Filter-Modell etwas dran, so würde es für mich gut erklären, warum ich vor einigen Jahren schlicht durch Entscheidung eine so glückliche Zeit erlebt habe: ich hatte bewusst meinen Filter der Deutung der Welt so „eingestellt“, dass ich überall Schönheit und Möglichkeit wahrnahm, und die „negativeren“ Interpretationen der Welt schlicht herausgefiltert hatte. Das machte es einfach, an das Gute in der Welt zu glauben, und einfach für die Welt, mir mein Weltbild zu bestätigen, weil ich das Positive, das ich in der Welt annahm, auch selbst ausstrahlte.

Es machte mich aber auch verwundbar, von der „dunklen Seite“ des Menschlichen, die ich dabei ausfilterte, überrumpelt zu werden. Es verhinderte, dass ich die Fähigkeit zur Einordnung und Deutung entwickelte, aus den für andere wohl offensichtlichen Anzeichen in meiner Umgebung schlau zu werden und mich entsprechend für die bevorstehenden Kämpfe zu rüsten. Gewissermaßen zog ich fröhlich, nichtsahnend und unbewaffnet in einen Krieg gegen gut vorbereitete Gegner – den ich natürlich haushoch verlor.

Es waren schmerzliche Erfahrungen, aber auch wertvolle: die Welt nur positiv zu filtern, reicht nicht. Man muss auch die andere, „dunklere“ Seite sehen können, um gerüstet zu sein. Muss – wie es in einigen Kampfkünsten so schön heißt – lernen zu kämpfen, um nicht kämpfen zu müssen.

Die Welt an sich ist weder gut noch schlecht. Sie ist einfach. Unsere subjektive Welt jedoch, die Welt, die wir erleben, für die sind wir mitverantwortlich, weil unsere Filter sie gestalten.

Niklas

P.S.: Nächsten Dienstag, 19:00, halte ich im FreiRaumWels einen Vortrag über den universellen Entwicklungskreislauf, die Wochen drauf auch noch weitere. Bitte weitersagen – und natürlich auch selbst vorbeischauen, wenn sichs irgendwie ausgeht 🙂

Bildung und Macht

Aufgrund aktueller Entwicklungen innerhalb einer Online-Community, in der ich seit gut 10 Jahren aktiv bin, habe ich mich die letzten Tage wieder einmal sehr intensiv mit der Frage beschäftigt, inwieweit Macht und damit auch potentielle Machtkämpfe mit Lernen verstrickt sind. Was in dieser Online-Community gerade sichtbar wird, ist für mich eine vereinfachte Variante dessen, was wohl auch im Schulsystem als Ganzes hinter den Kulissen abläuft.

Über die letzten Jahre habe ich viele Einzel-Initiativen in Bezug auf das Schulsystem entstehen und vergehen sehen, die rein auf das Lernen bezogen durchaus sinnvolle Aspekte hervorgehoben haben. Die meisten davon verfehlten es jedoch, die derzeitige Funktion der Schule als Machtinstrument anzuerkennen.

Auch meine eigenen Erfahrungen als Lehrer lassen sich damit besser verstehen. In meinem absoluten Fokus auf effizientes und als sinnvoll erlebtes Lernen hatte ich es versäumt, mich der Macht-Frage überhaupt zu stellen. Ohne es zu beabsichtigen (oder zu bemerken), stellte ich damit etablierte Macht-Strukturen in Frage – dass ich in Folge immer wieder Schwierigkeiten mit Vorgesetzten bekommen würde, war im Grunde die natürliche Konsequenz.

Entwicklungen in besagter Online-Community

In besagter Community ging es ursprünglich darum, Missverständnisse zwischen bestimmten Gruppen an Menschen zu vermeiden, indem man sich über subjektive Erfahrungen austauschte und voneinander lernte. Über die Jahre entwickelten sich verschiedene Sub-Gruppen, die bestimmte Zugänge für sich entdeckt hatten, aber man kam immer noch ganz gut miteinander aus, und respektierte, dass man voneinander lernen konnte. Zwischendurch wurde eine Weile lang von den Betreibern der Community sehr strikt in Konflikten eingegriffen, was zu vorschnellen Ausschlüssen von inhaltlich sehr produktiven und hilfreichen Mitgliedern führte. Als der Widerstand gegen diesen „Polizeistaat“ zunahm, wurde beschlossen, auf eine Moderation völlig zu verzichten, und auf gegenseitige Moderation der Mitglieder selbst zu setzen.

Dies funktionierte eine Weile ganz gut, bis sich mit der Zeit eine Art „Puristen“-Gruppe herausbildete. Diese behaupteten, die Community würde doch durch bestimmte Mitglieder nur gebremst und verwässert werden. Deswegen würde die Community für eventuelle Neuzugänge unattraktiver werden, weil die durchschnittliche „Qualität“ der Beiträge so gering sei. Es gäbe – „wie doch jeder wisse“ – eine Art natürlichen Verlauf des Werdeprozesses in der Community, und die „Verwässerer“ würden sich (aus Faulheit, Ignoranz, …) weigern, die nächsten notwendigen Schritte zu beschreiten. Anfangs wurden Mitglieder mit abweichenden Meinungen nur daran „erinnert“, dass der nächste Schritt – völlig unabhängig von der durch das Mitglied beschriebenen Situation – derjenige sei, den die Community-Erfahrung für diesen „Level“ vorgebe.

Später wurde jeder vom etabliertem Community-Glauben abweichender Beitrag als persönlicher Angriff auf die Gurus betrachtet und entsprechend reagiert – bis zu dem Punkt, an dem die „Freigeister“ entweder die Community verließen, sich nur noch private Nachrichten schrieben oder diejenigen, die sich immer noch trauten öffentlich zu schreiben, völlig unabhängig vom Inhalt des Geschriebenen persönlich angegriffen wurden.

Als einige dieser „Freigeister“ aufzeigen wollten, dass der Zweck der Community nie exakt definiert worden war (und damit auch schwierig objektiv festzustellen war, was „Qualität“ bzw. thematisch passend war), eskalierte die Situation weiter. Bestimmte in der Community über Jahre entstandene (und in ihrer Bedeutung Veränderungen unterworfene) Begriffe wurden als selbsterklärend und ewig wahr vorausgesetzt. Dass voneinander abweichende Lernwege zu ähnlichen Zielen führen könnten, wurde als irrige Vorstellung abgeurteilt. Den wenigen verbleibenden Freigeistern, die für sich selbst das Recht beanspruchten, von etablierten Community-Erfahrungen abweichende Wege einzuschlagen, wurde vorgeworfen, sie würden sich für etwas Besseres halten. Deswegen sei es auch gerechtfertigt, auf diese Druck auszuüben, sich entweder dem Dogma der Community zu unterwerfen, oder aber sie zu verlassen.

Wie sich der Großteil meiner Leserschaft wohl vorstellen kann, bin ich einer der direkt Betroffenen.

Lehren aus besagter Online-Community

Aus einem Ort, an dem ursprünglich viele individuelle Lernwege und Erfahrungen wertfrei ausgetauscht wurden, entwickelte sich mit der Zeit ein Ort, der über die Zwischenstation von mehreren Sub-Gruppen eine Art kollektives Geschichte entstehen ließ. Anfangs war diese kollektive Geschichte ein sehr hilfreiches Konzept, weil es eine Möglichkeit bot, die vielen verschiedenen individuellen Erfahrungen in einen größeren Kontext zu bringen.

Bald jedoch verselbstständigte sich diese kollektive Geschichte, und wurde vom wertvollen Angebot zunehmend zum „einzig richtigen“ Weg. Mitglieder, die auf alternativen Wegen zu ähnlichen Schlüssen wie jene gekommen waren, die den „einzig richtigen“ Weg gefolgt waren, wurden deskreditiert. Man solle doch bitte erstmal die vorgeschriebenen „Stufen“ durchlaufen, bevor man so reden dürfe.

Interessanterweise wuchs die Zahl jener, die sich selbst für die „Elite“ und die „Bewahrer des Wahren“ hielten, ab dem Zeitpunkt, als die Angriffe auf Andersdenkenden zunahmen, sehr rasch an. Für neue Mitglieder entstand die Möglichkeit, in sehr kurzer Zeit als Teil der „Elite“ akzeptiert zu werden, wenn sie nur ebenso predigten, was die kollektive Geschichte erzählte. Andere, ursprünglich moderatere Mitglieder, schlossen sich nun ebenso der „Elite“ an, um nicht mehr Zielscheibe der Angriffe zu sein – ein Prozess, wie er wohl auch in totalitären Systemen stattfindet.

Die Frage, die sich mir in all dem stellte, war die Folgende: aus eigener Erfahrung als Lehrer und Lernender weiß ich, dass ein einzig vorgegebener Lernweg für viele verschiedene Menschen selten die effizienteste Variante ist, um das Lernen zu fördern. Und doch wird er – in besagter Online-Community mit „besserem Lernen“ begründet. Die einzig sinnvolle Erklärung, die mir für dieses Phänomen einfällt, ist die folgende: Es geht dabei um Macht, und „Lernen“ ist die vorgeschobene Begründung und Rechtfertigung dafür.

Machtstrukturen und Lernen: Die Funktion von Prüfungen

Eine grundlegende Funktion der Schule in unserer Gesellschaft, über die kaum gesprochen wird, ist jene, junge Menschen daran zu gewöhnen, dass nur ein Teil von dem, was sie lernen, gesellschaftlich betrachtet „wertvoll“ ist – und dass dieser „wertvolle“ Teil ihnen von außen verliehen wird, und nicht aus ihnen selbst kommt. Um diesen Wert verliehen zu bekommen, müssen sie sich diesem Außen fügen, und den Erwartungen dieses Außen entsprechen. Diese Funktion erfüllen unter Anderem Prüfungen.

Anders als viele Bildungsinitiativen halte ich Prüfungen und ihre Funktion nicht für an sich schlecht, wenn sie in ihrer konstruktiven Variante der Türöffner-Prüfung umgesetzt werden. Dies bedeutet, dass eine Prüfung:

  • Verschiedene Lernwege zum Bestehen hin ermöglicht
  • Freiwillig abzulegen ist (niemand wird dazu gezwungen)
    • Prüfer wählt Zeitpunkt (aus verschiedenen möglichen Terminen)
    • Prüfer hat Vorteile bei Bestehen der Prüfung (deswegen „Türöffner“-Prüfung)
  • Gleichwertig wiederholbar ist (das beste Ergebnis zählt)
  • Vorhersehbar ist (eine Vorbereitung nach individuell passendem Lernweg ist möglich)
  • Objektiv beurteilt wird

Eine Prüfung, die diese Kriterien erfüllt, erfüllt für mich eine gesellschaftlich sinnvolle Funktion, weil sie die Voraussetzung für gesellschaftlich anerkannte Berechtigungen sein kann. Das klassische Beispiel ist der Führerschein. Man muss ihn nicht machen, aber es hat Vorteile, es zu tun.

In der Schule jedoch herrscht üblicherweise eine andere Art von Prüfung vor, die jene Kriterien nicht erfüllt, dafür aber den Prüfenden (meist den Lehrer) eine gewisse Machtposition über den zu Prüfenden einräumt. Eine Machtposition besteht zwar auch bei Türöffner-Prüfungen, aber bei Türöffner-Prüfungen entsteht sie dadurch, dass der zu Prüfende aus sich heraus die Prüfung ablegen will (um bei Bestehen zusätzliche Rechte zu erhalten), während bei üblichen Prüfungen der Wunsch zur Prüfung nicht vom zu Prüfenden ausgeht.

Prüfungen und Macht

Nun gibt es jedoch noch eine weitere Problematik, die daraus entsteht. Die einzig wirkliche Aussage, die bei einer bestandenen Prüfung getroffen werden kann, ist jene, dass der Prüfling es geschafft hat, den Anforderungen des Prüfers gemäß zu antworten/handeln. Anerkanntes Lernen ist damit gleichzusetzen mit Unterordnung unter die Vorstellung des Prüfenden. Oder umgekehrt betrachtet: derjenige, der in der Position ist, zu prüfen, befindet sich strukturell in einer Machtposition.

Diese Machtposition in Bezug auf die Definition des Verhaltens bleibt auch nach der Prüfungssituation selbst noch weiterhin aufrecht. Wer z.B. Lebens- und Sozialberater werden möchte, bewegt sich (solange er als solcher auftritt) innerhalb gewisser Verhaltensgrenzen, die bestimmte Menschen für ihn definiert haben. Dies kann auch durchaus Sinn machen, wenn die Person an der Spitze der Hierarchie, die dadurch entsteht, sehr fähig ist. Was aber, wenn die Spitze jener Hierarchie gewissermaßen „am Stinken“ ist, oder – wie im beschriebenen Beispiel mit der Community – möglicherweise soziale Prozesse zu einer Machtkonzentration führen, der schwer entgegnet werden kann?

Steve Jobs soll mal gesagt haben, dass A-Menschen gerne B-Menschen um sich scharen, B-Menschen gerne C-Menschen usw., also Menschen, die ihnen nicht gefährlich werden können. Wirklich fähige Menschen jedoch umgeben sich laut ihm (und ich stimme ihm da zu) mit Menschen, die (zumindest in den Teilbereichen, um die es geht) besser sind als sie selbst. In einer Organisation, deren „Kopf“ sich lieber mit Menschen umgibt, die einem nicht gefährlich werden können: können die fähigeren Kandidaten überhaupt über die dafür vorgesehenen Prozesse („Prüfungen“ in vielerlei Sinne) an die Spitze gelangen, ohne (weil sie sich den Erwartungen der jeweils Übergeordneten anpassen müssen, um aufzusteigen) ihre Fähigkeiten im Laufe des Prozesses einzubüßen?

Ich habe mich immer wieder gefragt, warum ich in einigen Schulen gerade dann solche Schwierigkeiten mit Vorgesetzten bekommen hatte, wenn das, was ich tat, nachweislich funktionierte. In meiner Naivität hatte ich angenommen, andere würden sich darüber freuen, und wir könnten alle voneinander lernen und gemeinsam die beste Schule für das Lernen entwickeln. Im Grunde jedoch hatte ich damit in den Schulen etwas Ähnliches getan wie in besagter Community: ich hatte – ohne es zu realisieren – eine grundlegende Machtstruktur damit in Frage gestellt, indem ich dem Lernenden zutraute, seinen Lernprozess weitgehend selbst zu lenken. Und als dieser Zugang auch noch nachweislich funktionierte, wurde ich wohl damit zu einer realen Bedrohung.

All das hatte im Nachhinein betrachtet durchaus seinen Sinn. Ich bin wohl ebenso wenig dafür geschaffen, als kleines Zahnrad im Schulsystem aufzugehen, wie ich mich wider besseres Wissen dem entstehenden Dogma einer Online-Community unterordne.

…und die Alternative?

Nachdem ich die letzten Tage neben einigen intensiven Gesprächen mit Freunden über das Thema auch wieder mal sehr viel mit der Beschäftigung mit Geschichte verbracht habe, stellt sich mir schon die Frage, ob es so etwas wie eine langfristig funktionierende Alternative gibt. Machiavelli schreibt ja z.B. sinngemäß, dass die Tugendhaften, gerade weil sie sich selbst beschränken, in einer Welt, in der andere sich dieser Beschränkung nicht unterwerfen, meistens den Kürzeren ziehen. Das ist wohl ein Stück weit gesunder Realismus. Gleichzeitig sehe ich immer wieder, dass dieses un-realistische Ding, das sich Glaube (an eine bessere Alternative) nennet, dann doch immer wieder echte Veränderungen herbeiführt.

Sind diejenigen, die davon sprechen, man müsse doch realistisch sein, zu bedauern, weil sie den Glauben an ein anderes Morgen (und damit das Potential) bereits aufgegeben haben? Oder vielmehr diejenigen, die ihrem „unrealistischen“ Glauben anhaften, und damit von den weniger naiven kontrolliert und ausgenutzt werden können?

Aus aktueller Erfahrung mit einigen Freunden und Bekannten sehe ich gerade die Anfänge einer vielleicht auch langfristig aufrechterhaltbaren Alternative der Zusammenarbeit und des voneinander Lernens, mit dem für mich sehr passenden vorläufigen Arbeitstitel „SpinnerNetz“: Menschen, die verrückt genug sind, an ein vertrauensvolles Miteinander zu glauben, „spinnen“ gemeinsam an einer – wenn alles klappt – auch langfristig tragbaren und damit auch wirtschaftlich nachhaltigen Alternative.

Die nächsten Monate werden zeigen, ob wir in Glauben und Umsetzung stark genug sind, das durchzuziehen.

Niklas

Der universelle Entwicklungs-Kreislauf (aktualisiert)

(Anmerkung: das hier beschriebene Modell basiert ursprünglich auf der Arbeit von Ralf Bolle, einem deutschen Psychotherapeuten, der weltweit die Arbeitsweise von Schamanen, Heiler, Psychotherapeuten etc. erforscht und verglichen hat, um schlussendlich ein universelles Grundmuster dieser Arbeitsweisen herauszudestillieren. Ich habe sein Grundmodell dann in verschiedensten Situationen selbst angewandt, und es aufgrund dieser Erfahrungen für meine Zwecke weiterentwickelt bzw. auch manche Bezeichnungen/Interpretationen angepasst.)

Das Modell – ein kurzer Überblick

Der universelle Entwicklungs-Kreislauf beschreibt 4 Phasen, die in einer jeden transformativen Entwicklung durchlaufen werden.

  1. Alltag: Alles ist wie immer. Mit der Zeit jedoch wird eine Art Unzufriedenheit spürbar, eine Art innerer Drang zur Veränderung.
  2. Loslassen: Die Person erlaubt, einen Teil von sich loszulassen, sterben zu lassen.
  3. Erkenntnis: Die Person erkennt eine ihre vorherige Alltagswelt transformierende neue Ordnung.
  4. Die Person versucht, die gewonnen Erkenntnisse in ihren Alltag zu integrieren, um einen neuen stabilen Alltag zu schaffen.

In der Mitte des Kreislaufes findet sich das Element des „Übergangs-Gegenüber“. Diese Rolle wird etwa vom Therapeuten, Schamanen, Heiler eingenommen, der der Person dabei behilflich ist, vertrauensvoll loszulassen, was im Sinne der Persönlichkeit einem (teilweisen) Sterben und Wiedergeborenwerden gleichkommt. Im ursprünglichen Modell wurde der Begriff „Übergangs-Persönlichkeit“ gewählt. „Gegenüber“ erscheint mir jedoch passender, weil ebenso die Vorstellung eines Gottes, oder auch ein Tagebuch als „Gegenüber“ möglich ist. Relevant erscheint also nicht so sehr die konkrete Ausformung dieses „Gegenübers“, sondern der Glaube der Person an die Beständigkeit des Gegenübers über den eigenen „Tod“ (= Loslassen eines Teiles der eigenen Persönlichkeit) hinaus.

Auch findet sich die Unterscheidung des Modells in eine Alltagswelt und eine Unterwelt, bzw. in Bewusstsein und Unterbewusstsein. Dies ist einerseits relevant, weil zahlreiche Mythen in allen Kulturen Geschichten über Reisen in die „Unterwelt“ erzählen, die grob diesem Modell folgen, was interessante Schlussfolgerungen zulässt. Andererseits beschreibt die Teilung auch sehr deutlich die Schlüsselfunktionen des Loslassens auf dem Weg zum Unterbewusstsein sowie der Re-Integration in den Alltag.

Keine „Abkürzungen“

Es gibt in diesem Prozess keine konstruktiven „Abkürzungen“. Dies ist insofern relevant, als dass dies ein sehr gutes Modell für die Erklärung von Suchtverhalten jeglicher Art bietet. Wer etwa bewusstseinsverändernde Drogen benutzt, um direkt aus dem Alltag in die Erkenntnis zu „springen“, hat den Loslassen-Schritt übersprungen. Dieser jedoch ist notwendig, um innerlich den „Platz“ zu schaffen, um die Erkenntnis re-integrieren zu können, weswegen der Kreislauf nicht vollendet wird, und die Person zurück in den Alltag „fällt“, ohne eine langfristig transformierende Entwicklung durchgemacht zu haben. „Erkenntnis“ steht hierbei auch immer für eine Art von Verbundenheit mit einer höheren Ordnung.

Ebenso erklärt uns dieses Modell, warum gute Vorsätze alleine selbst mit höchstem Einsatz einer Person auf Dauer scheitern. Wer nicht gleichzeitig bereit ist, sich den Ursachen seiner zu ändernden Verhaltensweisen zu stellen und diese „sterben“ zu lassen, wird früher oder später trotz größter Anstrengungen in seinen gewohnten Alltag zurückfallen, weil für eine neue Alltagsordnung schlicht noch kein „Platz“ geschaffen wurde.

Die Bedeutung des Glaubens für die Heilung

An dieser Stelle seien noch einige faszinierende Erkenntnisse und Hinweise erwähnt, die der Urheber des Modells bei seinem Vortrag erwähnte. Der Erfolg einer Behandlung hängt laut ihm in sehr hohem Maße vom Glauben des Patienten an die Behandlungsmethode ab. Eine zusätzlich relevante Einflussgröße ist der Glauben der dem Patienten nahestehenden Menschen an die Behandlungsmethode. Dieser Placebo-Effekt macht in manchen Studien, soweit ich mich an den Vortrag erinnere, knappe 60% des Behandlungserfolges aus – auch bei „normalen“ Krankheiten! Dies würde erklären, warum manche objektiv nicht nachvollziehbare Behandlungsmethoden (Esoterik etc.) trotzdem gute Ergebnisse erzielen können: die zu Behandelnden glauben daran, und dies könnte einer der relevantesten Aspekte sein.

Wenn wir das Modell akzeptieren, ermöglicht es uns, Krankheit völlig neu zu betrachten: nämlich als eine Form der Kommunikation unseres Körpers mit uns, dass wir uns (noch) weigern, einen Anteil unseres Alltags-Ichs „sterben“ zu lassen. Wenn dieser universelle Entwicklungskreislauf den natürlichen Verlauf beschreibt, dann ist unsere Weigerung, unsere an unseren Anhaftungen festzuhalten anstatt sie loszulassen wo nötig, eine Art innerer Widerstand, der gewissermaßen symbolisch Reibung bis zu Blockaden erzeugt -> wir laufen unrund, werden krank, womit uns unser Körper sagen will, dass er es nicht mehr lustig findet mittlerweile.

Diese Beschreibung mag medizinisch betrachtet ein wenig daneben sein, aber mir hilft sie erfahrungsgemäß, im Durchschnitt gesund zu bleiben. „Wieder gesund werden“ bedeutet damit nämlich keine Wiederherstellung des Vorherigen, sondern ein Vertrauen auf ein Neu-Werden nach dem Loslassen des Alten.

Die Bedeutung des universellen Entwicklungskreislaufes für das Lernen

Aus meiner eigenen Erfahrung als Lehrer habe ich festgestellt, dass dieses Modell und seine Lehren sich 1:1 auf das Lernen übertragen lassen, und spätestens hier wird es wirklich faszinierend. Denn auch beim Lernen erscheint der Glaube an das Übergangs-Gegenüber (z.B. den Lehrer) die Hauptrolle zu spielen, sowohl der Glaube des Lernenden selbst als auch der Glaube seiner engsten Bezugspersonen. Anders ausgedrückt: die Heil- wie die Lehrmethode hat oft weniger Auswirkung auf die Heilungs-/Lernchancen als der Glaube aneinander, der sich (auch, aber nicht nur) durch die Beziehung zueinander ausdrückt.

Nun entsteht jedoch aufgrund unserer wissenschaftlichen Methodik an sich eine Problematik: diese Art von Beziehung zueinander lässt sich mit der sonst so nützlichen wissenschaftlichen Methodik derzeit noch schlicht nicht abbilden (warum, werde ich in einem weiteren Artikel irgendwann in den nächsten Wochen hoffentlich konkret und nachvollziehbar nachweisen können). Wissenschaftlich betrachtet handelt es wohl sich um einen blinden Fleck – der paradoxerweise möglicherweise einen Großteil der tatsächlichen Wirkkräfte pädagogisch/medizinischen Handelns ausklammert.

Die Bedeutung des universellen Entwicklungskreislaufes für die Lebensgestaltung

Wenn wir das Konzept des universellen Entwicklungskreislaufes akzeptieren, so ergeben sich für mich einige auf den ersten Blick paradoxe Folgen für eine alltägliche Lebensgestaltung. Beispielsweise würde sich der Zusammenhang zwischen Zeit und der subjektiv erlebten Freude bei einem Menschen, der den Schritt des Loslassens „überspringen“ möchte, mathematisch in etwa so darstellen lassen:

Er wird versuchen, von seinem Alltagserleben durch Selbstmotivation oder Stimulation (Drogen, …) zu mehr Freude zu gelangen, aber seine Anstrengungen sind nicht dauerhafter Natur, bzw. fühlt er sich vielleicht sogar mit der Zeit unglücklicher, weil die langfristigen Folgen ihn zusätzlich bedrücken.

Ein Mensch, der dem Entwicklungskreislauf „willig“ folgt, wird hingegen einen Verfall seiner Freude empfinden, bis er eine Art absoluten Nullpunkt erreicht, an dem er einen Teil seines Selbst „sterben“ lässt, was ihm zu einer Erkenntnis und höchsten Glücksgefühlen verhilft. Mit der Zeit wird er sich wieder in einen relativ stabilen Alltags-Level an Freude einpendeln, bevor der Kreislauf wieder von vorn beginnt. Möglicherweise (aber nicht notwendigerweise) ist dieser neue Alltags-Level durch seine Erkenntnis höher angesiedelt als der vorherige. Das sieht dann ungefähr so aus:

Was für mich dabei besonders spannend erscheint, ist, dass Symptome einiger bei uns als eher negativ beschriebenen psychischen Ausprägungen wie der Depression in vielen spirituellen Traditionen sehr ähnlich unter einem anderen Namen beschrieben werden. Nur ein Beispiel von vielen: Die „Dunkle Nacht der Seele“, die dem Zustand kurz vor dem Loslassen in unserem Modell sehr nahe kommt.

Wenn nun also einem depressiv verstimmten Menschen Medikamente gegeben werden, um seine Stimmung aufzuhellen, berauben wir ihn damit möglicherweise seiner spirituelle Entwicklung, weil wir ihm nicht erlauben, den Nullpunkt – das Loslassen – zu erreichen? Wenn das Modell stimmt, bräuchte unser depressiv Verstimmter dann womöglich nur jemanden, dem er absolut vertraut, und der diesen Nullpunkt mit ihm aushält. Ich habe von einigen interessanten Studien gehört, nach denen z.B. Schizophrenie in manchen Kulturen als Zeichen eines zukünftigen Schamanen/Heilers betrachtet wird, der daraufhin von anderen, erfahrenden Schamanen/Heiler ausgebildet wird…

Die Bedeutung des universellen Entwicklungskreislaufes für den Tod

Dieser Artikel wäre nicht vollständig, ohne das für mich Offensichtliche nicht zumindest zu erwähnen: die Überschneidungen mit den Reinkarnations-Konzepten einiger östlicher Traditionen sind für mich doch sehr offenkundig. Ein möglicher Schluss daraus könnte sein, dass wir die Reinkarnations-Lehren dieser Traditionen bisher fälschlicherweise als mehrere Leben, wie wir sie kennen, verstanden haben, obwohl doch eher „mehrere Leben“ im Sinne der Persönlichkeitsentwicklung innerhalb eines einzigen Menschenlebens gemeint waren.

Ein anderer ist es, dass das Konzept vom „Sterben“, wie wir es kennen, möglicherweise auch kein anderer Vorgang ist als ein weiterer Schritt in einem „universellen Entwicklungskreislauf“, bei dem wir eben dann nicht mehr in unserem bisherigen Körper mit einer weiterentwickelten Persönlichkeit wiedergeboren werden, sondern in anderer Form (oder auch gar nicht). Möglicherweise ist eine „Erkenntnis“ nichts Anderes als ein Sich-Verbinden nicht nur mit dem eigenen Unterbewusstsein, sondern in eine Art Mehr- oder sogar All-Bewusstsein (es gibt einige Hinweise darauf). Und irgendwann ist es einigen von uns vielleicht einfach zu blöd, danach noch eine Re-Integration in einen neuen (physischen) Alltag anzustreben (wie es ja im Hinduismus angestrebt wird soweit ich das verstanden habe).

Natürlich können dies am Ende (oder besser ausgedrückt: bis zum Ende) nur Spekulationen bleiben. Trotzdem ist für mich auffällig, dass dieses Modell sowohl in der Heilung, im Lernen, in den meisten Mythen (siehe auch „Der Heros in Tausend Gestalten“) wie auch den meisten religiösen Traditionen wiederzufinden ist.

Seit ich vor einigen Jahre erstmals in einer Vorlesung des erwähnten Therapeuten Ralf Bolle von diesem Modell gehört und darüber geschrieben habe, haben mir unzählige Menschen, denen ich davon erzählt habe, unabhängig voneinander erzählt, wie wertvoll es auch in ihrem Leben bereits gewesen ist. Deswegen war es mir wichtig, nun noch einmal eine aktualisierte Zusammenfassung zu verfassen.

Niklas

Was einem angemessenen Preis im Wege steht

Warum verdienen manche Menschen mehr als andere? Und wie könnte man zu einem dieser Menschen werden? Oder anders gefragt: was steht uns dabei im Weg?

Gestern Abend war ich auf einer Veranstaltung in Linz, wo es um innere Einstellungen zu Geld und Einkommen ging. Während ich der Vortragenden lauschte, schrieb ich mit – was sie sagte, und was mir selbst dazu einfällt, weil ich oft am besten nachdenken kann wenn „im Hintergrund“ jemand spricht. Dabei ist mir ein alter Gedanke wieder eingefallen, über den ich – meiner Erinnerung nach – noch nie hier geschrieben habe, obwohl ich es mir schon oft vorgenommen habe: die problematische Art und Weise, wie der Großteil von uns ihren eigenen wirtschaftlichen Wert für andere einschätzt und bemisst.

Gehalt = Schmerzensgeld

Die meisten Menschen in einem Anstellungs-Verhältnis werden nach Stunden bezahlt, nach dem Muster „Ich arbeite 30h/Woche für dich“. Dafür bekommen sie vom Arbeitgeber eine „Entschädigung“, die – wie das Wort bereits enthält – den „Schaden“ für den Arbeitnehmer aus dieser Beziehung kompensieren soll. Der Arbeitnehmer tut also etwas, was er ansonsten nicht (gerne) machen würde, und erhält dafür als Gegenleistung einen Geldwert. In diesem Denkmodell basiert die Summe, die der Arbeitnehmer erhält, auf den Unannehmlichkeiten, das der Arbeitnehmer durch die Zusammenarbeit erleidet, und stellt damit gewissermaßen ein „Schmerzensgeld“ dar. Je unangenehmer, desto mehr Schmerzensgeld steht dem Arbeitnehmer zu (40h derselben Arbeit bringen mehr als 20h dieser Arbeit).

Was passiert aber nun, wenn der Arbeitnehmer – wie es in meinem Fall passiert – sich entscheidet, sich selbstständig zu machen, mit einer Tätigkeit, die ihm selbst auch tatsächlich Freude bereitet? Es wird ihm möglicherweise schwer fallen, einen angemessenen Preis für seine Leistungen zu verlangen, weil er die Tätigkeit ja gerne verrichtet. Er hat keinen Schmerz, der als Schmerzensgeld zu entlohnen wäre – warum soll ihn also jemand dafür bezahlen, wenn er die Tätigkeit ohnehin liebt?

Wert = Nutzen

Das Problem im Ansatz Gehalt=Schmerzensgeld ist, dass sich das Geld das man als Gegenleistung bekommt am eigenen Schmerz orientiert. Fragt man sich stattdessen, welchen Nutzen die eigene Tätigkeit für jemand anderen haben kann, so verliert die Frage ob es für einen selbst anstrengend ist oder eine Freude an Bedeutung.

Wenn ich mir einen neuen Laptop kaufe, ist mir der Nutzen wichtig, den ich von dem neuen Laptop habe, nicht ob der Verkäufer im Verkaufsprozess gelitten hat oder es ihm eine Freude war. Aus einer empathischeren Perspektive würde ich es natürlich bevorzugen, wenn es auch dem anderen gut geht (siehe Bio-Zertifikate etc.), aber dies ändert an sich nicht viel am Nutzen, den ich durch den Laptop-Kauf für mich selbst habe.

Wertunterschied = Passgenauigkeit des Nutzens

Die Vortragende gestern warb für ein Programm über 6 Monate, das 7200€ kosten sollte, das sind 1200/Monat und Nutzer. Ohne mit der Wimper zu zucken, als wären dies völlig normale Beträge. Und tatsächlich gehe ich davon aus, dass es Menschen im Publikum geben wird, die das Programm in Anspruch nehmen werden, wenn sie vom Nutzen für sie selbst überzeugt worden sind. Dass der Aufwand für die Vortragende dabei (nach ihren Ausführungen) vernachlässigbar ist, zeigte für mich relativ klar auf, wie viel sinnvoller der Fokus auf den Nutzen für den Anderen ist als der Fokus auf die Ent-Schädigung des eigenen Einsatzes.

Eine im Vortrag gestellte Frage fand ich auch interessant: warum verdienen manche Menschen mehr als andere, obwohl sie nicht offensichtlich intelligenter oder fähiger sind als ich? Die Antwort wurde nicht verbal gegeben, aber durch das Tun der Vortragenden war eine mögliche sichtbar geworden: weil sie den Mut haben, einen Wert für ihr Angebot festzusetzen, der über dem der anderen liegt. Der Wert des eigenen Angebots wäre damit gewissermaßen frei wählbar.

Wer hat den Mut dazu, diese Freiheit auch praktisch zu nutzen?

Niklas

Wissenschaft und subjektive Erfahrung

Ist alles, was sich wissenschaftlich nicht belegen lässt, naturgemäß schlicht falsch? Oder schließt die wissenschaftliche Methode durch ihre Methodik selbst bereits gewisse ansonsten mögliche Erkenntnisse aus? Und wenn ja, wie könnte es möglich sein, diese Erkenntnisse mit jener einer objektiven Wissenschaft in Symbiose zu bringen, ohne die Wissenschaft als Disziplin zu verwässern?

In letzter Zeit beschäftigt mich eine Frage sehr stark, die an einer der Grundfesten unseres gesellschaftlichen Konsens rüttelt: der wissenschaftlichen Methode. Diese Methodik hat uns als Menschheit zu großartigen Erkenntnissen verholfen, und mein Anliegen ist es keineswegs, sie an sich zu diskreditieren oder für unzulässig zu erklären. Und doch sehe ich in einem bestimmten Zusammenhang eine mögliche Schwäche der Methodik, über die ich gerne diskutieren möchte.

(Ich möchte an dieser Stelle anmerken, dass ich gewissermaßen ein wissenschaftlicher Laie bin. Falls die hier aufgeworfenen Problematiken ohnehin schon längst aufgelöst wurden, freue ich mich über Hinweise zu den jeweiligen Werken.)

Das Problem Mensch im System

Es sind vor allem zwei Prinzipien der wissenschaftlichen Methodik, die in bestimmten Zusammenhängen vor allem in den Sozialwissenschaften zu problematischen Folgeerscheinungen führen könnten: Objektivität und Überprüfbarkeit, also die Voraussetzung, dass ein Phänomen oder eine vermutete Ursache nur dann als „wissenschaftlich“ akzeptiert wird, wenn es von verschiedenen Personen unabhängig voneinander reproduzierbar ist. Oder anders ausgedrückt: die Unabhängigkeit von der handelnden Person muss gegeben sein.

Das Werk „Influence“ von Robert Cialdini z.B. hat versucht, einige unabhängig von der handelnden Person nutzbare Beeinflussungs-Möglichkeiten aufzuzeigen. Nur: viele Menschen nehmen die Nutzung dieser wissenschaftlich abgesicherten und funktionierenden Methoden als Manipulation und damit als etwas Negatives wahr, wenn sie ihnen ausgesetzt werden. Der Grund dafür könnte gerade darin liegen, dass diese Methoden und Prinzipien unabhängig davon wirken, ob der Handelnde das Interesse des Anderen im Sinn hat. Es „funktioniert“ einfach (in den meisten Fällen), diese Methoden zu verwenden, und es ist nicht unbedingt notwendig, sich individuell mit den „Zielen“ dieser Methoden der Beeinflussung zu beschäftigen, also den Menschen.

Dann jedoch gibt es auch Zugänge, die sich mehr auf das stützen, was ich für mich „stimmigen Kontakt“ getauft habe, nämlich ein Erspüren der Bedürfnisse des jeweils anderen, und ein Ableiten der jeweils stimmigen Handlungen daraus. Wer sich in diesen stimmigen Kontakt wagt, wird selbst essentieller Teil des Erspürens der im Moment notwendigen Handlungen. Und damit wird das konkrete Tun, das sich aus diesem stimmigen Kontakt ableitet, je nachdem welche Menschen und in welcher Situation diese darin zusammenkommen, ein anderes sein. Was in stimmigem Kontakt passiert, ist daher nur schwer reproduzierbar oder objektivierbar, ist gewissermaßen in seiner Definition bereits einzigartig (wenn auch möglicherweise anderem ähnlich).

Man könnte nun versuchen, Menschen in Untergruppen einzuteilen, etwa zu vermuten, dass hochsensible Menschen leichter in stimmigen Kontakt mit anderen treten können, und zu versuchen, stimmigen Kontakt als „Methode“ in ihrer Wirksamkeit zu messen. Aber ich sehe da ein ähnliches Problem wie mit der „Individualisierung“ des Unterrichts: es ist ja ganz nett, eine Schulklasse in mehrere Untergruppen einzuteilen um diesen Untergruppen jeweils besser entsprechen zu können, aber warum dann nicht gleich den mutigeren Schritt wagen und sich frage, wie Lernen von Individuen in Gemeinschaft am sinnvollsten organisiert werden könnte, basierend auf den Bedürfnissen genau dieser Individuen? Wenn stimmiger Kontakt keine Methode im ursprünglichen Sinn darstellt, warum dann überhaupt versuchen, sie als solche zu verifizieren? Warum nicht versuchen, stattdessen ein Bewertungssystem zu entwickeln, das diesem Zugang auch tatsächlich entsprechen kann?

Das Dilemma subjektiver Realität

Eine Problematik, die ich sehe, ist eine Art Unterscheidung zwischen „wissenschaftlich erwiesen“ als objektive Realität und „nicht wissenschaftlich erwiesen“ als gewissermaßen „eingebildete“ Realität. Ich mag Geschichte sehr gerne, unter anderem deswegen, weil man dabei lernen kann, dass zu jeder Zeit Menschen sich gewundert haben, wie die Menschen vor ihnen bestimmten Erklärungen glauben konnten, die – nach aktuellem Wissensstand – dann doch sehr unlogisch klingen. Es ist für mich daher vorhersehbar, dass die Menschen in 100 Jahren über uns ähnlich denken, und wir uns über vieles, was wir heute glauben sicher zu wissen, im Nachhinein betrachtet geirrt haben werden.

Welche Wahl hat nun heute ein Mensch, der in seiner Wahrnehmung und Erfahrung etwas erlebt, das er sich wissenschaftlich (noch) nicht schlüssig erklären kann? Er wird diese Wahrnehmung/Erfahrung entweder a) für sich unterdrücken, b) er wird sich selbst ein subjektives Erklärungsmodell entwerfen, oder – wohl häufiger – c) sich ein alternatives Erklärungsmodell aus anderen Quellen suchen, das bereits von mehreren anderen vertreten wird, und dadurch eine gewisse „Objektivität“ bekommt.

Diese Spannung zwischen subjektivem Erleben und „objektiv akzeptierter“ (=wissenschaftlicher) Realität kann so groß werden, dass sie jemandem zu einem willkommenen Opfer für manipulative Gruppierungen, Sekten, Ideologien etc. macht, oder Menschen gar zu anderen verzweifelten Handlungen führt.

Verschenken wir damit nicht per Definition Potentiale?

Die Frage, die sich mir zusätzlich gerade auch in Bezug auf die Pädagogik und Führung von Mitarbeitern stellt, ist jene, ob wir nicht auch sehr viel Potential verschenken, indem wir uns darauf einigen, dass wir wissenschaftlich und damit reproduzierbar geeignetsten Methoden unabhängig vom Ausführenden für die wertvollsten erklären. Das Ergebnis davon kann ja damit im Grunde nur eine sehr durchschnittliche Qualität haben, wenn die Methode von einem jeden erfolgreich eingesetzt werden können muss. Was würde passieren, wenn wir stattdessen Menschen in ihrem Miteinander zutrauen, so zu handeln, wie sie es nach bestem Wissen und Gewissen für am sinnvollsten für alle Beteiligten in der jeweiligen Situation halten?

Sich auf „objektiv sinnvolle“ und wissenschaftlich abgesicherte Methoden zu verlassen, entbindet gewissermaßen auch von der persönlichen Verantwortung. Solange ich das tue, was laut Wissenschaft das Beste ist, ist im Falle des Scheiterns die Wissenschaft schuld, nicht ich. Sobald ich stattdessen davon abweiche und so handle, wie es sich subjektiv richtig anfühlt, bin ich selbst verantwortlich für die Konsequenzen meines Handelns.

Die spannende Frage, die sich für mich daraus ergibt, ist jene: wie kann eine objektive Wissenschaft, die für mich durchaus ihre Berechtigung hat, in einer sinnvollen Symbiose mit subjektiven Zugängen existieren, ohne notwendigerweise Tür und Tor für problematische Ideologien zu öffnen?

Eine subjektive Ergänzung zur objektiven Wissenschaftlichkeit

Die einfachste Antwort, die mir darauf einfällt, ist die, diese subjektiven Zugänge als solche anzuerkennen und einzuschränken. Eine objektive Wissenschaft stellt den Anspruch, eine für alle nachvollziehbare Realität abzubilden. Eine subjektive Komplementär-Perspektive darf dann für sich nur beanspruchen, subjektiv, für mich richtig zu sein. Sie darf nie in den Trugschluss verfallen, dass diese subjektive Wirklichkeit zwingend auch für andere gilt, sonst driftet sie rasch zur Ideologie ab. Ein zweites Kriterium für diesen zusätzlichen subjektiven Zugang ist jener der Selbstverantwortung für die Konsequenzen dieser Abweichung von der gemeinsamen objektivierbaren Lehr-Meinung.

In den letzten Jahren wurde beispielsweise viel über Hochsensibilität geschrieben, und ich bin dankbar dafür, weil es mir einen gewissen Erklärungsrahmen für meine subjektiven Erfahrungen der letzten Jahrzehnte geschenkt hat. Ich habe aber auch bereits viele Menschen getroffen, die sich selbst als hochsensibel bezeichnen, und in ihrem Verhalten nicht wirklich sehr in Kontakt mit anderen wirkten – da liegt die Vermutung nahe, dass diese Menschen noch keine passendere Erklärung für ihre subjektiven Erfahrungen gefunden haben, und dann eben fürs erste das Thema Hochsensibilität für sich „nutzen“, um ihre subjektiven Erfahrungen in einen objektiveren Rahmen einzuordnen. Möglicherweise hilft die Identifizierung mit einem solchen Phänomen auch dabei, sich nicht mehr so „subjektiviert“, also auf sich selbst zurückgeworfen zu fühlen.

Ich kann mir ja anhand meiner eigenen subjektiven Erfahrungen gut vorstellen, dass „Hochsensibilität“ im Grunde eine Art Umschreibung ist für einen oder mehrere zusätzliche Sinne, die wir – weil sie wissenschaftlich schwer nachzuweisen sind – als gesellschaftlichen Konsens für nicht-existent erklärt haben. Wie bei anderen Sinnen auch gibt es wohl eine bestimmte Veranlagung für verschiedene Ausprägungen (nicht jeder hat z.B. ein absolutes Gehör), und auch die Handhabung dieser Sinne muss mit der Zeit eingeübt werden. Da in unserer gesellschaftlich akzeptierten objektiven Realität diese „zusätzlichen“ Sinne offiziell schlicht nicht existieren, ist es für die meisten schwierig, Vorbilder zu finden, weswegen die Ausprägung dieser Fähigkeiten bei vielen nur rudimentär bleibt, und so oft missverstanden wird.

Auch die zahlreichen Geschichten über Engelerscheinungen und die jeweiligen Varianten in anders geprägten Kulturen erscheinen mir vom Grundprinzip sehr ähnlich dessen, was ich als Phänomen immer wieder selbst erlebt habe: manchmal einfach etwas zu „wissen“ oder zu spüren, was die Wahrheit ist, selbst wenn dies in einer objektiv (d.h. für jeden Menschen) nachvollziehbaren Realität für mich nicht logisch erklärbar ist, wie so etwas möglich sein sollte.

Nur habe ich mich wohl zu lange und intensiv mit diesen Themen beschäftigt, um mich nicht mit „fertigen“ äußeren Erklärungsmodellen zufrieden zu geben, und genug positive Erfahrungen damit gemacht, im Zweifelsfall auf dieses „Bauchgefühl“ zu vertrauen, auch wenn ich nicht begründen kann warum. Dies bedeutet nicht, dass dieser Zugang für andere notwendigerweise ebenso stimmig sein muss, noch dass ich mich damit der persönlichen Verantwortung für die Konsequenzen meiner so getroffenen Entscheidungen losspreche (man könnte es ja auch – je nach gewählter Erklärungs-Ideologie – als „Aufträge von Engeln“ interpretieren), und damit kann mein subjektives Erleben relativ konfliktlos mit dem sonstigen objektiv-wissenschaftlichen Erklärungsgebäude der Wissenschaft sowie subjektiven Interpretationsversuchen anderer ko-existieren.

Ein Versuch einer Kategorisierung subjektiver Realität

Tatsächlich sind diese zwei Kriterien für mich mittlerweile auch eine Art „Güte-Siegel“ geworden, wenn ich mit anderen über ihre subjektiven Erlebnisse und Erfahrungen spreche, die sich der objektiv und wissenschaftlich überprüfbaren Realität entziehen mögen:

  • Handelt dieser Mensch in persönlicher Verantwortung der Konsequenzen seiner Handlungen, oder beschuldigt er andere Menschen, Gruppen, Mächte für sein Erleben?
  • Ist der Mensch zufrieden damit, für sich eine subjektiv sinnvolle Erklärung gefunden zu haben, oder zeigt sich stattdessen eine Art missionarischen Überzeugungseifers?

Mit Hilfe dieser (oder einer weiter verbesserten) Kategorisierung subjektiven Empfindens ist es hoffentlich möglich, wissenschaftlich (noch) nicht erklärbare Erfahrungen subjektiv abzubilden, ohne notwendigerweise in schein-objektivierte Glaubens-Systeme abdriften zu müssen.

Niklas

Erwartungen: Der Filter, der unser Erleben einfärbt

Welchen Einfluss hat unsere subjektive Erwartung davon was passieren wird auf das tatsächliche Geschehen? Eröffnet sie uns Möglichkeits-Räume, die uns durch die Beschränkung auf eine objektive Wissenschaft verschlossen bleiben würden?

Vor etwa 10 Jahren durchlief ich eine Phase, in der ich mit so ziemlich jedem der mir begegnete ein Gespräch begann, egal ob Mann oder Frau, ob Kind, Erwachsener oder älterer Mensch. Fast alle dieser Gespräche waren interessant für beide Seiten. Nur selten entwickelten sich daraus mehr als lose Kontakte im Moment, aber doch trennte man sich mit einem warmen Gefühl der gegenseitigen Bereicherung.

Nun hatte sich diese Angewohnheit über die letzten Jahre ein wenig gelegt, bis zu dem Punkt, an dem ich kaum mehr mit Fremden sprach. Mir war (von Menschen, die daran gewöhnt waren) erklärt worden, dass es unter Erwachsenen höflicher und damit erwünschter sei, erst einen Termin zu vereinbaren. Als ob diese gewissermaßen „gedankenlose“ Phase eine Ausgeburt meiner Jugend sei, ein naiver Zugang zur Welt, der nur aufgrund meiner damaligen Jugend geduldet worden war. Nun, als bald 30-jähriger, waren andere Methoden der Kontaktaufnahme angebracht.

All die Mühen, diese „Angebrachtheit“ des Kontaktes zu erreichen, führten im Grunde jedoch nur dazu, dass sich die Häufigkeit und die Qualität des Kontaktes zu meinen Mitmenschen spürbar verringerten. Je mehr Planungsaufwand ein gewünschtes Treffen mit sich brachte, desto seltener wurde dieser Planungsaufwand von einem tatsächlichen Treffen gekrönt. Traditionelle Formen des Kontaktes waren da effizienter und kamen öfter zustande (etwa der 2-monatliche Spiele-Abend mit einem bestimmten Freundeskreis), aber auch hier nahm die Qualität des Kontaktes spürbar ab, obwohl die Liebe zu den Menschen an sich noch genauso stark war wie ursprünglich.

War ich einfach älter geworden? War das der normale Lauf der Dinge?

Ist die Welt, wie die Welt eben ist?

Irgendwann stolperte ich dann zufällig über ein Konzept, das davon ausgeht, die Welt würde sich nach den Erwartungen richten, die man an die Welt kommuniziere. Das brachte mich dazu, meine Erfahrungen vor 10 Jahren testweise damit zu interpretieren, denn tatsächlich hatte ich mich damals selbst davon überzeugt, dass ein jeder Mensch, den ich treffen würde, interessante Begegnungen mit sich bringen würde – und wurde nur selten in meiner Erwartung enttäuscht.

Was mir an dem Konzept trotzdem ein wenig fraglich vorkommt, ist die Idee, dass die Welt sich nach meinen Wünschen richten soll. Das würde demnach ja auch bedeuten, dass die Welt sich nach den Wünschen von potentiell Milliarden Menschen zu richten hat, was einige Folgefragen nach sich zieht, die für mich schwer zu beantworten sind, etwa: würde das nicht bedeuten, dass wir im Grunde alle ziemlich alleine in unserer derart subjektiven Welt leben?

Was aber, wenn unsere Erwartungen nicht die Welt, sondern unsere Wahrnehmung der Welt beeinflussen? Viele Menschen kennen vermutlich das Phänomen, dass wir etwas, das uns gerade beschäftigt, plötzlich überall wahrnehmen. Wenn wir als Hypothese davon ausgehen, dass unsere bewusste Wahrnehmung eine Art Filter darstellt, der aus der Masse an unbewusster Wahrnehmung das herausfiltert, was für uns am relevantesten ist, dann macht es durchaus Sinn, dass wir je nachdem, wie wir diesen Filter „einstellen“, andere Aspekte unserer Umwelt wahrnehmen.

Wenn ich also meinen „Filter“ darauf eingestellt habe, in allen Menschen Interessantes zu vermuten, erhöhe ich damit meine Chance, es auch zu finden. Objektiv existent ist es womöglich unabhängig davon, ob ich danach suche, aber wenn mein Filter es „ausfiltert“, ist es für mich selbst nicht wahrnehmbar – und damit subjektiv nicht existent, bis ich meinen Filter entsprechend umstelle.

Was, wenn die Hypothese stimmt?

Wenn diese Hypothese stimmt, hat sie dramatische Auswirkungen. Offenbar existieren in der Medizin Studien, die darauf hinweisen, dass je nach Krankheitsbild über 60% der Heilungschancen von den Erwartungen des Patienten abhängen, also auch von der Fähigkeit des behandelnden Arztes, ihn zu überzeugen an die Behandlungsmethode zu glauben (auch bekannt unter “Placebo-Effekt”). Auch in der Pädagogik gibt es entsprechende Studien, die drastische Auswirkungen des Glaubens des Lehrers an seine Schüler belegen. An einer 4. Klasse Volksschule, die ich vor Jahren in Deutsch übernommen habe, bin ich davon ausgegangen, dass alle Schüler Bestleistungen erzielen können – und wurde nicht enttäuscht, obwohl die Leistungen bevor ich die Klasse übernahm durchaus sehr unterschiedlich waren.

Wie die meisten meiner Freunde wissen, verfolge ich gerade mein Ziel, mich selbstständig zu machen. Ein Aspekt dabei ist bekanntlich die Generierung von Einkommen. In den letzten Wochen haben sich plötzlich Möglichkeiten und Kontakte aufgetan, von denen ich nicht zu träumen gewagt hätte. Diese waren vermutlich immer schon „da“ im objektiven Sinne, aber erst durch meine Entscheidung zur Selbstständigkeit wurde mein „Filter“ der Aufmerksamkeit so eingestellt, dass ich sie tatsächlich wahrnehmen und entsprechend agieren konnte.

So habe ich mich gefragt, wie ich wohl einen größeren Bekanntheitsgrad erreichen könnte – und ein paar Tage später fragte mich ein Bekannter, ob er mich irgendwann mal für einen lokalen TV-Sender interviewen dürfte. Ich habe mir gedacht, ich würde gerne Vorträge halten, und irgendwann auch dafür Geld verdienen. Kurz darauf vermittelte mir eine Freundin den Kontakt zu einer Location, in der ich bald einen Vortrag halten kann. Irgendwann kam mir der Gedanke es wäre interessant mit anderen zusammenzuarbeiten, die in anderen Disziplinen (Führung von Erwachsenen z.B.) zu ähnlichen Schlüssen gekommen sind wie ich – ein paar Tage später traf ich genau diese Menschen, und wir sind nun ein Stück weit am Herausfinden, wie diese Zusammenarbeit am Konstruktivsten stattfinden könnte.

Keine dieser Möglichkeiten offenbarte sich exakt in einer Form, die ich hätte planen können, und setzte jeweils ein wenig Flexibilität meinerseits voraus, sie als solche zu erkennen. Trotzdem wirken diese Erlebnisse verdächtig konsistent, als wäre tatsächlich ein Muster dahinter: glauben, vertrauen, sich bereit machen/“den Filter einstellen“ für die Antwort.

Entzieht sich „Glaube“ der wissenschaftlichen Methode?

Die die Wissenschaftliche Methode ein Stück weit eine  skeptische Einstellung des Forschenden zu Aussagen und vor allem eine gewisse objektive Reproduzierbarkeit voraussetzt, stellt sich für mich die Frage, inwieweit positive Aspekte dieser Erwartungshaltungen (die ja stets – auch – subjektiv sind) tatsächlich nach einer klassischen wissenschaftlichen Methode nachweisbar wären.

Die interessante Fragestellung, die sich für mich nach zahlreichen Alltagsbeobachtungen daraufhin stellt, ist jene, wie es denn alternativ möglich wäre, tatsächlich wirksame Erwartungshaltungen von Angeboten von Hochstaplern zu unterscheiden, bzw. auch „unfreiwillige Hochstapler“, also Menschen, die tatsächlich selbst an die Ursache einer Wirkung glauben, aber falsch liegen, von jenen zu trennen, die richtig liegen?

Ich kann mir z.B. gut vorstellen (und es deckt sich auch mit den Erzählungen einiger  Bekannter die in dieser „Szene zuhause sind“), dass für denjenigen, der zu bestimmten Produkten wie Grander-Wasser die Erwartung hat dass sie funktionieren, diese Produkte auch tatsächlich funktionieren können. Die Ursache ist aber dabei nicht notwendigerweise das Produkt selbst, sondern möglicherweise die Erwartungshaltung an das Produkt.  Wenn nun ein Mensch z.B. von seinem Krebs geheilt wird, weil er daran glaubt, dass ein an sich objektiv nutzloses Produkt ihm Heilung verspricht –  ist es nun unethisch, ihm dieses Produkt glaubhaft ans Herz zu legen, oder ist es unethisch, es ihm zu verwehren, weil es objektiv betrachtet keinen wirklichen Nutzen hat?

Das sind schwierige Fragen, und ich bin froh, keines dieser Produkte vertreiben zu wollen – aber interessant finde ich sie trotzdem, weil sie eine mögliche Schwachstellen unserer sonst so sinnvollen wissenschaftliche Methodik aufzeigen könnten.

Das Problem der Mittelbarkeit               

In einem Gespräch mit einem guten Freund heute, der sich mit ähnlichen Fragen beschäftigt, brachte er mich auf den Gedanken, die Frage zu stellen, wer denn beurteilen könne, ob ein Produkt/ein Zugang nützlich sei. Unsere wissenschaftliche Methodik stellt ja den Anspruch der objektiven Nützlichkeit und Nachvollziehbarkeit, das heißt sie möchte die Welt auf eine Weise beschreiben, die für einen jeden nachvollziehbar ist. Sie versucht allgemeine, objektive Urteile zu treffen. Damit muss der Einzelne sich nicht mehr ständig selbst die Frage stellen, was für ihn gut und richtig ist, er erreicht eine gewisse Mittelbarkeit dadurch, dass er sich auf wissenschaftliche Erkenntnisse verlässt.

Wenn ich in meiner subjektiven Erfahrung feststelle, dass etwas für mich – also wieder subjektiv – einen Wert hat, stellt das noch kein Problem dar. Problematisch wird es erst, wenn ich aus dieser subjektiven Erfahrung schließe, dass es für andere in ihrer eigenen subjektiven Erfahrung auch gleich sein muss. Bewegen wir uns aus dem „sicheren Bereich“ der wissenschaftlichen Methode heraus, braucht es daher wohl stets die subjektive Überprüfung der Nützlichkeit: spürt es sich für mich richtig an?

Solange diese “Sicherheitsabfrage” gewährleistet ist und der Mensch, der sich in diese subjektiven, un-mittelbaren Erfahrungsräume wagt, die Verantwortung für die Konsequenzen seiner Entscheidungen selbst übernimmt, könnte es durchaus sinnvoll sein, mit der Macht der subjektiven Wahrnehmung zu experimentieren.

Wenn der Glaube allein nicht reicht: Vorstellungen und Systeme

Vor allem bei größeren Projekten wie meiner Selbstständigkeit kann es eine Weile dauern, bis sich vorzeigbare Ergebnisse einstellen, und Kommentare der gutmeinenden Anderen können da auch manchmal nicht hilfreich sein. Was mir dabei hilft sind vor allem zwei Vorstellungen und ein kleiner psychologischer Trick, die ich gerne mit euch teilen möchte:

Die erste Idee ist die Vorstellung vom Samenkorn, das die ersten Tage/Wochen noch unter der Erde auf seinen glorreichen Moment wartet. Das braucht obwohl es „noch nicht da ist“ regelmäßig Wasser und Pflege, damit es keimen und wachsen kann. Es braucht eine Vor-Investition, und Glauben an das spätere Keimen der Pflanze, weil wir sie sonst vielleicht nicht weiterpflegen und damit verhindern dass sie langfristig aufkeimen kann. Was wir erreichen wollen, verhält sich oft wie ein Samenkern, der eine Weile braucht, bis er reagiert

Eine zweite Vorstellung, die hilfreich ist für mich ist, ist die Vorstellung einer Kugel immenser Masse im Weltraum, die durch wiederholte kleine Kraftanstrengungen in Bewegung gebracht wird. Anfangs hat der Impuls von außen kaum sichtbare Auswirkungen, aber oft genug wiederholt summiert sich die Bewegungsgeschwindigkeit der großen Masse dann doch. Anmerkung: vielleicht ist die Physik dahinter völlig falsch, aber mir hilft das Bild so 😉

Aus psychologischen Studien wissen wir, dass Belohnungen sich irgendwann abnutzen, aber Belohnungen die subjektiv mehr oder weniger zufällig geschehen, nicht. Diesen Aspekt kann man sich zunutze machen, indem man regelmäßig Kontakt zu genügend potentiell hilfreichen Mitmenschen aufnimmt, die dann entweder gar nicht oder mit unterschiedlich langen Antwortzeiten darauf reagieren. Gestern Abend z.B. habe ich eine sehr freundliche Mail von einem recht hochrangigen OÖ Politiker bekommen, der mir auf eine Mail vor ein paar Tagen geantwortet hat – und mich total gefreut, weil ich nicht damit gerechnet hatte, dass er so freundlich zurückschreibt bzw. die Mail ihn überhaupt erreicht, da ich sie mangels Privat-Adresse über offizielle Kontakt-Kanäle schicken musste. Da eine Art unregelmäßiges „Schöne-Überraschungs-System“ an potentiell schönen Erlebnissen aufzubauen kann helfen, über schwierigere Zeiten hinwegzukommen.

Niklas

Die Hierarchie von Warum, Wie und Was

Vor einigen Monaten stieß ich zum ersten Mal über einen TEDxTalk auf einen Vortragenden namens Simon Sinek, der über ein sehr simples, aber doch geniales Konzept sprach. Mittlerweile finden sich im Internet zahlreiche Blog-Beiträge und Interpretationen darüber. Auch die bunterrichten-Plattform orientiert sich in ihrer Gestaltung an seinem „Goldenen Kreis“. Aber was meint er damit überhaupt? Und wie kann uns sein Goldener Kreis helfen, a) passendere Mitarbeiter für unser Team zu finden und b) mit den vorhandenen besser zusammenzuarbeiten?

Der „Goldene Kreis“

Die Idee ist einfach, aber sehr mächtig: Unsere Kommunikation lässt sich in drei Sinn-Stufen einteilen, und zwar danach, welche der drei Fragen Was, Wie oder Warum sie zu beantworten sucht.

Er beschreibt unsere Angewohnheit, in den meisten Fällen über das Was zu sprechen, bevor wir über das Wie (wenn überhaupt) endlich zum Warum kommen, und rät, die Reihenfolge umzudrehen: Zuerst das Warum zu klären, dann das Wie, dann erst das Was.

Vor allem relevant wird dieser Rat dort, wo das Gegenüber nur eine begrenzte Aufmerksamkeitsspanne zur Verfügung stellt, etwa wenn man jemanden neu kennenlernt, oder in der Werbung. Am Beispiel von dieser Web-Plattform:

Warum: Menschen helfen aufzublühen. Ich glaube daran, dass in jedem Menschen ein Samenkorn steckt, das – wenn die Umgebung mitspielt – aufblühen und dieser Umwelt große Freude bereiten kann.
Dem aufmerksamen Leser wird aufgefallen sein, dass dies im Header bzw. in den ersten 2-3 Sätzen auf der Startseite zu finden ist – die Chance ist damit groß, dem Erstbesucher in den ersten 5-10 Sekunden auf diese Information hinzuweisen.

Wie: Meine bisherige Erfahrung zeigt mir, dass es eine der effektivsten Methoden, dieses Samenkern zum Aufblühen zu bringen, ist, dem Menschen zu vermitteln, als der gesehen zu werden, der er ist. Dazu braucht es etwas, das ich für mich „stimmigen Kontakt“ getauft habe. Nun ist es für die meisten Menschen schwierig, mit mehr als ein paar wenigen Menschen gleichzeitig in stimmigem Kontakt zu bleiben. Deshalb halte ich es auch für wichtig, sich in indirektem stimmigen Kontakt zu üben, bei dem anhand der Reaktionen derer, mit denen man in direktem stimmigen Kontakt ist, auf andere geschlossen werden kann.
Ich helfe Menschen, in stimmigem Kontakt mit sich selbst und anderen zu kommen, damit sie in  ihrem jeweiligen sozialen Umfeld im Sinne aller Entscheidungen treffen und Abläufe entwerfen können.
Die Antwort auf das Wie ist auf der Startseite sowie auf der 2. Seite nach der Startseite zu finden.

Was: Ich treffe mich mit Menschen 1:1 und bin zusätzlich mittel- bis langfristig mit ihnen im laufenden schriftlichen Kontakt. Außerdem gibt es noch ein Archiv von Blog-Beiträgen zum Thema sowie eine kleine Community mit anderen Interessierten, die als Ressource zur Verfügung steht.

Würde ich jemanden neu kennenlernen und nur eine Minute Zeit haben ihm zu erklären worum es mir geht, was könnte er mit der Antwort auf die Was-Frage anfangen? Sie macht in Kombination mit dem Rest schon ihren Sinn, aber der Rest ist nach einem derart langweiligen Was schon gar nicht mehr interessant. Die Antwort auf Warum-Fragen kann jedoch Lust auf mehr machen.

Warum funktioniert das Warum?

Wenn wir annehmen, dass es sehr hilfreich sein kann, mit dem Warum zu starten, entsteht für mich eine interessante Folge-Frage: Warum funktioniert es eigentlich  so gut, mit dem Warum zu beginnen?

Die Antwort liegt meiner Ansicht nach darin, dass die Antworten auf diese Fragen einer impliziten Hierarchie unterliegen. Diese Hierarchie ermöglicht es, unterschiedliche Sichtweisen auf einer darunterliegenden Ebene über aus der übergeordneten Ebene abgeleitete Kriterien aufzulösen. Das klingt jetzt sehr kompliziert, deswegen ein Beispiel:

Ein neuer Lehrer kommt in ein bestehendes Kollegium. Frisch von der pädagogischen Hochschule gekommen, ist er motiviert, alles neu und besser zu machen, und eckt prompt an den bestehenden Strukturen an damit. „Wir machen das anders hier“, bekommt er zu hören, und rasch entsteht ein Konflikt über das Was des pädagogischen Tuns. Bleiben wir auf der Ebene des Was, so steht Meinung gegen Meinung. Begeben wir uns jedoch eine Ebene höher, auf das Wie, so finden wir vielleicht einen übergeordneten Zugang, auf den sich die Konfliktparteien einigen können. Wird dies vollbracht, so können die unterschiedlichen Zugänge zur Umsetzung des Wie durch vom übergeordneten Wie abgeleiteten Kriterien objektiver beurteilt werden.

Angenommen, der neue Kollege und das bestehende Kollegium einigen sich darauf, dass es wichtig ist, dass sich die Schüler als Individuum gesehen fühlen. Danach können sie gemeinsam beurteilen, ob ihre unterschiedlichen Ansätze, den  Unterricht zu gestalten, diesem Kriterium mehr oder weniger gut entsprechen. Möglicherweise wird dann etwa sichtbar, dass beide Ansätze, der alte wie der neue, dem Kriterium gut entsprechen und damit auch gut nebeneinander existieren können.

Zugehörigkeit durch ein gemeinsames Warum

Aus dem Handeln eines Menschen ist oft nicht klar ersichtlich, was seine Beweggründe für dieses Handeln sind. In der Folge bewerten wir sein Handeln basierend auf den Annahmen, die wir treffen. Wenn das Handeln des anderen unserem Warum zuwiderläuft (oder wir es annehmen), so wird die handelnde Person als nicht unserer Gruppe zugehörig empfunden, wird zum Gegenspieler.

Mit dieser Erkenntnis ausgestattet, müsste es doch eigentlich sehr einfach sein, stattdessen einfach mit dem Warum zu beginnen, und so eine gemeinsame Basis in einem Team herzustellen. Dies ist durchaus auch möglich, aber einfach ist es nicht. Der Grund dafür liegt für mich darin, dass nur wenigen Menschen klar ist, warum sie tun, was sie tun. Klingt unglaublich, aber dürfte nach meinen Beobachtungen durchaus der Realität entsprechen.

Ich selbst, der ich doch – soweit ich das beurteilen kann – vergleichsweise sehr viel Zeit damit verbringe nachzudenken, zu reflektieren, zu lesen, zu schreiben, kämpfe nun seit gut 1,5 Jahren mit dieser Fragestellung. Mittlerweile bin ich auch so halbwegs zufrieden mit meiner Antwort, vor allem weil sie – anders als vor 2-3 Monaten – nicht mehr mehrere A4-Seiten benötigt, um erklärt zu werden.

Warum bin ich Lehrer? Direktor? Warum bin ich Teamleiter? Warum habe ich dieses Unternehmen gegründet? Diesen Sozialverein? Wenn es mir gelingt, diese Frage für mich zu beantworten, so erleichtere ich es damit anderen herauszufinden ob sie sich mit dieser Antwort ebenso identifizieren können. Können sie es nicht und handelt es sich nicht nur um ein Missverständnis in Worten und Deutungen, so wird eine Zusammenarbeit auf Dauer kaum fruchtbar sein. Ist aber eine grundsätzliche Übereinstimmung im Warum gegeben, so können unterschiedliche Meinungen über das Wie oder ein weit unwichtigeres Was befruchtend für Innovationen sein.

Die meisten von uns nehmen an, dass die Antwort auf diese Fragen ohnehin so klar ist, dass sie es nicht wert ist, gestellt zu werden. Was dazu führt dass wir uns so häufig missverstehen, weil wir – unhinterfragt – annehmen, dass ein jeder von uns zu der gleichen Antwort kommen muss.  Damit beschränken wir jedoch auch implizit unsere Möglichkeiten des Miteinanders.

Lässt sich ein gemeinsames Warum auch herstellen?

Laut Simon Sinek ist das Gefühl, von Menschen mit ähnlichen Wertvorstellungen umgeben zu sein, essentiell für ein gegenseitiges Vertrauen und der Bereitschaft, auch Neues auszuprobieren – und seine Ausführungen machen meiner Ansicht nach auch durchaus Sinn.

Wirklich interessant ist jedoch die Kombination mit seinem Konzept vom Goldenen Kreis, weil es bedeuten würde, dass wir sehr oft von Menschen mit ähnlichen Wertvorstellungen umgeben sind, es aber nicht erkennen können, weil wir über das Was statt über das Warum sprechen. Beispielsweise gehe ich (optimistischerweise) davon aus, dass die meisten Menschen, die von Beruf Lehrer sind, sich mit meinem Warum, Menschen zu helfen aufzublühen, identifizieren können. Die wenigsten würden wohl von sich behaupten, sie wären Lehrer geworden, um zu verhindern, dass Menschen das Beste aus ihren Anlagen und Chancen machen. Aus ihren Handlungen (Was) alleine ist dies aber nicht immer eindeutig zu erkennen.

Eine Hierarchie-Ebene darunter,  beim Wie, werden viele Lehrer schon nicht mehr mit mir einig sein. Vielleicht noch damit, dass es Menschen gut tut, gesehen zu werden, aber dass dies einen stimmigen Kontakt voraussetzt, da wird es wohl schon problematischer. Weniger noch bei der Frage ob dies wünschenswert sei, sondern eher bei der Frage der praktischen Umsetzbarkeit: Das wäre schön und sinnvoll, aber wer soll das leisten?

Und spätestens beim Was lässt sich dann trefflich darüber streiten was denn nun die schlauesten Umsetzungen von all dem darstellt.

Und noch eine Ebene darüber

Das Konzept von Warum, Wie und Was als Hierarchie-Ebenen lässt sich in beide Richtungen weiterführen. So basiert etwa mein Warum, Menschen helfen aufzublühen, auf der stillschweigenden Annahme und meinem Weltbild (= Vorstellung, wie diese Welt funktioniert, noch ohne Wertung), dass in Menschen Potential angelegt ist, das mit Hilfe einer konstruktiven Umwelt inneres und äußeres Wachstum ermöglicht. Jemand anderer basiert sein Warum vielleicht auf dem Weltbild, dass der Mensch ein leeres Gefäß ist, das von außen „befüllt“ werden muss, und wird zu anderen Schlüssen kommen. Der Fantasie sind damit kaum Grenzen gesetzt, das Konzept weiterzuführen. Mit der Hierarchie von Warum, Wie und Was kann man jedoch schonmal viel erreichen.

Viel Freude damit!

Niklas

Sinn und Unsinn von Prüfungen

Warum machen Prüfungen Angst? Warum brauchen wir sie überhaupt? Und wie können wir Prüfungen so einsetzen, dass sie eine konstruktive Rolle spielen und die Selbstständigkeit und Weiterentwicklung der Lernenden unterstützen?

Prüfungen (in der Folge werden auch „Tests“ als Prüfungen bezeichnet) übernehmen in unserem Bildungssystem eine zentrale Funktion und sind aus ihm kaum wegzudenken. Sie lassen sich jedoch durchwegs auch anders denken – und eröffnen somit interessante Spielräume für pädagogische Innovationen.

Grundsätzlich lassen sich drei Grundfunktionen von Prüfungen unterscheiden:

  • Bewertung
  • Feedback
  • Selektion

Eine klassische Schularbeit etwa erfüllt in der Praxis nur die Funktionen der Bewertung und der Selektion. Der Schüler bekommt zwar durch die Beurteilung der Schularbeit auch Feedback zu seiner Leistung, meist hilft ihm dies jedoch nur wenig, weil es nur selten eine Chance zur Wiederholung gibt bzw. das Erstergebnis mit dem zweiten kombiniert wird.

Außerdem ist die Prüfung selbst im Regelfall nur ein Teil eines Benotungs-Systems, das für den Schüler zu unübersichtlich (wenn überhaupt zugänglich) ist, um einen direkten Zusammenhang zwischen Prüfung und ihrer Konsequenz herzustellen. Wohl wird er anhand der Prüfung selektiert, aber er ist passives Objekt der Selektion, das vom guten Willen des selektierenden Lehrers abhängig ist, auch weil ein großer Teil der Leistungsbeurteilung von der subjektiven Einschätzung des Lehrers abhängt (Motivation des Schülers etc.), die der Schüler – wenn überhaupt – nur indirekt beeinflussen kann.

In einer 4. Klasse Deutsch hatten einige Kinder Angst vor ihrer ersten Schularbeit – und kein Wunder! Ein einziger Tag, in einer neuen Situation (Prüfung), sollte maßgeblich über ihre Bewertung in 1 (sehr gut) bis 5 (nicht genügend) bestimmen. Ihre Leistung an diesem Tag stellte die Weichen, ob sie in Zukunft ins Gymnasium oder in die NMS gehen würden, und entschied damit über langfristige Zukunftsperspektiven mit.

Keine Angst mehr vor der Schularbeit

Darum drehte ich als ihr Lehrer die Angst vor der Prüfung einfach auf den Kopf: wir schrieben nun einfach ab der zweiten Schulwoche jeden Freitag eine Schularbeit. Schon vorher hatten die Kinder von mir ein Übersichtsblatt mit Beurteilungskriterien und erreichbaren Punkten bekommen, komplett mit einer Liste an objektiv nachvollziehbaren Abzugsmöglichkeiten.

All diese Schularbeiten wurden von mir im Sinne der Feedback-Funktion von Prüfungen bewertet als wären es „richtige“ Schularbeiten, so dass die Kinder die Chance hatten, durch Experimentieren herauszufinden, wie sie mehr Punkte erreichen konnten. So wurde etwa vor der ersten „richtigen“ Schularbeit, zu der eine Bildgeschichte kommen würde, jede Woche ebenso eine Bildgeschichte geschrieben.

Wenig überraschend hatte sich die gesamte Klasse nach 5 Wochen um im Durchschnitt einen Notengrad verbessert (abgesehen von denjenigen, die ohnehin von Anfang an 1er-Kandidaten waren), und die Angst vor der “echten” Schularbeit war auch bei den vormals „schlechten“ Schülern verflogen. Warum? Die wöchentliche Schularbeit in dieser Form hatte eine echte Feedback-Situation, die es ermöglichte, sich auf die bevorstehende „richtige“ Prüfungs-Situation vorzubereiten.

Keine Angst mehr vor dem Stoffdruck

Ein ähnliches Konzept verwendete ich, um den restlichen Jahresstoff zu vermitteln. Ich teilte ihn in kleinere und sinnvoll zusammengefügte Einheiten auf, für die jeweils etwa 4-6 Wochen Zeit war, und überlegte mir jeweils am Anfang bereits, wie ich die zu erwerbenden Fähigkeiten am Ende prüfen wollte.

Bevor ich anfing etwas zu vermitteln, ließ ich die Kinder die endgültige Prüfung versuchen. Anhand der Ergebnisse war es mir nun möglich, das vertieft zu vermitteln, was den Kindern noch an Fähigkeiten fehlte, und das auszulassen, was sie ohnehin schon beherrschten. Manche Kinder erreichten bereits 10/10 Punkte, bevor ich überhaupt angefangen hatte ihnen den Stoff zu vermitteln – diese wurden nun weitere relative Meister, die mit mir gemeinsam denjenigen halfen, die noch nicht die volle Punktzahl erreicht hatten.

Da ich die Prüfung (wie die Schularbeiten) von vornherein  als eine Art „Blaupause“ durchdefiniert hatte, war es ein Leichtes, aus dieser „Blaupause“ jeweils neue, gleich schwierige Prüfungen zu fertigen, wenn Schüler sich im Lernstoff sicher genug fühlten, um die Prüfung zum jeweiligen Lernblock erneut zu versuchen. Da es nur 1x/Woche nach Anmeldung die Möglichkeit gab, eine Lernblock-Prüfung zu wiederholen, war der Aufwand für mich auch überschaubar. Die Kinder wussten von mir ganz klar, wie sich Schularbeiten, Prüfungen zu Lernblöcken etc. zur Note zusammensetzten, und konnten dadurch durchaus auch „taktisch“ agieren, wenn ihnen ein Lernblock nicht so sehr lag.

Befreiung durch Prüfungen

Weil es den Kindern auf diese Art möglich war, Prüfungen tatsächlich durch eigenes Lernen „auszubessern“, bis sie das Prüfungsziel beherrschten, war die Motivation bei den Kindern groß. Ich erklärte ihnen jeweils nur, was ihre bisherigen Ergebnisse für die Endnote bedeuten würde. Der Wunsch, weitere Prüfungen abzulegen und sich dafür vorzubereiten, ging daraufhin – wo er vorhanden war – von den Kindern aus, weil eine Prüfung noch einmal abzulegen ihnen tatsächliche Vorteile brachte.

Unser sonst üblicher Zugang zu Prüfungen führt eher dazu, dass Kinder einmal „versemmelte“ Prüfungen mit dem jeweiligen Prüfungsstoff in Verbindung bringen und das Gefühl bekommen, sie wären zu dumm dazu, ihn zu verstehen – was vor allem in aufeinander aufbauenden Disziplinen wie Mathematik fatal sein kann, wenn die Basis nicht beherrscht wird und keine Motivation oder auch Möglichkeit besteht, sie sichtbar nachzulernen.

Auf die beschriebene Weise aufbereitet war der “Stoffdruck”, von dem meine KollegInnen stöhnend berichteten, kaum ein Thema für uns. Wir waren zwar im Arbeitsbuch noch nicht weit gekommen, erreichten aber – durch die Prüfungen nachweisbar – bereits nach kurzer Zeit die Endziele der im Arbeitsbuch zur Erreichung der Endziele vorgesehenen Übungen. Anstatt sichtbar zu arbeiten, arbeiteten wir möglichst effizient auf sichtbare Ergebnisse hin.

Es ist bezeichnend, dass Kinder wie Eltern begeistert waren, KollegInnen und meine Vorgesetzte entsetzt. Ich hatte einen Interessenskonflikt für mich zugunsten der Lernenden entschieden, und damit meine Rolle als Lehrer umdefiniert vom mächtigen Selektierenden zu einer Doppel-Rolle als objektiver Prüfer und liebevoller Lernhelfer. Damals war mir noch nicht klar, wie tief diese traditionelle Rolle des Lehrers in Schulsystem und auch Wirtschaft verankert ist, weswegen ich dachte, es reiche, nachweisbar exzellente Ergebnisse mit den Schülern zu erzielen und ihnen dabei auch noch Freude am Lernen zu vermitteln. Warum dies aus heutiger Sicht eine grobe Fehleinschätzung war, darüber werde ich ein andermal schreiben.

Die Trennung von Lernen, Lehren und Prüfen

Dem aufmerksamen Leser wird aufgefallen sein, dass ich diese drei Aktivitäten voneinander getrennt betrachte. In dem beschriebenen Zugang kann jemand eine Prüfung bestehen, ohne dass ich ihn gelehrt habe, er kann auch ohne mich lernen, oder meine Hilfe in Anspruch nehmen. Dies ist höchst ungewöhnlich in unserem Schulsystem, hat aber massive Vorteile für den Lernenden.

Üblicherweise kann zu einer Prüfung nur dann angetreten werden, wenn man sich vorher über den Prüfungsstoff belehren hat lassen. Für jemanden, der den Prüfungsstoff bereits beherrscht, ist dies aber extrem ineffizient und frustrierend! Diese Verknüpfung von Lehren und Prüfungen hat neben anders ebenso lösbaren organisatorischen Vorteilen einen weiteren Grund: Prüfungen als untrennbar von der Vermittlung von den zu prüfenden Inhalten zu betrachten garantiert die Aufrechterhaltung eines hierarchischen Verhältnisses zwischen dem Lehrenden und dem zu Prüfenden, macht also das möglich, was wir als unter-richten kennen. Mein bunterrichten-Ansatz stellt diesen völlig auf den Kopf und schafft völlig neue Möglichkeiten.

Die Einführung der Zentralmatura war ein sehr interessanter Schritt diesbezüglich, den ich für sehr sinnvoll halte, weil er objektive Prüfungen und damit eine Öffnung der möglichen Lernwege ermöglicht. Wünschenswert wäre jedoch noch die Möglichkeit, die Zentralmatura jederzeit (gerne auch gegen eine kleine Entschädigung für den Aufwand) ohne vorherigen Kursbesuch abzulegen. Immerhin ist die Matura eine Art Tür-Öffner zum Studium in Österreich, die v.A. vielen Lehrlingen verschlossen bleibt (Ausnahme: Lehre mit Matura). Was uns zum nächsten Punkt bringt:

Prüfungen als Tür-Öffner für bestimmte Rechte

Es macht durchaus Sinn, dass in Österreich nur jene Menschen Auto fahren dürfen, die über eine Prüfung bewiesen haben, dass sie das notwendige praktische Können und theoretische Wissen erworben haben.

Was würde passieren, wenn wir ähnlich wie beim Erlangen des Führerscheines in Schulen bestimmte Vor-Rechte davon abhängig machen, durch eine Prüfung die notwendigen Voraussetzungen bewiesen zu haben? An einer freien Schule, an der ich gearbeitet habe, wurde mit Hilfe eines sogenannten „Zertifikat-Systems“ genau dieses Konzept umgesetzt. Je nach Zertifikat-Level war es Schülern erlaubt, sich in verschieden großen Freiräumen zu bewegen. Wer etwa nur das Zertifikat Z1 aufwies, durfte sich nur innerhalb der Schule frei bewegen, mit Z2 war auch der Garten inkludiert und mit Z3 durfte man sich unter gewissen Bedingungen auch außerhalb des Schulgeländes bewegen, etwa um für die Werkstatt Material einzukaufen.

Muss erwähnt werden, dass die Kinder die Zertifikats-Stufen im Großen und Ganzen gut respektierten, und sehr motiviert waren, sich erweiterte Freiräume über ein Ablegen der entsprechenden Prüfungen zu erlangen? Der Vollständigkeit halber: bei schweren Verstößen gegen die im jeweiligen Zertifikat verlangten Verhaltensweisen konnten Zertifikats-Stufen auch eine Zeit lang oder ganz entzogen werden (wie man es vom Führerschein auch kennt).

Wie oft werden an Regelschulen Prüfungen als Tür-Öffner für bestimmte Rechte eingesetzt, die sofortige und direkt spürbare Konsequenzen für den Schüler mit sich bringen? Derzeit ist ein selbstständiges Lernen allein (etwa aus Büchern oder durch eigene praktische Erfahrung) kaum in gesellschaftlich anerkannte Rechte umwandelbar. Wie würde unsere Gesellschaft aussehen, wenn wir die Trennung von Vermittlung und Prüfung vorantreiben – würden wir dadurch nicht selbstständiges Lernen massiv aufwerten?

Die Kernfrage: bin ich als Lehrer bereit, meine Rolle zu hinterfragen?

Prüfungen als Tür-Öffner-Funktion sowie als Feedback einzusetzen setzt eine bestimmte Haltung voraus, die davon ausgeht, dass Lernen und Entwicklung eines jeden Menschen jederzeit möglich ist. Diese Haltung besagt, dass ein Mensch bei einer Prüfung zu einem bestimmten Zeitpunkt eine bestimmte Punktezahl erreicht haben mag, aber dass es nicht notwendigerweise dabei bleiben wird, und dass er sein Leben lang Entwicklungspotentiale in sich hat.

Diese Haltung setzt auch voraus, dass sich der Lehrende/Prüfer erlaubt, einen Teil seiner Kontrolle und Macht aufzugeben und in die Hände der ihm anvertrauten Lernenden zu legen. Wer diesen Mut besitzt, wird wie ich überrascht sein, was dadurch plötzlich alles möglich wird – u.A. wachen dieselben Kinder, die vormals unter der Schule litten, dann – laut Rückmeldung der Eltern – morgens auf und freuen sich auf den Schultag…

Niklas