Es gibt eine Diskussion, wieder aufgeflammt über das neue Lehrerdienstrecht, die in periodischen Abständen immer wieder aufkommt. Eine Diskussion, die wie kaum eine andere von allen Beteiligten völlig unsachlich geführt wird. Ich rede von der Diskussion um die Lehrerarbeitszeit. Eine Arbeitszeit, die für viele in der Privatwirtschaft tätigen Menschen wie ein Traum klingen muss: 20 Stunden. Lehrer wiederum beschweren sich, dass sie bereits am Limit arbeiten würden, dass diese 20 Stunden nur die Spitze eines viel öfter um die 60-80 Stunden zählenden Eisbergs seien. Und immer wieder zwischendurch das eine oder andere Geständnis eines Lehrers (selten) oder die unter der Hand weitergegebene Information, man „kenne da jemanden“, der sich als Lehrer ein relativ entspanntes Leben mache.

Keine Kraft für ein Leben danach

Nach zwei Wochen als Nachhilfelehrer mit täglich vier Kursen zu jeweils zwei Stunden kann ich sagen: es ist zu viel. Vielleicht nicht, wenn man sich berufen fühlt, sein Leben voll und ganz dem Dienst an der Menschheit durch das völlige Ausfüllen einer Lehrerrolle zu widmen. Ich habe es versucht, ein Leben zusätzlich zu diesen 40 Stunden (reine Anwesenheit!) zu leben, mit dem Ergebnis, dass ich heute, nach knapp zwei Wochen, mich teilweise kaum auf den Beinen halten konnte, obwohl ich mit Sicherheit so einige Fallstricke des durchschnittlichen Lehrers zu umschiffen vermochte (dazu später mehr). Auf eine kleine (oder grössere) Gruppe von Menschen tatsächlich einzugehen, sich auf sie einzulassen, ist eine energieaufwendige Tätigkeit. In den meisten Fällen eine dabei auch unglaublich erfüllende, aber eben auch eine energieraubende.

Selbst nach kurzer Zeit wird mir recht drastisch bewusst, welche Auswege es aus dieser Misere gibt, und dass der von unserem Schulsystem wohl am ehesten unterstützte Ausweg eine zunehmende Abstumpfung darstellen wird. Abzustumpfen für die filigranen Details einer Meister-Schüler-Beziehung, die eine Zusammenkunft erst zu einer sinnvollen und erfüllenden machen, und sich gleichzeitig auf jene Bereiche zu konzentrieren, die vorzeigbare Ergebnisse produzieren, möglicherweise noch verstärkt durch die immer wieder vorherrschenden Meinungen über die Faulheit der Lehrer. Es sind dies die zahlreichen Zombies, die unser Schulsystem bevölkern, oft diejenigen mit dem hellsten Feuer, die am raschesten, am unwiederbringlichsten ausbrannten.

Unmessbar – unbezahlbar?

Dabei sehe ich das Problem selbst gar nicht so sehr in der Überforderung, den Bedürfnissen der Schüler gerecht zu werden, denn jenen eines auf ebenso vorzeigbare Ergebnisse getrimmten Schulsystems. Wir brauchen ständige Tests, Hausübungen, Theateraufführungen und alles, nicht nur, damit wir herausfinden können, wie viel oder gut unsere Schüler gelernt haben, sondern auch, um zu beweisen, dass sie überhaupt etwas gelernt haben, und – weitergedacht – dass damit auch wir Lehrer unseren Job gut gemacht haben. Unsere Arbeit ist so schwer zu messen, so schwer als Leistung zu argumentieren, dass wir uns auf diese vorzeigbaren Ergebnisse verlegen. Selten habe ich noch von einer Hausübung oder einer Schularbeit gehört, die aufgegeben wurde, weil ein Schüler sie gebraucht oder gar erbeten hätte.

Oder auch der Unter-richt selbst, um das Übel an der Wurzel zu packen. Wie oft ist ein Unter-richt wirklich von den Schülern erwünscht und wie oft erzwungen, nicht einmal durch einen Lehrer, seiner eigenen Begeisterung (was eine fantastische Inspiration darstellen kann!), sondern durch das Befolgen von aussen vorgegebener „Wahrheiten“, was Kinder zu bestimmten Altersstufen oder mit bestimmten Vorkenntnissen in bestimmten Situationen brauchen würden. Anstatt unsere Feinfühligkeit für die wahren Bedürfnisse unserer Mitmenschen, die sie eben nicht immer klar auszudrücken vermögen, zu schärfen, verlassen wir uns auf abstrakte Konzepte und Methoden, darauf, dass schon jemand weiss, was wir tun und welchen Sinn es haben mag.

Das Licht meiner Sonne zeigt mir meine Welt

Diese Bewertung wieder selbst (nach bestem Wissen und Gewissen) vorzunehmen, ermöglicht es uns, unsere vorgesehene Unter-richts-Zeit auch etwa für nötige Korrekturen nutzen zu können. Eine Konzentration auf die wahren Bedürfnisse der uns anvertrauten Kinder ermöglicht vielleicht auch den mutigen Schritt, zu erkennen, dass wir als Lehrer nicht immer nötig, manchmal gar störend für die Weiterentwicklung dieser Menschen sein können. Anstatt Menschen, die es weder nötig haben noch dies wollen, zu unter-richten, können wir dann die zusätzliche Arbeit, die durch die Vor- oder Nachbereitung wirklich erwünschter oder nötiger Arbeiten anfällt, zu jenen Zeiten erledigen, in denen wir nicht gebraucht werden.

Dazu gehört zugegebenermassen auch viel Mut. Wer sind wir, dass wir jungen Menschen, gar Kindern, zutrauen, selbst über weite Teile ihres Lebens mitbestimmen zu können, wenn so viele schlaue Bücher von der Unmöglichkeit dieser Mitbestimmung sprechen? Es geht jedoch dabei nur zum Teil darum, es Kindern zuzutrauen. Es geht auch darum, es uns selbst zuzutrauen, eine eigene Bewertungsinstanz für unser Handeln sein zu können.

Ich hoffe, die Diskussion über die Ungerechtigkeit der Lehrerdienstzeiten entfernt sich eines schönen Tages endlich von einem Herumreiten auf bestimmten Stundenanzahlen und bewegt sich hin zu den wichtigeren Fragen: wem hilft ein effizienter Unter-richt, in dem Schüler und Lehrer durch mehr oder weniger Mehrarbeit (basierend auf den 20 Stunden Anwesenheit) eine möglichst grosse Anzahl von vorzeigbaren Ergebnissen produzieren, die weder Schüler noch Lehrer in seiner Qualität wahrhaft interessieren? Kann das Wort „Effizienz“ in Bildungszusammenhängen überhaupt eine Messgrösse sein? Wie lässt sich eine Arbeit, deren wahre Ergebnisse erst Jahre oder Jahrzehnte später sichtbar werden, wirklich messen? Ist sie überhaupt messbar? Wie viel ist Bildung wert? Was unsere Meister, die sie ermöglichen?

Unbezahlbarkeit stellt eine kapitalistische Gesellschaftsordnung vor ernste Fragen.

Niklas

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