Dies ist ein Artikel über das Buch Die Welt verändern, ohne die Macht zu übernehmen von John Holloway, einer der wohl einflussreichsten Autoren für mein Denken. Ihr könnt im Internet einige frei verfügbare Kopien des Buches als .pdf finden (zumindest auf Englisch: Change the world without taking power). Wenn ihr die Zeit dazu habt, möchte ich auch ans Herz legen, es zu lesen. Auch Crack Capitalism vom selben Autor ist sehr empfehlenswert.

Holloway beginnt seinen Text mit dem Schrei. Der Schrei ist Ausdruck der Negation eines Menschen, Ausdruck seines nicht-sein-Könnens und seiner Überraschung, seiner Wut über diese Begrenzungen. Ähnlich wie kleine Kinder verlangt er ein Warum, verlangt eine Antwort. Warum leben so viele Kinder weltweit auf den Strassen, verhungern? Warum gibt es so viel Leid auf der Welt? Warum soll ich eine Arbeit vollbringen, an die ich nicht glaube? Holloway verortet den Schrei im Subjekt, kritisiert die Abstrahierung der Kritik durch die Wissenschaft und Parteien. Es ist ein Schrei in Negation der eigenen potentiellen Vielfalt, der sich nicht in ein Parteiprogramm, eine abstrakte Hypothese fassen lässt.

Macht

Er unterscheidet Macht in zwei sehr unterschiedliche Konzepte, Macht-zu und Macht-über. Während Macht-zu ein Realisieren einer subjektiven Zukunftsprojektion beschreibt, ein Verändern eines kritisierten Ist-Zustandes in einen erträumten, erhofften Soll-Zustand, beschreibt Macht-über eine Trennung des Tuns von der Hoffnung. Jemand möchte einen erhofften Zustand herbeiführen und bringt jemanden anderen dazu, dies zu tun.

Während in alten Zeiten eine direkte Relation zwischen Herr und Sklave diese Macht-über-Relation bestand, haben wir heute eine indirekte Relation, vermittelt über Kapital – Geld. Wer eine Arbeit nicht ausführen will, muss dies nicht tun. Aber da zunehmend alle Produktionsmittel (und damit auch etwa Nahrung) der kapitalistischen Logik des Tauschwertes unterworfen werden, bedeutet dies, dass jener, der keinen externen Besitz vorzuweisen hat, langfristig seine Arbeitskraft und damit seine Macht-zu als Tauschwert anzubieten hat.

Durch die Unterscheidung der Macht gelingt ihm die Überwindung des Klassenkampfes. Indem nicht in Arbeiterklasse und die der Kapitalisten definiert, sondern den Prozess der „Arbeiterklasse-Werdung“, den Prozess der Objektivierung, als bekämpfenswert hervorgehoben wird, wird klar, dass diese Objektivierung klassenübergreifend eine Gefahr darstellt. Kapitalisten sind ebenso wenig die Herren des Systems wie die Arbeiter. Anstatt ein Aufsteigen in der Hierarchie (und damit notwendigerweise ein Gegeneinander zwischen den Klassen, Konkurrenz) zu forcieren, schreibt Holloway über einen gemeinsamen Kampf gegen diese erzwungenen Hierarchien selbst. Es geht nicht darum, Kapitalisten zu bekämpfen, die ebenso (auf anderer Ebene) Opfer desselben Systems sind, sondern das System selbst.

Doch „der Kapitalismus“ existiert in Wirklichkeit gar nicht, ist nur eine Abstraktion des tagtäglichen Handelns, der tagtäglichen Interaktion der Menschen. Der Kapitalismus als System ist ebenso wie jeder andere Herrscher von seinen Beherrschten abhängig. Dies bedeutet, dass ein jeder Mensch in jedem Moment durch seine Entscheidungen seine Interaktionen beeinflussen kann, seine Macht-zu ergreifen und damit auch andere dazu inspirieren kann. Kapitalismus existiert nur durch das Fortwährende Kapitalisieren.

Definitionen

Die kapitalistische Weltordnung als System baut auf Definitionen auf, auf der Ding-Werdung, auf dem Brechen des sozialen Flusses des Tuns. Ein Stuhl ist grundsätzlich so lange ein Stuhl, wie er als solcher verwendet wird. Wird er als Tisch verwendet, verheizt (oder verrottet), hört er auf, ein Stuhl zu sein: er bekommt durch den sozialen Fluss kontinuierlich sein Stuhl-sein rückgemeldet. Dahingegen ist er in der kapitalistischen Logik einfach ein Stuhl, und als Stuhl kann ihm auch ein bestimmter Tauschwert zugewiesen werden.

Durch kontinuierliche Abstraktion (und damit in-den-Schatten-vertreiben) werden einzelne Attribute nach guter alter mathematischen Methode unsichtbar gemacht, für unwichtig erklärt. Sozialwissenschaften abstrahieren in der Aufstellung ihrer Theorien nebenbei das Subjekt aus der Gleichung (der Grund für mich, nach zwei Jahren Soziologie-Studium aufzuhören) und Reduzieren damit selbst Menschen zu Dingen – als wäre es möglich, Subjekte auf objektive Weise zu verstehen. Anstatt jedoch ihre Methoden zu überdenken (wie es Holloway mit seinem Schrei anbietet), versuchen sie stattdessen, ihre Subjekte zu objektivieren.

Revolution

Holloway sieht das Scheitern der vielen bisherigen Revolutionsbewegungen in ihrem Fokus auf die Erlangung der Macht verankert, die ein Unterordnen der vielen kleinen und grossen Schreie unter das Ziel der Erlangung der Macht verlangt. Weder, so meint er, sei ein Staat unabhängig von seiner Umgebung und damit göttlicher Macht gleich, noch würde auf diese Weise die Unterdrückung der Vielfalt der Schreie aufgehoben – die Machthaber ändern sich, aber nicht das Machtverhältnis an sich, das für ihn die Ursache der Schreie ist.

Revolution, so schreibt er, ist die Realisation des Subjekts in jedem Menschen, ist die Rückkehr in den sozialen Fluss der Dinge, das Zusammenfügen der zerbrochenen Teile der Hoffnung und des hoffnungsvollen Tuns. Anstatt Feuer (Macht) mit Feuer (Erlangung der Macht) zu bekämpfen, schlägt er vor, überhaupt davon Abstand zu nehmen, andere verbrennen zu müssen. Diese Revolution hätte kein Ziel an sich ausser die Etablierung des Prozesses, nicht die Etablierung einer positiven, abgeschlossenen Zukunft, sondern der tägliche Kampf darum, für seinen eigenen Hoffnungen kämpfen zu können.

Bildung

Traditionell nimmt Bildung in der sozialistischen Perspektive eine wichtige Rolle ein. Die Bewusstseinsbildung der Masse wird als Voraussetzung, entweder vor oder nach der Revolution, gesehen, um das positive Ideal des revolutionären Übermenschen verwirklichen und auch dauerhaft leben zu können. Holloway räumt nebenbei auch mit diesem Bildungsideal auf, in dem er das Heldentum der Partei, des Revolutionärs als wir-wissen-und-ihr-nicht-Bild entlarvt. Damit ist niemand geholfen, weil es am Bedürfnis des Subjekt-Seins, das Holloway sehr klar herausgearbeitet hat, vorbeigeht.

Ich will kein Übermensch sein: Ich will die Möglichkeit haben, mein Ich zu entfalten, und die Definition eines Übermenschen begrenzt mich dabei ebenso wie eine kapitalistische Definition, wie ich zu sein habe. Revolutionäre Bildung bedeutet somit, Menschen zu helfen, ihre Hoffnungen selbst zu realisieren, bedeutet, von der objektiven, abstrakten (und damit notwendigerweise den subjektiven Anteil des Menschen vernachlässigenden) Sicht abzusteigen und den Menschen hinter den Systemen zu sehen.

Es bedeutet, keine objektiven Ziele vorzugeben, was die Entwicklung eines anderen Menschen betrifft, bedeutet, das Risiko einzugehen, Menschen Menschen sein zu lassen. Aber wie realistisch ist dies, wenn die ganze Welt darauf aus ist, dies zu verhindern?

Schrei(t)en

Es gibt keine puren Lösungen. Aber wenn Holloway recht hat (und so viel dessen, was er schreibt, fühlt sich einfach richtig für mich an), dann würde das bedeuten, dass ein jeder Mensch, bewusst oder unbewusst, diesen Widerstand, diesen Schrei, fühlt. Es würde bedeuten, dass es überall Menschen gibt, die sich noch nicht objektivieren haben lassen, und die auch – innerhalb ihrer Möglichkeiten – bereit sind, Risiken einzugehen und sich gegen ihre jeweiligen Systeme zu stellen, weil ihr jeweiliger Schrei sie vereint.

Laut Holloway sind positive Konzepte einer besseren Welt von Anfang an zum Scheitern verurteilt, weil diese bessere Welt nur aus der kontinuierlichen Negation des Ist-Zustandes entstehen kann, die die Grundlage für eine kreative Neuschaffung ist. Es ist eine vielschichtige Arbeit. Der Schrei ist der Schrei des Warum, des warum–gibt-es-keine-Alternative? Solange wir nicht in Definitionen erstarren und uns im Fluss der Dinge bewegen, können wir darauf vertrauen, vielleicht keinen Weg zu finden, aber ihn zumindest zu gehen. Ausgedrückt nach den Zapatisten in Mexico, weil ich es einen schönen Satz finde:

Fragend schreiten wir voran.

Niklas

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