In der Schülerhilfe befinden wir uns im ersten Stock eines Gebäudekomplexes, und ein bei entsprechenden Temperaturen offenes Fenster lädt dazu ein, Papierflieger in Richtung Straße zu werfen, um zu sehen, wie weit es die jeweiligen Anfertigungen bringen. Aufgrund der Gefährdung für Autofahrer, die sich aufgrund eines unvorhergesehen in ihr Sichtfeld fliegendes Flugobjekt erschrecken und daraufhin einen Unfall verursachen könnten, habe ich meinen Schülern untersagt, ihre Papierflieger aus dem Fenster zu werfen. Ein schlichtes, unaufgeregtes „Nein“ genügte, um eine Grenze aufzuzeigen, und meine Begründung der Gefährdung des Verkehres war offensichtlich eine nachvollziehbare. Ein einziger Papierflieger verließ in diesen drei Wochen den Raum, dieser jedoch, weil seine Flugbahn ihn zufällig durch das gekippte Fenster in Richtung Straße huschen ließ.

In dieser simplen Situation finden sich viele interessante Details. Schon oft war ich in der Vergangenheit vor der Situation gestanden, ein bestimmtes Verhalten meiner Schüler verhindern zu wollen, aber selten war es mir gelungen. Papierflieger flogen in Schwärmen Richtung Straße, meine Schüler lenkten sich gegenseitig vom Lernen ab oder fanden es (in einem Einzelfall) sogar witzig, in ein Taschentuch zu erbrechen.

In jeder dieser Situationen hatten meine Schüler gespürt, dass ich gegen sie ankämpfte. Ich wollte, dass sie eine Rechnung lösten, nicht Papierflieger herumschossen oder sich gegenseitig ablenkten, weil ich das Gefühl hatte, es wird von mir erwartet, dass ich dafür sorge, und schließlich bekam ich doch dafür Geld? Es war ein Machtkampf, eine Serie von Schlachten, die ich zwar jede für sich gewinnen, aber den Krieg nicht gewinnen konnte. Der Sinn des Krieges war der Krieg. Erst, als ich lernte, die Waffen niederzulegen, war Frieden möglich, war es möglich, langsam zu lernen, dass wir zwar jeweils gegen, keine Seite jedoch für etwas kämpfen konnte, weil wir so damit beschäftigt waren, uns gegenseitig kalt zu erwischen.

Die Schlacht um den Ventilator

Letzten Freitag war es sehr heiß in meinem Raum und meine Schüler hatten entdeckt, dass es im Nebenraum einen Ventilator gab, den die Gruppe jedoch nicht herzugeben bereit war. Also heckten sie einen Plan aus, diesen in ihren Besitz zu bringen. Sie wollten hineinspringen, die Schüler mit Papierfliegern ablenken, den Ventilator ausstecken und flüchten. Ich sprach mit dem Lehrer der anderen Gruppe, um Unfälle oder Missverständnisse zu vermeiden, und er meinte, seine Gruppe würde bereits über Verteidigungsmaßnahmen nachdenken. Nachdem nun die Basis eines sportlichen Wettkampfes um einen Ventilator (und damit auch Fragen der Sicherheit) geklärt war, machte ich meiner Gruppe den Vorschlag, doch ein ablenkendes Interview mit der anderen Gruppe auf Englisch zu führen, um sie abzulenken, da ein Luftangriff mit Papierflugzeugen wohl ihren Argwohn erwecken musste.

Eifrig wurden echt wirkende Fragen ausgetüftelt und das Interview geprobt. Einer der drei sollte die Fragen stellen, ein weiterer die Antworten mitschreiben. Der Fragesteller würde über ein vereinbartes Zeichen dem Mitschreibenden zeigen, dass er seinen Stift jetzt fallen lassen sollte, woraufhin sich der Dritte nach besagtem Stift bücken und dabei den Ventilator ausstecken konnte. Ich filmte das Interview mit, um es authentischer aussehen zu lassen (und um den Spaß auch auf Video zu haben). Einem Schüler der °gegnerischen° Gruppe fiel jedoch auf, dass der Ventilator plötzlich langsamer wurde, und meine Gruppe konnte nur knapp mit ihrer Beute flüchten.

Spannend dabei war jedoch, was meine Gruppe in ihrer Motivation, einen Ventilator zu erbeuten, alles auf die Beine stellte. Sie schrieben ein Interview auf Englisch (da die zweite Gruppe auch eine Englisch-NH-Gruppe war), bei dem sie sich auch, um es realistisch aussehen zu lassen, wirklich sinnvolle und interessante Fragen überlegten, etwa, ob sich ihre Noten seit der NH verbessert hätten, und probten es selbst zahlreiche Male durch.

Natürliche Autoritäten

Anstatt meine Schüler dazu zu zwingen, etwas Bestimmtes zu tun, begnüge ich mich in letzter Zeit damit, ihnen in manchen Fällen, wo ich es für sinnvoll halte, Grenzen aufzuzeigen und ihnen im Übrigen große Macht (und damit auch Verantwortung) innerhalb dieser Grenzen zu überlassen. Ich teile meine Erfahrungen mit ihnen, erwarte aber nicht, dass sie sie als absolute Wahrheit akzeptieren, und gebe offen zu, wenn ich mich in einem Bereich nicht auskenne oder ein Beispiel nicht zusammen bringe. Ich ermutige meine Schüler dabei, uns (also die ganzen Gruppe) weiterzubringen, in dem sie ihre Fähigkeiten einbringen. Meine Autorität basiert nicht auf einer formalen Position, sondern auf meiner Erfahrung und der Sicherheit, die mir diese Erfahrung in manchen Situationen gibt.

In den Ferienkursen der Schülerhilfe habe ich den Großteil meiner Schüler leider nur eine Woche lang als Gruppe zusammen, was ich schade finde, weil manche Gruppen eben länger brauchen, um zueinander zu finden. Aber mit einem Großteil der Gruppen stellt sich oft bereits nach ein, zwei Tagen eine Atmosphäre ein, die mit der einer Schulklasse kaum zu vergleichen ist. Wenn jemand Schwierigkeiten bei einem Beispiel hat, geht die Bitte um Hilfe nicht an mich, sondern an die ganze Gruppe, mich eingeschlossen. Natürlich wissen sie, dass ich alleine aufgrund meines höheren Alters in vielen Bereichen einfach mehr Erfahrungen machen durfte, aber ebenso weiß ich, dass mich die Fülle dieser Erfahrungen in der Art und Weise, wie ich etwas erkläre, weit von den Gesprächen Gleichaltriger entfernt und dass diese Gespräche oft lehrreicher sein können als meine Hilfe.

Besonders erstaunlich mag für jemanden, der kaum mit einer solchen Arbeitsweise in Berührung gekommen ist, die Situation an jenem Tag gewesen sein, an dem ich am Vortag kaum schlafen konnte und halb krank in die Schülerhilfe stolperte. Ich war kaum fähig, einen klaren Gedanken zu fassen, und meine Schüler nahmen darauf Rücksicht, in dem sie sich umso mehr untereinander unterstützten. Ich war kein Gegner in einem Krieg, dessen Schwäche es auszunutzen gab, wir waren eine Gruppe von Menschen, die sich gegenseitig in ihrem Wachstum zu unterstützen suchten, mit verschiedenen Erfahrungen in verschiedenen Situationen, von denen wir als Gruppe profitieren konnten.

Bezeichnend der Kommentar zwei meiner Schüler, als ich auf ihre Frage, ob ich auch im Herbst wieder die regulären Kurse führen würde, meinte, ich würde wahrscheinlich versuchen, mir eine andere Arbeit zu suchen: „Na dann besuchen wir dich halt alle drei im Studentenheim!“. In einer solchen Atmosphäre, in der kein Aufhebens darüber gemacht wird, ob ich nun als Lehrer oder Schüler in unseren Kursraum trete, sondern rein darum, welche Erfahrungen ich beizutragen habe, in der Vertrauen vorherrscht, in einer solchen Atmosphäre reicht dann wirklich ein „Nein“, wenn es sein muss. Ich bin damit einverstanden, zu führen, wenn es die Situation erfordert, aber auch, anderen diese Führung zu überlassen – auch Schülern.

Es ist dies wohl der Unterschied zwischen einem großen Führer und einem großen Diktator.

Niklas

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