Der gute Überfluss: Aus der Fülle schöpfen und schenken

    Das "Leben im Überfluss" hat oft einen eher negativen Beigeschmack. Und doch scheint die Fülle die Voraussetzung eines guten sozialen Miteinanders zu sein.
    (Letztes Update von Niklas Baumgärtler am 20.7.2020)

    Der gute Überfluss

    In den letzten Tagen habe ich viel mit meiner Freundin darüber diskutiert, was es dafür braucht, dass Gemeinschaften auf Dauer gut miteinander teilen können, und warum diese so oft scheitern. Vor vielen Jahren habe ich schonmal einen Artikel darüber geschrieben, “Warum Alternativen scheitern”. Aber heute bin ich zu dem Schluss gekommen, dass meine Schlüsse von damals nur die halbe Wahrheit abdecken. Der andere, ganz zentrale Aspekt, der meinem Verständnis damals noch fehlte, war jener des Überflusses.

    Aus der Fülle schöpfen und schenken

    Fülle ist ein Zustand des Mehr-als-genug, oder auf gut oberösterreichisch: “Spazi” zu haben. Es besteht ein derartiger Überschuss an einer Ressource, dass ein Verschenken dieser Ressource ohne direkte Gegenleistung nicht zum eigenen Nachteil wird.

    Jemand mit guten finanziellen Reserven wird etwa einen kleinen Teil seines Geldes an jemanden schenken können, ohne sich Sorgen darüber machen zu müssen, dass er selbst etwas davon hat. Er kann wahrhaft schenken und teilen.

    Wenn dieser jemand jedoch aufgrund dessen was er gibt selbst Nachteile erleidet (weil dann zuwenig für ihn selbst übrig bleibt), dann kann das rasch zu Schwierigkeiten führen.

    Bis zu einem gewissen Grad sind Menschen in der Lage, den eigenen Nachteil zugunsten des Vorteils anderer zu tolerieren. Wie groß die Bereitschaft dazu ist, hängt auch ein Stück weit von der jeweiligen Persönlichkeit ab. Begrenzt ist diese Bereitschaft jedoch immer. Nur werden diese Begrenzungen eben je nach Mensch anders gesetzt sein.

    Wer über diese Grenze geht, um anderen zu helfen, erwartet sich meist selbst einen Vorteil daraus, auch wenn dieser oft unausgesprochen/unbewusst bleibt. Und wenn genug solcher Menschen zusammen kommen, so die Theorie, entsteht daraus ein derartiger Überschuss, dass am Ende alle genug haben werden – siehe z.B. kollektive Wohnprojekte. Aber warum funktionieren solche Vorhaben dann in der Praxis so selten?

    Fehlender Überfluss: Warum Kollektive nur selten auch nachhaltig funktionieren

    Die meisten solcher Gemeinschaften funktionieren im Großen und Ganzen nach der Idee, dass das Teilen untereinander ein Mehr für alle generiert. Über Jahrtausende war dies auch etwas, das in menschlichen Gemeinschaften vergleichsweise gut funktioniert hat – schlicht, weil ein solches Miteinander wirtschaftlich, emotional, sozial und zum Schutz aller notwendig und ein Stück weit auch alternativlos war. Kaum ein Mensch hatte die Möglichkeit, wirklich unabhängig von seiner Umgebung zu werden.

    Nun, in den letzten ca. 100 Jahren, geschah eine Art “Kontinentalverschiebung” in unserem Miteinander. Zumindest finanziell betrachtet wurde es zunehmend möglich, sich aus der Ursprungsfamilie, dem ursprünglichen “Clan”, abzusondern. Eigene Wege zu gehen. Mehr und mehr der ursprünglich von der sozialen Gemeinschaft getragenen Funktionen auszulagern und durch die Verwendung von Geld zu ersetzen.

    Wer heute jemandem hilft, kann nun nicht mehr verlässlich davon ausgehen, dass es sich früher oder später auch für ihn selbst auszahlen wird, “weil die Gemeinschaft eben zusammenhilft”. Dieser jemand, dem man heute hilft, wohnt eine Woche später vielleicht in Neuseeland, und ward nie mehr gesehen. Die ursprünglich eher eng verstrickten sozialen Gemeinschaften “zerfransen” immer mehr.

    Die Abstrahierung des sozialen Miteinanders durch das Mittel des Geldes vermindert bisweilen die Abhängigkeit von schädlichen sozialen Ursprungs-Systemen. Aber sie hat auch ihre Nachteile.

    Viele Menschen sehnen sich nach dem Sozialen, dem menschlichen Miteinander, das imzuge einer monetären Interaktion allzuoft in den Hintergrund tritt. Nicht zufällig boomt der Markt für personalisierte Dienstleistungen. Sind Menschen bereit, mehr zu bezahlen, um zumindest etwas mehr wie Menschen behandelt zu werden, die dem Gegenüber eben nicht egal sind.

    Die nur auf den ersten Blick logische Konsequenz wäre die Wiedereinführung der alten Gemeinschaften, wie in der alternativen Szene oft angedacht. Kollektive Gemeinschaften, gemeinschaftliches Leben und Arbeiten, vielleicht auch noch kollektive Landwirtschaft, ein genossenschaftlicher Verein, eine Freie Schule dazu…?

    Die kollektivierte Verwaltung des Mangels

    Abgesehen von einigen sozialen Schwierigkeiten, die einem solchen Vorhaben zusätzlich noch im Wege stehen können, fällt eines auf: Meistens werden solche Projekte von jenen Menschen gegründet bzw. werden jene Menschen von solchen Projekten angezogen, die für sich betrachtet nicht aus einer Fülle schöpfen können: “Ich habe vielleicht selbst nicht viel, aber gemeinsam haben wir ja dann mehr.” Mit dem gedanklichen Nachsatz, dass es ja dann auch für alle reichen wird.

    Aber eine Gemeinschaft wird schwierig, wo zu viele ihrer einzelnen Mitglieder jeweils für sich fürchten, für sich selbst zu wenig zu haben. Dann muss ständig zwischen dem Wohlergehen des Eigenen und des Kollektivs abgestimmt werden. Womit andauernde Konflikte vorprogrammiert sind.

    Was aber wäre, wenn stattdessen Menschen zusammenkommen, die jeweils für sich selbst schon “satt” sind? Die wahrhaft aus einem Überfluss schöpfen können, weil sie die Erfahrung gemacht haben, dass sie wirklich mehr als genug haben? Das wären vermutlich Menschen, die ihren Überfluss gerne und angstbefreit mit anderen teilen können. Aber auch dort ein klares “Nein” zu setzen, wo sie drohen, ohne dieses Nein selbst in einen Mangel zu geraten.

    Denn das Geben aus der Fülle heraus setzt eine Art “Hoheit” über die Ressource voraus, eine Befestigung gegen unerlaubten, gewaltsamen Zugriff. Es braucht den Zaun, um die Nachbarn freiwillig in den Garten einladen zu können.

    Man kann das Prinzip des “Aus-der-Fülle-schöpfen” auf finanzielle Belange anwenden, aber auch genausogut auf Aufmerksamkeit, Liebe, Zeit, … Derjenige, der es fertig bringt, den Zustand der Fülle zu erreichen, und lange genug darin zu verweilen, um sich sicher darin zu fühlen, kann anfangen, seinen Überschuss mit der Umgebung zu teilen.

    Und wenn einige solcher Menschen zusammenkommen, dann kann eine Gemeinschaft entstehen, die das Prinzipien der Fülle, aber auch der Freiwilligkeit des Gebens in ihrem Miteinander verankert. Um dann von dort aus womöglich auch anderen ähnliche Erfahrungen zu ermöglichen.

    “Darf ich wirklich mehr als genug haben?”

    Um dieses Prinzip des Gebens aus der Fülle anwenden zu können, braucht man einen Überschuss von etwas, damit man es auch gut teilen kann.

    Als jemand, der sich jahrelang mit dem – vermeintlichen – Problem herumgeschlagen hat, dass ja, wenn ich etwas bekomme, jemand anderer dann weniger von etwas hat, ist das Prinzip des Gebens aus der Fülle eine Offenbarung. Ich darf auch haben. Ich darf sogar mehr als genug haben. Weil erst dies es mir ermöglicht, in Freiheit zu geben.

    Vielleicht geht es gar nicht so sehr darum, kollektiv einen Mangel zu verwalten. Sondern darum, für sich den Zustand der Fülle zu erreichen. Um ihn dann mit der Welt zu teilen zu können, ohne selbst wieder in einen Mangel zu geraten. Jemand zu werden, der satt ist, und bei Bedarf auch helfen kann, andere satt zu machen.

    Aber ist das nicht womöglich egoistisch?

    In den meisten Belangen, mit denen ich mich bisher beschäftigt habe, führte die Ablehnung bzw. Angst vor einer Sache zu einer allzu großen Neigung zum Gegenteil. Wer auf keinen Fall als “Egoist” bezeichnet werden will, tendiert dazu, sich selbst ohne Notwendigkeit ständig in Mängel zu stürzen. Dazu, mehr zu geben, als gut für einen ist. Bis hin zum Zorn über die Ungerechtigkeit jener Welt, die einem selbst – angeblich – zu wenig übrig lässt.

    Es gibt sicherlich eine Form des Egoismus, die übertrieben ist. Aber auch eine, die untertrieben ist – und genauso schädlich. Wer gut auf sich selbst schaut, kann bei Bedarf besser mit anderen teilen, was er an Überfluss hat. Selbstaufopferung ist eine Option, aber nicht unbedingt immer die einzige, oder die beste.

    Ich möchte mehr und mehr ein Mensch werden, der gut satt ist. Der aus der Fülle schöpfen kann, um den Überfluss jener Fülle anderen, die davon genährt werden könnten, zur Verfügung zu stellen.

    Mit anderen solcher Menschen zusammen kommen, und aus den daraus entstehenden Gemeinschaften noch mehr Überfluss entstehen lassen, um ihn der Welt zur Verfügung zu stellen.

    Den Überfluss annehmen können

    Die größte Schwierigkeit auf dem Weg dorthin erscheint mir – für mich betrachtet – derzeit noch das Annehmen zu sein, das immer mit einem Eingeständnis des eigenen noch ungestillten Hungers verbunden ist. Dem Eingeständnis, dass man es nicht auf eigene Faust, ohne Hilfe geschafft hat.

    Aber das ist womöglich auch nur meine eigene, ganz persönliche Blockade, dass ich mir nicht allzugern helfen lassen will. Selbst wenn jemand mir schon sagt, dass es ihm nichts ausmacht, ja ihm sogar eine Freude bereitet.

    Gleichzeitig erscheint es mir immer mehr so, dass wir kaum etwas auf dieser Welt je ganz alleine erschaffen können. Erfolgreiche Menschen, selbst jene, die in ihren Erfolgsgeschichten gerne alle anderen relevanten “Player” auslassen, sind nur wenig ohne diejenigen Menschen, die sie in entscheidenden Momenten unterstützt haben. Es ist vermutlich schon etwas verrückt, sich selbst diese Unterstützung zu verwehren. Und doch ertappe ich mich immer wieder dabei.

    Aber wenn man weiß, wo die eigenen Blockaden liegen, und im Idealfall noch liebe Menschen um einen selbst hat, die es gut mit einem meinen, dann ist es vielleicht mit der Zeit möglich, diese Blockaden zu überwinden, bzw. womöglich noch besser, seinen Frieden mit ihnen zu schließen. Eine Zeit lang hatten sie ja bisweilen auch ihren Sinn und Zweck. Nur eben vielleicht mittlerweile nicht mehr.

    Und dann gibt es ja womöglich auch jenen einen Punkt, auf den sich so viel hinzubewegen scheint. Wo man dann plötzlich dasteht und spürt, dass alles, was einen bisher noch gebremst hat, von einem abgefallen ist. Wo man die Fülle der Welt nicht mehr nur in flüchtigen Augenblicken erkennen und spüren darf, sondern ganz in sich einlassen kann, um ihr dort eine bleibende Heimat einzurichten.

    Denn warum denn auch nicht?

    Portrait Niklas Baumgärtler

    Niklas Baumgärtler

    Niklas Baumgärtler interessiert sich für die Kunst der Begeisterung und macht gerne Wechsel- und Hebelwirkungen in Sozialen Systemen sicht- und erlebbar. Mehr über Niklas Baumgärtler...

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