Heute Nacht machte ich meine ersten Praxis-Erfahrungen mit dem Internet-Dienst Couchsurfing. Ein Mann und eine Frau, die sich die vermutlich f√ľr viele etwas wahnwitzig erscheinende Idee in den Kopf gesetzt hatten, die Strecke zwischen Passau und China mit dem Rad zur√ľckzulegen, √ľbernachteten bei mir. Ich holte sie, ebenso mit dem Rad, am Linzer Bahnhof ab, wir verstauten ihr Gep√§ck in meinem Zimmer und verbrachten einen sch√∂nen Nachmittag und Abend miteinander. Auch wenn oder gerade weil das Englisch der beiden nicht sonderlich fl√ľssig war, war es doch sehr unterhaltsam. So nebenbei lernte ich einige Tricks franz√∂sischer K√ľche, bevor die beiden heute Morgen wieder aufbrachen.

Abgesehen von den offensichtlichen M√∂glichkeiten, die Couchsurfing f√ľr Reisende und jene, die gerne mit Reisenden zusammen kommen, bietet, wundert es mich, dass scheinbar noch kaum jemand auf die Idee gekommen ist, den Dienst auch f√ľr schulische Zwecke zu nutzen. Nur wenige Couchsurfer werden ausgebildete Lehrer sein, doch wohl ein jeder von ihnen bringt einen reichen Schatz an Erfahrungen mit, der Sch√ľlern sehr wertvoll sein k√∂nnte. Meine beiden Besucher beispielsweise kommen aus Frankreich, was bedeutet, dass die Sch√ľler einer Schule mit ihnen ihr Franz√∂sisch in einem realistischen Setting ausprobieren k√∂nnen. Sie k√∂nnen wohl einiges √ľber Radtechnik und Gimmicks erz√§hlen. Es mag auch interessant sein, √ľber das Leben und die Kultur in Frankreich etwas von jemandem zu h√∂ren, der tats√§chlich dort lebt, und nicht nur aus B√ľchern.

Neben dem Einverst√§ndnis der jeweiligen Couchsurfer (und vermutlich auch der Eltern/Kinder/Direktoren, was √úberzeugungsarbeit n√∂tig machen k√∂nnte) sind nat√ľrlich einige Fragen der Sicherheit zu bedenken. Auch wenn der gr√∂√üte Anteil der Reisenden und Hosts nur gute Absichten haben mag, gilt es zu bedenken, dass es auch schwarze Schafe unter ihnen geben wird. Ein verantwortungsvoller Umgang mit den G√§sten wird hier n√∂tig sein, etwa diese nicht in der Schule sondern in die eigene Wohnung einzuladen, um sie erst kennen zu lernen, bevor sie auf die Kinder ‚Äělosgelassen‚Äú werden.

In einer Zeit, in der Lehrer und Direktoren √ľber st√§ndige Einsparungen und Stundenk√ľrzungen jammern, wird es Sinn machen, kreativ zu werden und sich nach kostensparenden Alternativen umzusehen. Wenn wir uns von dem Irrglauben verabschieden, dass wir nur von ausgebildeten Lehrern etwas lernen k√∂nnen, er√∂ffnet sich rasch ein weites Feld an M√∂glichkeiten, Kindern und Jugendlichen Lernm√∂glichkeiten zu bieten. Couchsurfer, die oft weit herumgekommen sind, stellen da eine interessante M√∂glichkeit dar.
Heute Nachmittag/Abend soll mein n√§chster Besucher, dieses Mal aus Lettland, eintreffen. Da ich √ľber das Land kaum etwas wei√ü, kann ich sicherlich viel von ihm lernen, vielleicht auch ein wenig Russisch mit ihm √ľben. Bin schon gespannt, wie das wird…

Kennt ihr jemanden, der Couchsurfer bereits in Schulen eingeladen hat? Mich w√ľrden Praxis-Erfahrungen dazu interessieren ūüėČ

Niklas

0 Replies to “Couchsurfing als Quelle relativer Meister”

  1. Die Idee gibt es ja scheinbar schon l√§nger. Seit ich auf CS bin gibt es in der Beschreibung den Punkt “Lehren. Lernen. Teilen.”. Ich kopier mal die Beschreibung darunter:
    “Dies sind die Anf√§nge der Couchsurfing-Universit√§t, einer Schule, in der jede und jeder gleichzeitig StudentIn und LehrerIn ist. Beim Surfen geht es ja nicht nur um den Schlafplatz, sondern um einen Austausch. Sei es esoterisches Wissen oder praktische F√§higkeiten, du wei√üt bestimmt etwas, von dem andere profitieren k√∂nnen. Nenne hier einige Dinge, die du der Gemeinschaft gerne beibringen m√∂chtest – und vielleicht auch etwas, das du selbst lernen m√∂chtest!”

    Leider hat sich da seit Jahren nichts ver√§ndert bzw. ist noch nicht mehr aus der CS-Uni geworden scheinbar…

  2. Ja, ich glaube, die Grundidee davon √§hnelt meinem relative-Meister-Konzept, und ich habe sicher von meinen bisher drei Besuchern einiges gelernt und sie von mir. Aber vermutlich ist das Vertrauen noch eine gr√∂√üere Barriere. Vor allem bei Kinder und Jugendliche: wie kann man sichergehen, dass Couchsurfer nicht √ľble Absichten haben? Auch wenn es nur minimale Chancen gibt, da ein schwarzes Schaf zu erwischen, das Risiko ist da. Da als Lehrer als eine Art “Torw√§chter” zu fungieren, der Couchsurfer zuerst bei sich zuhause aufnimmt und sich die jeweiligen G√§ste anschaut, bevor sie in Kontakt mit den Kindern kommen, macht f√ľr mich schon Sinn. Aber Danke f√ľr den Kommentar ūüėČ

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