Als gestern bei meiner Sponsion einer der Redner (ich glaube, es war der Landesschulrat) davon sprach, wie wichtig die Funktion der Schule fĂŒr die Gesellschaft sei, weil schließlich ein jeder Mensch dieser Gesellschaft sie durchlaufe, hat er wohl vergessen zu erwĂ€hnen, dass es so etwas wie Migration erwachsener Menschen gibt. Oder Menschen, die die gesetzlich gewĂ€hrte (wenn auch im Vergleich zu etwa Deutschland unnötig erschwerte) Möglichkeit des Unschoolings bzw. Freilernens nĂŒtzen und ihr Kind nicht in die Schule geben. Vermutlich wollte er dabei auf die integrierende Funktion der Schule fĂŒr die Gesellschaft hinweisen, die traditionell dadurch erreicht werden soll, dass alle Menschen Ă€hnlichen Erfahrungen ausgesetzt werden, die sie vereinen. Durch das Durchlaufen eines einheitlichen „Bildungskanons“ soll eine gemeinsame Identifikation mit der Gemeinschaft erreicht werden, oder zumindest war dies – soweit ich das verstehe – eine der GrundsĂ€ulen des preußischen Bildungssystems, aus dem ja auch unseres hervorgegangen ist.

Bei all der Diskussion um die Autonomie der Schulen, schĂŒlerzentriertem Lernen und Ähnlichem, die auf eine weitgehende Individualisierung des Lernens abzielt, ist dies eine nicht zu unterschĂ€tzende Komponente: wie kann eine Integration (oder eine Inklusion) in ein Ganzes erfolgen, wenn ein jeder Mensch potentiell völlig unterschiedliche (Lern-)Erfahrungen durchlĂ€uft? Laufen wir da nicht in Gefahr, unsere Kultur in unzĂ€hlige Unterkulturen zu zersplittern? Möglicherweise ist es diese Angst vor der Des-Integration der Kultur, die uns davor zurĂŒckschrecken lĂ€sst, Kinder (und sogenannte „Er-wachsene“) Erfahrungen machen zu lassen, die sie von der Masse abheben könnten. Sind AbgĂ€nger von freien Schulen oftmals „weltfremd“, oder doch eher nur der Welt, die wir kennen, fremd, weil sie manchmal auf einer utopischen Gesellschaftsordnung basieren oder mit dem Ziel ihrer Herstellung betraut werden?

Vor einigen Jahren hat mir der Direktor einer freien Schule zu all meinen utopischen Bildungsvorstellungen von damals gesagt, ich mĂŒsse mir im Klaren sein, dass ich da eventuell unschuldige Kinder opfern wĂŒrde, die nach der Schule unvorbereitet auf eine Gesellschaft losgelassen werden, die nach anderen, Ă€hnlich paradiesischen Werten funktioniere. Er meinte, es sei unumgĂ€nglich, zumindest gewisse Funktionsweisen der heutigen Gesellschaft zu verstehen, um in ihr ĂŒberleben zu können und fĂŒhrte das Beispiel einer befreundeten Fotografin an, die eine Waldorf-Schule besucht habe, dort zu einer brillanten Fotografin gereift war und nun als Erwachsene laufend ĂŒber den Tisch gezogen werde, weil sie sich völlig unter ihrem Wert verkaufe. In ihrer Begeisterung fĂŒr die Fotografie habe die einstige SchĂŒlerin wirtschaftliche ZusammenhĂ€nge völlig unterbewertet und wĂŒrde jetzt darunter leiden.

Die Aussagen dieses Direktors, gemeinsam mit vielen Erfahrungen in der Nachhilfe und in der Schule, geben mir heute Antworten auf viele Fragen, die das VerhĂ€ltnis zwischen Individualisierung des Lernens und der integrierenden Funktion eines gemeinsamen Wissens aufwerfen. In der objektorientierten Programmierung gibt es neben den Klassen, die fĂŒr sich selbst weitgehend abgeschlossene Einheiten darstellen, auch Interfaces, also Schnittstellen zwischen den Klassen. Soll es ermöglicht werden, dass zwei Klassen miteinander arbeiten können, so mĂŒssen beide mit den dafĂŒr definierten Schnittstellen umgehen können.

Wenn wir uns nun die Mitglieder unserer Gesellschaft als Klassen vorstellen, so stellt sich die Frage, mit welchen Interfaces diese Klassen (die einzelnen Menschen) umgehen können mĂŒssen, um ein friedvolles und erfĂŒlltes Zusammenleben zu ermöglichen? Ich habe die Erfahrung gemacht, dass SchĂŒler hierbei ein erstaunlich gutes GefĂŒhl fĂŒr den Unterschied zwischen generellen Schnittstellen (die zur Kommunikation mit allen dienen) und spezifischen Schnittstellen (etwa spezifisches Wissen ĂŒber Computernutzung) aufweisen. In der Mathematik-Nachhilfe kam beispielsweise kaum die Frage auf, warum die SchĂŒler die Prozentrechnung verstehen sollten (immerhin fanden sie das %-Zeichen tagtĂ€glich in der Zeitung, im Fernsehen, 
 vor), wohl aber die Frage, warum sie etwa komplexe Statistik verstehen sollten, wo sie doch kein Interesse daran hatten, Statistiker zu werden.

Ich glaube, dass es fĂŒr eine jede Schule (auch freie Schulen eingeschlossen) Sinn macht, sich zu ĂŒberlegen, wie ein solches allgemeines Interface eines erwachsenen Menschen aussehen kann. Dies wird vermutlich gewisse Kommunikationsfertigkeiten in der jeweiligen Landessprache beinhalten, möglicherweise (in Zeiten der Globalisation) auch mindestens eine „Weltsprache“ wie Englisch (hier wĂ€re es wirklich einmal sinnvoll, die Schaffung/Definition einer weltweiten Weltsprache anzudenken), ein gewisses mathematisches GrundverstĂ€ndnis, das in jeder Kommunikation, in jeder Planung und in jedem Konflikt unvermeidbar ist, sowie einige (begrĂŒndete und erfahrene) Werte und Strategien, die ein friedvolles und tolerantes Zusammenleben erleichtern. Ebenso ein gewisses Grundwissen ĂŒber wirtschaftliche, politische und geographische ZusammehĂ€nge sowie dem Bewusstsein, dass alles, was wir heute sehen und tun, historische Wurzeln in den Entscheidungen vergangener Menschen hat und dementsprechend alles, was wir heute sehen und tun die Lebenswirklichkeit der Menschen heute und in Zukunft maßgeblich beeinflusst.

Anstatt also einer historischen Entwicklung im Bildungssystem ausgeliefert zu sein, plĂ€diere ich fĂŒr ein bewusstes „Schreiben von Geschichte“. Der Zusammenprall der Kulturen, der durch die zunehmende weltweite Vernetzung vonstattengeht, wird wohl nicht konfliktfrei ablaufen, und wir können ihm auch nicht dadurch entgehen, dass angeblich ohnehin „alle durch unser Bildungssystem laufen“, wie eingangs erwĂ€hnt ein hoher BildungszustĂ€ndiger gestern meinte. Aber wir könnten uns ĂŒberlegen, was wir fĂŒr unumgĂ€nglich fĂŒr ein friedliches und sinnstiftendes Zusammenleben halten, und die Erreichung dieses hohen Zieles, dieses hohen „Interfaces“ als Bildungsziel aller BĂŒrger hochhalten, ob er nun eine Schule in Österreich besucht hat oder nicht.

Bei aller Individualisierung, so wichtig ich sie halte, könnte so möglicherweise gewĂ€hrleistet werden, dass ein Bewusstsein fĂŒr die grundlegenden Werte unserer Gesellschaft, die sie zusammenhalten, bestehen bleibt und somit auch eine Inklusion/Integration der individuellen Menschen in eine grĂ¶ĂŸere Gesellschaft, vielleicht sogar in die weltweite Gemeinschaft gelingt.

In diesem Sinne: Welche FĂ€higkeiten, welches Wissen ist tatsĂ€chlich notwendig, um ein friedliches und sinnstiftendes Zusammenleben mit allen Mitgliedern der globalen Familie zu ermöglichen? Welche FĂ€higkeiten, welches Wissen, ist spezifisch fĂŒr bestimmte Staaten, LĂ€nder oder Regionen? Welche sind spezifisch fĂŒr bestimmte Themen, TĂ€tigkeiten? Je spezifischer und unrealistischer, dass tatsĂ€chlich ein jeder Mensch dieses Wissen oder diese FĂ€higkeiten benötigt, desto freiwilliger könnte man sie anbieten. Je globaler sie benötigt werden, desto vehementer könnte man auf sie hinweisen (auch wenn ich die Art des Erwerbs immer noch freistellen wĂŒrde).

Weitergedacht könnten diese globalen und spezifischen „Interfaces“ dann auch im Zuge der Migration transparent gemacht werden. Etwa ein transparenter Katalog von Werten, Wissen und FĂ€higkeiten, die von einem WeltbĂŒrger, Österreicher, einem Linzer oder einem bestimmten Facharbeiter erwartet werden, und die er anstreben sollte, unabhĂ€ngig davon, ob er nun noch ein Kind oder bereits er-wachsen ist.

Es wird an der Zeit, sich nicht nur zu ĂŒberlegen, wie man Bildungsziele und Lehrplanvorgaben am besten umsetzen kann, sondern auch, welche tatsĂ€chlich Sinn machen, warum und in welcher Form sie Sinn machen. Und diese Diskussion im Sinne eines lebendigen, sich stets weiterentwickelnden Prototyps laufend fortzufĂŒhren. Denn wenn die Integralrechnung allgemeines Maturaniveau ist, aber wirtschaftliche ZusammenhĂ€nge darin nicht vorkommen, dann lĂ€uft da fĂŒr mich etwas falsch.

Niklas

P.S.: Sry fĂŒr die fehlenden ZwischenĂŒberschriften und die dadurch fehlende Übersicht, aber ich hab jetzt einen Termin und keine Zeit mehr dafĂŒr 🙁

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