Vor einigen Tagen besuchte ich mit meiner Schwester meine Urgrossmutter, die mittlerweile im Altenheim lebt und waren überrascht, sie mit einem blauen Auge und übersäht mit Pflastern und blauen Flecken anzutreffen. Sie erzählte uns, dass sie zu Fuss mit ihrem Rollwagerl in ihr altes Haus gelaufen war, um die nun in grossen Mengen von den Bäumen fallenden Äpfel aufzulesen, weil diese ja nichts dafür könnten, da einfach zu verfaulen und man müsse diese Geschenke der Natur schon auch nutzen, und bei der Gelegenheit hatte sie mit ihren über 90 Jahren noch das Unkraut im Garten gejätet, weil wohl niemand einen verwilderten Garten kaufen würde. Beim Rückweg von diesem Abenteuer war sie eben dann –kurz vor dem Altenheim – gestürzt, woraufhin fünf Schwestern und später ein Doktor herbeieilten, um sicherzustellen dass ihr nichts Schlimmes passiert war.

Meine Grossmutter, die wenig später zufällig vorbeikam, war entsetzt und versuchte ihr auszureden, weiterhin solche Expeditionen zu unternehmen, sie werde sich noch eines Tages ernsthaft verletzen und dann würde man sie noch tot in ihrem alten Garten auffinden, aber meine Urgrossmutter liess sich nicht beirren. Die Äpfel konnten nichts dafür, da einfach verfaulen zu müssen, und wenn sie niemand sonst auflas, müsse sie sich eben darum kümmern. Ich glaube, es geht hier nur vordergründig um ein paar Äpfel. Vielmehr geht es um Sinn, um Würde.

Würde ist keine Länge

Als ich vor Jahren für ein Monat in einem Linzer Altenheim arbeitete, durfte ich bis heute tief sitzende Erfahrungen über das Alt-Sein, über den Unterschied zwischen der Quantität und der Qualität des Lebens machen. Die vielen seit Jahren abgeschriebenen Menschen, am Leben erhalten durch Sonden-Ernährung und bereits lange abgestumpfte Hände, die alle paar Stunden durch kundige Bewegungen verhinderten, dass sich der Körper wundlag, dass der Körper sein jeden Tag aufs Neue geschundenes kostbares Innenleben, seine Seele nicht freigab, mit dem Ursprung eins zu werden. Kundige Hände, gut genug ausgebildet, den kaum wahrnehmbaren Händedruck und das Flehen in den Augen einer alten Dame wahrzunehmen, die ihr trauriges Dasein seit Jahren im Gefängnis ihres eigenen Körper fristete.

Diese flehentliche Berührung, diese traurigen, wissenden Augen sprachen von solchem Schmerz, den kein Morphium, kein Psychologe und keine Tränen jemals wegwaschen konnte, dass ich lernte, warum die Pfleger so abgestumpft waren, warum sie diese Augen und diese Berührungen gar nicht mehr wahrnehmen konnten: der Schmerz ist zu stark für einen lebendigen Körper, spricht von Tod, von der letzten Befreiung und dem letzten Schlaf. Völlig unvorbereitet auf diese Situation traf mich dieser Schmerz ungefiltert und gnadenlos. Ich erbrach mich, ich hatte Fieber, Tage lang. Diese Frau hatte keine Angst vor dem Tod, dem Ende des Schmerzes, sie fürchtete nichts mehr als einen weiteren Tag, eine weitere Stunde, beraubt jedes Sinns, beraubt der Möglichkeit, in Frieden ihren Weg zu Ende zu bringen und den Kreis des Lebens zu schliessen.

Mahnmal

Diese Frau dient mir immer wieder, wenn ich es brauche, als Mahnmal. Es wird eine Zeit geben, in der meine körperlichen, vielleicht auch meine mentalen Kräfte schwinden werden, an denen meine Möglichkeiten, mein Leben selbst gestalten zu können, immer weniger werden, dem Punkt, an dem die Verlängerung der Quantität einer Lebensspanne vor der Qualität des umspannten Lebens gestellt werden wird. An dem Punkt, an dem es sich zu sterben lohnt, an dem andere anfangen, darüber entscheiden zu wollen, was gut für mich ist, mich am Leben erhalten wollen, aus egoistischen Motiven (wie soll ich es ohne dich schaffen) oder gleich welchem Ideal folgend, und dass es sich wohl um einen schmalen Grat zwischen meiner Urgrossmutter, fleissig und zufrieden Äpfel auflesend, und dieser seit Jahren unerhört dahinvegetierenden alten Dame handelt.

Als Mahnmal, Quantität nicht derart mit Qualität zu verwechseln, aber auch als Mahnmal, mein Leben bis zu diesem Punkt den Freiraum zu geben, sich auf die Art und Weise entfalten zu können, die es mit Sinn erfüllen, selbst wenn ich im Zuge dieser Entfaltung auch immer wieder leiden werde. Seit meiner Brasilien-Reise verspüre ich neben grosser Dankbarkeit auch eine grosse Unsicherheit, weil ich erkennen durfte, dass mein Leben mir viel mehr Möglichkeiten bietet, als ich mir je vorstellen konnte. Unsere tiefste Angst ist nicht unsere Unzulänglichkeit, sondern dass wir grenzenlos machtvoll sein könnten, schreibt Marianne Williamson, und sie dürfte damit gar nicht so Unrecht haben. Grosse Macht impliziert immer auch grosse Verantwortung, eine Verantwortung für unser Leben, die Angst machen kann.

Die Angst vor dem Tod ist die Angst, unser Leben noch nicht gelebt zu haben, wenn der grosse Meister an unsere Türen klopft, und die Verlängerung des Lebens alleine ist, wie am Beispiel der armen alten Frau im Altenheim zu sehen ist, keine sehr erfolgsversprechende Strategie, dieser Angst beizukommen. Die Angst vor dem Tod zu besiegen, bedeutet, bis zum Moment seines Eintretens sein Leben so zu leben, dass er seinen Schrecken verliert, dass wir ihm ins Auge sagen können, tritt ein, guter Freund, ich habe dich bereits erwartet – lass uns gehen. Bedeutet, sich den vielen Ängsten des Lebens zu stellen. Furchtlos zu lieben und furchtlos loslassen zu können, furchtlos zu werden und furchtlos zurückzulassen, wenn es nötig ist. Bedeutet, sich der Angst vor unserem eigenen unermesslichen inneren Licht zu stellen und unsere in ihm gleissende Seele der Welt, der wir sie für die Dauer eines Lebens entliehen haben, eines Tages zurückzugeben.

Niklas

0 Replies to “Die Angst vor dem Leben”

  1. Das spricht mir aus dem Herzen!
    Besoonders berühren mich die Worte:
    ” Die Angst vor dem Tod zu besiegen, bedeutet, bis zum Moment seines Eintretens sein Leben so zu leben, dass er seinen Schrecken verliert, dass wir ihm ins Auge sagen können, tritt ein, guter Freund, ich habe dich bereits erwartet – lass uns gehen. ”
    Mögen wir vertrauensvoll leben! Und in Liebe zum Leben.
    Herzliche Grüße
    Marina

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