Als ich letzten Sommer an die Schule, an der ich arbeite, kam, habe ich mich gemeinsam mit einer Kollegin oft darüber lustig gemacht, dass unser Supervisor immer zwischen Meinungen von Kriterien unterschieden hatte, wobei er unserer Ansicht nach einfach nur seine eigene Meinung als „Kriterium“ bezeichnete und damit als „bessere Meinung“ darstellte. Mittlerweile glaube ich, ihn damals einfach falsch verstanden zu haben. Denn sein Kriterien-Konzept ist, wenn man es einmal verstanden hat, ebenso einfach wie brillant.

Kriterien aufstellen, um Meinungsverschiedenheiten objektiv aufzulösen

Kurz zusammengefasst war es seine Ansicht, dass es in den meisten Konflikten möglich ist, Kriterien für eine mögliche Lösung aufzustellen, auf die sich alle Konfliktpartner einigen können. Gerade in emotional aufgeladenen Konflikten ist es ja des Öfteren so, dass die Konfliktpartner eine Art „Tunnelblick“ entwickeln, der es ihnen erschwert, auch die Bedürfnisse des anderen oder die dahinterliegenden Begründungen des Anderen zu erkennen. Der Versuch, für alle Seiten akzeptable Kriterien aufzustellen, bevor nach einer Lösung gesucht wird, macht diese Bedürfnisse und Gedanken sichtbar und kanalisiert die Bemühungen aller Parteien in Richtung einer Lösung, die möglichst alle Kriterien erfüllt. Zudem führt ein solches Vorgehen manchmal erst dazu, dass die oft unbewussten Hintergründe von Konflikten sichtbar werden, weil ein solches Vorgehen dazu zwingt, in eine Meta-Ebene zu wechseln.

Ein ähnliches Vorgehen lässt sich auch im privaten Bereich gut einsetzen, um Entscheidungen zu treffen, etwa über einen Jobwechsel oder die Wahl eines passenden Wohnortes, vor allem, wenn mehrere Menschen gemeinsam etwas entscheiden müssen. So kann etwa, anstatt sich möglichst viele Wohnmöglichkeiten anzusehen und dann nach Gefühl zu entscheiden (was bei vielen Menschen zu vielen verschiedenen Meinungen führen kann), eine Kriterien-Liste mit erwünschten Eigenschaften der neuen Wohnsituation wie etwa eine geringe Distanz zum Arbeitsplatz, geringe Kosten, ein Garten (oder auch mit konkreten Zahlen) angelegt werden, um dann die einzelnen Möglichkeiten anhand der Kriterien-Liste objektiver bewerten zu können.

Kriterien als konstruktive Grenzen, um persönliches Wachstum zu fördern

Eine andere Möglichkeit, Kriterien sehr konstruktiv einzusetzen, ist das Aufstellen von Kriterien für den Besuch von Kursen, die Aufnahme in Gruppen usw. Immer wieder kommt es an unserer Schule vor, dass Kinder (die ja auch selbst Angebote initiieren dürfen) bestimmte andere Schüler grundsätzlich von ihren Angeboten ausschließen wollen, sei es aus Vorurteilen („die Kleinen nerven immer“), sei es als Folge von bisherigen als negativ erlebten Erfahrungen oder gar einfach nur aus Rachegelüsten („der hat mich auch letztes Mal rausgeschickt”, “der hat mir gestern eine gehauen”). Dies führt dann oft dazu, dass als negativ erlebte Verhaltensweisen eher noch verstärkt werden und sich gegenseitige Abneigungen noch vertiefen.

In den letzten Tagen habe ich einige Male von Kindern initiierte Turnhallen-Angebote begleitet (dort ist aus Sicherheitsgründen immer ein Lernbegleiter mitanwesend), und die jeweiligen Angebots-Leiter (die jeweils die Regeln der Veranstaltung festlegen dürfen, ob es Kinder oder Erwachsene sind) durch ständiges Nachfragen dazu gebracht, Kriterien für Schüler aufzustellen, die das Angebot nutzen wollen, anstatt einfach nur ihnen unerwünschte Mitschüler rauszuschmeißen. Diese Kriterien wurden dann auch öffentlich mitgeteilt, und wer sich nicht daran gehalten hat, würde eben (nach Verwarnungen) rausgeschmissen werden. Interessanterweise führte dies jedoch dazu, dass es nicht mehr notwendig war, überhaupt jemanden rauszuschmeißen. Diejenigen, die sich nicht mehr an die Kriterien halten wollten oder konnten, verließen nach einer Weile selbstständig die Turnhalle, und die anderen hielten sich soweit daran, dass sich der Angebotsleiter von ihnen nicht gestört fühlte.

Kriterien statt Hass

Vor allem aber verschiebt ein solches Vorgehen die Aufmerksamkeit von dem ganzen Menschen, der angenommen oder abgelehnt wird, auf spezifisches erwünschtes oder unerwünschtes Verhalten. Was in der Praxis leider nicht immer so umgesetzt wird, aber wünschenswert wäre, ist eine Art „Fähigkeit zum Vergessen“ früherer Angebots-Besuche, bei denen unerwünschtes Verhalten zu einem Rausschmiss geführt hatte. In einem idealen Kurs kann ein Kind wohl auch 15 Mal aus einem Kurs rausgeschmissen werden, weil es sich an gewisse Verhaltensregeln nicht gehalten hat, und dann auch beim 16. Mal eine unvoreingenommene Chance bekommen. Wie schwierig dies für die einzelnen Beteiligten auch sein mag, es wäre die ideale Voraussetzung für einen Neuanfang von bereits ein wenig zerrütteten Beziehungen.

Wenn ich als Schüler (oder auch Erwachsener) weiß, welche Bedingungen in einer sozialen Situation (und nichts Anderes ist ja ein Kurs) gelten, und mich frei dafür entscheiden kann, mich dieser Situation auszusetzen oder nicht, wie es in unserer Schule üblich ist, kann ich diese Bedingungen als konstruktive Grenzen wahrnehmen. Verhaltensnormen kennenlernen, die mir schwer fallen mögen, die es mir aber ermöglichen, mich immer wieder an ihnen zu reiben und damit mich selbst kennenzulernen. Und – wenn mir diese soziale Situation wichtig genug ist – auch an ihr zu wachsen, so dass ich sie irgendwann auch voll erfüllen kann.

Niklas

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