In den letzten Wochen hatte ich die Gelegenheit, persönlich oder schriftlich viele interessante Menschen kennen zu lernen, die in all ihren verschiedenen Bemühungen wohl ein ähnliches Ziel verfolgen: ihre Schule und andere Schulen zu einem besseren Ort zu machen. So werden Unterrichtsmethoden reflektiert und diskutiert, Lehrpläne durchforstet und erste Versuche gemacht, auch andere zu großen Taten zu inspirieren. Und hier, an dieser unscheinbaren Stelle, lauert die Angst, die den über Jahrzehnte aufgestauten Frust vieler Menschen gerade noch in Zaum hält: die Angst, eine Führungsrolle zu übernehmen. Und dann einen Fehler zu machen oder auch nur eine Meinung zu haben, für den man gerade stehen müsste.

Die Angst vor dem Kritisierten

Ich habe mich oft gefragt, warum es so viele Menschen gibt, die sich zwar fürchterlich über unser Bildungssystem aufregen können, aber dann, wenn ich ihnen vorschlage, doch ihre Kritik oder ihre Verbesserungsvorschläge über diesen Blog hier zu veröffentlichen, schnell einen Rückzieher machen. Keine Zeit, sagen sie dann, oder ich bin nicht gut im Schreiben. Andere, vermutlich ehrlicher, meinen dann, dass sie ihren Abschluss oder ihren Job nicht gefährden wollen. Es ist eine Sache, mit Freunden und Kollegen über Missstände zu schimpfen, es ist offensichtlich etwas anderes, öffentlich für eine Meinung einzustehen. Anfangs dachte ich, ich kenne eben nicht die richtigen Leute dafür – bis mir andere, die ähnliche Visionen wie ich von einer bunten, von vielen getragenen stillen Revolution verfolgten, ähnliche Erfahrungen berichteten.

Wovon rührt diese Angst, öffentlich für eine Meinung einzustehen? Dieser Reflex, denjenigen, die formal das Sagen haben, ihre Meinung widerspruchslos zu lassen, selbst wenn sie noch so absurd erscheint? Ich will mir nicht anmaßen, eine erschöpfende Begründung vorzulegen, aber die Folgen traue ich mir zu einzuschätzen: Alles bleibt beim Alten. Wir verbringen unsere Freizeit damit, über Verhältnisse und Politiker zu schimpfen, die sich nicht ändern, weil sie mit der Situation oft auch recht zufrieden sind und jene, die unzufrieden sind, ihnen dies nicht mitteilen. Unsere angeblich unfähigen Politiker, Schuldirektoren und Kollegen haben oft gar nicht die Chance, auf unsere Kritik zu reagieren, weil sie ihnen nie mitgeteilt wird. Eine Angst geht um, eine Angst, eine Meinung nicht nur zu haben, sondern auch dazu zu stehen.

Die Angst vor den Kritikern

Doch dies ist nicht die einzige Angst, die uns lähmt. Auch diejenigen, die etwas zu sagen haben, wollen Kritiker vermeiden. Und so versuchen Politiker, allen zu gefallen, von vornherein den Kompromiss zu suchen, der auf die wenigste Gegenwehr stößt. Und Schulen, vielleicht sogar während sie über unfähige Politiker schimpfen, handeln unbewusst ähnlich. Die auf den ersten Blick einfachste Möglichkeit erscheint, Meinungen und Veröffentlichungen von vornherein zu vermeiden. Alles, was publiziert wird, kann von übelmeinenden Kritikern gegen sie verwendet werden, also hüten sie sich, zu viel preiszugeben. Sie übersehen dabei jedoch, dass sie damit den Gerüchtekochern erst recht das Feld überlassen. Man mag dazu stehen, wie man möchte, ich bin zu der Ansicht gelangt, dass eine klare Kommunikation nach außen bösen Überraschungen eher vorbeugt als sie auslöst.

Die Angst vor dem Fehler

Das Problem sind weniger absurde Vorwürfe (eine Schule erzählte mir etwa, es wurde ihnen völlig grundlos vorgeworfen, von Scientology zu sein), diese lassen sich relativ leicht und überzeugend kontern. Wenn aber versucht wird, nach außen hin Unfehlbarkeit vorzutäuschen, wächst die Angst, dass eine der unvermeidlichen Fehlentscheidungen (wir sind alle nur Menschen) nach außen gelangt. Je mehr das Image der Unfehlbarkeit aufgebaut wird, umso härter wird die unvermeidliche Wahrheit (wir sind eben nicht unfehlbar) die Schule später treffen. Vor allem am Anfang einer Schulgründung wird es Phasen geben, in denen Chaos herrscht, und diese Phase kann Jahre dauern. Den Anspruch der Fehlerlosigkeit aufrechtzuerhalten, verschließt jedoch auch vor konstruktiver Kritik von außen.

Fallstricke der Demokratie

Es ist für mich eine Absurdität, wenn eine Schule, die eine (oft demokratisch genannte) Alternative sein möchte, dann für sich den Anspruch oder zumindest das Ziel erhebt, nicht kritisiert zu werden. Kritik, je nach Sprachgewandtheit des Kritikers leichter oder schwerer als konstruktiv zu erkennen, ist eine der Lebensadern der Demokratie. Sie in der Kommunikation nach außen verhindern zu wollen, schwächt die demokratischen Grundlagen, auf denen viele alternative Schulen zumindest ihrem Namen nach stehen. Es spricht für eine Schule, wenn sie Kritik weder zu verhindern noch ihr auszuweichen sucht, sondern sich breitbeinig hinstellt und sagt: „Ja, das tun wir, und zwar aus diesem Grund, an den wir glauben“ bzw. „Nein, das haben wir nicht getan, wo sind eure Beweise?“. Vielleicht ist der Grad der Angst vor Kritik auch der Grad der Unsicherheit, nicht doch etwas falsch zu machen?

Ich glaube, eine Schule, die wirklich ihren eigenen Weg gehen möchte, tut gut daran, diesen Weg auch zu erklären und zu kommunizieren. Es ist vielleicht ein Weg, der den Eltern der Kinder und der Öffentlichkeit neu und damit unbekannt ist. Alles, was neu ist, schafft erst einmal Unsicherheit, und je besser diese neuen Wege erklärt werden, desto weniger wahrscheinlich ist es, dass diese Unsicherheit zum nagenden Zweifel und zur Basis für Gerüchte wird. Alle Wege, die neu begangen werden, bergen das Potential, zwischendurch in die Irre zu führen, das liegt in der Sache des Neuen. Derjenige, der keine Fehler machen will, darf die alten Wege nie verlassen. Aber wofür gründen wir dann eigentlich die Freie Schule 357, wenn wir uns doch wieder in den alten Fahrwässern bewegen?

Niklas

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