Als ich heute früh etwas übermotivert den Bus Richtung Favelas bestieg, Gitarre am Rücken, den österreichischen Liederberg 1, geknüpfte Freundschaftsbänder, Geldscheine, Münzen und eine Trommel aus Bolivien, gleich zwei Weltkarten und dem Gefühl, heute würde alles anders werden, heute würde ich die Kinder für die Wunder der Welt begeistern, ging ich noch davon aus, heute von weit aufgerissenen Kinderaugen umringt zu sein. Meine Vorstellung sollte sich bewahrheiten, jedoch etwas anders, als ich mir das gedacht hatte.

Mein geplanter kurzer Besuch bei meinem Vorgesetzten (dem Koordinator des Projektes), dem ich nur kurz meinen Plan für heute vorstellen wollte, stellte mich vor eine Entscheidung. Denn nein, ich würde den Kindern nicht erlauben dürfen, frei zu entscheiden, ob sie meinem Programm beiwohnen oder (innerhalb von konstruktiven Grenzen) andere Tätigkeiten wählen konnten. Wenn Kinder Desinteresse an meinem Programm zeigen würden, sollte ich ihnen diese Respektlosigkeit austreiben, um ihnen die Achtung vor Grenzen einzubläuen.

Und da begriff ich, dass ich, würde ich mich diesen Regelungen unterwerfen, meine innersten Überzeugungen verraten würde: dass es immer Alternativen zu Gewalt und Unterdrückung gibt, dass man diese nur finden (und suchen, wollen) muss. Dass es weltweit vermutlich Millionen von Menschen gibt, die begonnen hatten wie ich, auf der Suche nach diesem goldenen, gewaltlosen Weg, um dann in einem dieser entscheidenden Momente ihre tiefste Hoffnung aufzugeben. Wie viele gebrochene potentielle Ghandis mag es wohl geben?

Neuland oder Altlasten?

In diesem Moment konnte ich ein Stück weit verstehen, wie es sein musste, sich zwischen der Sicherheit eines nicht zufriedenstellenden Jobs und der Unsicherheit des Neuanfangs entscheiden zu müssen. Es gab hier keine Verträge, keine Bezahlung. Aber ich liebte die Kinder, ich verstand mich gut mit den Kollegen (wir haben verschiedene pädagogische Ansichten, aber ich respektiere sie als Menschen ungemein), und zudem würde meine Arbeit hier (vermutlich) sogar von der Hochschule als Schulpraxis angerechnet werden. Hier aufzuhören, konnte bedeuten, ein ganzes Semester anhängen zu müssen. Der rationale Teil meines Bewusstseins schrie mir auf gut österreichisch zu: „Bist deppad?! Bleib da, is ja ned so tragisch wiesd duasd“.

Und aus einer bestimmten Perspektive hatte er Recht. Aber es gibt etwas in einem Menschen, für das ich keinen Namen habe, ein Potential, das in ihm schlummert. Und wenn ein Mensch dieses Etwas in sich zu erkennen beginnt, so fängt es an, mit der Welt zu interagieren. Aber die Welt, das Leben ist bekanntermassen hart, hart wie Stein. Wer mit seinen innersten Ideen auf die Wirklichkeit eindrischt, kann leicht daran zerbrechen. Vermutlich kennt ein jeder von euch zumindest einen dieser Menschen mit ihren einst grossen Träumen, die an ihrem inneren Scherbenhaufen verbitterten. Ihnen fehlte die Wärme, sie wurden hart und zerbrachen an den Felsen der Welt. Oder diejenigen, deren Träume sich in der Hitze des Gefechts verflüchtigt haben.

Flüssige Träume können nicht brechen

Bruce Lee meinte in einem Interview, man müsse sein wie Wasser, eine Metapher, die in vielerlei Hinsicht sehr mächtig ist. Wasser trägt den festesten Fels ab, aber selten mit der ersten Welle. Wasser hat selbst keine feste Form, gewinnt seinen Nutzen durch das Gefäss, in das es gegossen wird. Wasser gibt Leben, ohne Herr dieses Lebens zu sein. Und ich realisierte: Diese Felsen, dieses System im Projekt, würde wohl nicht durch meine Wasser abgetragen werden. Dieses Gefäss, diese Rolle, würde mein inneres Potential einsperren, anstatt es zu einem stolzen Strom anschwellen zu lassen. Aber ich musste fliessen!

Und so verabschiedete ich mich von den anderen Mitarbeitern und den Kindern, und ging. Es gibt diese Welt in ihrer harten Realität, aber es gibt auch dieses Potential in mir, dass in mir zu fliessen begonnen hat und sich seinen Weg in die Welt bahnt. Es wird sich zeigen, wem ich nützen, welches „Gefäss“ ich in Zukunft noch füllen werde, welche Felsen dieses Potential abtragen wird, oder wie lange es dauert, bis erste Veränderungen sichtbar werden. Es ist auch nicht wirklich wichtig. Wichtig ist, Kühlung zu suchen, wenn der Traum zu verdampfen droht, und Wärme, wenn er zu erstarren droht. Ihn am Fliessen, am Leben zu halten. Und so am Leben zu bleiben.

Also: Seid wie Wasser, Freunde. Wie Wasser.

Niklas

0 Replies to “Die grosse Flut”

  1. Liebster Niklas. Ich bin so stolz auf dich, du spürst nicht nur was wichtig ist , du bleibst dir auch selbst treu und vertraust auf dein Potential das die Welt braucht. Ich weiß wie schmerzhaft es sich anfühlt so eine Entscheidung zu treffen, ich weiß aber auch wie es sich anfühlt sich selbst treu zu bleiben. Du bist ein wunderbarer junger Mann der am Leben und den Qualitäten dranbleibt. Dazu fällt mir die Kammersängerin Hilde Zadek ein die gesagt hat: “Das Wichtigtse im Leben ist LIEBE ausströmen”. Du Lebst diese Liebe. Ich danke dir dafür. Dicke Umarmung Doris

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.