Als ich gestern eine Schule des Netzwerkes Comunidade Escolar besuchte, hatte ich auch Gelegenheit, mit einigen Jugendlichen in entspannter Atmosphäre zu sprechen. Ich stellte ihnen folgende Frage: Was würdest du an der Schule ändern, wenn du Lehrer oder Direktor (oder eben derjenige, der etwas verändern kann) wärest?

Spannenderweise bekam ich heute per Email den neuen Uncollege-Newsletter mit einem Link zu einem Artikel, der etwas anspricht, was mich auch schon sehr lange verwundert: ich kenne zahllose Studien zur Meinung der Lehrer, der Eltern, der Politiker, der Wirtschaft und anderer interessensgruppen zum Thema Schule. Aber warum werden die Schüler selbst so selten gefragt, was sie an der Schule ändern würden?

Ein demokratisches Manifest

Ohne Wahlrecht, (meist) ohne Mitbestimmungsrecht in wichtigen Fragen und unter grober Missachtung der Meinungsfreiheit in den Ausbildungsstätten, in denen sie einen grossen Teil ihrer Zeit verbringen, gleicht die Schulsituation aus Sicht der Kinder in vielen Punkten einer Diktatur. Entsprechend lesen sich auch die Antworten der Schüler auf meine eingangs gestellte Frage:

    Pizzas, Hamburger und Schokobrunnen in der Schulkantine
    Keine (verpflichtenden) Hausaufgaben
    Keine Schuluniformen (hier in Brasilien verbreitet), „weil sie den individuellen Ausdruck verhindern“
    Möglichkeit, auf die Gestaltung der Klassen Einfluss zu nehmen
    Weniger Zeit, die verpflichtend in der Klasse verbracht werden muss, mehr Möglichkeit, im Freien zu bleiben
    Eigene Interessen fördern statt Interessen der Schule; wenn das nicht geht, dann zumindest mehr Wahlmöglichkeiten
    Mehr kreative Aktivitäten, nicht nur etwas reproduzieren
    Das Internet in seiner ganzen Macht nutzen, Lehrer haben oft keine Ahnung davon

All diese Veränderungen (bis auf die erste mit dem Schokobrunnen vielleicht) halte ich für Repräsentationen zutiefst demokratischer Ideale wie Partizipation, Mitbestimmung und Gleichberechtigung. Traurig jedoch ist die Antwort auf die nächste von mir gestellte Frage, ob denn die Schüler diese Wünsche auch den Lehrern und verantwortlichen Personen zukommen lassen: Ja, aber denen ist das egal. Dies wirft die für mich interessante Frage auf, in welcher Art und Weise diese sich unverstanden fühlenden Jugendlichen mit ihren Lehrern über diese Wünsche und Bedürfnisse kommunizieren.

Der Schrei

Ein Baby hat zur Artikulation seiner Bedürfnisse nur ein sehr undifferenziertes Mittel zur Verfügung: den Schrei. Ob es eingenässt hat, ob es Hunger hat oder gestreichelt werden möchte, es schreit. Es überlässt den anderen die Interpretation der Ursache seines Schreiens.

Mit der Zeit lernt das Kind, sich differenzierter Auszudrücken, Worte zu verwenden, Sätze. Aber trotz aller Redegewandtheit passieren Fehler in der Interpretierung des Kommunizierten. Kommunikation ist mehr als Sprache, ist auch Mimik, Gestik, Gefühlsausbrüche. Der Erwachsene, der dem Chef seine Meinung sagt, weil ihn dieser ständig seine Arbeit vorschreibt, drückt in seinem wütenden Tonfall und seinen Worten vielleicht ein ähnliches Gefühl aus als das 9-jährige Kind in der Volkschule, das anfängt, seinen Sitznachbarn zu schubsen.

Die wissen ja auch nicht, was sie wollen…

…vor allem wissen sie oft nicht, wie sie es ausdrücken können, um auch verstanden zu werden. Je jünger die Kinder, desto schwieriger wird es für sie sein, ihre eigenen Bedürfnisse zu erkennen und so auszudrücken, dass sie auch für andere verständlich werden, desto mehr Interpretationsarbeit wird auch ihr Gegenüber aufbringen müssen, um die wahren Bedürfnisse des Kindes richtig interpretieren zu können. Aber dieser andere muss dazu auch gewillt sein.

Um ein Beispiel zu nennen, dürften viele Kinder ein ausgeprägtes Bedürfnis nach Bewegung haben. Dieses Bedürfnis aufgrund bestimmter Lehrmethoden ausser Acht zu lassen, muss fast unweigerlich zu Ausbrüchen dieses Bewegungsdranges führen. Der Sitznachbar wird geschubst. Es wird mit dem Sessel geschaukelt. Diese Kinder zurechtzuweisen entspricht einer Antwort auf ihr Bedürfnis im Sinne von „Nein, ich habe nicht verstanden, dass du jetzt das Bedürfnis hast, dich bewegen zu können“. Die häufigste Reaktion, wenn man in einem Dialog nicht verstanden wird, ist es jedoch, das gerade gesagte noch einmal zu wiederholen, vielleicht noch deutlicher und lauter: in dem etwa dem Nachbarkind sein Stift weggenommen und dadurch eine kurze Verfolgungsjagd angezettelt wird.

Systemische Fehlkonstruktionen

Wie können wir diese Kommunikation als Lehrer förderlicher gestalten? Ein erster Schritt kann es sein, die Erfüllung der kindlichen Bedürfnisse nicht einzig vom Erfolg dieses Dialoges abhängig zu machen. Wenn Kinder etwa nur auf die Toilette gehen dürfen, sobald der Lehrer wirklich verstanden hat, dass das Kind schon sehr dringend muss, so ist die Chance wesentlich höher, dass sich ein Kind in die Hose macht, als wenn es, sobald es den Drang verspürt, selbstständig seinem Bedürfnis nachgeht. Und doch sind viele der an Schulen üblichen Methoden nicht darauf ausgelegt, die selbstständige Erfüllung von Bedürfnissen zu fördern. Eher wird betont, dass Kinder eben lernen müssen, diese eine Weile hintanzustellen, bis die dafür bestimmte Zeit angebrochen ist. Oder, was ich noch fataler finde, dass ihre Bedürfnisse hier keinen Platz haben. Hier, an dem Ort, an dem sie einen grossen Teil ihrer wachen Zeit verbringen?

Die Bedürfnisse “des Schülers” überlappen oft sich überraschend wenig mit den wirklichen Bedürfnissen der Schüler, was den Lehrer täglich vor eine Entscheidung stellt: Bin ich willens, bin ich mutig genug, den Menschen hinter der Maske des Schülers eine Chance zu geben, sich zu offenbaren, ihn wirklich kennenzulernen? Oder verbleiben wir Schauspieler in einem schon viel zu oft aufgeführtem Theaterstück?

Niklas

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