Für all die, die zu faul sind, alles zu lesen: Es gibt jetzt auch ein Forum zur Unterstützung auf der Suche nach der persönlichen Didaktik: zum Forum

Es ist irgendwie überraschend, aber auch tragisch, dass einer der Grundpfeiler der Methode, die Maria Montessori beschrieben hat, in so vielen Fällen ignoriert wurde: Der Lehrer muss zum Experimentalforscher in seiner Klasse werden (wobei, wie Myles Horton betont, die Erforschten dies natürlich auch wissen müssen und im Idealfall auch mitgestalten dürfen). Maria selbst hat dies radikal umgesetzt und ist in der Folge und mit den Jahren zu all den Ergebnissen gelangt, die wir heute als Montessori-Pädagogik kennen. Nun ist die gute Frau schon einige Jahrzehnte nicht mehr unter uns, und die problematischen Folgen des Ignorierens dieses Grundpfeiler werden offensichtlich.

Montessori ohne Maria?

Es kann nur schwerlich eine Montessori-Schule geben, die 1:1 nach ihren Konzepten funktioniert, aber nicht von ihr geleitet wird, denn ihre Forschung klammerte sie selbst als wertendes Subjekt niemals aus. Ihre Perspektive machte all diese Innovationen erst möglich. Es war eine zutiefst subjektive Forschung, die sie mit ihren Kindern betrieb. Natürlich baute sie auf den Erfahrungen anderer vor ihr auf, aber wertete auch diese Erfahrungen nach ihren subjektiven Maßstäben. Es funktionierte für sie, für ihre Kinder, für ihre Eltern dieser Kinder und ihre politische, soziale und ökonomische Umgebung. Vieles ist sicherlich übertragbar auf andere Pädagogen, andere Kinder und Verhältnisse, aber nicht unreflektiert und selten unverändert.

Maria Montessori hörte nicht auf, zu forschen. Niemals gab es einen Punkt, an dem sie sagte: Jetzt ist es abgeschlossen, perfekt. Die Ergebnisse ihrer Forschungen waren die Konsequenz ihrer persönlichen Einstellungen, Erfahrungen und den Umständen der Zeit, in der sie lebte. Hätte sie bis heute überlebt, unsere Montessori-Pädagogik würde sich wohl enorm von der heutigen unterscheiden. Ich halte es für ein wenig naiv, wenn etwa die Möglichkeiten des Internets den Kindern versperrt bleiben, “weil Montessori sie ja auch nicht benutzt hat”. Denn hätte sie bis heute überlebt, wäre die Chance wohl groß, dass beispielsweise das Internet eine größere Rolle bei ihrer Pädagogik spielen würde als es in vielen Montessori-Schulen der Fall ist.

Vielleicht beschrieb sie diesen subjektiv-forschenden Zugang als einzige so bewusst und detailliert, doch zumindest unbewusst haben ihn wohl alle der heute bekannten Pädagogen umgesetzt: Sie haben begonnen, ihre eigenen, subjektiven Wertungen des Geschehens vorzunehmen und dort, wo sie dabei Schwierigkeiten orteten, nach Lösungen gesucht. Freinet, Freire, Holt, vielleicht sogar alle der großen Pädagogen hatten diese Qualität in sich. Was ist mit uns?

Die Meister von Morgen?

Eine jede Zeit bringt ihre großen Meister hervor, und auch in unserer Zeit bin ich froh, bereits einige, von denen vielleicht auch kommende Generationen noch sprechen werden, kennengelernt zu haben, so etwa ein Falko Peschel in Deutschland oder ein Martin Merz in Österreich. Auch ich hoffe eines Tages zu jenen zu gehören, die mit ihrer subjektiv bedeutsamen Forschung etwas zur Verbesserung der Bildungsmöglichkeiten beigetragen haben.

Doch meine Ambitionen sind noch ein Stück weit gewaltiger: ich will andere mitreißen in diese Forschungslust, will sie inspirieren, ihre eigenen Wege zu gehen. So oft spreche ich mit Menschen, die glauben, ihre Erfahrungen und Visionen seien wertlos, würden ohnehin niemanden interessieren oder würden zu negativer Kritik führen, die zu vermeiden sei, weil sie dann ihren Job verlieren oder auch gar keinen bekommen könnten. Ich will sie ermuntern, will sie stark und tapfer machen, weil ich das Gefühl nicht los werde, dass wir mit der zunehmenden Vernetzung an der Wende zu einer Zeit stehen, in der die formelle Macht ihren Niedergang antreten wird. Und dann braucht es keine Menschen mit Titeln und politischen Ämtern, sondern Menschen, die andere durch ihr Beispiel inspirieren können.

Ich glaube, wir brauchen mehr neue Montessoris, mehr Freinets und mehr Freires, wir brauchen nicht mehr Jünger der großen Pädagogen, wir brauchen mehr, die die Konzepte der Großen weiterentwickeln und zu neuen, auf ihre Bedürfnisse und jene der Kinder, Eltern und Gesellschaft abgestimmten, erweitern. Wir brauchen Menschen, die sich auf den Weg zu einer ihren persönlichen Didaktik begeben. Und weil dies offensichtlich ein nicht einfach zu begehender Weg ist, brauchen wir – zumindest sind das die Rückmeldungen, die ich in Gesprächen der letzten Tage herausgehört habe – eine Art von Unterstützungs-Schild gegen die Widrigkeiten der Reise.

Ein Prototyp der unbegrenzten Möglichkeiten

Da ich in all den Monaten leider abgesehen von der Statistik, die mir anhand der steigenden Besucherzahlen zeigt, dass ich augenscheinlich etwas richtig mache, nur vereinzelte Rückmeldungen bekommen habe, wie ich dieses große Ziel angehen kann, bleibt mir kaum etwas anderes übrig, als mit einem schlichten Prototyp anzufangen. Fürs erste habe ich also ein Forum aufgesetzt, indem (derzeit) auch ohne umständliche Anmeldung ein Austausch über die Visionen, Rahmenbedingungen, Komplikationen und Durchbrüche auf dem Weg zu dieser persönlichen Didaktik geschehen kann.

Ich persönlich halte es für sinnvoll, das Ganze nicht nur in Richtung „offenen Unterricht“ oder eine andere bestimmte Richtung auszurichten, obwohl ich selbst sicherlich sehr in diese Richtung tendiere und mich auch damit wohlfühle. Aber ich habe auch gesehen, dass andere Menschen sich in einer autoritäreren Rolle einfach wohler fühlen (und auch die Kinder sich mit ihnen auf diese Art wohler fühlen). Meine Didaktik ist jene, mit der ich gut klarkomme, doch dies bedeutet nicht, dass andere ebenso damit umgehen können oder wollen. Deswegen der Aufruf zur Suche nach der persönlichen Didaktik. Die Ergebnisse werden jeweils sehr unterschiedlich ausfallen, doch der innere Antrieb und die gemeinsamen „Feinde“ (etwa die Angst vor Kritik) können eine gemeinsame Basis schaffen.

Und wenn wir dann scheitern und das Gefühl haben, nicht mehr aufstehen zu können, haben wir vielleicht bis dahin tatsächlich etwas ins Leben gerufen, was uns hält, uns stützt und das Gefühl gibt, dass wir nicht alleine auf dem Weg sind, auch wenn er uns in verschiedene Richtungen führen mag.

Und dann mögen wir noch staunen ob der Möglichkeiten, die sich uns offenbaren.

Niklas

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