Ich bin müde. Zu müde, um heute, Samstag, einem Fortgehtag, noch aus dem Haus zu gehen, obwohl mich eine Freundin netterweise eingeladen hätte. Gestern Abend waren so einige Bekannte zu einem Spieleabend zusammengekommen, und irgendwann hatte ich keine Lust mehr, mit ihnen zu reden, und zog mich zurück, um an einem sozialen Abend alleine zu sein. Vorher, am Bahnhof, setzte sich eine junge Frau auf eine Bank hinter mir, schaute, pflichtbewusst und demonstrativ unserer österreichischen Kultur folgend, auf die Seite, wenn ich sie anblickte. Bis ich den Bann brach und sie ansprach, woraufhin sich ein interessantes Gespräch entwickelte. Sie war Streetworkerin und ich lernte im Gespräch einiges über diesen spannenden Beruf.

Vielleicht liegt es an der Hitze, vielleicht an meiner ausgeprägten Müdigkeit in den letzten Tagen oder an einer mir noch nicht so ganz bewussten Erkenntnis, aber ich kümmere mich immer weniger um unsere gesellschaftlichen Normen von dem, was man so zu tun hat, was man so zu fühlen und um was man sich zu sorgen hat. Jahrelang hatte ich versucht, so cool zu sein wie diese Männer mit den Sonnenbrillen und braungebrannten, muskelgepackten Oberkörpern, hatte Frauen bewundert, die es schafften, einfach so unglaublich lässig zu wirken, wenn sie an mir vorbei liefen. Sie schienen einfach diesem Ideal des glücklichen und zufriedenen Menschen zu entsprechen, das ich, so viel ich mich mühte, nicht zu erreichen vermochte.

Nun, Jahre später, mit durch viele Erfahrungen geschärftem Blick, sehe ich durch viele dieser Sonnenbrillen, sehe den gehetzten Blick, den Schutz, den diese Sonnenbrillen vor der Bewertung der Welt darstellen. Sehe die kleinen Unsicherheiten in dem leicht herablassenden Blick der jungen Frauen, die kleinen und grosse Fehler, wenn ich ihren Blick entgegne. Es sind Blicke, die darauf aufbauen, den anderen zu zeigen, wie cool man ist, aber nicht darauf, dass der andere stark genug ist, den Blick zu erwidern, weil dann könnte ja die ganze Fassade der Unverwundbarkeit plötzlich gefährdet werden, gar zusammenbrechen, gar das ohne sie so schutzlose und gar nicht so perfekte Ich zum Vorschein bringen. Die Fassade, der Lack muss halten.

Denn das, was unter dieser Fassade, dieser Maske lauert, ist gefährlich, mag Ablehnung hervorrufen. Es gibt eben gewisse gesellschaftliche Regeln des Zusammenspiels, und wenn dieses dunkle Ich nicht mit diesen Regeln zusammenspielt, muss es eben hinter der Maske gehalten oder durch das Aufsetzen der Maske in ein sozial angepasstes und konstruktives Mitglied der Gesellschaft geformt werden.

Inseln im Meer der Masken

Doch hinter dieser Maske übersieht unser derart deformiertes Ich leicht, dass hinter all den anderen Masken, die unsere Mitmenschen tragen, ebenso diese Schatten lauern, diese irrationalen, gefährlichen Neigungen und Bedürfnisse, die nicht gesellschaftstauglich und damit unsichtbar verbleiben, die Angst, die Verunsicherung, die Lust, die sich hinter der schützenden Sonnenbrille versteckt, das, was nicht sein darf, aber nichtsdestotrotz ist, deformiert, unterdrückt und immer wieder schmerzlich hervorbrechend: unser wahres Ich.

Übersieht es nicht nur leicht, dass es in seinen abgestossenen und unterdrückten Anteilen nicht alleine ist, dass es sein Ebenbild in einer Vielzahl von kleinen Anzeichen im Auftreten, in den Bewegungen und den Blicken der anderen erhaschen kann, dass es sich diesen Menschen relativ gefahrlos öffnen und zeigen kann, weil es nichts Bedrohliches und Fremdes sein muss, sondern wie ein verloren geglaubter Freund uns zeigen kann, dass es auch als Mann in Ordnung ist, zu weinen, dass es auch als Erwachsener in Ordnung ist, Fehler zu machen. Übersieht es vor allem jedoch auch leicht, dass gerade jener dunkle Anteil, jener nicht gesellschaftstauglicher Anteil, der Teil von ihm sein kann, der einen Mitmenschen nicht nur traurig oder wütend, sondern auch glücklich machen kann.

In unserer kulturell stark normierten und durchorganisierten Welt finden wir so viele angebotene Strategien für Maskenmenschen vor, die Maskenmenschen glücklich und zufrieden zu machen versprechen, aber sehr wenige, die für den ganzen Menschen hinter den Masken geeignet sind. Dies hat den einfachen Grund, dass diese Wege durch ihr beschreiten geschaffen werden und kein Weg dem anderen gleichen kann, so wie kein Mensch in Wahrheit hinter der Maske dem anderen gleicht.

Es bedeutet, unsere Lernstrategien für Maskenmenschen zu verlassen, um unsere eigenen Lernwege zu begehen, bedeutet, die wenigen uns angebotenen Strategien, einen anderen Maskenmenschen zu lieben, hinter uns zu lassen und die Menschen hinter den Masken in seiner ganzen strahlenden Schönheit aufzusuchen. Diesen weinenden, lachenden, hassenden, liebenden, schmerzvollen und glückserfüllten Menschen, der es wagt, auch uns ohne unsere Masken zu sehen, bei dem wir unser volles Spektrum als Mensch sein können, bei dem wir uns unserer Nacktheit von den Masken die unsere Körper und Seele verhüllen, nicht schämen. Bei dem wir kein One Night Stand, keine Beziehung oder Freunde sind, sondern unser dunkles, zerschundenes, sterbendes und in immer wieder in strahlenden Lichtern wiederauferstehendes Ich.

Niklas

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