Vor einigen Tagen sah ich ein Video an, in dem ein Mann sein Experiment beschrieb, einen Monat lang einem jeden, der ihn um etwas beten w├╝rde, auch tats├Ąchlich etwas zu geben. Dieser Mann war Fundraiser f├╝r eine global agierende Plattform f├╝r Sozialprojekte und entdeckte in sich einen Widerspruch zwischen seiner Arbeit und seinem Privatleben, den er zu ├╝berwinden suchte. Und dann fiel mir wieder ein, wie oft ich (auch an mir selbst) beobachtet hatte, dass viele Menschen, die auf der Strasse um Geld angeschnorrt werden, entweder die Bettelei ignorieren oder dem Bettler eben seine 1-2 Euro in die Hand dr├╝cken, damit er sie in Ruhe l├Ąsst.

Es sind, n├╝chtern betrachtet, zwei Verhaltensweisen, die dem anderen eines klar machen: du interessierst mich nicht. Was mich wirklich interessiert, ist meine Ruhe, meine Erfahrung, ungest├Ârt die Landstrasse entlang schlendern zu k├Ânnen, meinen kleinen Kindern nicht erkl├Ąren zu m├╝ssen, warum diese Sozialschmarotzer nicht auch noch von mir unterst├╝tzt werden. Warum haben die keine vern├╝nftige Arbeit? Vor einigen Tagen fragte mich ein Freund genau diese Frage, doch als ich ihn aufforderte, diese Menschen doch pers├Ânlich zu fragen, gab er zu, dass er Angst vor ihnen hatte. Sie waren ihm unheimlich, undurchschaubar, unnahbar, unmenschlich. Ohne Geschichte. Ohne Zukunft. Zumindest keine, die irgendjemanden zu interessieren scheint.

Man k├Ânnte nun nat├╝rlich sagen, das alles gehe uns nichts an. Sind selber schuld, dass sie hier sind, sollen doch zur├╝ck nach Afrika oder woauchimmer sie her sind, interessiert doch eh keinen. Aber andererseits interessiert es mich eben doch. Was tut dieser Mensch in der Landstrasse? Warum tut er sich das tagein, tagaus an, in klirrender K├Ąlte herumzustehen und seine Kupfermuckn zu verkaufen? Warum sitzen diese Menschen in kleinen Gr├╝ppchen auf dem kalten Boden herum? Ertragen es, von allen Seiten angesudert zu werden, w├Ąhrend sie sich oft r├╝hrend um ihre Hunde k├╝mmern. Was treibt diese Menschen an? Was ist ihre Geschichte? Welche Zukunft ertr├Ąumen sie sich?

Heute nahm ich endlich meinen Mut zusammen und setzte meinen Plan um, einen dieser ├ťberlebensk├╝nstler der Strasse zu interviewen. Er bekam von mir 10 Euro geschenkt, weil einem jeden bewusst sein sollte, dass der eine Euro, den wir ihnen zur Beruhigung unseres eigenen Gewissens in die Hand dr├╝cken, kaum etwas bewirken wird. Aber jemanden als Mensch wahrzunehmen, sich f├╝r seine Geschichte und seine Tr├Ąume, die ihn zum Menschen machen, zu interessieren, mag vielleicht doch etwas bewirken. Vielleicht findet ihr in Zukunft mehr solcher Geschichten hier. Oder k├Ânnt sie sogar selbst erz├Ąhlen, weil ihr den Mut besessen habt, die Mauer, die uns im Alltag trennt, f├╝r ein paar Minuten zu ├╝berwinden und in ein Herz zu schauen. Aber nun lasst uns beginnen:

Oh lord, won’t you buy me a mercedes benz

Er war aus Afrika nach ├ľsterreich gekommen. Wir tun dann immer so, als w├Ąre damit alles gesagt, aber wie einige von euch vielleicht bewusst ist, besteht Afrika aus einer Vielzahl von kleinen und gr├Âsseren Nationen mit jeweils unterschiedlicher Kultur. Alleine im Tschad beispielsweise werden um die 250 verschiedene Sprachen gesprochen. In seiner Region gab es kaum Jobs, kaum Geld, kaum M├Âglichkeiten, etwas aus seinem Leben zu machen. Aber es ging das Ger├╝cht um, in Europa w├╝rde es einfach sein, zum gemachten Mann zu werden, und die immer wieder heimkehrenden Einheimischen, die vor Jahren gegangen waren, fuhren ihre Mercedes Benz, also w├╝rde schon etwas dran sein. Er wollte also ein ├Âsterreichisches Visum beantragen, das nat├╝rlich abgelehnt wurde. Dazu brauchte man Geld, und Geld hatte er eben nicht.

Irgendwann jedoch erz├Ąhlte ihm jemand, dass es da andere M├Âglichkeiten gab, nach Europa zu kommen. Um umgerechnet 20, vielleicht 25 Euro w├╝rden sie mit dem Boot hineingeschmuggelt werden. Sie w├╝rden schnell Arbeit finden, und es sei sicher. ├ťber Mali ging es dann zur K├╝ste, 50 Menschen in einem Boot. Nur knapp die H├Ąlfte ├╝berlebte die Fahrt, weil die andere H├Ąlfte ohne besonderen Grund w├Ąhrend der ├ťberfahrt ins Meer geworfen wurde. Sie kamen an in Italien, ohne Pass und nat├╝rlich auch ohne Arbeitserlaubnis oder Geld. Ein Zur├╝ck gab es nicht mehr, sie mussten sich eben durchschlagen.

Per Anhalter ging es nach ├ľsterreich, wo sich das Ger├╝cht vom ÔÇ×goldenen LandÔÇť, das die Menschen mit den Mercedes erz├Ąhlten, als M├Ąrchen entpuppte. Es gab hier keine Arbeit, und schon gar nicht f├╝r diejenigen, die ÔÇ×inoffiziellÔÇť eingereist waren. Er kam im Winter, ohne Geld, ohne Papiere, ohne Menschen, die ihn liebten oder auch nur kannten, bei denen er die kalten N├Ąchte verbringen oder mit denen er auch nur reden konnte. ÔÇ×Afrikaner ├╝berlebenÔÇť, meinte er schlicht, als ich ihn fragte, wie er das bei diesen Temperaturen aushalten w├╝rde. ÔÇ×Und wir l├Ącheln, egal wie traurig wir sind. Siehst du, ich l├Ąchle. Aber es ist hart.ÔÇť

I’m the invisible man

Kurz nach der Ankunft, nach den ersten N├Ąchten auf der Strasse und dem Einsetzen der traurigen Realit├Ąt, dass er sich in eine Sackgasse verlaufen hatte, kamen die ersten unmoralischen Angebote von ÔÇ×BekanntenÔÇť. Es g├Ąbe eine Nische im Handel, in denen eine Arbeitserlaubnis nicht n├Âtig sei. Es sei ein lukratives Gesch├Ąft, und er k├Ânne sofort anfangen, vielleicht schon bald einer der Mercedes-Menschen sein. Doch er lehnte ab, wohl wissend, dass der Drogenhandel sein Sargnagel sein w├╝rde. Nein, er w├╝rde lieber auf ehrliche Weise sterben. Und so f├╝hrt er eben den t├Ąglichen ├ťberlebenskampf fort.

Ein Bekannter hat ihm von der Kupfermuckn erz├Ąhlt, dass es ein ehrlicher Job sei und dass auch er diese Zeitungen vertreiben k├Ânne, also fing er eben an. F├╝r jede Zeitung um 2 Euro erh├Ąlt er 1 Euro, den er behalten kann. ├ľsterreicher seien sehr nett, meinte er, in Deutschland w├╝rde das gar nicht funktionieren, h├Ątte ihm ein Freund von dort erz├Ąhlt. Im Durchschnitt verdient er um die 10 Euro am Tag, die er zur H├Ąlfte f├╝r eine Nacht in einer Obdachlosenschlafst├Ątte ausgibt, Essen kann er von dem restlichen Geld, wenn er Gl├╝ck hat, 1 Mal am Tag. Ja, es sei schon hart, und nicht das, was er sich vorgestellt habe, aber Afrikaner ├╝berleben. Und l├Ącheln.

Could you be loved?

Welche Perspektiven er f├╝r sich sehe, habe ich ihn noch gefragt. Und da hat er mir erz├Ąhlt, er w├╝rde gerne als Student anerkannt werden an der JKU. Aber es kostet Geld, seine in Afrika absolvierten Scheine hier anrechnen zu lassen, um die 800 Euro. In 2-3 Jahren also leistbar, wenn er fleissig spart. Er hofft ja insgeheim dann doch heimlich ein wenig darauf, dass pl├Âtzlich jemand kommt und ihm ein wenig unter die Arme greifen kann. Weil es doch bitter ist, wenn es am Geld fehlt, dass man nicht arbeiten darf, um das Geld zu verdienen, das f├╝r die Arbeitserlaubnis n├Âtig w├Ąre.

Seinen Master in global management h├Ątte er eben gerne hier in Linz gemacht, einen dreij├Ąhrigen Studiengang, der ein Jahr hier, ein Jahr in Kanada und ein Jahr in Taiwan absolviert wird. Seinen Wirtschafts-Bachelor hat er ja schon, und auch seinen executive MBA, in Indien gemacht. Mit seiner Bildung, w├╝rde sie auch anerkannt werden (also h├Ątte er auch das Geld daf├╝r, weil laut JKU steht dem angeblich sonst nichts im Wege) w├╝rde er wohl zu den Besserverdienern ├ľsterreichs geh├Âren. Aber er ist halt Schwarz-Afrikaner. Die haben f├╝r uns offensichtlich keine Bildung, wenn sie nicht auch Geld haben. Keine Geschichte. Keine Zukunft. Er ist halt Afrikaner. Er wird ├╝berleben, und er wird weiterl├Ącheln. Bis er den Durchbruch geschafft hat oder dabei drauf geht.

Auch wenns manchmal schwer ist.

Niklas

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