Heute kam ich endlich dazu, mir den Schlüssel vom Studentenheim zu besorgen, der den Raum mit dem Klavier im Keller aufschliesst, um ein wenig in die Tasten zu klimpern. An der pädagogischen Hochschule hatten wir ein wenig Klavier lernen sollen, aber was ich hauptsächlich zum Lernen eines Instruments brauche, ist im Regelfall einfach das Instrument selbst und etwas Zeit, möglicherweise noch eine Gitarre dazu, um mir die Griffe auf das jeweilige Instrument in Noten und damit „Bedienanleitungen“ umdenken zu können, weil ich mir diese auf der Gitarre leichter herleiten kann. Einige Tage vorher durfte ich bei einer Freundin an ihrem Keyboard spielen und wollte eben nun ein wenig weiter üben. Die dabei entstandene Melodie wäre mir vermutlich an der Gitarre nicht so eingefallen und klingt nebenbei auch noch ziemlich lässig.

Vor einigen Monaten las ich ein Buch von Holt, Instead of Education: ways to help people do things better, übrigens aus vielen Gründen empfehlenswert, in dem er unter anderem eine Schule in (soweit ich mich erinnere) Dänemark beschreibt, in der Musikinstrumente zur freien Verwendung der Schüler zur Verfügung stehen. Es gibt kein Schloss, das sie versperrt, und es ist nicht nötig, dass einer der Erwachsenen in der Nähe ist, einzig Regelungen bezüglich der Lautstärke wird es vermutlich geben. Wer Hilfe wünscht, kann Hilfe erbeten, aber es ist auch möglich, sich stundenlang etwa mit einem Klavier zu beschäftigen. Nur selten passieren Unfälle wie etwa gerissene Saiten, weil die Schüler die Instrumente als ihre Instrumente und damit auch ihre Verantwortung wahrnehmen.

Dadurch, dass die Nutzung der Instrumente freiwillig ist, gibt es eben einige Schüler, die sich mit der Zeit zu richtigen Virtuosen entwickeln, während andere kaum über einige Klimpereien auf einem Klavier hinauskommen, sich dafür eben in anderen, zum Beispiel dem sportlichen Bereich, wiederfinden und daraus ihre (Selbst-)Anerkennung ziehen. Auch Sportgeräte sind nach ähnlichem Muster frei verfügbar und nutzbar.

Schule als Lego-Kiste

Spannend ist auch die aus finanzieller Not entwachsene Stapelung von Bierkisten, die die Trennwände der Schule sowie Tische und Stühle darstellen. Etwa einmal die Woche können die Schüler gemeinsam mit den Lehrern und allen anderen Nutzern einen Plan für eine grössere Umstellung dieser Wände entwerfen und dann, wenn alle zufrieden sind, unter grosser Freude auch umsetzen. Kleinere Veränderungen sind durch die Mobilität der Bierkisten relativ rasch möglich, etwa das Umstellen von Tischen.

Alles in allem wirkt die dort beschriebene Schule wie eine Art von Lego-Baustein-System. Sehr viel ist aus wieder veränderbaren Bausteinen zusammengesetzt. Wer von euch öfter mit Bausteinen und Lego gespielt hat (wir hatten zwei grosse Kisten voller Lego und spielten stunden-, oft tagelang), wird mir vielleicht zustimmen, wie viel mehr Freude es machte, mit den vorhandenen Bausteinen aus der Fantasie heraus Raumschiffe, grossartige Ritterburgen, futuristische Häuser und mehr zu bauen, als einmal der Anleitung zu folgen und dann ein fertiges, unverändertes Endgebilde vor sich zu haben, das irgendwo stolz verstaubte. Nein, wir waren Polizisten, wir waren Weltraumforscher, Admiräle, Verliebte, waren die ganze Bandbreite menschlichen Empfindens, in dem wir diese Bausteine zusammen steckten, wieder auseinanderbrachen und dazwischen unsere Fantasie spielen liessen.

Wer baut schon nur nach Anleitung?

Unsere reguläre Schule bietet dem Schüler in etwa die Aufregung eines vorgefertigten Bausatzes, und nicht mal der ist (zumindest in den unteren Stufen) auswählbar. Schritt-für-Schritt-Anleitungen führen zu einem Endergebnis, und weder am Bauwerk selbst (dem Schüler) oder der Umgebung (der Lego-Stadt) lässt sich da recht viel mitentscheiden, und selbst die Fantasie, die das Spielen mit Lego so spannend macht, ist nicht gerne gesehen, weil es vom Endprodukt, dass für uns ausgewählt wurde, ablenkt. Welches Kind bitte, spielt unter diesen Umständen noch gerne Lego?

Und wir wundern uns über Kinder, die nicht gerne zur Schule gehen…

Niklas

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