Die Illusion von der Auswegslosigkeit

In einem TED Talk, den ich gestern sah, ging es darum, warum Menschen Selbstmord begehen, und der Redner sprach davon, dass Menschen oft eine subjektive Wahrnehmung besitzen, die sich von der objektiven Realität manchmal immens unterscheiden kann. In jener subjektiven Wahrnehmung halten sie ein für einen außenstehenden Beobachter möglicherweise völlig irrelevantes Detail für den wichtigsten Faktor. Sie sehen Probleme, wo gar keine Probleme existieren müssen, und schränken damit (meist unbewusst) ihren Handlungsspielraum zunehmend so weit ein, dass es nur noch eine Möglichkeit gibt: dem Leiden ein Ende zu setzen. Es hat keinen Sinn, sich noch dagegen zu stemmen, die Hindernisse sind zu mächtig, man selbst zu schwach, zu wertlos.

Erfahrungen eines potentiellen Selbstmörders

Als ich etwa fünfzehn Jahre alt war, war mir schleichend bewusst geworden, dass ich nicht mehr leben wollte. Meine Klassenkameraden hielten nichts von mir, die Mädchen noch umso weniger, und diejenige, in die ich unsterblich verliebt war und in die ich die aus heutiger Sicht leicht überfordernde Hoffnung gesetzt hatte, mich zu erretten, wollte nicht nur nichts von mir wissen, sondern wechselte gleich noch die Schule. Der Schulwechsel hatte nichts mit mir zu tun, doch ich nahm es als persönliche Demütigung an und überlegte, wie ich es am besten anstellen sollte: Wenn mein Leben derart wertlos war, sollte zumindest mein Tod etwas bewirken. In Gesprächen mit meinen Schulkollegen stellte sich heraus, dass ich nicht der einzige war, dem es so erging. Wir träumten davon, mit unserem heldenhaften Tod etwas zu verändern.

Die Sache beschäftigte mich dermaßen, dass ich anfing, eine Geschichte dazu zu schreiben, die in ein Drehbuch von beinahe Hundert Word-Seiten mündete. In jener Geschichte „verbündeten“ sich einige Jugendliche, die festgestellt hatten, dass ein Selbstmord rasch wieder vergessen wurde, zu einer Art kollektiven Selbstmord-Gruppe, die durch die gemeinsame, beinahe politische Selbstmord-Aktion auf Missstände hinweisen wollte. Doch selbst in meiner Geschichte ging die Idee nicht so auf wie geplant, ein opportunistischer Fanatiker deutete die Gründe der Selbstmörder nachträglich um und verfälschte so die Botschaft. Der Tod hatte nichts an der Welt der Lebenden verändert. Das gab mir zu denken. So sehr ich sterben wollte, ich wollte keinen sinnlosen Tod sterben.

Inversion

Irgendwann jedoch kam mir der Gedanke, der Schwäche in Stärke umzuwandeln vermochte, der mir eine völlig neue Art von Selbstvertrauen einflößte. Ich war bereit, zu sterben, wenn es sein musste. All die Hindernisse, die mir das Leben in den Weg zu legen schien, all die Häme, die mir meine Mitschüler entgegenwarfen, ich konnte nun mit ihnen ringen, denn zu leiden hatte ich in all den Jahren gelernt. Mein Leiden musste nur sinnlos bleiben, wenn ich es nicht in ein Handeln münden ließ. Und sterben konnte ich später immer noch, nachdem ich versucht hatte, etwas an der Welt zu verändern, die mir das Leben schwer machte. Und als ich mich den Hindernissen näherte, die mich beinahe in den Selbstmord getrieben hatten, stellte ich fest, dass die meisten von ihnen nur in meinem Kopf existiert hatten. Dass viele meiner Mitschüler eigentlich eine sehr gute Meinung von mir gewonnen hatten, und dass ich auf die Anerkennung derjenigen, die schlecht von mir dachten, ohnehin nicht angewiesen war.

Ich begann, nicht nur meine subjektive Wahrnehmung mit der allgemein akzeptierten objektiven Realität abzugleichen, sondern auch die Illusionen der angeblichen objektiven Realität zu untersuchen. Plötzlich gelangen mir gänzlich “unrealistische” Dinge, wie etwa die Organisation meines Jahres in Brasilien. Eine Studienkollegin schrieb mir als Abschied einen schönen Spruch dazu: “Alle sagten: es ist unmöglich. Bis einer kam, der wusste das nicht, und hat es gemacht.”

Ich treffe viele Menschen, die mir erzählen, dass sie sich eingesperrt fühlen in ihrem Leben, aber “man kann ja nix machen”, die sich mit Alkohol oder anderen Drogen zudröhnen (seltsamerweise treffe ich sehr oft derlei Menschen, obwohl ich selbst nicht einmal Alkohol trinke). Vielleicht unterscheidet uns die Tatsache, dass mir klar geworden ist, dass ich mein Leben jederzeit beenden kann, und ich mich gerade deshalb bewusst für das Leben entschieden habe und immer wieder entscheide. Wenn ich leide, ist es eine Folge meiner Entscheidungen, am Leben zu bleiben. Wenn ich mich freue, ist das eine Folge meiner Entscheidungen, am Leben zu bleiben. Ich kenne den Ausgang, aber ich will noch nicht gehen. Ich bin zu neugierig, was mich hier noch erwartet, welche Illusionen es noch zu durchschauen gibt und an welchen Realitäten ich mir noch eine blutige Nase holen werde. Ich habe ein Leben gelebt, dass mir von meinen Eltern geschenkt wurde, doch als ich mich entschied, es weiterzuführen, wurde es zu meinem Leben, meiner Verantwortung, meinem Sinn.

Rückfälle

Manchmal jedoch erlebe ich dennoch auch Rückfälle in jene dunklen Zeiten, in denen die Wahrnehmung sich auf ein Hier und Jetzt einschränkt und jegliche Hoffnung auf ein besseres Morgen zu ersticken droht. Wenn ich alleine in meinem Zimmer sitze und mich einsam fühle, obwohl sich nur wenige Schritte weiter die Tür befindet, die mich nach draußen bringt, in eine Stadt mit knapp 200.000 Menschen. Oder in die Küche zu meinen WG-Kollegen, die für mich schon zu einer Art Ersatz-Familie geworden sind. Dann rotiert mein Geist oft in waghalsiger Geschwindigkeit um sich selbst, spricht von Sinnlosigkeit und nur einem einzigen Ausweg, wie damals. Dann verbringe ich manchmal einige Stunden in diesem seltsam traurigen Zustand, um nie zu vergessen, wie unfrei sich ein objektiv doch so freier Mensch fühlen kann.

Und dann folge ich dem ersten Impuls, der in jene beinahe undurchdringlichen Gedankenwirbel dringt, weil ich nach all den Jahren gelernt habe, dass ich in jenen Situationen in Bewegung kommen muss, raus aus meiner Wohnung, vielleicht Joggen, vielleicht jemanden anrufen, etwas kochen oder auch einfach schlafen, ganz egal, nur raus aus diesem lähmenden Kreislauf an Gedanken. So schön es manchmal sein kann, im Moment zu leben, so schrecklich kann es sein, wenn jene Momente der Sinnlosigkeit ewig zu dauern scheinen. Dann hilft oft nur noch der Glauben daran, dass es vergehen wird, früher oder später. Tatsächlich spricht Lisa Miller in einem weiteren TED Talk darüber, dass Depressionen und Spiritualität beziehungsweise Glaube eng miteinander verbunden sein sollen – vielleicht auch deswegen, weil sich depressive Phasen ohne eine Art von Glauben, eine Art von Hoffnung wohl kaum überstehen lassen.

Schön und gut, aber was nützt mir das als Pädagoge?

Warum schreibe ich überhaupt darüber? Nun, einerseits wird es auch in so manchen Schulen junge Menschen geben, die mit dem Gedanken an Selbstmord spielen, und vielleicht mag es jemandem helfen, über die Erfahrungen eines Menschen, der sich sehr ernsthaft mit dem Gedanken beschäftigt hat, zu lesen. Ich lerne immer wieder auch Schüler kennen, die sich mit den selben Fragen beschäftigen wie ich damals und heute, und ich glaube, diesen Schülern ist nur zu helfen, wenn sie sich tatsächlich verstanden fühlen und keine Sätze hören müssen wie “Das wird schon wieder!” oder “Kopf hoch!”, die ihrer eigenen Wahrnehmung, in der es so etwas wie eine Zukunft gar nicht mehr gibt, völlig widersprechen müssen.

Vor allem aber lehrt es uns auch etwas über Freiheit beziehungsweise die Freiräume, die wir unseren Schülern lassen wollen. Nur weil wir ihnen objektiv gesehen gewisse Freiräume zugestehen, bedeutet dies nicht automatisch, dass sie diese auch entsprechend wahrnehmen. Für den einzelnen Menschen ist es oft weniger bedeutsam, welche tatsächlichen Spielräume ihm zur Verfügung stehen, als welche er glaubt zu haben. Bei all unseren schönen und pädagogisch wertvollen Systemen, die wir gerne entwerfen (ich mache das zumindest sehr gerne) dürfen wir nicht vergessen, dass unsere Systeme aus Menschen bestehen, und dass eine Systemänderung nicht automatisch wie bei einer Maschine auch tatsächlich beim Menschen ankommt. Es ist – anders als bei einer Maschine, bei der wir an einem Schräubchen drehen – ein langfristiger Prozess, der nicht nur in unseren Händen liegt, und wir müssen uns immer wieder auch empathisch die Frage stellen, wie die einzelnen Menschen um uns herum ihre Welt eigentlich wahrnehmen. Vieles davon mag uns unlogisch vorkommen, und doch ist es die Welt, in der sie sich bewegen und die für sie durchaus real ist, mit all den (oft eingebildeten) Ängsten, aber auch Möglichkeiten.

Es ist eine Welt, auf die wir uns einlassen werden müssen, in die wir uns hineinwagen müssen, wenn wir ihnen helfen wollen, ihre Ängste und (eingebildeten wie realen) Hindernisse zu überwinden und an ihnen zu wachsen. Schon Carl Rogers schrieb, dass es die lohnendste Sache für ihn sei, sich ganz auf die Welt seiner Klienten einzulassen und sie vollends zu verstehen. Und ich halte sehr, sehr viel von diesem Mann.Es ist dies eine oft furchterregende, aber auch sehr befriedigende und lehrreiche Aufgabe, die wir uns damit stellen, und nicht selten auch eine, die uns viel über unsere eigenen inneren Welten und Illusionen lehrt.

Niklas

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