Einer meiner Schüler fiel mir einige Wochen lang immer wieder durch eher als destruktiv zu bezeichnendes Verhalten auf. Er ärgerte andere Mitschüler und beachtete auch die von ihnen aufgezeigten Grenzen kaum. Immer wieder fühlte ich mich aufgefordert, ihn zurechtzuweisen. Bis ich eines Tages entdeckte, dass ich ihn im ständigen Fluss unserer Schule, die auf einem sehr freien Konzept beruht, bis auf diese Zusammenstöße kaum bewusst wahrgenommen hatte. Also versuchte ich ganz bewusst, ihn möglichst unvoreingenommen wahrzunehmen und mich für sein Leben zu interessieren, half ihm auch bei dem einen oder anderen technischen Problem weiter. Die Veränderung war augenöffnend: nun nahm er plötzlich meine Führung an, selbst in Situationen, in denen ich ihn aufforderte, etwas zu unterlassen, das ihm eigentlich wichtig war, solange es fair war.

… denn ich werde nicht gesehen

Ähnliche Erfahrungen machte ich auch mit anderen Kindern. Sobald ich es irgendwie einrichten konnte, mich tatsächlich mit ihnen zu befassen, mit ihrer Persönlichkeit, oft auch ihren Ängsten und Sorgen, änderte sich die Beziehung zu ihnen und damit auch ihr Verhalten mir gegenüber schlagartig. Besagter Junge, der seine Zeit wochenlang zu großen Teilen damit verbracht hatte, andere zu ärgern, half nun plötzlich von sich aus jüngeren Mitschülern bei ihren Mathematik-Aufgaben, wenn er bemerkte, dass sie Hilfe brauchten und gerade keiner der Lernbegleiter frei war, versuchte, Konflikte lösen zu helfen und war auch im Gespräch wie ausgewechselt. Möglicherweise ist es tatsächlich einfach eine der größten Sehnsüchte eines Menschen, nicht nur gesehen zu werden, sondern ganz gesehen zu werden. Wir alle wollen wohl jemand Besonderes sein, und zumindest von manchen Menschen dafür gehalten und auch entsprechend behandelt werden.

… denn Freiheit macht mir Angst

Unsere Schule ist eine sehr freie Schule, und entgegen der landläufigen Ansicht, dass eine solche Schule eine völlige Unterforderung der Schüler nach sich zieht, mache ich eher die gegenteilige Erfahrung, dass eine solche Schule für viele eine massive Überforderung darstellt. Vor allem für diejenigen, die aus einer Regelschule zu uns kommen, ist es offenbar eine riesige Herausforderung, so etwas wie einen eigenen Willen zu entwickeln, der sich nicht nur negativ auf den Willen des Lehrers bezieht und ihm zu entkommen sucht. Entsprechend lassen sich auch die beliebtesten Aktivitäten jener Schüler zusammenfassen mit Einkaufen, Reden, Essen, am Handy zu spielen und andere zu ärgern. Es ist erstaunlich, inwieweit sich hierbei die durchschnittlichen Pausen-Aktivitäten der Regelschule wiederspiegeln.

Der qualitative Unterschied der Begrenzungen, die wir dem Handeln auferlegen, zu der Gewohnheit, eben das zu machen, was ein Lehrer aufträgt, ist enorm, und die dementsprechende Anforderung an den Schüler ebenso. Dass wir oft auch destruktive Verhaltensweisen jener Schüler, die diese Entwicklung zu einem eigenen Willen durchmachen müssen, beobachten können, liegt wohl an mehreren Gründen. Einerseits mag es für einen Schüler, der es Zeit seines Lebens gewöhnt war, anderen aufs Wort folgen zu müssen, unglaubwürdig klingen, dass es nun anders sein solle, und ermöchte herausfinden, wann denn nun der Haken der Sache kommt. Andererseits muss er für die Entwicklung eines eigenen Willens und eigener Ziele auch die tatsächlichen Begrenzungen herausfinden und dabei manchmal auch überschreiten, um sie festmachen zu können, vor allem dann, wenn sie nur unklar formuliert oder nicht durchgängig verteidigt werden. So anstrengend und oft auch frustrierend dieser Prozess für alle Beteiligten manchmal sein mag, er ist doch notwendig, wenn wir unsere Schüler auf ein Leben in einer demokratischen Ordnung nach dem Grundgesetz vorbereiten wollen, die ebenso ein mündiges Leben innerhalb gewisser Grenzen (Gesetze) vorsieht.

Es mag für den freiheitsliebenden Leser schwer zu glauben sein, aber teilweise dürfte sich hinter destruktivem Verhalten in einem solchen Umfeld auch der (bewusste oder unbewusste) Wunsch verstecken, zurück in den gewohnten Rahmen zu kommen, in der der Schüler (un-)williger Ausführender des Willens des Lehrers ist. Es ist bekanntlich nicht einfach, Gewohnheiten abzulegen, selbst wenn man es will. Die Raucher unter uns können davon wohl ein Liedchen singen.

…denn es ist im Weg

In manchen Fällen mag es auch sein, dass ein oder mehrere Schüler ein zu enges Korsett vorzufinden glauben, um ihre tatsächlichen Ziele zu verwirklichen, und die Zerstörung dieses Korsetts erscheint ihnen als die einzige Möglichkeit, eine neue Ordnung aufzubauen, in der ihre Ziele möglich sind, ähnlich vieler hoffnungsvoller Revolutionäre, die die Eroberung der Staatsmacht und die gesellschaftliche Umwälzung durch diese Macht als einzigen Weg sehen, Veränderung zu erreichen. Dabei macht es oft wenig Unterschied, ob es objektiv gesehen durchaus konstruktive Möglichkeiten gäbe, diese Veränderungen auf anderem Weg zu erreichen – es geht dabei um die Wahrnehmung des destruktiv handelnden: offensichtlich sieht er diese Möglichkeit (noch) nicht oder vertraut ihnen nicht. Die politische Mitbestimmung, die sich an vielen Schulen oft auf kosmetische Veränderungen beschränkt, mag hierbei ihren Teil dazu beigetragen haben.

Sollte dies der Fall sein, ist jedoch schon ein wichtiger Teil der Entwicklung geglückt: es gibt tatsächlich einen eigenen, konstruktiven Willen, und alles, was über bleibt, ist ihn in konstruktive Bahnen zu leiten.

Konstruktives Verhalten braucht gute Freiräume und damit gute Grenzen

Vielleicht müssen wir uns auch fragen, ob wir die Grenzen, die wir glauben zu setzen, auch tatsächlich selbst einfordern und halten, oder ob wir unsere Schüler nicht auch noch mit wackeligen Grenzen weiter belasten. Grenzen müssen klar und eindeutig sein, müssen transparent sein – und auch standhalten. Sonst sind es keine sinnvollen Grenzen, sondern Luftschlüsser, auf denen niemand seine Entscheidungen bauen kann.

Niklas

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