Seit Sommer dieses Jahres gibt es an unserer Schule durch eine Art „Stundenplan“ die Möglichkeit, für Transparenz darüber zu sorgen, was sich gerade an der Schule abspielt. Dort sind die diversen Angebote vermerkt, die an den jeweiligen Tagen stattfinden oder noch stattfinden sollen. Manche finden regelmäßig statt (etwa der Mathematik-Kurs, Theaterprojekte usw.), andere kommen sehr spontan zustande (etwa Papierboote bauen und damit ein Rennen auf einem nahen Bach machen). Jeder kann Angebote anbringen, und dann bestimmen, wann, wo, mit welchem Ziel und nach welchen Regeln das Angebot stattfinden soll. Der Besuch aller Angebote ist freiwillig, und das Gütekriterium für ein Angebot ist, ob es auch besucht wird.

Die ursprüngliche Idee dahinter war, den gleichen organisatorischen Rahmen (und damit auch die gleiche Wertigkeit) für Angebote von Lernbegleitern, Kindern, Eltern und externen Personen zu haben. Nur wurde der Stundenplan von den Kindern nur sehr selten verwendet, um selbst Angebote einzustellen. Die meisten der Aktivitäten der Kinder entstanden wohl spontan und mit denjenigen, die sich gerade dazu einfanden. Offensichtlich haben auch viele der Kinder gar nicht verstanden, was dies eigentlich bedeuten könnte – nämlich dass sie nicht gezwungen sind, darauf zu warten, dass Lernbegleiter ihre Bedürfnisse erraten und entsprechende Angebote anbieten. Sie können die Sache selbst in die Hand nehmen.

Die ersten Angebote von Kindern

Nun, gegen Ende letzter Woche, war auf dem Stundenplan plötzlich die erste Reservierung für die Turnhalle zu finden. Ein Junge hatte sich gewünscht, Fußball zu spielen, „nur für die Kleinen“, mit Start- und Endzeit. Ich als Lernbegleiter öffnete ihm die Halle und half ihm, die Regeln, die er für richtig hielt, auch durchzusetzen, ansonsten mischte ich mich nicht ein. Einige der Älteren beschwerten sich, warum „die Kleinen“ das machen dürften, und ich erklärte ihnen, dass das alle machen konnten, schließlich gab es keine Regeln, die das untersagten. Wenn die Turnhalle frei war und sich ein Lernbegleiter fand, der dabei sein konnte, musste nur der entsprechende Hinweis am Stundenplan vermerkt werden.

Das sprach sich offensichtlich sehr schnell herum. Tage später haben wir nun tagtäglich sogar mehr Reservierungen, als gut in einen Tag passen. Die ganze Woche füllt sich bereits mit diversen Ideen von „Turnen“ über „Fangen spielen“ und „Fußball für die Kleinen“ zu „Burgen bauen mit Pölster“.

Führungsqualitäten

Das alles klingt jetzt von außen betrachtet auf den ersten Blick vielleicht nicht sonderlich spektakulär. Wenn man jedoch genauer hinsieht, passiert hier Erstaunliches: Selbst kleine Kinder entwickeln Führungsqualitäten. „Heute habe ich das Fußballspielen für die Kleineren geleitet“, schrieb etwa ein junges Mädchen am Ende des Tages in ihre Dokumentations-Mappe. Ein anderer Junge erklärt während seiner Reservierung einem der Älteren, dass jener nicht mitspielen könne, weil er es nicht schaffe, „nicht so doll zu schießen“, woraufhin der Ältere verspricht, sich zu bemühen und der Jüngere ihn dann doch netterweise mitspielen lässt. Einige andere Kinder fragen mich nach meiner Stoppuhr, denn beim Fußball müsse man ja Halbzeiten haben, und sie würden sie ansagen. Wieder andere wollen die Tore mitzählen und schreiben mit. Ein Kind hat einen Ball abbekommen, der junge Leiter des Angebots erklärt dem Älteren, er müsse nun leider doch raus. Aber er dürfe beim nächsten Mal wieder mitspielen. Ist nur zum Schutz der Kleineren. Ich muss ihm wider Erwarten nicht helfen, die Entscheidung durchzusetzen. Der Ältere weiß mittlerweile, dass auch er die Halle reservieren kann. „Fußball für die Größeren“. Da darf dann so richtig geschossen werden.

Das Faszinierende für mich ist hierbei weniger, dass die Kinder sich ihren Alltag aus dem Vorhandenen Angebot so zusammenbauen, wie sie ihn gerne hätten – das tun sie ohnehin an unserer Schule schon lange. Ich sehe hier Kinder von sechs, von sieben Jahren, die sich Gedanken machen, wie sie Angebote für andere Kinder so leiten, dass es für alle am besten ist, damit das Angebot für alle verbessert wird. Und alles, was ich offenbar tun muss, dies zu fördern, ist jene Kinder tatsächlich „Könige der Halle“ sein zu lassen, und dafür zu sorgen, dass ihre Ideen von den Rahmenbedingungen eines guten Angebots auch umgesetzt werden. Ich helfe ihnen nicht, gebe ihnen keine Tipps. Ich stelle ihnen Fragen. „Gehört auch dieser Junge noch zu den Kleinen?“. „Können die beiden Jungs neben deinem Angebot auch ein Polster-Haus bauen?“. Es sind schwierige Fragen, die ich ihnen da stelle. Ich diskutiere nicht über Antworten, ich führe sie aus. Wer eine Halle reserviert und damit ein Angebot macht, ist dafür verantwortlich, dass das Angebot so gut ist, dass es auch besucht wird.

Muss ich erwähnen, dass jene Angebote meist rappelvoll sind?

Warum „funktioniert“ es?

Ich glaube, es ist das völlige Vertrauen in das Potential des Anderen, das dies möglich macht. Ich setze ihn nicht in einen Raum mit einem Lehrer, der ihm erklärt, was er zu machen hat. Ich setze ihn auch nicht in einen Raum mit Materialien, die ihm bei richtiger Benutzung erklären, was er zu machen oder denken hat. Ich eröffne ihm einen leeren Raum, vielleicht nur einen kleinen, oder – wie hier im Sinne der Turnhalle – einen größeren. Ich stelle ihm eine offene Frage, und eröffne ihm die Möglichkeit, andere mit seiner Antwort anzustecken, mit seiner Idee, wie man diesen leeren Raum mit Sinn füllen kann. Und ich unterstütze ihn von da an nur noch darin, seine Vision zu verwirklichen. Er soll selbst an den Konsequenzen seines Handelns seine Antworten entdecken, soll selbst beurteilen, was er für den nächsten Freiraum, den er füllen möchte, verbessern will.

Ich bin gespannt, was nun weiter passiert. Letzte Woche fand sich plötzlich ein Freundschaftsbänder-machen-Angebot-im-Foyer auf dem Stundenplan wieder. Vielleicht inspirieren die Turnhallen-Reservierungen und –Angebote nun auch ähnliche Ideen für die gesamte Schule, wenn Kinder sich fragen, was man eigentlich mit den anderen Räumlichkeiten noch alles anstellen könnte. Da will ich hin. Eine Schule, an der Kinder nicht nur selbst entscheiden, welche der vorhandenen Angebote sie besuchen wollen, sondern auch noch selbst neue Angebote entwerfen, ins Leben rufen und leiten.

Vielleicht handelt es sich dabei gerade auch nur um ein Strohfeuer, das bald wieder vergeht. Aber selbst dann zeigt es auf, was möglich ist, eine kurze Vision dessen, worauf wir hinarbeiten können, wofür wir eigentlich arbeiten.

Und es erfüllt mich mit Ehrfurcht vor dem Potential dieser Kinder.

Niklas

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