Gestern Abend besuchte ich nach etwa einem Jahr erstmals wieder einen Ort, der mindestens so viel mit meinem Werdegang als Mensch zu tun hat als all die Bücher, die ich gelesen habe: das C. Das C, für die überwiegende Mehrheit von euch, die es nicht kennen werden, ist eine relativ abgetakelte Bar in einem Keller in Eberstalzell, nahe Sattledt hier in Oberösterreich.

Als mich mein Bruder im zarten Alter von 17 Jahren erstmals dorthin mitschleppte, hatte ich nach einigen Erfahrungen mit meinen Schulkollegen in Linzer Lokalen, die meist in allgemeinen Saufgelagen endeten und mir als Nicht-Trinker keine rechte Freude bereitet hatten, zudem ich die Musik dort auf Dauer kaum aushielt, das Fortgehen bereits fast aufgegeben gehabt. Es war ein Frühling, Tag der Zeitumstellung, und ich verfluchte das Datum, weil ich nicht heim wollte. Es war eine Offenbarung.

WerdeMann

Einer meiner Hauptmotivationen, einige Monate später den Führerschein abzuschliessen, war es, selbst in dieses ohne Auto kaum erreichbare Lokal zu kommen, und fortan besuchte ich diesen für mich beinahe heiligen Ort fast jedes Wochenende, mit Freunden oder auch alleine. Ich entdeckte eine immense Lust, mich im Tanz zu einer Musik, die mich ausfüllte, auszudrücken, entdeckte, dass es möglich war, mit Frauen völlig ungezwungen in ein Gespräch zu kommen, entdeckte, dass ich ein Mensch mit eigenem Wert sein konnte, entdeckte, dass sich Menschen ernsthaft über meine Anwesenheit freuten, dass es einen Unterschied machte, ob ich existierte, hier an diesem heiligen Ort.

Einige Monate nach meinem ersten Besuch ereignete sich eine weitere Begebenheit, die mir wohl immer in Erinnerung bleiben wird: Mein Bruder, der mich erstmals mitgenommen hatte, war mit mir dort gewesen, wir waren bereits zuhause, putzten gerade die Zähne, als er mir sinngemäss sagte, er sei stolz auf den Menschen, zu dem ich mich entwickelt hatte. Mein grosser Bruder, zu dem ich mein Leben lang, wohl oft ohne dass er es bemerkte, aufgeschaut hatte, hatte mich an diesem Morgen – Zahnbürste noch im Mund – als seinesgleichen, als Mann akzeptiert.

Gotteskeller

Eines Nachts war eine Frau in der Bar in erheblich betrunkenem Zustand auf meine Schulter gefallen und lallte, dass dieser Ort etwas religiöses hatte, einer der wenigen Orte in dieser Welt, der es einem jeden ermöglichte, sich selbst zu erfahren und zu sein, und in ihrem Delirium hatte sie wohl eine tiefe Wahrheit berührt. Dieser Ort war meine Kirche, war der Ort, an dem ich inmitten der lautesten Musik still werden konnte, meine nackten, manchmal durch Glasscherben verunstaltenden, aber umso mehr fühlenden Füsse der Erde, dem Ursprung, einer Art von Erleuchtung so nahe waren wie nur in wenigen Momenten.

Wenn ich mich inmitten der tanzenden Massen wiederfand, völlig verausgabt vom vollkommenen Ausdruck der Seele der Musik, der mir in diesen Mauern so einfach fiel, würden die Mauern fallen, die uns im Alltag oft zu trennen vermögen, und Simone, meine Lieblingskellnerin, würde mir ein Glas Wasser reichen. Der Schweiss, der Qualm der Zigaretten, die Anstrengungen und Sorgen des Alltags würden dieser tiefen Verbindung weichen, die stets nur in Augenblicken möglich ist. Wir hörten auf, uns anzuschauen, und sahen uns. Und als wir uns sahen, sahen wir den Gott im Anderen. Wir spürten uns, wenn wir uns im Kreis wiederfanden, spürten uns, wenn wir uns gegenüberstanden und unsere Bewegungen wie von einer geheimnisvollen Macht geleitet synchron wurden, wurden eins und doch zwei, viele, wurden der Ursprung und das Ende, durchstiessen die Illusion ihrer Trennung im gleissenden Licht unserer wissenden Augen, bevor der Alltag uns wieder zurückwerfen konnte in das trübe Gewässer der Trostlosigkeit.

Das CC ist meine Heimat in einer Art und Weise, wie es keine Wohnung, kein Haus, jemals sein können wird, denn es ist eine Art von spiritueller Heimat für mich, ein Ort der spirituellen Zusammenkunft, eine Zeit des Gebets in Form eines Tanzes, ein Ritual ohne Form. Der Ort, an dem ich mich selber immer wieder zu finden vermag und damit die Welt: Eins ist alles, alles ist eins.

Ich bin nicht naiv genug zu glauben, das C könnte diese Funktion für alle oder auch nur viele Menschen erfüllen. Vielleicht bin ich sogar der einzige, dem es so geht. Aber ich möchte an dieser Stelle betonen, wie wichtig das Finden dieses für mich auf seine Art heiligen Ortes für mich war und bis zum heutigen Tage ist: es ist mein spiritueller Anker, der es mir erst ermöglicht, meine spirituellen Reisen zu unternehmen. Ich wünsche einem jeden von euch, dass auch ihr euren Anker, euren Ort und eure Zeit bereits gefunden habt oder noch finden werdet.

Wir sehen uns dann auf hoher See.

Niklas

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