Es gab einst eine Zeit, in der es ausgereicht haben mochte, einen Abschluss einer staatlich autorisierten Schule oder Universität in der Tasche zu haben, um sich von der Masse an Bewerbern für eine Stelle abzuheben. Vielleicht gab es noch mehr Menschen mit derselben Qualifikation irgendwo da draußen, aber es gab kaum eine Möglichkeit für den Arbeitgeber, das herauszufinden. Wenn es mehrere Bewerber mit demselben Abschluss gab, wurde eben jener ausgewählt, der die besseren Noten erreicht hatte. Doch mit der Weiterentwicklung technischer Kommunikationsmöglichkeiten und der Öffnung der Grenzen für Arbeitssuchende aus aller Herren Länder entstand eine andere Situation, in der es immer öfter vorkommt, dass ein Arbeitgeber vor der Schwierigkeit steht, aus sehr vielen „gleich guten“ Bewerbern den richtigen für sein Unternehmen auszuwählen.

Abschlüsse und Benotungssysteme, einst eingeführt als Unterscheidungsmerkmal zwischen einer Handvoll von infrage kommenden Menschen, verlieren ihren Nutzen, sobald aus einer Handvoll Tausende werden. Um einen Ver-gleich zu ermöglichen, müssen Menschen erst angeglichen werden, müssen denselben Kriterien unterworfen werden. Doch aus einer Auswahl nach außen hin gleicher „Produkte“ (Mitarbeiter) wird der „Kunde“ (Arbeitgeber) eher dazu tendieren, das günstigste zu nehmen. Und wenn wir es darauf ankommen lassen, nur nach offizieller Qualifikation und nach dem Preis gemessen zu werden, können wir als Mitteleuropäer nur verlieren. Schon alleine deswegen, weil es weltweit sehr unterschiedliche finanzielle Lebensstandards gibt (etwa in Bolivien, wo alles nur ein Zehntel von dem kostet, was es hier ksoten würde).

Warum Standards und Abschlüsse Sinn mach(t)en

Wenn wir uns überlegen, aus welchem Grund überhaupt die Notwendigkeit entstanden sein könnte, zentrale Autoritäten zu haben, die Zeugnisse über die Fähigkeiten von einzelnen Menschen ausstellen, so kommen wir vielleicht auf eine zeitgemäße Lösung der Problematik. In einem kleinen Dorf von 300 Menschen, indem ein jeder jeden kannte, war es wohl kaum nötig, eine zentrale Stelle zu haben. Die Menschen wussten, was der jeweils andere konnte, entweder, weil sie selbst mit ihm zu tun gehabt hatten oder weil sie jemanden fragen konnten, der denjenigen kannte. Der Ruf eines Menschen bestimmte zu einem weiten Teil sein Schicksal, und je nachdem, wie er sich anderen gegenüber verhielt, würde sich auch sein Ruf entwickeln.

Nun wuchsen die Gemeinschaften weit über dieses familiäre Maß hinaus, und irgendwann gab es tatsächlich Menschen, die niemand aus dem näheren Umfeld auch persönlich kannte. Vielleicht gab es auch Reisende, die von weit her in das Dorf gekommen waren und von denen niemand sagen konnte, ob sie verlässliche Menschen waren, ob sie auch tatsächlich fähig waren, die Arbeiten zu machen, die sie anboten. Zentrale Stellen, die nach allgemein akzeptierten Kriterien eine Art „Garantieschein“ ausstellten, die für einen großen regionalen Bereich gültig waren, machten es möglich, den Ruf eines Menschen, der ja nur auf seine Beziehungen mit den Mitmenschen, die ihn kannten, beschränkt war, quasi „mitzunehmen“. Man musste seine Fähigkeiten nicht ständig beweisen, sondern konnte den Beweis vorzeigen, den man einmalig vor jemandem erbracht hatte, der auch Ahnung davon hatte. Ein „Arzt“, der einem Laien beweisen wollte, dass er Arzt war, hatte es einfach, aber es einem „richtigen“ Arzt zu beweisen, war schon schwieriger. Eine Bewertung durch kompetente Bewerter war etwas wert, schuf einen Standard.

Warum Standards und Abschlüsse alleine zu wenig sind

In einer Welt, in der es nur darum geht, gewisse Tätigkeiten nach standardisierten Vorgängen effizient auszuführen, ganz ähnlich einer gut geölten Maschine, sorgt diese Standardisierung für ein Mindestmaß an Verlässlichkeit. Aber sobald es genügend dieser „Maschinen“ zur Auswahl gibt, die sich nur nach dem „Industriestandard“ einer Ausbildung halten, entscheidet alleine der Preis. Die Qualität eines Mitarbeiters muss über den Standard hinausgehen, anstatt ihn nur möglichst gut zu erfüllen (gute Noten zu haben). Wir sollten bemerkenswert sein, nicht nur gut im Vergleich, wenn wir nicht in einem blutigen Konkurrenzkampf untergehen oder unsere Kräfte verschwenden wollen. Nicht nur ein weiterer Mensch da draußen mit irgendeinem Abschluss wie alle anderen auch, sondern derjenige, der diese oder jede besondere Sache gemacht hat. Der aktuelle Hype mit “Portfolios” geht in diese Richtung, auch wenn die Umsetzung oft ein wenig unausgegoren ist.

Es ist eigentlich fast eine Ironie der Geschichte, dass sie sich immer wieder im Kreise dreht, aber ich glaube daran, dass wir neben all den Qualitätsstandards den Fokus nun auch wieder auf den Ruf des einzelnen legen dürfen. In allen heiligen Büchern ist die Rede davon, wie wichtig der eigene Ruf im Moment des Todes ist (ewiges Paradies oder ewige Hölle als Unfähigkeit, den eigenen Ruf noch zu verändern), aber beinahe ebenso wichtig ist er bereits im Leben. Ebenjene Bücher geben uns auch alltagstaugliche Anleitungen zum Aufbau eines Rufes für uns selbst. Wer etwa anderen hilft, baut sich nicht nur einen Ruf als hilfsbereiten, sondern in der jeweiligen Tätigkeit auch kompetenten Menschen auf.

…aber wie einen Ruf aufbauen?

Wenn ich hier in diesem Blog schreibe, um andere zum Nachdenken zu bringen, bekomme ich keinen Cent dafür, aber je mehr Menschen ich zum Nachdenken bringe, desto mehr kann ich vielleicht einen entsprechenden Ruf erlangen. Wer anderen hilft, einen Tisch aus alten Sperrmüllsachen zu zimmern, beweist nebenbei, dass er zimmern kann. Wer anderen hilft, ein Loch in der Hose zu stopfen, beweist seine Fähigkeit im Stopfen von Löchern – die Liste lässt sich endlos fortsetzen, aber ich denke, die Idee dahinter ist leicht nachzuvollziehen. Oft gehen wir davon aus, dass wir für eine Arbeit etwas verlangen sollten, aber dass wir immer an Ruf gewinnen, sobald wir etwas tun (und gut tun), geht in der allgemeinen Gier nach Vergütung oft unter. Aber was hilft uns dies für unsere Arbeit mit Kindern?

Nun, ich glaube, wir könnten vielleicht zwei Dinge an unseren Schulen versuchen. Wir könnten Kinder und Jugendlichen die Frage stellen, wer sie sind oder sein wollen, und sie ermutigen, es anderen zu beweisen. So könnten sie etwa anderen mit ihren Fähigkeiten helfen, oder etwas herstellen, was sie für bemerkenswert halten. Und dann könnten wir uns noch überlegen, wie wir es unseren Schülern möglichst einfach machen könnten, mit hilfsbedürftigen Menschen zusammenzukommen oder ihre Werke in die Welt zu bringen und ihnen so helfen, ihren Ruf auch außerhalb der Schule aufzubauen. Sie arbeiten dann nicht mehr abgeschottet von der Welt, um einst auf sie losgelassen zu werden, sondern von Anfang an in und mit der Welt.

Arbeit als Selbstfindung

Ivan Illich schrieb in seinem Buch, dass Arbeit ursprünglich auch Selbstfindung bedeutete, und dass das sinnstiftende Ringen mit dem Material, dessen Ergebnis das fertige Produkt sei, nur im Laufe der Massenfertigung verlorengegangen sei. Aber freiwillige Arbeit an individuellen Problemen der Mitmenschen kann diese Selbstfindung in einer Weise unterstützen, die ein Coaching-Gespräch alleine nie leisten kann. Wir werden auch die Qualitätsstandards, Reflexionsgespräche und andere Dinge brauchen, aber alleine sind sie zu wenig. Wir brauchen das Spiel, um uns selbst darin vergessen zu können, aber auch die Arbeit, um uns selbst finden zu können. Wie eine konkrete Umsetzung aussehen könnte, da bin ich noch ein wenig unsicher, auch wenn das Internet und interessante Tools wie individualisierte CrowdMaps sicher eine Rolle spielen könnten.

Aber wie ein sehr weises Mitglied unseres Schulteams nicht müde wird zu betonen, ist es oft wichtiger, die Richtung zu wissen als den exakten Weg, weil sich der ohnehin manchmal von selbst auftut, sobald man dazu bereit ist.

Niklas

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